Kapitel 23 - Sam
Dinge ändern sich. In diesem Kapitel meiner Geschichte habe ich große Verluste hinnehmen müssen. Ich blicke nur ungern in diesen Teil meiner Geschichte zurück, doch im Vergleich zu dem, was später noch mit mir passieren würde war das fast noch kümmerlich. Aber ich möchte nicht zu viel verraten.
Natürlich hatte sich unsere Lage weiterhin verschlechtert. Zwei Wochen, nachdem wir von Don Salvatore eingeladen worden waren, litten wir noch immer unter großem Hunger und unsere Rippenknochen standen uns an den Seiten heraus. Wir alle waren viel zu schwach für lange Ausflüge. Verdammt noch mal, wann hörte dieser Wahnsinn endlich auf?
Schon nach ein paar Metern draußen war mir schwindelig und ich taumelte. Zum Glück kannten wir noch Jake, denn er war jetzt unsere einzige Hoffnung. Seven und ich hatten ihn nach einer Weile dazu gebracht, uns zu füttern, was unseren Zustand für kurze Zeit etwas verbesserte. Doch was war mit den anderen? Juan, Stella, Trueno und Charlie durften nichts davon mitbekommen, dass Seven und ich uns immer wieder bei einem Menschen verwöhnen ließen.
Die Vorräte bei Don Salvatore waren schon lange aufgebraucht. Selbst all das, was wir in der Stadt stehlen hatten können reichte uns nicht aus, da Charlie auch immer größer wurde und selbst kaum bis gar nicht zum Beutemachen beitrug. Die einzige, die sich einigermaßen gut schlug, war Stella. Zwar konnte ich ihr ansehen, dass auch sie unter dem andauernden Hungern litt, aber sie wusste das gut zu verbergen. Sie war die Stärkste von uns allen. Vor allem im Geiste war sie uns stärkemäßig um endlose Weiten überlegen.
„Leute, ich halte das nicht mehr lange aus, Mann! Was machen wir denn jetzt?", fragte Seven, der wimmernd in seiner Ecke lag und seinen rumorenden Bauch anstarrte. Ich lag neben Stella und wir kuschelten. Meine Schwester hob den Kopf von meinem Nacken und fing sofort an vor Schwäche zu zittern.
„Vielleicht wäre es am besten, wenn wir noch einmal zu Don Salvatore gehen. Mit etwas Glück hat er noch was für uns. Schlimmer kann es heute eigentlich gar nicht mehr werden", sie streckte sich und stand auf, „Am besten kommen heute alle mit. Ich glaube kaum, dass ich in diesem Zustand noch irgendwelche Sachen für euch durch die Gegend schleppen kann."
Ihr wurde nicht widersprochen. Ich packte Charlie am Nackenfell und trug ihn nach draußen. Auch er konnte kaum mehr laufen. Wenn ich jetzt nur daran dachte, wie weit wir noch bis zu Don Salvatores Zuhause laufen mussten, wurde mir speiübel. Doch ich zwang mich ruhig zu bleiben. Es war kalt für diese Jahreszeit und dann fing es zu allem Überfluss auch noch an zu regnen. Der Wind blies mir kleine Eisklumpen in die Augen. Was war denn das?
„Hagel!", jaulte Seven und rannte los, „Los, schnell, die Dinger tun hammermäßig weh, wenn sie euch auf den Pelz knallen!"
Wir rannten das letzte Stück zu Don Salvatores Heim und ließen uns dann völlig schlapp auf den Boden fallen. Wenn wir jetzt von gewissen ‚Leuten' erwischt worden wären hätte es nicht besonders gut für uns ausgesehen, aber glücklicherweise kam auch niemand. Unser alter Freund sah uns und wirkte etwas bedrückt.
„Meine Güte, Trueno! So schlimm hast du seit Jahren ja nicht mehr ausgesehen!"
