Kapitel 49 - Sam
„Ganz ruhig!", versuchte ich Caprice zu besänftigen. Es schien ihre erste Geburt zu sein und sie hyperventilierte beinahe.
„Scher dich fort!", knurrte sie mich an. „Dein Rat ist das letzte, was ich jetzt gebrauchen kann!"
Ehrlich gesagt hätte ich auch keine Ahnung gehabt, wie ich ihr hätte helfen können. Ich stellte mich an die Zwingertür und bellte in die Dunkelheit. Aber ich hatte so fürchterlichen Durst, dass kaum ein Laut aus meiner Kehle drang. Als ich dann jedoch zu dem Wassernapf in der Ecke unseres Käfigs ging, fand ich den leer vor. Ernsthaft! Juckte es die Leute überhaupt, dass wir auch Bedürfnisse hatten, wenn sie unsere Käfige schon nicht säuberten? Wieder bellte ich in die Nacht. Heiser zwar, aber besser als gar nichts. Hoffentlich hörte man mich.
„Schnauze! Du holst noch den Blauanzügler her!", knurrte Peludo.
„Der Blauanzügler?", fragte ich. Peludo knurrte. „Der Typ, der die Hunde mit einer Drahtschlinge nach hinten bringt. Es wurde nie mehr einer von denen, die er holte gesehen..."
„Ich will aber nicht nach hinten gebracht werden...", wimmerte Cano.
„Glaubst du, da fragt dich jemand? Aber, wenn du vorbeugen willst, dass es schon jetzt passiert, dann sag deinem Freund, er soll gefälligst die Klappe halten!"
Cano sah mich mit großen Augen an. Er brauchte es gar nicht erst zu sagen. Peludos Forderung war ziemlich deutlich gewesen. Mit einem seltsamen Gefühl rollte ich mich in einer Ecke zusammen. Die Geschichte, die Peludo erzählt hatte, hatte mir einen kalten Schauer über den Rücken gejagt. Ich versuchte zu schlafen, drückte mich fest in meine Ecke und kniff die Augen zu. Ich wollte das alles nicht wahrhaben. Das sollte alles nur ein böser Traum sein.
Geschwächt vor Trauer wimmerte ich in die Dunkelheit. In der anderen Ecke war gerade die Geburt in vollem Gange. Immer wieder hörte ich Lana, die ihre Freundin besänftigte und Caprice, die vor Anstrengung hechelte.
Ich leckte mir die Wunde am Bein sauber, doch die hatte sich bereits entzündet und ich merkte, wie meine Körpertemperatur wieder anstieg. Der völlig verdreckte Boden roch genau so, wie in dem Labor und versetzte mich wieder in diese furchtbare Zeit zurück. Ich sah im Traum Nanas Augen und musste einige Male blinzeln, bis dieses traurige Bild vor meinem geistigen Auge verschwand.
Am nächsten Morgen – der Nebel hatte sich noch nicht verzogen – kam ein älterer, rundlicher Herr mit einem braunen Gewand und einem Kreuzanhänger um des Hals an unseren Zwingern vorbei. Ein Mönch, wie es schien. Vor dem Käfig von José blieb er stehen.
„Josef! Da bist du ja, mein kleiner!", er bückte sich und langte durch das Gitter. Sieben Hunde sprangen ihm freundlich mit dem Schwanz wedelnd entgegen und alle riefen sie:
„Hol mich hier raus! Nimm mich mit! Befreie mich! Hilf mir!", doch nur einer von ihnen konnte befreit werden. Der rundliche Mann merkte sich die Nummer des Zwingers und ging einen Kerl holen, der die Tür aufschloss und den kleinen Dackel da rausholte. Doch José hielt sich an Flori fest und knurrte, als der Kerl ihm zu nahe kam. Der Typ packte ihn und versuchte ihn wegzureißen, doch José ließ nicht los. Schließlich holte er aus und schlug José so fest auf den Kopf, dass der aufjaulte und losließ. Der Mönch betrachtete das ganze voller Entsetzen.
„Sie können doch nicht einfach den armen Hund schlagen!", rief er traurig. „Der Herr möge es ihnen vergeben."
„Wenn der Köter nicht loslässt, muss ich ihn eben dazu bringen!", der Mann lallte. Er war wohl betrunken. Kein Wunder, hier musste man ja depressiv werden.
„Wie viel wollen sie für die beiden zusammen?", fragte der Mönch. Der andere Mann sah nachdenklich aus.
„Gehört der andere Köter etwa auch zu ihnen? Haben sie Papiere?", fragte er. Der Mönch schüttelte den Kopf.
„Ich habe keine Papiere für den Bobtail, aber ich habe gesehen, dass mein José diesen Hund anscheinend sehr gerne hat. Wie viel wollen sie?"
„Keine Papiere, kein Hund...", lallte der andere Mann.
„Sie werden doch dafür bezahlt, wenn sie den Hund töten, oder? Ich zahle ihnen das Doppelte! Egal, wie viel. Aber bleiben sie realistisch!"
„Das Doppelte, sagen sie?"
„Das Doppelte!", versprach der Mönch. Der andere Typ zerrte Flori aus dem Zwinger und drückte dem Mönch die Schlinge in die Hand.
„Da haben sie! Jetzt aber her mit der Kohle!"
Der Mönch streichelte die beiden Hunde und holte dann eine kleine Ledermappe unter seinem Gewand hervor.
„Nehmen sie auch Schecks?", fragte er. Der andere Mann zögerte, nickte dann aber.
