Kapitel 35 - Seven
Basta und ich wir standen noch eine Weile in dem Gang herum und starrten in die leeren Zellen. Mein Begleiter war alles andere als erfreut darüber, dass die ganze Aktion umsonst gewesen war. Nicht nur, weil er dafür sein eigenes Leben riskiert hatte, sondern auch das, vieler seiner Freunde und Bekannten.
„Ich hoffe du weißt, dass du ganz schön in Schwierigkeiten steckst, Kleiner", brummte Basta und knurrte leicht. Ich ließ den Kopf hängen. Mir war die ganze Sache mehr als peinlich. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken was die anderen mit mir machten, wenn sie davon erfuhren. Die würden mich in Stücke zerreißen...
„Aber...er war hier! Ich war doch selbst mit ihm gefangen! Und mit Tomtom! Ich bilde mir das nicht ein, das kannst du mir ruhig glauben", verteidigte ich mich. Basta nickte und sah mich an.
„Ich habe nie gesagt, dass ich dir nicht glaube, ich glaube dir, dass du nicht gelogen hast, aber erzähl das mal denen!", plötzlich kam die Hundemeute hereingeschossen und machte einen Höllenlärm. Donnerndes Gebell schallte durch den Gang.
„Rückzug! Allesamt, Rückzug!", jaulte ich und führte den Trupp wieder nach draußen, dann blieb ich nochmal stehen, weil ich gemeint hatte, Sams Gebell irgendwo zu hören, doch als ich hinhörte war da nur Stille. Traurig zog ich von Dannen. Stella tröstete mich auf dem Heimweg.
Wir holten Trueno, Charlie und Don Salvatore ab, die auf uns gewartet hatten, bis wir zurückkehrten und brachten dann die aufgebrachte Hundemeute dahin zurück, von wo wir sie geholt hatten. Niedergeschlagen hockte ich mich in eine Ecke und trauerte um das Leben meines besten Freundes.
„Hey du, wo ist denn nun dein Freund?", fragte einer der großen Hunde, der nicht gerade aussah, als wolle er eine friedliche Unterhaltung führen.
Er und zwei seiner Kumpanen drängten mich immer weiter in die Ecke und grinsten mich böse an.
„Er war nicht mehr da!", das sagte ich und schluckte.
„War er nicht mehr da, oder ist er vielleicht nie dort gewesen?", fragte ein großer, zottiger Mischling, den man an Hässlichkeit kaum überbieten konnte. Mittlerweile hatten sie mich so sehr in die Ecke gedrängt, dass ich Männchen machen musste, damit sie mir nicht zu nah auf die Pelle rückten.
„Hey, ho, immer ruhig mit den jungen Pferden! Warum hätte ich euch denn bitteschön da hinbringen sollen, wenn es niemanden gab, der zu retten war?"
„Ich weiß nicht. Das Leben kann manchmal so viel einfacher sein, wenn man keine kampflustigen Hunde um sich herum hat..."
„Ja, ja, da muss ich dir leider recht geben!", sagte ich und schob die Schnauze einer der sabbernden Boxerkollegen des Zottels zur Seite. Der schnappte wütend nach mit und sabberte mir dabei gezielt ins Gesicht. Angewidert duckte ich mich und wischte mir seinen Sabber weg.
„Schon mal was von Mundwasser gehört, Bozo?", knurrte ich und der Boxer sah mich an.
„Kennen wir uns etwa?", fragte der hässliche Boxer und sabberte bei dieser Gelegenheit gleich wieder herum.
„Nein! Denn wenn ich dich schon länger kennen würde wäre ich schon längst Hundefutter, nicht wahr?"
„Woher weißt du dann meinen Namen, Klugscheißer?"
„Du heißt wirklich Bozo? Das war Glück, war nur geraten... ich schwöre es!", ich drückte mich noch enger in die Ecke. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals.
„Keiner nennt mich beim Namen, außer meiner Freunde!", knurrte er und kam meinem Hals bedrohlich nahe.
„Dürften ja nicht allzu viele sein", erwiderte ich unüberlegt und hoffe, dass Bozo mich nicht gehört hatte. Eigentlich hätte ich schon längst die Klappe halten sollen, doch ich konnte es einfach nicht lassen.
„Also, hör zu, ich würde mich ja gerne geistig mit dir duellieren, aber ich sehe, dass du unbewaffnet bist. Lassen wir das lieber..."
Zähnefletschend schnappten nun auch die anderen beiden nach mir. Ich hätte lieber ganz schnell abhauen sollen.