„Danke, das gebe ich gerne zurück, alter Freund!", entgegnete der Greyhound. Der Australian Shepherd sah an seinem schlammverschmierten Fell hinunter. Ich hoffte jedenfalls, dass es nur Schlamm war...
„Das letzte Mal, dass ich dich gesehen habe ist immerhin fast ein Vierteljahr her! Mamma Mia! Ihr wollt sicher was zu essen, oder? Ihr habt Glück! Ich habe extra für euch etwas zur Seite legen können, sodass es Paolo nicht gefunden hat. Bedient euch!", er schob uns einen Mülleimerdeckel mit allen möglichen Essensresten zu. Ich hätte ihn am liebsten von oben bis unten abgeschleckt, doch ich wollte vor ihm nicht das Gesicht verlieren.
„Danke, Salvatore, du rettest uns gerade das Leben!", lächelte Trueno und gab seinem alten Freund einen liebevollen Schlecker. Unser großzügiger Retter saß die ganze Zeit bei uns und wir aßen uns so richtig satt. Zuerst unterhielten sich Trueno und Salvatore über das brausende Hagelwetter, dann über die neuesten Straßennachrichten und dann über etwas, das mich völlig fertig machte...
„Da hinten ist vorhin ein Brand ausgebrochen", wuffte Don Salvatore und zeigte Richtung Westen. Jake wohnte westwärts von hier. Das war es auch noch nicht, was mir Sorgen machte. In Richtung Westen gab es viele Häuser, doch dann kam der entscheidende Schlag, der mich aus der Fassung brachte.
„Die Feuerwehrleute haben versucht den Brand zu löschen, doch da ist noch so ein amerikanischer Tierarztstudent drin, den sie einfach nicht finden können. Ich habe gehört, wie sie gesagt haben, dass seine vielen Bücher den Brand so sehr angeregt haben, dass sie kaum ins Innere des Hauses kommen. Ich wette, den finden die nicht mehr lebend und wenn, dann wird er mit ein paar Dachschäden rechnen müssen!"
Ich hörte nur amerikanischer Tierarztstudent und viele Bücher und es war klar, dass damit Jake gemeint war. Nein, nicht Jake! Nicht der einzige Mensch, dem ich vertrauen konnte! Nicht er!
Ohne auf die Reaktion der anderen zu warten sprang ich auf und rannte davon. Ich wollte zu Jakes Haus, um sicherzugehen, dass ich mich nur getäuscht hatte. Der Hagel peitschte mir auf den Rücken, doch ich spürte vor lauter Angst und Aufregung nichts mehr. Hinter mir hörte ich Sevens trommelnden Pfotenschlag. Er folgte mir. Natürlich! Auch er hatte kapiert, dass es sich bei dem brennenden Haus um das von Jake handelte. Nein, das wollte ich nicht glauben! Doch als ich dort ankam, konnte ich es mit eigenen Augen sehen.
Es war tatsächlich Jakes Haus und es brannte lichterloh. Neben mir kam Seven keuchend zum Stillstand. In einiger Entfernung Trueno, Juan, Stella, Charlie und Don Salvatore, die uns verwundert gefolgt waren. Ich sah, wie meinem weißen Freund die Tränen kamen.
„Jake!", schrie er panisch und wollte sich in die Flammen stürzen, doch ich hielt ihn zurück.
„Ich mache das!", jaulte ich und ging ein paar Schritte auf das Haus zu, doch die Flammen griffen um sich und so weigerte sich irgendetwas in mir, weiter zu gehen. Ich hatte Angst und wusste doch, dass ich nicht einfach hier stehen und zusehen konnte. Ich trabte nervös hin und her, dann gab ich mir einen Ruck und sprang durch eine Wand aus Flammen direkt ins Haus, bevor die anderen mich aufhalten konnten. Ich hörte die anderen noch rufen, doch ich ignorierte sie. Ich würde Jake finden, ich konnte ihn nicht einfach hierlassen. Der beißende Gestank des Rauches stieg mir in die Nase und ich musste röcheln. Ich hatte nicht viel Zeit, um den armen Kerl zu finden, sonst würde ich in dem Rauch ersticken.
