5 | Feierabend, Code & Konsequenzen
Der Tag ist vorbei. Theoretisch. Praktisch sitze ich immer noch vor meinem Laptop, starre auf den Bildschirm, als würde sich Lukas' Nachricht von selbst erklären.
Tut sie natürlich nicht. Männer tun das nie.
„Voss."
Ich zucke zusammen. Holt steht hinter mir, Jacke über der Schulter, sein Gesicht so müde, dass selbst sein Bartschatten erschöpft aussieht.
„Feierabend", sagt er.
Verwirrt blinzle ich. „Sie meinen das ernst?"
„Ausnahmsweise. Kommen Sie, ich bringe Sie heim."
Skeptisch hebe ich eine Braue. „Bringen Sie alle Ihre Mitarbeiter persönlich nach Hause oder bin ich nur das Versuchskaninchen für Ihre soziale Kompetenz?"
„Sie wohnen am anderen Ende der Stadt. Ich will nur sicherstellen, dass Sie nicht noch schnell in irgendein Hackerloch verschwinden."
„Ich nenne das Freizeitgestaltung."
Erschöpft schalte ich den Laptop aus, stehe auf und nehme meine Jacke, während Holt die Lampe auf meinem Tisch ausschaltet.
Im Auto läuft leise Jazz. Natürlich. Holt ist so ein Typ. Der Mann sieht aus, als würde er Whisky im Regen trinken und dabei über moralische Grauzonen nachdenken. Ich dagegen bin mehr so die „Pizza um Mitternacht und schlechtes WLAN"-Fraktion.
„Sie sind ungewöhnlich still", sagt er irgendwann.
„Ich genieße den Moment, in dem mich niemand anschreit oder mir Kugeln um die Ohren fliegen."
„Oder Sie denken an Lukas."
Meine Schultern heben sich kurz. „Oder an Kaffee. Die Gefühle sind ähnlich."
Er wirft mir diesen halben Seitenblick zu, der irgendwo zwischen Skepsis und Faszination liegt. Ich tue so, als merke ich es nicht, aber natürlich merke ich es. Ich nehme alles wahr, was diesen Mann betrifft. Nur würde ich das niemals laut zugeben.
Als wir vor meinem Haus ankommen - unscheinbar, zweiter Stock, kaputtes Türschild - und wir aus dem Auto aussteigen, öffnet sich oben ein Fenster.
Eine vertraute Stimme ruft: „Nora! Sag nicht, du hast wieder vergessen einzukaufen!"
Leise stöhne ich auf. „Großartig. Meine Schwester ist zu Hause."
„Sie haben eine Schwester?" Holt klingt nicht überrascht. Klar, er kennt meine Akte bereits.
„Ja. Und sie hat einen sechsten Sinn für Peinlichkeiten."
Bevor ich ihn warnen kann, ist sie schon unten. Lara. Barfuß, Jogginghose, übergroßer Pulli. Das genaue Gegenteil von mir, wenn ich nicht arbeite - also praktisch immer.
„Oh! Besuch!" Ihre Augen leuchten. „Und was für einer."
Ich verdrehe die Augen. „Lara, das ist Detective Holt. Holt, das ist Lara. Sie ist eine Naturkatastrophe auf zwei Beinen."
„Hallo!", sagt sie und reicht ihm die Hand, mit einem Lächeln, das verdächtig unschuldig aussieht. „Sie sind also der berüchtigte Chef meiner Schwester?"
Holt nickt höflich. „Berüchtigt klingt bedrohlicher, als es ist."
„Ach, ich weiß nicht. Nora redet ziemlich oft über Sie."
Ich verschlucke mich an meiner eigenen Luft. „Was?!"
Lara grinst nur. „Na ja, sie hat Worte benutzt wie streng, nervig, gutaussehend auf die schlimmste Weise..."
„Ich bring dich um", knurre ich meine Schwester an.
„Siehste, das sagt sie auch oft."
Holt versteckt sein Grinsen überhaupt nicht. Ihn scheint das Gespräch mehr als zu amüsieren. „Interessante Arbeitsdynamik."
„Nennen wir's ein laufendes Experiment", murmele ich.
Lara lehnt sich an den Türrahmen. „Wollen Sie noch auf einen Kaffee reinkommen, Detective?"