„Hey, Jefe? Was hat er damit gemeint? Muss man was Besonderes wissen, um das zu verstehen?", knurrte der Dritte, ein magerer, braun weiß gefleckter Labradormischling und sah zu der zotteligen Promendadenmischung auf.
„Wissen ist ein guter Anfang, aber nachdenken könnte auch nicht schaden!", jaulte ich und zischte durch die drei hindurch irgendwohin, gerade wo ich mich durch die Hundemeute hindurch drücken konnte. Doch diese Kerle folgten mir.
Ich rannte um eine Ecke und stellte mich mit dem Rücken an die Wand. Die drei zischten geradeaus weiter und ich begab mich zurück in die große Hundemenge. Zwei Sekunden später waren die Kerle wieder zurück. Ich sprang auf ein paar Kisten, rutschte ab und landete in einem Müllcontainer. Laut lachend standen diese drei Bastarde da und genossen ihren Sieg.
„Jetzt geht's dir an den Kragen, Trottel!", jaulte Bozo und sprang hinunter zu mir. Ich konnte ihn abschütteln, doch nun kamen auch noch Jefe und der Labradormix dazu. Ich rang nach Luft, ich konnte überhaupt nichts mehr sehen, denn die dicken, schweren Körper meiner Angreifer versperrten mir die Sicht. Sie schlugen auf mich ein, rissen und zerrten an mir bis plötzlich ein höllischer Lärm ertönte. Basta stand da oben und hatte einen Mülltonnendeckel auf das Dach des Müllcontainers fallen lassen. Das gewaltige Geschepper drang durch das Metall meines Versteckes und die drei Wüteriche ließen eine Zeitlang von mir ab.
„Lasst ihn in Ruhe! Es ist schon schlimm genug, dass er seinen Freund nie wieder sehen wird", Bastas Stimme war laut und deutlich und duldete keine Widerrede.
„Dann lass ihn uns umbringen, dann sieht er seinen Freund im Jenseits wieder! Ach komm schon, Basta! Sei kein Spielverderber!", murrte der Labradormix.
„Wenn einer von euch ihm auch nur ein Haar krümmt, kriegt er es mit mir zu tun!"
„Da hat wohl heute jemand eine besonders große Klappe, hä? Hat dir wohl heute Nacht jemand ein Päckchen Mut zugesteckt, kleiner!", knurrte Jefe und entblößte seine spitzen, weißen Zähne.
Basta knurrte. Ich hätte mich an Jefes Stelle nicht mit ihm angelegt, doch diese drei Knalltüten schreckten wirklich vor nichts zurück.
„Wenn ihr auch nur einen Funken Verstand hättet, würdet ihr ihn in Ruhe lassen! Ich würde gerne wissen, wie ihr dann da wieder rauskommt!", bei den letzten Worten zwinkerte er mir zu. Er wollte mir damit etwas sagen. Ach, ich sollte rauskommen!
„Jetzt habe ich aber Angst! Willst du uns mit deinen Fledermausohren zu Tode kitzeln, oder was?", kicherte der Labradormischling und sah sich nach den anderen um. Die aber lachten nicht. So gut war sein Witz nun auch nicht gewesen.
„Schnauze, Pinto!", zischte Jefe und schnappte nach seinem Kollegen. Ich nutzte die Zeit, in der die drei sich mit Basta stritten und kletterte, wie der Dobermannmischling es mir geraten hatte, aus dem Container heraus. Kaum war ich draußen machte Basta eine kleine Pfotenbewegung und klappte dadurch das Dach des Containers zu. Die drei Raufbolde waren nun im Inneren gefangen und zeterten gewaltig. „Morgen kommt die Müllabfuhr, dann kommen sie da wieder raus!", lächelte mein Retter und kratzte sich an einem Ohr. Ich musterte ihn. Ich sah ihm in die Augen und beobachtete genau, wie er sich verhielt, dann entschied ich, dass er nicht wie jemand aussah, dem ich vertrauen konnte. Ich stand auf und ging.
„Hey, wo willst du denn hin?", fragte Basta und trabte mir nach.
„Ich gehe meinen Freund retten!", murrte ich und tapste unbeirrt weiter.
„Das ist nicht dein Ernst, oder? Wo willst du denn hin? Du hast doch gar keine Ahnung, ob er noch am Leben ist, dein Freund."
„Ich glaube schon. Wenn er noch am Leben ist, dann ist er nicht mehr beim Schwarzen Mann, sondern woanders und ich glaube, ich habe da eine Ahnung, wo das sein könnte!"