Es war, wie unter dem Trümmerhaufen mit Charlie und dem kleinen Mädchen. Wenn ich mich vorsichtig genug bewegte, brauchte ich weniger Luft zum Atmen, also versuchte ich mich zu beruhigen und die Dinge zu ordnen. Wo würde ich hingehen, wenn in unserem Haus ein Feuer ausbrach und es keinen Ausweg gab? An einem Ort, an dem ich mich sicher fühlte. Das Schlafzimmer?
Ich tapste die Treppenstufen hinauf und suchte, doch in dem Schlafzimmer, das ich fand war niemand. Welche Orte gab es sonst noch? Das Bücherzimmer? Nein, da brannten die Bücher alle lichterloh. Es musste noch eine andere Möglichkeit geben! Das Bad? Ein gefliester Raum, wo es Wasser gab. Feuer fürchtete das Wasser! Hier würde es niemals zu brennen anfangen! Wenn er sich irgendwo noch aufhalten konnte, dann war es das Badezimmer!
Ich suchte nach Wassergeruch und fand ihn auch im oberen Stockwerk. Der Rauch hatte meine Nase fast vollständig betäubt. Ich war zuvor an diesem Raum vorbeigelaufen und hatte den Geruch von Jake völlig übersehen. Ich wollte die Tür auf stupsen, doch sie bewegte sich nicht. Kein Problem für mich. Das hatte ich bei uns im Haus schon öfter machen müssen. Ich stellte mich auf die Hinterpfoten und drückte den Henkel herunter. Immer noch nichts. Der Kerl hatte sich eingeschlossen!
Ein brennender Balken fiel von der Decke und schlug die Tür ein. Genau rechtzeitig! Ich brauchte eine Weile, bis ich durch die Tür geschlüpft war. Jake lag am Boden und hielt sich ein feuchtes Handtuch vor das Gesicht. Trotzdem schien er nicht mitzubekommen, was um ihn herum geschah. Der Rauch hatte ihm bereits das Bewusstsein genommen. Verflixt und zugenäht! Er hätte es mir ruhig etwas einfacher machen können!
In weniger als einer Sekunde packte ich den jungen Mann am Kragen und schleifte ihn aus dem Badezimmer zur Treppe. Ich fragte mich ernsthaft, wie ich es anstellen wollte, ihn aus dem Haus zu bekommen, ohne dass einer von uns großen Schaden nahm. Jake murmelte wirres Zeug während ich ihn einige Stufen hinunter zerrte. Ich konnte mir zwar vorstellen, dass es nicht besonders angenehm war, eine Treppe auf dem Allerwertesten hinunterzurutschen, doch das musste er aushalten, wenn er hier jemals wieder lebend rauskommen wollte.
Am Fuße der Treppe versuchte ich mich neu zu orientieren. Der Rauch war hier viel dichter und ich musste mich ganz auf meine Instinkte verlassen, um zu wissen wo ich überhaupt war. Ich konnte draußen die anderen hören, also war es nicht mehr weit bis zur Tür! Wieder griff ich Jake fest am Kragen und zerrte ihn in Richtung der Rufe meiner Freunde. Doch in die Richtung, in die ich gegangen war kam ich nur zu einer Wand.
Hatte ich mir die Rufe nur eingebildet? Da waren sie wieder, dieses Mal kamen sie von links. Ich hatte keine Wahl, als ihnen zu folgen. Doch auch hier versperrte mir wieder eine Wand den Weg. Das war die Küche! Irgendwo hier musste die Terrassentür sein. Ich legte Jake kurz ab und suchte nach einem Ausweg. Die Tür konnte ich finden, doch sie war verschlossen. Wenigstens hatte ich jetzt meine Orientierung zurück. Ich zog Jake in Richtung Haustür. Die allerdings war eingestürzt. Nicht schon wieder! Wo blieben nur die nötigen Hilfskräfte, wenn man sie brauchte?!
