11. Kapitel - Tick, Trick und Track
Starr blickte ich auf den Kalender vor mir. Fast vier Jahre. Schon fast vier Jahre lebte ich nun hier. Ich saß im Unterschlupf und wartete. Joe hatte einen Auftrag für mich. Aber er ließ sich Zeit. Dies war nicht weiter ungewöhnlich, aber dafür nervig. Ich hatte es aufgegeben einen Weg aus Dallas zu finden. Es gab nur einen Ort, an den ich wollte und der war leider noch ein paar Jahre entfernt.
Seufzend wandte ich mich ab und fing an im Gang auf und ab zu gehen. Eine Eigenart, die ich mir in den vergangenen Jahren angeeignet hatte. Überrascht blieb ich stehen, als ich Kopfschmerzen bekam. Durch mein ständiges Training wurde ich meistens vorgewarnt, bevor ich eine Vision hatte. Aber Visionen hatte ich in Dallas nur wenige.
Schnell blickte ich mich um, entdeckte dass ich allein war und ließ mich dann auf die Vision ein.
Nachdem ich meine Augen wieder geöffnet hatte, schallte mir sofort Musik entgegen. Ich befand mich in einer Menschenmenge. Meist ältere Damen und Herren. Alle fein gekleidet und tanzend. Ich konnte mich wieder nicht bewegen und musste somit an Ort und Stelle verweilen.
Die Musik war ruhig und die meisten Gesichter lächelten. Mit runzelnder Stirn musterte ich die Tanzfläche. Weshalb war ich hier?
Ein herzhaftes Lachen, war das erste Geräusch, welches nicht Musik war, was ich hörte. Schnell drehte ich mich in die Richtung des Lachens und erkannte auch die Frau, die gelacht hatte. Sie trug ein blaues Kleid, hatte karamellfarbene Haut und schulterlange braune Haare. Sie war hübsch und ihr Pony stand ihr wirklich gut.
Lächelnd beobachtete ich die Frau, die anscheinend eine gute Zeit hatte. Mein Lächeln gefror mir aber, als ich den Tanzpartner erkannte.
Muskulöse Statur, braune Augen, attraktives Gesicht. Nur der längere Bart und die Haarlänge war neu. Und ich hatte Diego bisher noch nie in einem Anzug gesehen. Er sah gut aus. Und glücklich. Meine Hand wanderte, wie von selbst zu meinem Gürtel, wo mein Messer steckte. Diegos Messer steckte.
Ich schluckte den Kloß in meinem Hals runter und holte tief Luft. Meine Atmung wurde schneller, weswegen ich mich abwandte.
Sobald ich meine Augen geschlossen hatte, spürte ich wie meine Kopfschmerzen verschwanden. Ich war wieder in der Realität.
„Kate?"
Ich zuckte leicht zusammen und drehte mich schnell zu Joe um. Nebenbei löste ich meine verkrampften Hände und legte meinen Kopf fragend zur Seite.
Joe musterte mich kurz, entschloss sich aber dazu, nicht nachzufragen, sondern erklärte: „Ich will Phlox eine Nachricht schicken. Da drinnen sitzt einer von seinen Leuten. Lass ihn am Leben, aber schau das es kein schönes mehr für ihn wird"
„Verstanden"
Joe ging an mir vorbei und ich betrat den Raum. Sofort fiel mir der junge Mann in der Mitte auf. Er sah gut aus. Dunkle Haut und große braune Augen, die mich kalt musterten. Er hatte also keine Angst. Noch nicht.
Langsam schloss ich die Tür hinter mir und schritt dann auf den an den Stuhl gefesselten Mann zu. Normalerweise ließ ich mir etwas Zeit, doch dieses Mal musste ich mich nicht seelisch drauf vorbereiten. In meinen Fingern juckte es. Ich wollte sofort mein Messer ziehen und irgendwen leiden lassen. Aber ich erinnerte mich, dass dieser Mann nichts für meine Vision konnte.
Vor dem Mann angekommen, blieb ich stehen und fing an zu sprechen: „Das wird jetzt etwas wehtun"
Bevor der Mann etwas erwidern konnte, hatte ich schon seine Schulter gepackt und ihn in eine spirale seiner Zukunft geschickt. Er schrie sofort auf, fing sich aber rasch. Beeindruckt entfernte ich mich etwas. Er war stark, dass musste man den armen Kerl lassen.