„Dann helfe ich dir!", Basta setzte sich und kratzte sich wieder hinter dem Ohr. Er hatte schon eine ganz kahle Stelle hinter seinem linken Ohr. Ob das wohl eine alte Kampfnarbe oder eine Art Hautreizung war? Jake hätte das mit Sicherheit herausfinden können. Das traf sich gut, denn ich wollte sowieso zu ihm.
Wenn er tatsächlich das beruflich machte, was ich vermutete, dann hätte ich mir gut vorstellen können, dass man Sam dorthin gebracht hatte. Ich konnte mir nämlich nicht vorstellen, dass der Schwarze Mann ein legaler Hundefänger war. Diese fiesen Kerle brachten ihre Opfer nicht in Perreras, sondern in Einrichtungen, die nicht so einfach an Tiere heran kamen. Labore. Das musste ich unbedingt verhindern. Als ich meinen komplexen Gedankengang zu Ende gedacht hatte, kratzte sich Basta immer noch.
„Warum tust du das?"
„Was? Ach... es juckt ein wenig da hinten und..."
„Nein! Warum hilfst du mir? Du weißt, dass ich dir nichts dafür geben kann, oder?"
„Ja, ich weiß. Ich helfe gerne Leuten in Schwierigkeiten."
„Ach red' doch keinen Unsinn! Sag schon, was willst du von mir?"
„Okay, du hast mich durchschaut! Ich wollte dich tatsächlich um etwas bitten..."
„Und das wäre?"
„Könntet ihr eventuell nicht noch etwas Verstärkung gebrauchen? Ich könnte euch Rückendeckung geben, wenn ihr mich braucht. Ich bin ein ausgebildeter Kämpfer, weißt du, ich...ich bin dazu auch schon missbraucht worden...", Basta ließ den Kopf hängen. Ich verstand, was er mir damit hatte sagen wollen.
„Man hat dich kämpfen lassen? Gegen Hunde?"
„Nicht nur. Auch gegen Menschen..."
„Du hast sie aber nicht..."
„Doch Seven, doch das habe ich. Und ich hatte gute Gründe genau das zu tun, was ich getan habe. Es tut mir unendlich leid. Aber das ist eine andere Geschichte, ich möchte diese Vergangenheit hinter mir lassen, verstehst du mich?"
Ich nickte. „Mal sehen, was sich machen lässt, aber ich muss vorher Trueno fragen, er..."
„Bist du der Leithund, oder Trueno?", fragte Basta gereizt. Ich sah auf meine Pfoten.
„Nun ja..."
„Er ist unzurechnungsfähig, Seven. Er ist mehr als zehn Jahre alt. Er kann froh sein, dass er noch nicht an Nierenversagen gestorben ist!"
„Willst du mich etwa gegen ihn ausspielen? Hey, so läuft das hier nicht, Freundchen! Wenn du mit uns gehen willst musst du auch unsere Regeln akzeptieren!", entgegnete ich wütend. Auf diese Art konnte er nicht wirklich bei mir punkten.
„Entschuldige, ich war so lange Leithund, dass ich erst wieder lernen muss, mich zu fügen..."
„Nicht schlimm, wenn du dich in nächster Zeit nur bitte etwas zurückhalten könntest?", wuffte ich und gab Basta einen freundschaftlichen Stoß in die Seite, „Irgendwie hast du ja auch recht, aber schließlich macht Trueno ja auch nichts, was wir nicht wollen, also..."
„Jaja, geh und frag ihn ruhig. Schon ok!", brummte Basta und begleitete mich zurück zu den anderen. Stella lächelte mich glücklich an und leckte Charlie ein paarmal zärtlich über den Kopf. Ihre Ersatzmutterrolle spielte sie wirklich gut. Dem kleinen Charlie aber schien das gar nicht zu gefallen.
„Stella, du weißt, dass ich das nicht mag! Ich bin alt genug, um..."
„Charlie, trotz alledem brauchst du noch jemanden, der auf dich aufpasst, oder?", entgegnete Stella und leckte dem Welpen weiter sein Fell. Charlie wischte sich jedoch jeden liebevollen Kuss angewidert weg.
„Bäh, ist ja eklig!"
Trueno sah mich kommen und richtete seinen wachsamen Blick auf Basta. Ich wollte möglichst unschuldig aussehen und lächelte überfreundlich, die Ohren und die Rute unsicher gesenkt.
„Seven? Was ist los? Diesen Blick kenne ich doch", brummte er. Er hatte mich schon durchschaut. Ich kratzte mit einer Pfote am Boden und versuchte seinem Blick auszuweichen.
„Ach, nichts", sagte ich. Trueno kniff die Augen zusammen.
