Bruchstück
Da war es wieder. Dieses Gefühl, das sie jedes Mal überkam, wenn sie diesen Song hörte. Augenblicklich hielt sie in ihrer Bewegung inne. Dem Gefühl folgten Erinnerungen. Sie verbanden sich - wurden eins. Erinnerungen verschwammen zu einer Welle aus Gefühlen. In ihren Gedanken versunken ließ sie sich auf ihr Bett sinken, starrte das Radio an, aus dem diese Melodie kam. Jeder Takt, jedes Wort, jede einzelne Note des Songs war ihr so schmerzlich vertraut, dass sie das Gefühl hatte, nicht mehr atmen zu können.
Mit aller Kraft riss sie ihren Blick los und erhob sich. Sie ging zu ihrem Schreibtisch und öffnete eine der Schubladen. Dann hielt sie kurz inne, bevor sie ein wenig darin kramte und schließlich einen Bilderrahmen herauszog. Ihre Lippen waren kaum mehr als ein Strich, als sie das Foto in ihren Händen betrachtete. Es war erst vor einem Jahr aufgenommen worden, dennoch kam es ihr so vor, als wäre jener Augenblick, der für immer festgehalten wurde, schon eine Ewigkeit her.
Ihr Blick wanderte über ihr eigenes Gesicht auf dem Foto. Ein breites Grinsen zierte ihr Gesicht und sie wirkte glücklich und zufrieden. Damals war sie das auch gewesen. Warum hätte sie das auch nicht sein sollen? Sie hatte schließlich alles gehabt. Heute war sie nicht mehr glücklich und auch nicht zufrieden. Und wenn sie ehrlich war, wusste sie überhaupt nicht mehr, wann sie das letzte Mal gelächelt hatte.
Er hatte all das mitgenommen. Er, der Mann neben ihr auf dem Bild. Sie wagte es kaum, in sein Gesicht zu blicken. Ein Stich durchfuhr ihr Herz, als sie es schließlich doch tat. Sie betrachtete seine Augen. Das Strahlen, die Wärme und all das, was sie stets in diesen gesehen hatten, waren in der Fotografie nicht ersichtlich. Sie ließ ihre Augen weiter zu seinem Mund wandern und konnte förmlich sein Lachen hören. Ein trauriges Lächeln zierte ihre Lippen, als sie an jenen Moment zurückdachte, als dieses Foto entstanden war.
Die letzten Töne seines Lieblingssongs erklangen, während sie aufstand und das Radio genau in dem Moment abschaltete, als er zu Ende war. Sie hätte nun kein anderes Lied, keine Werbung oder sonst etwas ertragen. Nichts außer dieser Stille, die nun den Raum erfüllte. Noch immer hielt sie das Foto in ihren Händen.
"Du Idiot", murmelte sie schließlich leise. Ein Schluchzen verließ ihre Kehle, als sie den Fotorahmen an ihre Brust presste und die Tränen, die sich in ihren Augen gesammelt hatte, nicht mehr länger zurückhielt.
"Wie konntest du nur?" Sie lehnte sich gegen die Wand und schüttelte ihren Kopf. "Wie konntest du dein Versprechen nur brechen?"
Vor ihrem inneren Auge sah sie sein Gesicht. Sie hörte sein Lachen, sie spürte seine Nähe. Und dann kam alles zurück. Jeder Augenblick mit ihm, jedes Gespräch, jedes seiner Versprechen. All das, was sie erlebt hatten. Bedauern mischte sich mit Trauer und diese wurde schließlich zu Wut. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt, als sie ihre Augen wieder öffnete. Ein lauter Schrei erfüllte das Zimmer, als sie den Bilderrahmen mit aller Kraft gegen die Wand schmiss. Als das Glas des Rahmes zerbrach, hatte sie das Gefühl, dass auch ihr etwas zerbrach.
Ihr ganzer Körper begann zu zittern, während sie so bitterlich weinte, wie sie es schon lange nicht mehr getan hatte. Sie weinte um ihn, um ihre Zukunft, um all das, was sie nun nicht mehr hatte. Sie weinte um das, was er ihr genommen hatte, als er einfach gegangen war. Als er nicht auf sie hören wollte. Sie weinte, wie sie noch nie zuvor geweint hatte.
Sie wusste nicht, wie lange es dauerte, doch irgendwann schien sie keine Tränen mehr zu haben. Nicht für ihn. Nicht für sich. Für niemanden. Schwer atmend verbarg sie ihr Gesicht in ihren Händen. Sie wusste, dass es so kommen hatte müssen. Schließlich hatte sie zugelassen, dass sich all das viel zu lang in ihr aufstaute.
Tief durchatmend ließ sie ihre Hände sinken. Ihr Blick war auf den zerbrochenen Bilderrahmen gerichtet, als sie sich mühsam aufrichtete. Für einen Augenblick stand sie einfach nur da, dann durchquerte sie in wenigen Schritten das Zimmer. Sie schnitt sich mehrfach an den Überresten des Rahmens, als sie alles aufhob, doch es war ihr egal. Schnell verfrachtete sie alles in dem Mülleimer, bevor sie das Foto aufhob. Blut verteilte sich auf dem Foto, als sie mit einem Finger über sein Gesicht strich.
"Du Idiot", murmelte sie erneut. "Du hast alles zerstört."
Sie sah ihn an, beinahe so, als wartete auf eine Antwort, die jedoch niemals kommen würde. Kopfschüttelnd ging sie auf den Mülleimer zu. Sie zögerte, als sie sich erneut alles in Erinnerung rief. Dann zerriss sie das Foto ohne noch einmal darüber nachzudenken und ließ ein paar Stücke in den Müll wandern.
"Du hast alles zerstört." Sie ließ auch die letzten Stücke des Fotos fallen. "Du hast mich zerstört."
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top