Nun zog ich doch mein Messer und wirbelte es zwischen meinen Fingern. Der Blick des Mannes wanderte immer zwischen mir und dem Messer hin und her.
„Was bist du?", fragte er. Er blickte mich immer noch gefasst an, aber in seiner Stimme konnte ich ein leichtes Zittern raushören.
Ich setzte zu einer Antwort an und hob mein Messer um...
„Kate!"
Die Tür hinter mir wurde aufgerissen und Chuck, ein anderes Mitglied kam in den Raum gerannt. Genervt drehte ich mich zu ihm um, nur um geschockt meine Augen aufzureißen. Er blutete. Stark.
„Was ist los?"
„Drei Männer. Sie—"
Er kam nicht mehr dazu den Satz zu beenden. Er brach einfach vor mir zusammen. Kurz stand ich erstarrt da, dann hörte ich weitere Schüsse. Chucks Augen waren noch weit aufgerissen, was mir zeigte, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilte.
Ich wirbelte herum und drückte mein Messer an die Kehle des Gefangenen.
„Ist das Phlox' Werk?", zischte ich und übte noch etwas mehr Druck aus.
„Nein! Er würde sowas nie wagen"
Irgendwie wusste ich, dass das die Wahrheit war. Fluchend entfernte ich mich und verließ den Raum. Ich würde rausfinden was los war. Wenn wir angegriffen wurden, musste ich schnellstens hier weg.
Ich schlich mich die Gänge entlang, darauf bedacht keinen Lärm zu machen. Die Schüsse hatten aufgehört, weswegen ich nicht wusste wo sich die Angreifer befanden. Diese Frage wurde mir aber schnell beantwortet, als ich um die nächste Ecke trat.
Zwei relativ große Männer standen ein paar Meter entfernt vor mir. Beide waren blass und hatten auffallend blonde Haare. Auf jeden Fall Skandinavier. Und auf jeden Fall nicht freundlich.
Gerade so schaffte ich es noch in den nächsten Gang und konnte somit den Kugelhagel ausweichen. Ich rannte und versuchte so oft den Gang zu wechseln, wie es ging. Leider hatte ich eine blöde Abzweigung erwischt und rannte direkt in den dritten Mann.
Aus Reflex kickte ich ihm das Gewehr aus der Hand und stach zu. Er fing meine Hand aber ab und boxte mir in die Seite. Keuchend schwankte ich, konnte mich aber fangen und rechtzeitig ausweichen. Beim Ausweichen konnte ich mit dem Messer seinen Oberschenkel treffen, was ihn aber nicht einmal zu stören schien.
Der Kerl drehte sich sofort wieder um und schlug nach mir. Ich wich nach rechts aus, schnitt seine Seite leicht, kassierte dafür aber einen Tritt, der mich gegen die Wand beförderte. Bevor ich ausweichen konnte, bekam ich einen Schlag gegen meinen Kiefer und ging zu Boden.
Ich spuckte Blut aus, konnte mich aber etwas aufrichten. Mein Angreifer griff nach mir, ich konnte ihn aber das Messer in den Fuß rammen und ihn zu Boden reißen. Schnell, bevor die anderen beiden dazukommen konnten, sprang ich auf und rannte stolpernd weiter.
Ich bog wieder ab und rannte auf den Hinterausgang zu. Schritte hinter mir, ließen mich einen Zahn zulegen und gerade als die ersten Schüsse hinter mir ertönten, schmiss ich mich gegen die Stahltür und war im Freien.
Rasch wirbelte ich herum, schloss die Tür und schob den massiven Riegel vor. Ich hörte die Schüsse gegen die Tür prallen, wusste aber, dass die Tür zumindest eine Weile standhalten würde. Keuchend lehnte ich meine Stirn gegen die Tür und schloss kurz meine Augen.
Als ich sie wieder öffnete, blickte ich an mir herunter. Meine hellen Klamotten waren voller Blut. Vermutlich von meinem Angreifer und mir. Immer noch etwas keuchend, richtete ich mich auf und drehte mich schnell um nur um wieder abrupt stehen zu bleiben. Vor Schreck ließ ich sogar das Messer los, welches ich die ganze Zeit fest umklammert hatte.
Die drei Menschen, die mir gegenüberstanden, blickten kurz zum Messer und dann wieder zu mir. Vor mir standen Fünf, Diego und die Frau aus meiner Vision. Die ersten beiden musterten mich mit schreckgeweiteten Augen.