Ich erinnerte mich an ein Fenster in einem Nebenraum, das Jake meist offen stehen hatte. Wieder zerrte ich den hustenden und röchelnden Jake hinter mir her. Das Fenster stand wie erwartet auch heute offen. Ich hatte Glück! Jetzt musste ich es nur irgendwie schaffen Jake durch dieses Fenster nach draußen zu befördern.
Wenn ich heute darüber nachdenke war die ganze Situation ziemlich komisch. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte und rannte hin und her. Mir war schon ganz schwindelig von dem vielen Rauch, vor dem es hier drin kein Entrinnen gab. Wenigstens Jake sollte in Sicherheit sein, bevor ich starb. Dann hätte ich vor meinem Tod wenigstens noch eine gute Tat vollbracht.
Schließlich sprang ich auf einen Stuhl vor dem Fenster und packte Jake so fest ich konnte zwischen meinen Zähnen. Ich zerrte aus Leibeskräften an Jakes Kragen und es gelang mir sogar ihn über das Fensterbrett zu legen. So weit so gut, ich hatte es fast geschafft! Durch das Fenster gelangte ich nach draußen und zerrte Jake nun vollständig in Sicherheit. Eine große Menschenmenge stürzte sich direkt auf ihn, um ihm zu helfen. Meine Arbeit hier war also erledigt. Während ich auf dem Boden lag, um mich auszuruhen sah ich, wie Trueno, Stella, Charlie, Seven und Don Salvatore auf mich zukamen.
„Hey, wo ist denn Juan?", fragte Seven. Ich verstand nicht ganz, was er meinte.
„Juan war gar nicht bei mir", keuchte ich erschreckt zur Antwort. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. War er es gewesen, den ich im Haus gehört hatte?
„Er ist dir ins Haus gefolgt, um dich zurückzuholen!", bestätigte Seven meinen Verdacht. Nicht Juan auch noch! Ich machte kehrt und rannte blindlings zurück in das brennende Haus. Der Rauch war noch dichter geworden, doch dieses Mal vermischte er sich mit dem Wasserdampf der bereits laufenden Löscharbeiten. Jetzt war es im Inneren des Hauses nicht nur unerträglich heiß, sondern auch noch feucht. Die Asche setzte sich in meinem Fell ab, als hätte ich mich darin gewälzt.
Wo steckte Juan denn nur? Das letzte Mal, dass ich ihn gehört hatte, musste er an der Wand gewesen sein, zu der mich seine Rufe geführt hatten. Aber auf der anderen Seite der Wand wäre bloß der Garten gewesen. Vielleicht war er noch oben? Ich suchte die Treppe, kroch geduckt über den Boden, in der Hoffnung, ich könnte doch noch etwas sehen, aber der Rauch war so dicht, dass ich kaum den Boden vor meinen Pfoten sehen konnte.
„Juan!", jaulte ich. Ich meinte ihn oben hören zu können, wie er nach mir rief. Ich folgte seiner Stimme und hoffte, dass ich so die Treppe fand.
„Juan!", heulte ich noch einmal. Dieses Mal konnte ich seine Stimme deutlich hören. Vielleicht kam er mir ja auf halbem Weg entgegen. Dann musste ich nicht so lange suchen.
„Sam?!", hörte ich ihn rufen. Er klang nicht besonders freundlich. In diesem Tonfall hatte er mich noch nie gerufen. Na gut, in einem brennenden Haus war die Lage ja auch eine völlig andere.
„Juan, wo bist du denn?!", jaulte ich. Als mein Bruder erneut antwortete hatte ich endlich die Treppe gefunden. Ich kletterte sie röchelnd hinauf und merkte, wie langsam die Welt vor meinen Augen verschwamm, doch ich sammelte meine letzten Kräfte, um meinen Bruder zu finden. Wo auch immer er steckte.