„Lara!", warne ich.
„Was? Ich bin nur höflich!"
Holt hebt eine Braue, sieht mich an - ein winziger, fast spöttischer Funke in den Augen. „Nur auf einen Kaffee."
Ich seufze. „Na wunderbar. Willkommen im Chaos."
Zehn Minuten später sitzen wir in meiner Küche. Lara redet, Holt hört zu, und ich überlege, ob es moralisch vertretbar wäre, mich selbst mit der Kaffeekanne zu erschlagen.
„Also, Detective", sagt Lara, „wie ist das so, mit Nora zu arbeiten? Ich meine, sie war ja nie so der Teamplayer."
Fast spucke ich meinen Kaffee aus. „Lara!"
„Ich frage ja nur! Das ist journalistisches Interesse."
Holt nippt ruhig an seiner Tasse. „Anstrengend. Aber interessant. Sie überrascht mich täglich."
Ich ziehe eine Braue hoch. „Interessant im Sinne von ‚nervt mich zu Tode'?"
„Im Sinne von ‚macht mich nachdenklich'."
Lara grinst breit. „Aha. Ich sehe schon, Sie verstehen sich."
„Wir überleben zusammen", korrigiere ich.
„Das ist doch ein Anfang", sagt Holt trocken.
Ein paar Minuten später kichert Lara über irgendwas, das ich verpasst habe, und Holt sieht tatsächlich entspannt aus. Es ist ... seltsam. Fast normal. Kein Lukas, kein Druck, kein Adrenalin. Nur Kaffee, Regen draußen, zwei Geschwister, ein Detective.
Für einen Moment vergesse ich, warum ich überhaupt hier bin. Warum ich ständig auf der Hut bin.
Für einen Moment bin ich einfach Nora. Und mir wird bewusst, wie sehr ich das vermisst habe.
Plötzlich vibriert mein Handy auf dem Tisch. Nur kurz. Eine Benachrichtigung - verborgen, verschlüsselt, unscheinbar.
Ich erkenne das Symbol sofort. Lukas.
Langsam schiebe ich das Handy in die Tasche, trinke den letzten Schluck Kaffee und lächle, als wäre nichts. Holt merkt es. Natürlich merkt er es. Ihm entgeht auch gar nichts.
Er stellt seine Tasse ab. „Alles okay?"
„Perfekt", sage ich und lüge, wie ich atme.
Er sieht mich lange an. „Gut. Dann sehen wir uns morgen, Voss."
Ich nicke. Lara winkt ihm lächelnd nach, während ich versuche, meinen Puls zu beruhigen.
Kaum ist er draußen, sagt sie: „Du stehst total auf ihn."
Schockiert starre ich sie an. „Ich steh auf Kaffee, Sarkasmus und funktionierende Firewalls. Das war's."
Sie grinst nur. „Klar. Und ich bin die Queen von England."
Leicht lehne ich mich gegen die Wand, das Handy in der Hand, der Bildschirm dunkel.
„Wenn du wüsstest, Lara", flüstere ich. „Wenn du nur wüsstest."
Mit kribbelnden Fingern warte ich, bis die Wohnung wieder still ist. Lara hat sich mit einer Serie auf die Couch verkrochen, Kopfhörer im Ohr, wahrscheinlich wieder irgendein True-Crime-Ding, das sie „recherchieren" nennt. Ich sitze in meinem Zimmer, das Licht ist gedimmt, der Laptop aufgeklappt. Und da ist sie - die Nachricht.
„Spiel Nummer zwei beginnt."
Nur fünf Worte.
Fünf kleine, lächerlich harmlose Worte, die es schaffen, mir gleichzeitig Gänsehaut und Wutanfälle zu verpassen.
Ich starre sie an, als würde der Bildschirm mir irgendeine Antwort geben. Tut er nicht. Natürlich nicht. Lukas war schon immer gut darin, Rätsel zu hinterlassen, keine Lösungen.
Seufzend lehne ich mich zurück, schließe kurz die Augen.
Holt.
Sein Blick, sein verdammtes Pokerface, als hätte er schon geahnt, dass etwas kommen würde.
Fast kann ich ihn hören: „Wenn er Kontakt aufnimmt, sagen Sie es mir."
