32 - Hol dir endlich Eier

"Sollen wir mitkommen?", vergewisserte sich Lea, als ich aufstand und meine Cap wieder aufsetzte.
Ich schüttelte den Kopf und gähnte gespielt.
"Passt schon. Ich geh da rein, hol mir diese verdammte Erlaubnis und dann geht's ab!"
Oder auch nicht. Wäre mir recht.
Ich bildete Pistolen mit meinen Zeigefingern und schoss damit in die Luft, was die anderen zum Lachen brachte.
"Ich lass den Rucksack bei euch, okay? Passt mir ja gut drauf auf!"
Lea und Roman salutierten kichernd: "Jawohl, Sir."
Rollins lächelte mich aufmunternd an, doch ich wusste nicht wirklich, wie ich antworten sollte.
Zu winken? Auch lächeln? Etwas sagen? Nein.
Ich drehte mich um und verließ die Cateringhalle. Nachdem ich vier Wochen lang mit den anderen beim Training gewesen war, kannte ich mich hier schon recht gut alleine aus. Ich würde den Weg zum Untersuchungszimmer mit Sicherheit alleine finden.
Doch da machte mir jemand einen Strich durch die Rechnung.
"Kleines", rief er mir nach.
Verwirrt drehte ich mich um, um einen Randy zu sehen, der mir hinterher joggte.
"Du musst mir das alles erklären. Was ist los mit dir? Du fährst mit Rollins zusammen, obwohl du seit 3 Wochen kein einziges Wort mehr mit ihm gewechselt hast, hast total rote Augen und siehst blass aus, redest kaum mit uns und isst nichts. Was hat er gemacht?"
Er hat meinen Stolz gebrochen und mich in seinen Armen gehalten, nachdem ich einen mentalen Zusammenbruch in meinem Auto hatte. Das hat er gemacht

"Es liegt nicht an ihm... Also ich meine, ja tut es, aber nicht nur. Randy, ich...", ich seufzte leise und senkte den Kopf.
Dann spürte ich, wie Randy mich in den Arm nahm und an sich drückte.
"Was ist los?", wiederholte er sich leise, "Ich weiß, du magst es nicht, über deine Gefühle zu sprechen, aber du solltest mal deinen Schatten überspringen und über die Dinge reden, die dich bedrücken. Ich werde dich nicht loslassen, bist du's tust." Wenn ich zu spät oder gar nicht zum Termin erscheine, kann ich die Ringfreigabe nicht bekommen. Guter Plan.
"Rede, Bonny. Ich zwinge dich ungerne, aber tu es. Jetzt."
Alleine bei dem Gedanken, ihm von allem zu erzählen, stand mir das Wasser schon wieder zu den Wimpern.
"Ich hasse dich dafür", presste ich zwischen zwei kurzen, unkontrollierten Atemzügen hervor. "Ich hab dich auch lieb, Kleines", ich konnte das warme Lächeln in seiner Stimme förmlich hören.