„Ich bin hier, Sam!", rief er. Er war auf dem Dachboden. Dorthin führte eine Holztreppe. Er hoffte wohl, dass dort oben weniger Rauch sein würde. So war es aber leider nicht. Wahrscheinlich fand er jetzt nicht einmal mehr den Weg hinunter. Auch die zweite Treppe stieg ich unter großer Anstrengung hinauf. Als ich oben angekommen war, legte ich mich erst einmal zum Verschnaufen hin. Da wurde ich plötzlich von der Seite überrumpelt. Ich versuchte mich frei zu strampeln, doch mein Gegner hielt mich fest. Panisch zappelte ich herum und atmete eine große Menge der giftigen Gase ein, die sich hier oben gesammelt hatten, dann kniff ich die Augen gegen das lodernde Feuer zusammen und traute meinen Augen nicht. Mein Angreifer war Juan!
„Juan, ich bin's, Sam!", hustete ich, doch mein Bruder ließ nicht locker. Er schnappte nach mir, als wäre er verrückt geworden.
„Ich weiß genau, wer du bist!", keuchte er und schnappte nach meinem roten Halstuch. Ich schlug ihm meine Pfote auf den Kopf und versuchte schwer atmend aufzustehen.
„Was ist denn in dich gefahren, ich bin doch hier, um dir zu helfen!", kaum war ich aufgestanden fiel ich hustend wieder zusammen. Auch mein Bruder röchelte.
„Du hast die ganze Zeit bei diesem Menschen etwas zu essen bekommen und sagst uns kein Wort davon? Wir waren am Verhungern, Sam. Am Verhungern! Ich habe mich schon gewundert, was dir an diesen Fleischklößen liegt. Du bist noch schlimmer, als die schlimmste Krankheit!", ich schreckte zurück, als mein Bruder mich so anbellte. Ich wusste aber, dass er recht hatte.
„Was hast du denn vor?", wimmerte ich. Mein Bruder kam bedrohlichen Schrittes auf mich zu.
„Ich bin es leid immer nur in deinem Schatten zu stehen! Immer dreht sich alles nur um dich! Sam hier, Sam da. An mich denkt nie jemand. Ich bin immer nur der kleine Bruder mit den braunen Augen! Ich bin immer nur der Gehilfe des Geisterhundes. Schon mal daran gedacht, dass du auch nichts Besonderes bist, du bescheuerter Flohsack?", Juan drängte mich rücklings auf die Treppe zu. Die stand bereits lichterloh in Flammen und würde bei der kleinsten Berührung in sich zusammenfallen und denjenigen, der auf ihr stand in die Tiefe reißen.
„Warte mal! Du wolltest doch bei der Geisterhundenummer nie zuerst gesehen werden!", knurrte ich wütend, denn so einfach gab ich mich nicht geschlagen. Ich sprang auf Juan zu. Nun standen wir uns ab Abgrund gegenüber und knurrten uns an. „Außerdem hast du gesagt, dass ich der mutigere von uns beiden bin. Deshalb sollte ich doch auch immer als erster raus!"
„Mut, Pah! Dass ich nicht lache! Du würdest wahren Mut nicht einmal erkennen, wenn man ihn dir auf einem Silbertablett serviert. Das einzige, was du wirklich bist ist dumm und naiv! Naiv, weil du geglaubt hast, dass ich das mit dem mutig sein ernst gemeint habe und dumm, weil du dich immer als besonders mutig beweisen willst. Du bist kein Held, Sam, du bist noch nicht einmal eines ehrenhaften Todes würdig!".
Drohte Juan mir etwa? Was war nur los mit ihm, dass er solche schlimmen Dinge zu mir sagte? Mir, seinem Bruder, der mit ihm aufgewachsen und lange Zeit durch dick und dünn gegangen war.
