Moonlight




Das Klirren der Fensterscheibe ließ mich kurz zusammenzucken, dann sah ich wie das Glas splitterte und schließlich in sich zusammenkrachte, wie ein Jenga-Turm, bei dem man einen falschen Stein herausgezogen hatte. Es war kalt und tiefste Nacht, die Straßen waren menschenleer und ich war mir ziemlich sicher, dass ich weder gehört noch gesehen worden war. Ich starrte ungläubig auf meine Hand, hob den Kopf und starrte auf das große Loch, dass ich ein paar Sekunden vorher verursacht hatte. Mein Gehirn schien heute Abend besonders langsam zu arbeiten, vielleicht lag es auch an dem Alkohol, den ich konsumiert hatte, aber dennoch verwirrte mich diese ganze Situation.

Warum hatte ich einen Stein geworfen und warum zur Hölle hatte ich eine Fensterscheibe eingeschlagen? Was war denn in mich gefahren? Ich war doch sonst nicht der Typ, der handelte ohne zu denken, das konnte ich mir in meiner jetzigen Lebenssituation sowieso nicht erlauben.

War es Wut, die mich ergriffen hatte? Ich wusste es nicht so genau, ich fühlte mich leer, nicht wütend und schon gar nicht danach eine Fensterscheibe einzuschlagen. Ich betrachtete das Loch, dass sich wie ein böses Omen vor mir auf tat, noch ein paar Sekunden, dann realisierte ich, dass es mir egal war, was ich soeben getan hatte.

Aber warum war es mir egal? Ich hatte gerade eindeutig fremdes Eigentum beschädigt, das konnte mir nicht egal sein, wo man mir doch ein Leben lang eingetrichtert hatte, dass so etwas strafbar war. Aber es war mir egal. Ich spürte weder Reue noch Angst, ich spürte gar nichts.

Obwohl doch, ich spürte etwas, und das war Schmerz. Der Schmerz meines Herzens, so hatte ich mich das letzte Mal gefühlt, als Seokjin, mein jüngerer Bruder verstorben war und jetzt kam das Gefühl zurück und zwang mich in die Knie.

Der Abend hatte wunderbar angefangen, ich hatte mich mit meiner Freundin Amber nach einer langen Zeit in einer Bar getroffen und wir hatten ein paar wundervolle Momente gemeinsam gehabt, bis wir weiter in den nächsten Club gezogen waren, um dort weiterzufeiern. Ich ging nicht oft feiern und wenn, dann auch nicht bis spät in die Nacht, aber dieses Mal war alles anders gekommen. Es war alles so perfekt gewesen und schließlich hatten wir unsere Party bei ihr zu Hause weitergeführt, ohne jegliche Hemmungen. Es hatte nur uns zwei gegeben und es waren ein paar wundervolle Stunden gewesen, die ich unglaublich genossen hatte.

Und dann, nachdem wir beide jeweils alle wunderschönen Merkmale unseres Partners ausgekostet und genossen hatten, hatte sie mich rausgeschmissen und gesagt, dass sie mich nie wieder sehen wollte. Einfach so ohne jegliche Begründung, die in meinen Augen plausibel schien. Und so langsam wurde mir schmerzlich bewusst, dass es ihr diese Nacht wohl nur um den Sex gegangen war, nicht um mich als Person. Es war so unfair, ich liebte ihre Person und sie schien plötzlich alles zu vergessen, was mich ausmachte, der Grund war mir immer noch nicht geläufig.

Ich hatte dieses Ereignis immer noch nicht realisiert, wie ich ebenso nicht realisierte, dass ich weinte.

Wie in Trance trat ich auf die kaputte Fensterscheibe zu, die Tränen versperrten mir die Sicht und dennoch glaubte ich so klar, wie nie zuvor sehen zu können.