"Es ist einfach alles, was in den letzten Wochen passiert ist. Der Schock mit der Amnesie und dass ich euch alle plötzlich kennenlernen musste. Dass ihr alle mehr über mich Bescheid wisst, als ich selbst. Dass mir manche Menschen erzählen, ich könnte meinen Freunden nicht trauen, weil sie mich anlügen, oder mich ausnutzen wollen oder einfach schlechte Menschen sind."
Interessiert fragte er, welchen Lügenknilch er vermöbeln musste. "Rollins, Becky und Naomi haben mir gesagt, dass ich mich von Summer Rae fernhalten sollte. Angeblich würde sie mich anlügen und mir verkaufen wollen, dass wir gute Freunde gewesen wären, obwohl ich sie vor der Amnesie noch gehasst habe. Die drei klangen so vorwurfsvoll, als ob ich einen Fehler gemacht hätte, indem ich nett zu ihr gewesen bin. Sonst heulen sie alle rum, weil ich nicht nett bin, aber dann bin ich einmal nett und das passt ihnen dann auch nicht! Wie soll ich denn wissen, was ich tun soll, wenn alles, was ich mache falsch ist? Ich kenne mich doch in meinem Leben auch nicht aus!"
Ich brummte frustriert.
"Lea hat mir das auch erzählt, aber sie klang eher... besorgt. Und sie wollte nicht, dass ich sofort jeglichen Kontakt mit ihr abbreche, sondern dass ich in ihrer Gegenwart einfach nur vorsichtiger bin. Sie hat sie nicht schlechtgeredet wie die anderen. Es war einfach eine Ahnung, weil sie gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Weil Lea eine echte Freundin ist und mir nicht die Schuld dafür gibt! Und Summer Rae hat mir gesagt, dass du... dass du", meine Stimme überschlug sich,
"Dass du irgendetwas mit mir vorhättest und mich nicht nur als Freundin sehen würdest. Es kam fast so rüber, als wäre sie eifersüchtig, dass wir uns so gut verstehen. A-aber anderseits klang sie wirklich ernst. Ich weiß ja nicht mal, was sie damit meinte. Siehst du mich etwa als Opfer, dass du einmal im Bett hast und am nächsten Tag unter der Dusche umbringst? Und diese Sache mit Dolph, ich... ich weiß nicht, warum. Warum hat er es auf mich abgesehen? Ich verstehe einfach nicht, was er von mir will, ich meine, er hat noch Summer Rae? Und warum versteht er nicht, dass ich ihn nicht leiden kann?"

Randy lachte leise.
"Glaub mir, Kleines. Wenn ich mehr von dir gewollte hätte, als ich zugebe, hätte ich dich das schon vor Monaten wissen lassen. Und dann wärst du jetzt nicht nur vor der Kamera mein Vipergirl. Danielle und Ziggler können sich auf etwas gefasst machen. Ich weiß, für dich fühlt es sich vermutlich an, als würden wir uns alle gegen dich verschwören. Vor allem weil wir dich sowieso schon besser kennen als du. Aber ich muss den anderen leider Recht geben, was Danielle betrifft. Sie ist nicht die, für die du sie hältst. Aber wenn du dich gut mit ihr verstehst, dann bilde dir deine eigene Meinung über sie. Aber von Ziggler musst du dich wirklich fernhalten. Jetzt aber weiter im Text."
Ich schniefte und nickte.
"Diese blöde Situation mit diesem verdammten Arschloch Rollins..."
Randy strich mir über den Rücken und meinte belustigt: "Na na na, Kleines."
"Der Streit mit... mit ihm. Er hat mich so sehr verletzt, Randy."
Er nickte.
"Das habe ich schon gesehen. Auch wenn du es die letzten Wochen gut verdrängt und überspielt hast, man konnte es dir einfach anmerken."
"Seit dem Streit fühle ich mich einfach so alleine. Wenn ich mit euch zusammen bin, ist es noch aushaltbar, ihr lenkt mich ab und bringt mich auf andere Gedanken. Aber wenn ich abends alleine bin, wenn ich in's Bett gehe, da fühle ich mich einfach so einsam und... ungeliebt? Macht das Sinn?"
"Ja, das tut es, Baby Girl."

