Kapitel 1
Ich sah in den Spiegel und konnte meinen Augen nicht trauen. Nicht mal eine kleine Schramme, als hätte ich nie in dem Auto gesessen. Das war unmöglich oder ich war wirklich noch in einem Albtraum gefangen, der einfach nicht vorbei sein wollte. Ich fasste in mein Gesicht, als könnte ich es nicht glauben, dass ich wirklich das Mädchen bin, was mich aus dem Spiegel ansah. Meine blauen Augen waren gerötet, da ich mich in den Schlaf heulte und nicht realisieren konnte, was hier passierte. Meine blonden Haare band ich zu einem strengen Dutt zurück und zog mein schwarzes Kleid an. Darunter eine blickdichte Strumpfhose und einen grauen Mantel, der mir fast zu den Knien ging.
,,Bist du bereit, Liebling?", fragte mich meine Mutter, als ich unser kleines Bad verließ. Sie hatte die selben blonden Haare wie ich, welche sie ebenfalls zurück gebunden hatte. Wieder bildeten sich Tränen in meinen Augenwinkeln. das hier war nicht richtig. Sie nahm meine Hand und ging langsam mit mir zum Auto. Wahrscheinlich würde ich mich nie wieder hinter das Lenkrad setzen, ohne an diesen Tag zu denken. Das Schlimme daran war, dass ich mich kaum daran erinnern konnte. Nur noch an die schwarze Gestalt, die vor mir auf der Straße gestanden hatte.
Der Gang auf den Friedhof war die Hölle. Die ganzen Blicke lagen auf mir. Als wäre ich eine Schwerverbrächerin. Ich fühlte mich auch so. Die Blicke brannten sich in meine Haut und ich biss meine Zähne zusammen. Ich lebte und sie war tot. Während sie dort vorne im Sarg kalt und reglos lag, lief ich hier lebendig und ohne Wunden den Rasen entlang. ,,Wir sollten uns lieber weit hinten hin setzen", schlug meine Mutter leise vor, wobei mein Vater nur ein missbilligendes Brummen von sich gab. ,,Wir haben nichts getan. Also verhalten wir uns normal", raunte uns mein Vater zu und steuerte auf die Familie von Aileen zu. Dafür war ich nicht bereit. In die Augen ihrer Mutter zu sehen. Ich war Schuld. Schuld daran, dass ihre Tochter jetzt in dem Sarg liegt. ,,Mein Beileid. Wenn irgendetwas ist, ihr könnt immer zu uns kommen", meinte mein Vater und reichte Aileens Mutter die Hand. Sie schluchzte und sah zum Boden. ,,Danke, Clark. Wir wissen das zu schätzen", sagte sie und sah wieder auf, um mich anzusehen. Sie ließ die Hand meines Vaters los und schloss mich in ihren Arme. ,,Du darfst dir jetzt keine Schuld geben, Sawyer. Wirklich nicht. Aileen hätte das nicht gewollt", brachte sie schluchzend zwischen ihren schmalen Lippen heraus. ,,Ich hätte nicht...", fing ich an und sie griff mich an den Schultern. ,,Ich gebe dir keine Schuld, Sawyer", sagte sie und sah mir dabei direkt in die Augen, als würde das was ändern. Tat es aber nicht. Es tat nur noch mehr weh. Sie ließ von mir ab und ich ließ meinen Blick über Aileens Bruder schweifen. Seine Augen waren an mir geheftet. Fast schon wie ein Scanner durchforstete er mein Gesicht.
Meine Schwester ist wegen dir gestorben. Nimm das als Ehre
Ich zuckte zusammen und ging einen Schritt zurück. Hatte ich mir das gerade nur eingebildet? Kaden sah weg, als wäre nichts gewesen und ich schluckte. Meine Gefühle gehen mit mir durch...das war zu viel für mich. ,,Wir sollten auf unseren Platz zurück", meinte mein Vater und führte uns in die zweite Reihe, wo noch Stühle frei waren. Immer noch lagen alle Blicke auf uns, aber diesmal war es mir relativ egal, da mir dieser Augenblick nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Kaden hatte mir in die Augen gesehen. Ich war mir nicht sicher, ob er wütend oder einfach nur traurig ausgesehen hatte, aber auf alle Fälle war es unangenehm gewesen. Als hätte er mich bis auf die Seele durchschaut.