Das Glas glänzte im Mondlicht, wie ein Diamant und ich konnte die Unebenheit ganz deutlich an den Stellen spüren, an denen es zersplittert war, als ich über die scharfen Ecken und Kanten fuhr. Es beschrieb genau das, was Amber war, oder für mich gewesen war. Sie war jemand gewesen, mit allerlei Ecken und Kanten, sie war jemanden gewesen, der sich selbst nicht lieben konnte und doch war sie für mich ein Diamant, immer noch. Vielleicht war sie auch nur ein Rohling, der nur darauf wartete geschliffen und in seine schönste Form gebracht zu werden, aber sie war ein Diamant, auch wenn wir nicht mehr das Glück zuteil wurde sie im Sonnenlicht strahlen zu sehen.

Ich seufzte resigniert, der Gedanke an Amber war bis vor ein paar Stunden mein Liebster in den großen Weiten meines Kopfes gewesen, jetzt hasste ich ihn und dennoch schaffte ich es nicht ihn aus meinem Gehirn zu verbannen.

Zu wissen, dass die unzähligen 'Ich liebe dich' eine Lüge gewesen waren, tat noch mehr weh, als der Fakt, dass sie mich aus ihrer Wohnung geschmissen hatte. Sie hatte diese drei Worte an diesem Abend ziemlich oft gesagt, mehr als ich es von ihr kannte. Ich hatte mir nichts dabei gedacht, aber jetzt wusste ich warum sie so oft ausgesprochen worden waren. Vielleicht war es ihre Art gewesen von mir Abschied zu nehmen, während ich noch nicht mal in meinen Alpträumen davon träumte, dass unsere Beziehung ein Ende fand.

Was war ich eigentlich ohne Amber? Nichts. Ich glich dem Stein, den ich in meinem Gefühlsausbruch geworfen hatte, ohne das Mädchen war ich nichts.

"Amber, verdammt", murmelte ich und zog meine Hand blitzartig zurück, als ein stechender Schmerz meinen Körper durchzuckte. Kurz darauf sah ich wie sie langsam das Blut auf meinem Finger ausbreitete, ich Idiot hatte mich tatsächlich an dem Fenster geschnitten. Der Schmerz war nicht stark, was der betäubenden Wirkung des Alkohols zu verdanken war, der immer noch in meinen Blutbahnen verweilte, dennoch störte er mich. Er war wie eine lästige Fliege, die man mit einer Handbewegung zu verscheuchen suchte, es aber nicht hinbekam und es damit endete, dass man genervt den Raum verließ um dem nervtötende Surren, das das Tier verursachte, zu entfliehen.

Ich hasste Fliegen und ich hasste diese Situation. Beide hatten diese nervige Etwas, das aber nicht verschwand und ich wünschte mich innerlich wieder zurück in mein Büro. Dort hatte alles seine Ordnung, dort wusste jeder, was er zu tun hatte, dort passierte nichts unkontrolliertes und ich hasste unkontrollierte Sachen.

Ich hasste Situationen, die ich nicht unter Kontrolle hatte, lediglich bei Amber, kam es manchmal vor, dass ich mich auf diese Ungewissheit einließ, aber die Zeiten waren jetzt auch vorbei, wie ich verbittert bemerkte.

"Dann such dir jemand anderen, der mit dir rummacht, ich komm schon klar", erklärte ich mehr zu mir selbst, als zu irgendjemand anderem. Wem hätte ich es auch sagen sollen, hier in dieser gottverdammten Stadt war ja niemand?

Die Wut nahm wieder überhand und betäubte den Schmerz noch mehr. Ich biss mir auf meine Lippe und drehte mich schließlich von dem Fenster weg, das ich ramponiert hatte. Es war mir wirklich egal, was ich getan hatte. Ich würde jetzt nach Hause gehen und dann würde morgen ein neuer Tag sein, ich würde arbeiten gehen und meine Struktur haben, zwar ohne Amber, aber die konnte mich sowieso mal kreuzweise. Sollte sie sich doch jemand anderen Suchen, wenn ich ihr nicht gut genug war. Sollte sie doch machen was sie wollte, es interessierte mich nicht!

Und so verbrachte ich den Rest der Nacht damit mir einzureden, dass mich meine Ex-Freundin nicht interessierte, an Schlaf war allerdings nicht zu denken.

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