Klar, Detective. Und danach darf ich Ihnen noch meine tiefsten Ängste anvertrauen und eine Selbstanzeige schreiben, oder was?
Ich öffne ein neues Fenster. Kein Mailprogramm, keine Chatsoftware - etwas Eigenes. Altbekannt, vertraut. Mein kleiner digitaler Rückzugsort.
„Na dann, Spiel Nummer zwei", murmele ich. „Mal sehen, wer diesmal die Regeln schreibt."
Meine Finger fliegen über die Tastatur, lasse den Code fließen, wie andere Leute atmen. Funktion um Funktion. Ein Programm, das wie ein Spinnennetz im Hintergrund hängt, unsichtbar, still. Wenn Lukas denkt, er kann mich wieder an der Nase herumführen, dann hat er vergessen, mit wem er es zu tun hat.
„Du wolltest spielen", flüstere ich. „Also spiel."
Ich schreibe schnell, fast mechanisch. Meine Finger bewegen sich automatisch über die Tastatur. Ziel: Eine Schnittstelle, die seine nächsten Nachrichten nicht nur empfängt, sondern zurückverfolgt. Nicht in die übliche Richtung - nicht über Server, die er längst manipuliert hat. Sondern etwas anderes. Eine Lücke in seinem eigenen Muster. Er hat immer dieselbe digitale Handschrift. Kleine Spuren.
Und diesmal will ich sie alle.
Lara klopft kurz an die Tür. „Nora? Alles okay?"
Ohne aufzusehen, tippe ich weiter. „Ja. Ich programmiere nur."
„Schon wieder?"
„Hast du jemals erlebt, dass ich nicht programmiere?"
„Fairer Punkt. Willst du Tee?"
„Kaffee."
„Es ist Mitternacht!"
„Dann doppelt."
Sie lacht, geht wieder. Ich atme auf.
Der Code wächst, Zeile für Zeile, bis ich fast vergesse, dass mein Herz immer noch rast.
Ich funktioniere. Das ist das Einzige, was ich wirklich kann - funktionieren.
Ich weiß, was Holt sagen würde, wenn er mich jetzt sehen könnte: „Sie spielen mit dem Feuer, Voss."
Und ich würde antworten: „Feuer wärmt. Wenn man weiß, wie man's kontrolliert."
Das Problem ist nur: Lukas weiß das auch.
Sobald ich die letzte Zeile tippe, lehne ich mich nach vorne. Ein kleines, unscheinbares Symbol blinkt auf. Ich nenne es Rückgrat. Ironisch, klar. Aber irgendwie passend.
„Du warst immer zu selbstsicher, Lukas", flüstere ich. „Und das wird dich diesmal umbringen."
Mit meiner leeren Tasse verlasse ich mein Zimmer. Mein Blick fällt auf die Theke in Küche. Dort steht noch die Kaffeetasse von vorhin - Holts Tasse. Halb leer und vergessen. Ich weiß nicht, warum ich sie nicht wegräume. Vielleicht, weil sie in diesem Chaos so fehl am Platz wirkt. Oder weil sie mich daran erinnert, dass da draußen jemand ist, der mich sieht. Nicht so, wie Lukas es getan hat - mit Berechnung - sondern mit ... Neugier. Und Misstrauen. Und vielleicht, ganz vielleicht, einem Hauch Respekt.
Ich lächle schmal. „Er würde mich hassen, wenn er wüsste, was ich gerade tue."
Dann zucke ich mit den Schultern. „Oder er würde mir helfen. Schwer zu sagen."
Seufzend sehe ich aus dem Fenster. Der Regen prasselt gegen die Scheibe. Die Stadt unter mir schläft nie wirklich. Sie glüht in kaltem Neon, leuchtet wie ein unruhiger Herzschlag.
Ich frage mich, ob Holt jetzt auch wach ist. Ob er ahnt, dass ich längst wieder im Spiel bin. Oder ob er glaubt, ich schlafe friedlich, während er in seiner schicken Wohnung sitzt und versucht, mich zu durchschauen.
Soll er ruhig. Ich bin kein offenes Buch. Ich bin ein verdammtes Rätsel.
Und diesmal bin ich diejenige, die die Regeln schreibt.
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