"Er erwartet so viel von mir, dabei weiß er gar nicht, was in meinem Kopf alles vor sich geht. Glaubt er etwa, mir gefällt es, von jeder Person in meinem Leben gefragt zu werden, wie es denn mit meinem Kingslayer so läuft? Obwohl ich ihn gar nicht kenne? Obwohl ich mich nicht an unsere gemeinsame Zeit erinnern kann? Oh ja klar, dem Kerl, der behauptet, er wäre mein Freund geht's prächtig. Er ist gerade beschäftigt, mich zu ignorieren."
Ich schluchzte leise und vergrub mein Gesicht in Randy's Brust.
"Er wusste genau, dass alles, was er gesagt hat, mich kränken und verletzen würde und er hat es alles mit Absicht gesagt, nur um mir eins auszuwischen. Warum sollte er sowas machen, wenn ihm etwas an mir liegen würde?"
Orton's T-Shirt war schon völlig durchnässt von meinen Tränen.
"Was ich gesagt habe, tut mir ja auch leid. Aber er müsste doch wissen, dass ich in solchen Situationen überkoche und Dinge sage, die ich eigentlich nicht so meine."
Die Viper senkte ihr Kinn auf meinen Scheitel und erklärte ruhig: "Natürlich weiß Seth, dass du ein ganz schöner Hitzkopf bist, Kleines. Aber du musst doch auch wissen, dass er nichts von alledem ernst gemeint hat. Stell dir vor, wie gekränkt er gewesen sein muss, als du ihn ständig auf seine nette Seite reduziert hast. Er konnte ja nicht einmal normal mit dir reden, ohne dass du genervt reagiert hast. Er war schon von eurer Umgangsart verletzt, bevor ihr überhaupt gestritten hattet. Und da habt ihr dann angefangen, euch gegenseitig Dinge an den Kopf zu werfen, die euch verletzt haben. Er war so oft so nah dran, dich zu verlieren. Und dann frägst du ihn, warum er so besorgt um dich ist?
Kleines, er liebt dich. Immer noch. Ihm bleibt ja auch nichts anderes übrig. Jemanden, den man so sehr liebt, wie er dich, den kann man nicht einfach so gehen lassen. Aber ihr habt einander nie die Chance gegeben, euch zu verstehen, einander zu zeigen, was ihr füreinander empfindet. Dein Bruder hatte am ersten Tag Recht, als er gesagt hat, ihr solltet etwas unternehmen, um zu einander zu finden. Keiner wollte dich zwingen, ihn sofort nach der Amnesie-Diagnose zu heiraten. Aber ihr hättet wenigstens miteinander ausgehen können, einfach nur um miteinander auszukommen."
Er hatte es geschafft, mich ein wenig zu beruhigen.
"Es tut trotzdem so weh, Randy..."
Er seufzte.
"Ich weiß. Aber indem du alleine rumsitzt und mit niemandem darüber redest, kann es gar nicht besser werden. Vor allem, wenn du nicht mit ihm reden kannst. Du konntest ihn vorhin ja noch nicht mal richtig angucken."

"Das ist aber nicht alles, huh Kleines? Dir liegt noch was auf dem Herzen, oder nicht?"
Randy lockerte seinen Griff um meine Hüfte und sah mir in die verheulten Augen.
Doch ich schüttelte den Kopf.
"Hör zu, Baby Girl. Ich tu jetzt so, als hättest du nicht den Kopf geschüttelt und ignoriere, dass du mir gerade in's Gesicht gelogen hast. Ich bin dir auch nicht böse, okay?"
Ich grinste und Randy wischte mir mit seinen Daumen die Tränen von den Wangen.
"Es ist die Ringfreigabe, nicht wahr?"
Mein Lächeln starb.
"Das zählt als Ja", stellte er fest und studierte mich aufmerksam.
"Wenn du's eh schon weißt, warum frägst du dann noch?", wollte ich verständnislos wissen und seufzte leise.
"Weil ich es aus deinem Mund hören muss. Du musst lernen, damit aufzuhören, deine Gefühle totzuschweigen. Du musst über dein Inneres reden können, ohne dich wie ein kleines Teenagermädchen zu fühlen. Nur weil du Gefühle hast, heißt das nicht, dass du schwach bist. Ganz im Gegenteil. Ich finde, du könntest wirkliche Stärke beweisen, wenn du dir endlich mal die Eier holen würdest, um frei mit mir über alles zu reden, anstatt so zu tun, als wäre dein Herz ein kalter, sibirischer Winter."
Ich lächelte.
"Randy, du bist ein Arschloch."
"Ja, aber ich bin dein Arschloch, Kleines. Ich mache das für dich." Nachdem ich tief Luft geholt hatte, nickte ich ruhig.
"Ja. Es ist die Ringfreigabe. Wem mache ich eigentlich was vor, wenn ich sage, ich wäre glücklich darüber?"