Bevor irgendeiner etwas sagen konnte, knallte es hinter mir. Automatisch wirbelte ich herum, fischte das Messer von Boden auf, und stellte mich in Angriffsposition vor die Tür. Ich realisierte aber, dass die Tür immer noch hielt. Die Angreifer warfen sich aber von der anderen Seite dagegen.
„Harten Tag gehabt, was?", hörte ich die Frau hinter mir fragen. Langsam drehte ich mich zu den anderen um. Diego und die Frau sahen so aus wie in meiner Vision. Fünf sah aber immer noch genau wie früher aus. Immer noch in Angriffsposition musterte ich die Gruppe schweigend.
„Du kannst das Ding da runternehmen. Wir tun dir nichts! Wir tun ihr doch nichts?" Den Schluss sprach die Frau leiser an Diego gewandt. Dieser musterte mich immer noch mit großen Augen. Fünf fing sich aber anscheinend wieder und ging nun vorsichtig auf mich zu.
„Katy? Wir sind es nur. Du kannst das Messer runternehmen"
Immer noch misstrauisch schüttelte ich den Kopf. In meinen Jahren hier hatte ich gelernt, nicht mehr so einfach zu Vertrauen.
Es knallte wieder hinter mir und Fünf wurde nun etwas unruhiger.
„Bitte Katy. Die da drinnen sind ein echtes Problem und ich würde dich nur ungern zwingen mitzukommen. Ich kann dir dann auch erklären was passiert ist"
Langsam ließ ich das Messer sinken und steckte es mir schließlich wieder in den Gürtel. Auch wenn ich nicht sehr gut auf die Personen vor mir zu sprechen war, wusste ich, dass von ihnen nicht wirklich Gefahr ausging. Im Gegensatz zu Tick, Trick und Track hinter mir.
Erleichtert nickte Fünf kurz und deutete dann uns ihm zu folgen. Ich blieb das Schlusslicht und hielt auch Abstand, was sich erst ein paar Gassen weiter änderte.
Fünf blieb stehen und murmelte: „Hier sollten wir kurz in Ruhe reden können. Du gehst etwas weg!"
Die Frau, die Fünf auch damit angesprochen hatte, musterte ihn vorwurfsvoll, tat aber dann wie geheißen und entfernte sich ein paar Meter.
Fünf wollte wieder sprechen, ich unterband, dass aber sofort. „Ihr seid spät"
„Ja, tut uns leid. Wir wussten zuerst nicht, wo du bist. Du hast auf jeden Fall Glück gehabt. Die Typen—"
„Das meine ich nicht"
Fünf blickte nun etwas verdattert drein und dachte wohl nach, was ich sonst meinte. Diego währenddessen starrte mich die ganze Zeit nur an, was mich besonders reizte. Als ich seinen Blick erwiderte, schaute er sofort weg und ich fühlte mich automatisch etwas wohler in meiner Haut.
„Ich bin erst seit heute Morgen hier und Diego erst seit zwei Monaten, die er fleißig in der Klapse verbracht hat. Wie lange bist du schon hier?"
Während Diego Fünf böse anstarrte, antwortete ich: „Drei Jahre, Sieben Monate und vier Tage"
„Ach du scheiße"
Es war das erste Mal, dass Diego etwas gesagt hatte.
„Hast du in der Zeit einen der anderen gesehen?", fragte Fünf.
Sofort schüttelte ich meinem Kopf und lehnte mich gegen die Häuserwand. Langsam spürte ich die Schläge und Tritte, was wohl bedeutete, dass mein Adrenalin nachließ.
Fünf musterte mich eindringlich und seufzte dann: „Wir müssen dich verarzten und dann suchen wir die anderen. Bevor du auch noch auf dumme Ideen wie Diego kommst, sag ich dir gleich, dass die Apokalypse kommt. Diesmal sehr viel früher und wir müssen sie erneut verhindern und wieder in unsere Zeit kommen. Also brav mitkommen!"
Als er seine kleine Rede beendet hatte, setzte er sich in Bewegung. Kurz ging ich seine Worte durch und folgte ihm dann schnell. Diego und die Frau gingen hinter uns.
„Die Apokalypse findet hier statt?", fragte ich mit zusammengebissenen Zähnen.
„Ja. Und noch habe ich keine Ahnung wieso"
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top