Strange




Ich fuhr für die nächsten Wochen fast immer, wenn ich Zeit hatte, zu Ashley und auch, wenn ich anfangs daran gezweifelt hatte, so veränderte sich mein Blick auf die Welt dramatisch. Ich ging mit mehr Feingefühl durch sie und überschüttete nicht jeden, der nicht so war wie ich, mit Vorurteilen.

Ich informierte mich über verschiedenste psychische Krankheiten und war für Ashley da, wenn sie mal wieder eine schwere Episode hatte. Erst ab da wurde mir bewusst, wie gravierend sich seelisches Wohl auf das allgemeine Wohl eines Menschen auswirkte und wie gefährlich manche Krankheiten werden konnten, wenn man sie nicht unter Kontrolle hatte.

Ashley erzählte mir in jenen Wochen viel über ihr früheres Leben. Ich erfuhr, dass sie selbst drogenabhängig gewesen war und dass sie manchmal das Bedürfnis hatte ihr Leben zu beenden. Ich hörte Geschichten, die ich sonst nur aus Büchern kannte und mir wurden Sachen bewusst, die ich früher nicht an mich herangelassen hatte.

Sie erzählte mir, was für ein großes Problem sexuelle Gewalt gegenüber Frauen war, obwohl wir doch schon in einem Jahrhundert lebten, indem es selbstverständlich war, dass man nicht einfach andere Leute anfasste, wenn sie nicht damit einverstanden waren.

Sie erzählte mir auch von ihrer damals besten Freundin, die von einem guten Freund misshandelt und mit 16 von ihm schwanger wurde. Sie erzählte mir wie die beiden nachts im Krankenhaus gesessen hatten und ihre beste Freundin für Stunden geweint hatte, da sie hin- und hergerissen zwischen ihrem eigenen Wohl und dem ihres ungewollten Kindes war, am Ende hatte sie es abtreiben lassen. Sie hatten sich ab da aus den Augen verloren, da Ashley von zu Hause abgehauen war und auf der Straße gelebt hatte, aber sie hoffte, dass sie noch lebte und dass sie es geschafft hatte von diesem Monster loszulösen.

Das alles war eine völlig neue Welt für mich und manchmal schlief ich mit Bauchschmerzen ein, weil mir erst jetzt richtig bewusste wurde, wie scheiße das Leben für manche Menschen war.

Aber eine Geschichte überraschte mich besonders. Ashley erzählte sie mir an einem der vielen Abende, an denen wir über Menschlichkeit und unsere Gesellschaft diskutierten. Solche Diskussion führten wir oft und auch, wenn wir in manchen Punkten völlig unterschiedliche Meinungen hatten, so waren sie immer sachlich und friedvoll.

Jene Geschichte hatte Ashley selbst erlebt und es war das Verrückteste, was ich jemals gehört hatte. Sie erklärte mir, dass sie mit 19 ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben hatte (inzwischen hatte sie ihn wieder gekündigt, da sie nicht damit zufrieden war, wie sehr sie in ihrer Kunst eingeschränkt wurde) und dass sie ein paar Wochen später nach New York zu irgendeinem Meeting gerufen wurde.

In dieser Woche hatte ihre Krankheit wieder richtig "reingekickt", wie sie selbst gesagt hatte und es war eine scheiß Woche für sie gewesen. Also hat sie sich am letzten Abend eine Flasche Wein aufs Zimmer bestellt. Als sie mir das erzählt hatte, hatte sie über sich selbst gegrinst, weil sogar für sie diese Geschichte total absurd klang, immer wenn sie sie im Nachhinein erzählte.

Das Personal hatte gewusst, dass sie Musikerin war, weil ihr Label ein paar Stunden vorher angerufen hatte und – sie wusste bis heute nicht warum – deshalb hat man ihr zehn Flaschen Wein aufs Zimmer gebracht.