„Hast du nie daran gedacht, warum ich wollte, dass die Kerle dich bei unserer Nummer immer zuerst sehen? Weil ich gehofft hatte, dass sie dich dann kriegen! Schade, dass das nie geklappt hat!"
„Juan!? Was ist nur in dich gefahren? Ich habe mich jahrelang um dich gekümmert, habe dir geholfen, als du mit Trueno eingefangen wurdest, habe dir in der letzten Zeit Futter besorgt, damit du überhaupt überlebt hast und so dankst du es mir?", ich hatte wieder einen Hustanfall. Meine Wut gegen meinen Bruder hielt sich zwar in Grenzen, weil er ja irgendwo recht hatte, doch mein Herz war gebrochen. Ich würde ihm nie wieder vertrauen können. Juan sträubte gereizt das Rückenfell.
„Du hast dich doch nie darum gekümmert, wie es mir ging. Dir ging es immer nur um Seven oder diesen blöden Menschen! Am meisten aber ging es dir doch eigentlich immer um dich! Du bist ein egoistischer Hund geworden! Du riskierst sogar dein Leben für ihn. Das ist so dumm! Du bist so ein rattenhirniger Idiot! Der Kerl lässt dich bei der nächsten Gelegenheit sitzen! Und dann landest du in einer Perrera oder schlimmer! Ein Wunder, dass mich das immer noch interessiert!"
Mein Bruder schien so zerbrochen zu sein, dass ihm die Verzweiflung den Verstand raubte.
„Das würde Jake niemals tun! Ihm kann man vertrauen!", ich wusste, dass das nichts an seiner Meinung zu Menschen ändern würde.
„Du würdest auch dem Schwarzen Mann vertrauen, wenn er dich füttern würde, du Narr! Menschen sind alle gleich und du bist selbst einer von ihnen geworden. Überheblich, besserwisserisch und einfach nur ekelhaft!"
„Du hast doch überhaupt keine Ahnung! Du bist hier der Besserwisser. Du handelst doch nur nach deinen eigenen Vorurteilen. Deine Angst vor Menschen macht dich völlig verrückt! Und jetzt hör schon damit auf, du alter Egoist!"
Ich sah, wie mein Bruder sich noch fester in seiner Kampfstellung halten musste, um nicht auf mich loszugehen.
„Ich soll ein Egoist sein?", fauchte er. „ICH?!"
Er sprang und wir kugelten über den Boden. Wir konnten uns keine wirklichen Schäden zufügen, denn dazu waren wir bereits zu schwach. Ich wunderte mich sowieso, warum wir noch nicht umgekippt waren, da sah ich, dass eines der Dachbodenfenster offen stand und uns mit Frischluft versorgte.
„Wo ist der Bruder hin, den ich immer so geliebt habe?", keuchte Juan während er versuchte mich auf den Rücken zu drehen.
„Das gleiche wollte ich dich gerade fragen", entgegnete ich und wälzte mich herum, sodass mein Bruder jetzt unten lag. Ich hustete und brach erneut zusammen. Ich spürte, wie sich die Fänge meines Bruders um meinen Nacken schlossen. Gleich war es vorbei. Er würde mich umbringen, damit er nicht länger in meinem Schatten stehen musste. Der Druck wurde stärker. Er kämpfte wohl noch mit sich selbst, ob er das wirklich wollte.
„Juan, tu's nicht...", flehte ich ihn an, doch mein Bruder hatte vollständig den Verstand verloren. Ich machte mich innerlich schon bereit das Zeitliche zu segnen, da krachte es plötzlich im Gebälk. Ein brennender Balken fiel direkt neben uns laut knarzend zu Boden und Juan ließ einen Moment lang von mir ab. Ich nutzte die Gelegenheit und stürzte mich auf ihn. Wieder kugelten wir auf dem Boden herum, wobei ich am Ende schließlich wieder unten lag. Den offenen Hals meinem besten Freund und gleichzeitig Todfeind zugewendet.