"Du hast Angst davor."
Ich verdrehte die Augen.
Angst. Ich hasse dieses Wort.
"Nein, habe ich nicht. Ich bin Bonny, ich habe vor nichts und niemandem Angst."
"Achja? Und was ist es dann?"
Ich zuckte die Schultern.
"Ja. Genau. Das ist es. Du hast Angst. Und soll ich dir was sagen? Das ist total egal. Ich habe auch Angst, vor relativ vielen, normalen Sachen. Du denkst nämlich, Angst wäre etwas Schlimmes. Irgendetwas für Weicheier. Dass du, wenn du Angst hast, nicht mit den anderen vollgeschwitzten Muskelpaketen wie mir im Ring stehen könntest, weil du dann schwach bist. Und ja. Du bist schwach."
Meine Augenbrauen machten einen Ausflug zu meinem Haaransatz, doch Randy hatte es geschafft, sich so in Rage zu reden, dass er mich nicht mehr trösten, sondern belehren wollte.
"Aber es ist nicht die Angst, die dich schwach macht, du bist es. Und warum? Weil du dich deiner Angst nicht stellen kannst. Jedes Mal, wenn ich Angst habe, dann stelle ich mich ihr. Warum? Weil mich das stark macht. Das ist es, was Menschen zu Helden macht. Es ist die Fähigkeit, sich seiner verdammten Angst zu stellen. Aber das machst du nicht. Und das ist der wahre Grund, warum du schwach bist, verstehst du das? Wenn du dir endlich die Eier dazu holen würdest, dich vor deine Angst zu stellen und zu sagen", er baute sich auf und spannte seinen Bizeps an, "Ich bin Bonny. Und ich habe Angst, in den Ring zu steigen. Aber das ist egal, denn ich werde es trotzdem machen. Weil ich mich meiner Angst stellen muss. Und weil ich Freunde habe, die auf mich aufpassen. Weil mir nichts passieren kann. Ich bin Bonny. Und ich habe Angst. Aber das macht mich stark! Ich bin eine Kämpferin!"
Oh, ich wünsche mir, ich hätte das aufnehmen können.
Randy sah mich ernst an.
"Dann könntest du auch stark sein", er vollendete seine Predigt in ruhiger Manier und atmete erleichtert aus.
"Verdammt. Das tat besser, als ich dachte."
Als ich einen schnellen Blick auf die Uhr warf, kippte ich beinahe aus meinen Sneakern.
"Okay, du Kämpferin. Ich muss los, sonst kann ich mich meiner Angst nicht stellen!", verabschiedete ich mich knapp und rannte den restlichen Weg zu meinem Ziel.

Sicher und geradeso pünktlich angekommen, nahm ich in dem kahlen, sterilen Raum Platz und unterhielt mich mit dem Doktor.
Die Untersuchung lief locker und lässig, es gab keine negativen Bemerkungen bis auf die Frage, ob ich geweint hatte und meine Gedanken, die wegen der Erlaubnis wild durch die Gegend rasten.
Als der Arzt mir offiziell verkündete, dass ich startklar für den Ring war, blieb mir das Herz in der Brust stehen.
Dann rutschte es mir in die Hose.
Für einige Sekunden konnte ich nicht mehr atmen.
"Ich seh's schon, da freut sich jemand so sehr, dass er das Atmen ganz vergisst!", lachte der Arzt und ich nickte stumm, meine Lungen leer gepumpt.

Achja... Ist es nicht schön, wenn Freunde einander helfen? Ich meine, Randy mag doof sein, ja, aber er tut's ja nur, um Bonny zu helfen. 🤷🏾‍♀️

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