"Vielleicht sind die davon ausgegangen, dass ich ein Alkoholproblem habe und dachten sich, dass sie mir damit helfen." Sie hatte geschmunzelt und hatte sich auf dem Sofa ausgestreckt, bevor sie weiter erzählte.

Als sie dann fortfuhr, wusste nicht ganz genau, wie ich darauf reagieren sollte, ob ich das lustig oder besorgniserregend finden sollte, aber spätestens da wurde mir klar, wie Gravierend ihre Bipolare-Störung sein konnte.

So erfuhr ich, dass sie die zehn Flaschen genommen, sie in die große Badewanne gekippt und darin gebadet hatte, ja sie hatte das ganze sogar mit einem Post auf Twitter dokumentiert. Dieses Ereignis war ausschlaggebend für einen, wie ich fand, ziemlich guten Song auf ihrem ersten Album, der sich 'Gasoline' nannte.

"Das nächste Mal rufe ich dich an und wir baden zusammen im Rotwein!", hatte sie gelacht und ich hatte ihr anschließend spielerisch auf die Schulter geschlagen. Es war mir immer noch ein Rätsel, wie sie das alles so kaltließ, immerhin waren diese Geschichten Zeugnisse davon, dass es ihr manchmal echt nicht gut ging und dennoch lachte sie darüber, wie als hätte jemand einen ziemlich guten Witz gemacht.

Ich fragte sie an jenem Abend, warum sie das alles so wenig zu berühren schien, sie hatte nur die Schultern gezuckt und gemeint, dass es für sie sich nicht so anfühle, als sei ihr das wirklich passiert, es war eher so, als würde sie eine Geschichte erzählen, die einem fernen Bekannten passiert war, den sie nicht mochte.

Ich hatte an jenem Abend bei ihr geschlafen und am Abend, als ich neben ihr gelegen hatte, hatte ich ihr das Versprechen abgenommen, dass sie mich das nächste Mal anrief, wenn es ihr nicht gut ging oder sie einfach ein wenig Gesellschaft brauchte, seit dem bekam ich ständig Nachrichten und Anrufe. Ein paar waren ernst, aber in den meisten erzählte sie mir Dinge, die ihr gerade durch den Kopf gingen oder sagte mir, dass sie mich vermisste.

Ich freute mich jedes Mal sehr, wenn ich von ihr hörte und auch, wenn sie mich ziemlich oft kontaktierte, so wurde ich nicht genervt, im Gegenteil, ich konnte gar nicht genug Zeit mit ihr verbringen.

Ich lernte sie von Tag zu Tag besser kennen und ab einem gewissen Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass ich sie schon seit Jahren kennen würde. Ich wusste, was ich tun musste, um sie aufzuheitern, dass sie wunderbar kochen und singen konnte und, dass sie inzwischen die Person geworden war, mit der ich am liebsten Zeit verbrachte.

Sie erklärte mir viel, immer, wenn ich etwas nicht verstand, was ihr Weltbild betraf, erklärte sie es mir geduldig, aber immer so, dass es mich nicht angriff, auch wenn ich genau das tat, was sie nicht mochte.

Ich ertappte mich auch ein paar Mal dabei, wie ich darüber nachdachte, wie es wohl den Tieren ergangen war, die ich gerade aß und je länger ich darüber nachdachte, desto weniger wollte ich für die immensen Torturen verantwortlich sein, die ihnen widerfahren waren, nur, damit ich sie in mich aufnehmen konnte und so minimierte ich meinen Fleischkonsum radikal.

Und jetzt war ich gerade wieder auf dem Weg zu ihrer Wohnung. Sie sollte heute Abend einen Gig in einem Club im Stadtzentrum spielen. Das war eine gute Möglichkeit, um ihre Musik zu promoten und sie redete schon seit Tagen von nichts anderem und weil ich neugierig war, wie es war, sie live zu sehen und sie mich nach eigenen Angaben als seelische Unterstützung brauchte, würde ich sie mit Freuden begleiten.

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