„Mutter, vergib mir!", heulte er und setzte zum finalen Schlag an, doch er hatte nicht mit meiner flinken Reaktion gerechnet. Ich trat ihn mit den Hinterpfoten in den Bauch und beförderte ihn damit weit von mir weg.
Er taumelte rückwärts und trat mit der Hinterpfote auf die instabile Treppe. In diesem Moment krachte die ganze Konstruktion zusammen. Juan fiel, konnte sich aber an dem entstandenen Vorsprung festklammern. Ich eilte ihm zu Hilfe, auch wenn ich das gar nicht mehr wollte. Wenigstes Trueno zuliebe. Meinen Bruder verließen langsam die Kräfte und er rutschte ab. Im letzten Moment packte ich seine Pfote mit meinen Zähnen und versuchte ihn zu mir hinaufzuziehen. Ungläubig starrte Juan mich an.
„Warte! Was machst du da? Warum hilfst du mir?", jaulte er heiser. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass ich nach alldem was er mir soeben vorgeworfen hatte noch irgendwelche Gefühle für ihn hatte. Aber da täuschte er sich. Er war doch mein Bruder.
„Ich glaube nicht, dass du das wirklich wolltest", entgegnete ich und zog so fest ich konnte, doch ich konnte einfach nicht mehr. Ich sah meinem Bruder in die Augen. Ich konnte Vergebung und Wärme in seinem Blick lesen.
„Ist schon...in Ordnung... lass' los!", hustete er. Ich versuchte verbissen, ihn zu mir hochzuziehen, doch es war alles vergeblich und ich rutschte immer näher auf den lodernden Abgrund zu.
„Nein, ich schaffe das. Ich kann dich nicht-"
„Lass los, Sam! Es ist in Ordnung. Bring' dich und die Anderen in Sicherheit. Es ist nicht nötig, dass wir beide sterben."
Ich hatte Tränen in den Augen. Ich weiß nicht mehr, ob vor Trauer, oder von dem Rauch, der wieder stärker geworden war. Ich zitterte und meine Zähne wollten Juan nicht länger halten. Juan hatte ebenfalls keine Kraft mehr. Seine Pfote glitt langsam aus meinem Griff. Schließlich konnte ich mich nicht länger auf dem Vorsprung halten. Meine Pfoten rutschten ab und vor Schreck ließ ich Juan los und er stürzte in ein Meer aus Flammen. Etwa zehn Meter lagen nun zwischen Dachboden und Erdgeschoss, nachdem dort keine Treppe mehr war, die einen Sturz abzufangen vermochte. Das Rauschen des lodernden Feuers hallte in meinen Ohren. Tränen versperrten mir die Sicht.
„Nein....nein....nein...", murmelte ich ungläubig und zitterte vor Verzweiflung, bis mir klar wurde, was gerade eben passiert war. „Nein. Juan!! Juan!!!", heulte ich, doch ich erhielt keine Antwort.
Ich versuchte mir einzureden, dass er noch am Leben war, aber so einen Sturz mitten in Feuer und Asche hatte er unmöglich überleben können. „Juan!!!", jaulte ich abermals verzweifelt, doch es nützte alles nichts.
Mein Bruder war nicht mehr bei mir. Vor lauter Verzweiflung wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich hatte schon lange keine Kontrolle über meine Sinne mehr. Die nächsten Sekunden sind nur noch verschwommen. Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie ich orientierungslos im Kreis gerannt bin, weil ich nicht wusste, wohin ich gehen sollte.
Schließlich setzte ich mich hin und jaulte. Ich jaulte so laut und solange ich konnte. Zumindest als das einzige Trauerritual, das ich meinem Bruder jetzt bieten konnte. Dann brach ich vollständig zusammen und mein Bewusstsein verließ mich. Das letzte an das ich mich erinnern kann sind zwei dick eingepackte Hände, die mich hochhoben und eine weibliche Stimme, die rief:
„Ich habe ihn! Ihr könnt mich jetzt hochziehen!"
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