„Auf, raus mit der Sprache! Was willst du?"
Ich sah zu Basta auf, der mir zuversichtlich zunickte. Trueno hatte das natürlich bemerkt.
„Oh nein, falls es das ist, was ich denke – und ich denke, dass es ist, was ich denke – dann kannst du es vergessen, Seven! Der kommt nicht mit uns mit!"
„Trueno, er hat uns geholfen zum Schwarzen Mann zu kommen, er hat mir sogar gerade das Leben gerettet! Er will uns doch nur helfen!", jaulte ich verzweifelt. Manchmal ging mir dieser alte Dickschädel wirklich auf die Nerven.
„Das sagt er zumindest! Er ist ein Lügner, Seven. Ein Lügner schlimmster Art, dafür ist er bekannt! Glaube mir doch, Seven, ich muss es wissen!", in Trueno Blick lag Kummer und auch Angst. Er schien die Wahrheit zu sagen, doch er stellte gerade meine Autorität infrage. Das konnte ich ihm nicht durchgehen lassen.
„Nur, weil deine Tochter tot ist, brauchst du ihm noch lange nicht die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben!", knurrte ich. Ich erkannte ein kleines Lächeln in Bastas Gesicht. Wollte er, dass wir uns stritten? Es schien fast so, aber ich konnte nicht glauben, dass dieser Hund ein Verräter war. Keiner, dem man übermäßig trauen konnte, aber man konnte ihn in seiner Nähe haben.
„Basta, du kommst mit uns!", entschied ich gegen Truenos Willen. Der alte Greyhound knurrte wütend.
„Gut, aber sag' später nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Ich bin es ja gewohnt, dass man mich nicht ernst nimmt. Es wäre wahrscheinlich besser, wenn ich schon längst tot wäre, denn ihr kommt ja auch alleine so gut klar!"
Ich starrte wütend auf meinen alten Freund, der meinen Entscheidungen so sehr misstraute. Eine warme Träne kullerte mir über die Wange.
„Weißt du was? Ich glaube wirklich dass es manchmal besser wäre, wenn du nicht mehr da wärst, denn anscheinend ist es dir nicht so wichtig Sam zu finden, wie mir. Du vertraust mir nicht und jammerst nur herum! Meinst du, dass das von großem Nutzen ist...?"
„Seven, Sam ist weg! Du wirst ihn nie wieder sehen! Sieh es endlich ein!"
„So, das denkst du also, was? Genau das hast du auch schon bei Fosca gesagt und wir hätten noch viel mehr tun können, um sie zu retten! Ich sag' dir mal was, du alter Sturkopf, wenn du nur einen Funken Treue in dir besitzen würdest, dann würdest du suchen, bis du ihn gefunden und dein Versprechen gehalten hast! Ich werde nicht aufgeben, bis er in Sicherheit ist und wenn ich dabei draufgehe!"
Basta, Stella, Charlie, Salvatore und Trueno sahen mir traurig hinterher, als ich mich abwandte und mit Tränen in den Augen davonrannte.
„Er hat recht!", hörte ich Stella bellen. Sie folgte mir auf leisen Pfoten, Basta kam ihr nach. Don Salvatore sah seinem alten Freund in die Augen und verließ ihn ebenfalls. Nur Charlie saß noch bei dem alten Herrn, der uns ungläubig hinterher sah und ebenfalls Tränen in den Augen hatte. Auch der kleine Retriever schien hin und hergerissen zu sein, mir zu folgen oder bei Trueno zu bleiben.
„Trueno? Kommst du auch mit? Bitte! Ich will nicht, dass Sam wegen uns stirbt, weil wir ihn nicht rechtzeitig gerettet haben!", die Augen des Welpen waren riesengroß und glänzten vor Trauer. So einem Blick konnte keiner widerstehen.
„Also gut, dann komme ich auch mit! Aber ich werde das nur wegen Sam tun, mit dir bin ich nämlich fertig, kleiner!", er sah mich mit entsetzlich wütendem Blick an. Mein schlechtes Gewissen brachte mich beinahe zum Heulen. Alles brachte mich zum Heulen! Ich verließ die Hundekneipe und führte mein Gefolge zu dem Ort, an dem ich Jake am Vortag getroffen hatte.
Wenn wir Glück hatten, kam er da des Öfteren vorbei und wir konnten ihm zu seinem neuen Arbeitsplatz folgen. Vielleicht kamen wir so auf Sams Spur. Das hoffte ich jedenfalls. „Seven, warte mal...!", bellte Stella sanft und hielt mich zurück, „Hey, du bist jetzt schon zwei ganze Tage unterwegs, du musst dich mal ausruhen und was essen, sonst kippst du mir noch um!"