„Obwohl uns Bares lieber wäre!", der Besitzer von José und Flori kritzelte ein paar Zahlen auf ein Stück Papier, riss es von einem kleinen Block ab und reichte es dem Kerl. Der nahm es an und warf die Tür des Zwingers hinter sich zu. Dass die Schnauzen der anderen Hunde neugierig nach draußen gereckt waren, als er das tat, interessierte ihn herzlich wenig.
„Und passen sie dieses Mal besser auf ihre Köter auf!", rief der Typ lallend hinterher, als der nette, dicke Mönch mit Flori und José das Gelände verließ.
„Gott sei mit euch, meine Brüder und Schwestern", winselte José traurig, als er fortgetragen wurde. Er würde leben. Er hatte Glück gehabt und seine Freundin auch. Wie gerne wäre ich jetzt an seiner Stelle gewesen. Der Mönch schien bemerkt zu haben, dass José traurig war und sah sich nach den anderen Hunden um. Traurig strich er seinem Dackel über den Kopf. Eine Träne des Kummers rollte seine Wange herab.
„Ich weiß, Josef, ich weiß...", sagte er leise und blieb vor meinem Käfig stehen. Ich humpelte zu ihm und leckte durch das Gitter seine Hand. Er strich mir vorsichtig über den Kopf und blieb an den Kahlen Stellen an meinen Schläfen hängen, die noch immer vollkommen zerstochen waren.
„Herrgott, Maria! Wer kann nur so etwas tun", rief er traurig. Er sah mich voller Mitleid in die Augen und ich sah ihm an, dass er mich gerne ebenfalls mitgenommen hätte, aber nicht noch einen Hund befreien konnte.
„Könnten sie jetzt gehen? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!", knurrte der betrunkene Angestellte und schickte den Mönch weg. Flori an seiner Seite und Josef auf dem Arm verließ der das Gelände und ich habe ihn nie wieder gesehen, was im Nachhinein vielleicht auch besser so war.
Es kam den ganzen Tag niemand mehr. Ich sprang trotzdem jedes Mal in freudiger Erregung auf, wenn ich Schritte hörte. Ich hoffte, es wäre Jake und er käme, um mich zu befreien, doch er war es nie. Stattdessen kam einmal der ständig betrunkene Angestellte und bespritzte mich mit Wasser, als ich ihm bei seinem lieblosen sogenannten Gehegeputz im Weg war.
Das sollte also die Käfigreinigung sein? Daran hätte man noch arbeiten können. Ich musste mich also mit dem Gedanken abfinden, dass mein Leben bald enden würde. Hier, irgendwo im Nirgendwo, in der Gosse. Kein sehr würdiger Abgang für einen jungen Hund, wie mich.
Man musste bedenken, dass ich in Hundejahren gerade einmal dreizehn Menschenjahre erreicht hatte. Mit dreizehn Jahren bereits diese Welt, diese furchtbare Welt verlassen zu müssen ist mehr als schändlich. Und ich war jedoch nicht einmal der jüngste, der morgen das letzte Mal die Sonne aufgehen sehen würde, denn in den Zwingern neben dem meinen waren unter anderem auch mehrere Welpen untergebracht.
Caprice hatte ihre Welpen bekommen. Zwei hellbraune mit weißen Abzeichen, ein ganz weißes und ein graues mit weißen Pfoten. Sie leckte eins nach dem anderen sauber und stupste sie in Richtung Zitzen, doch sie hatte in letzter Zeit so wenig gefressen und getrunken, dass sie kaum Milch für ihre Welpen hatte. Sie würden wahrscheinlich nicht einmal den nächsten Tag erleben.
Der Boden war kalt und nass und das Bleichmittel von der Käfigreinigung entzog den kleinen Hunden jegliche Flüssigkeit aus den kleinen Körpern und wenn sie auch noch davon tranken – was unvermeidlich war – konnten sie sich schlimme Schäden zufügen. Außerdem bewirkte die Kälte des Bodens bei ihnen auch noch eine Verkühlung, wenn man sie nicht richtig warm hielt.
Wenn sie Glück hatten, kam am nächsten Morgen jemand vorbei, der sie rettete. Ich ging zu Caprice und fragte sie freundlich, ob ich über die Nacht einen ihrer Welpen warm halten sollte. Zu meiner Überraschung lehnte sie nicht ab.
Natürlich, für ihre Welpen tat sie alles. Ich schnappte mir die kleine, grau-weiße Hündin und legte sie auf meine Vorderpfoten. Ich rollte mich zusammen und bedeckte ihren kleinen Körper mit meinem Schwanz. Zufrieden quiekend schlief der Welpe ein.
Cano kümmerte sich um die weiße Hündin und Lana und Peludo übernahmen die beiden braunen Rüden. Caprice konnte in Ruhe schlafen, ohne, dass sie sich weiter um ihre Jungen kümmern musste.
Als der letzte Tag anbrach, war ich mit den Nerven am Ende. Der Welpe auf meinen Vorderpfoten reckte sich quiekend und gähnte herzerweichend. Etwas ausgeruhter und bei besserer Laune, lächelte Caprice mich an.
„Danke", wimmerte sie schwach. Es fiel ihr wohl sehr schwer, so freundlich zu mir zu sein, doch ich verstand sie. Ihre Ehre musste gewahrt werden. Jetzt mussten wir nur noch darauf warten, dass wir geholt wurden...und nie wieder zurückkehrten.
Und wir hatten keine Chance auf Flucht. Ich merkte, wie mein letzter Funken Hoffnung zerplatzte, wie eine Seifenblase. Hier würde mich Seven nie finden. Nie im Leben.
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