Kurz bevor die Beerdigung anfing, ging ein Raunen durch die Trauergemeinde. Ich sah den schmalen Gang entlang, welcher zu dem Grab führte, um den Grund für das Raunen zufinden. Ein junger Mann schritt diesen entlang. Seine Hände waren in seinen Anzugtaschen gesteckt. Seine dunklen Augen schweiften über die Menge. Das war Mat. Seine Eltern waren auf unerklärliche Weise ums Leben gekommen, jeder weiß, dass es kein normaler Unfall war. Er selbst hat sich in den Haus verschanzt, was seine Eltern ihm überlassen hatten.
,,Was will er denn hier?", fragte mein Vater und lehnte sich etwas zu mir runter. Mat ließ sich nicht oft hier blicken. Fast gar nicht. Seit letztem Sommer sah man ihn lediglich auf seinen Grundstück, was etwas abseits lag. Meine Eltern hielten nicht viel von ihm und da waren sie auch nicht die Einzigen. Er setzte sich etwas abseits von den anderen und blieb dort auch die ganze Beerdigung sitzen. Ich wusste gar nicht, das er mit Aileen Kontakt hatte. Vielleicht kannten sie sich durch Kaden und er wollte nur höflich sein.
Nach der Beerdigung wurden wir noch in die kleine Kapelle gebeten, um Aileen die letzte Ehre zu erweisen oder einen Happen zu essen. Von Leichenschmaus hatte ich noch nie viel gehalten, weshalb ich hier lediglich wegen dem Anstand stand. Die Kapelle war mit Blumen geschmückt und mit vielen Bildern von Aileen. Ich stand an der Wand und musterte eines der Bilder, welche letzten Sommer aufgenommen wurde. Aileen stand breit lächelnd in der alten Kegelbahn und streckte siegessicher die Kugel hoch. ,,Zu jung um zu sterben", meinte plötzlich eine Stimme hinter mir und ich zuckte kurz zusammen. Ich sah über die Schulter und sah in das Gesicht des Arztes, der mich behandelt hatte, während ich nur ein perplexes nicken zustande bekam. ,,Wie geht es dir, Sawyer?", fragte er und stellte sich neben mich. Er trug einen schwarzen Anzug, der etwas zu klein aussah, weshalb er auch ziemlich an seinen Armen spannte. ,,Wie soll es mir schon gehen. Meine beste Freundin ist gestorben, während ich unbeschadet verschont blieb", sagte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. ,,Es grenzt an ein Wunder", sagte er und ich seufzte. Langsam glaubte ich das nicht mehr. ,,Ich habe Bilder von meinem Wagen gesehen. Er hat gebrannt. Mein Vater meint, dass er schon brannte, als sie mich und Aileen raus holten. Sie sind Mediziner, seit wann glauben sie an Wunder?", fragte ich kühl und der Arzt sah mich gefasst an, als hätte er genau damit gerechnet. ,,Okay. du scheinst nicht leichtgläubig zu sein. Es war kein Wunder, dass du überlebt hast, aber die Antwort wird dir ebenso nicht gefallen", meinte er und verschränkte seine Hände hinter dem Rücken. Dieser Typ kam mir ziemlich seltsam rüber, nicht nur, dass er als junger Arzt in unsere Kleinstadt gezogen war, sondern auch wegen dem Gespräch mit meinem Vater. ,,Die Wahrheit ist besser als diese Lüge, in welcher ich gerade schwebe", antwortete ich und er holte tief Luft. Dann sah er sich im Raum um, die meisten Leute waren schon dabei zu gehen. Meine Eltern standen bei unserer Nachbarin und unterhielten sich. Sam, der kleine Nachbarssohn stand ebenfalls dort. Wie alt war er? Elf? Wieso war er hier? ,,Hier ist nicht der beste Ort dafür. Komm morgen nach der Schule ins Krankenhaus. Dann zeig ich dir deine Röntgenbilder", sagte der Arzt entschlossen und ich nickte.
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