„Nein danke, Stella, wir haben es eilig, ich..."
„Du musst Sam retten, ich weiß. Aber du wirst ihn nicht finden, wenn du vorher kollabierst!"
„Punkt für dich!", ich ließ mich hinplumpsen und schaute mich nach etwas Essbarem um. Es gab einen weiteren Müllcontainer in der Nähe. Wenn ich Glück hatte, war nichts davon vergiftet.
„Weißt du was?", lächelte Stella mich an, „Ich bin beeindruckt, wie treu du Sam ergeben bist. Ich meine, du hättest auch einfach sagen können ‚Hey, gut, dann bin ich jetzt der Anführer!', aber das hast du nicht und das beeindruckt mich. Ich hätte nämlich jemanden gekannt, der das genau so getan hätte!"
„Meinst du Juan?", fragte ich, während ich im Müll nach etwas Essbarem stöberte. Stella jedoch ließ die Ohren hängen.
„Ja, aber nicht nur er... Auch ich habe Flora und Ramiro sitzen lassen, als man sie eingefangen hat. Ich hätte auch etwas tun sollen, aber ich war ganz alleine und ich hatte...ich hatte Angst."
Ich sah auf. Stellas Augen waren trüb vor Kummer. Es schien sie wirklich sehr mitzunehmen, dass sie sich nicht getraut hatte, einzugreifen. Ich legte meine Pfote auf eine ihrer Pfoten.
„Alles wird gut, ich verspreche es", ich blinzelte ihr zu. Ihre wunderschönen Augen glänzten im Nachtlicht. Der riesige Vollmond schien auf uns herab und ließ unsere Pelze silbern leuchten. Mein Herz pochte wie wild. Hatte ich mich etwa in Stella verliebt?
„Du, Seven...? Kann ich dich mal was fragen?"
„Ja, äh, aber sicher doch!", ich musste nur mit dem dämlichen Gestotter aufhören. Vorher hatte ich das doch auch fertig gebracht!
„Wer war eigentlich dieser gestreifte Hund, der mich da gestern Nacht angefallen hat? Kennt ihr ihn schon lange?", das konnte doch nicht wahr sein! Sie fragte mich über Tomtom aus? Hatte sie meinen Blick bemerkt und wollte mir damit klar machen, dass sie nichts von mir wollte?
„Ach, das war nur Tomtom, eine aufgeblasene Fellkugel. Arrogant, überheblich und nicht besonders intelligent. Wegen ihm brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Er ist ein alter Dickschädel, aber eigentlich kann er keiner Fliege was zuleide tun", lachte ich und brachte die Wahrheit damit auf den Punkt.
„Achso. Er sah nur so niedlich aus, als ich ihn angefahren habe, er solle von mir runtergehen. Ihm war das voll peinlich!", Stella kicherte, doch ich zwang mich nur zu einem künstlichen Grinsen.
„Ja, so ist er, unser Tomtom!", lachte ich halbherzig und schnappte mir einen Hamburger, der nicht vergiftet roch. Insgesamt schien hier gar nichts mehr vergiftet zu sein. Als wäre das Ganze nur wegen Sam gewesen.
„Äh...ja...klar. Ich lass dich dann mal essen. Bis dann, Seven", wuffte Stella in einem merkwürdig irritierten Tonfall. Mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch verputzte ich mein Essen und holte mir noch etwas. Erst jetzt hatte ich bemerkt, wie hungrig ich war, doch der Gedanke, dass Sam noch immer in Schwierigkeiten gesteckt haben könnte, raubte mir den Appetit. Ich musste mich zum Essen zwingen, damit ich nicht wieder mit leerem Magen losging.
Bissen für Bissen würgte ich das Essen hinunter und trank dann einen Schluck Regenwasser aus einer Pfütze. Es war abgestanden und schmeckte furchtbar modrig. Die anderen hatten sich auch zum Essen hinziehen lassen und pausierten auf der anderen Gassenseite. Ich legte mich zu ihnen und schlief an Stellas Seite ein. Die Ruhe hatte mir wirklich gefehlt. Erst das eingefangen werden, dann die anstrengende Flucht, dann wieder zurückkehren, um herauszufinden, dass Sam nicht mehr da war und als Krönung wieder zurückzulaufen hatte so sehr an meinen Kräften gezehrt, dass ich wie ein Stein traumlos den Rest der Nacht verschlief. Am nächsten Morgen wollten wir uns auf die Suche nach Sam machen. Wir würden ihn finden, da war ich mir sicher.
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