Askwin
Nachdem Gregory ihre neuste Errungenschaft nach draußen geleitet hatte, fuhr er sich mit der flachen Hand durch den Bart.
„Sie ist also wirklich die Tochter des Anführers?", fragte er den Mönch, der bei ihm geblieben war, erneut.
Adalar nickte, hob dann aber einen Zeigefinger und berichtigte den Lord doch auf gewisse Weise: „Des Jarl."
Askwin interessierte die fremdartige Bezeichnung nicht, doch der Fakt, dass ihre Gefangene eine enge Vertraute des Mannes war, der das Heer der Nordmänner bemächtigte, tat es sehr wohl.
Sie hatten sich damit einen Vorteil erschlichen, denn er konnte sich bei bestem Willen nicht vorstellen, dass sie sie unter diesen Umständen einfach zurücklassen würden.
Oh nein. Sie würden kommen, um sie zu befreien und Askwins Truppe würde sie mit offenen Armen in Empfang nehmen, um das zu Ende zu führen, was sie begonnen, ihnen aber nicht zur Gänze gelungen war.
„Und ihr Name ist Caja", ergänzte Adalar, was er erfahren hatte.
„Und sie sind nicht gewillt zu handeln, jaja", entgegnete ihm Askwin und winkte ab. Was nutzte ihm schon ihr Name? „Zumindest nicht um reines Gold. Aber vielleicht wären sie gewillt ein Abkommen einzugehen, wenn es dabei um ihren Kopf geht."
Die Augen des Mönchs weiteten sich, als er die Brillanz des Planes begriff. „Das könnte durchaus funktionieren, Sir Seymour! Ja, ja, das könnte es!"
„Wir brauchen nur jemanden, der das Lager der Barbaren aufsucht und ihnen den Handel vorträgt." Askwins goldbraune Sehorgane legten sich auf den Mann in weißer Kutte, der auch die Bedeutung dieser Worte sogleich zu verstehen schien.
Das Leuchten aus Adalars Blick entschwand, ebenso wie sämtliche Farbe seines Gesichts. Er schluckte. „Ihr ... Ihr meint doch nicht etwa ..."
„Gibt es denn einen weiteren Mann, der die Sprache der Nordmänner beherrscht? Einen, der sich in unserer unmittelbaren Nähe aufhält?", fiel ihm der Heerführer in den gestammelten Satz. Erneut fuhr er sich durch den Bart. Verflucht, wer sollte ihm diesen nun trimmen, jetzt da Henry womöglich seinen Verletzungen erliegen würde?
Schlimmstenfalls würde er es wohl selbst in die Hand nehmen müssen.
„Aber keine Angst, Pater Adalar, ich werde Euch nicht alleine in die Höhle des Wolfes entsenden. Ich werde Euch aller Selbstverständlichkeit nach begleiten. Ich und noch ein paar andere der Männer."
Er wandte sich von dem zitternden Mönch
ab.
Es wurde Zeit, dass er in sein eigenes Zelt zurückkehrte. Heute Nacht würden die Barbaren sicherlich nicht mehr zuschlagen, denn auch sie mussten erst einmal ihre Wunden lecken. Zudem wussten sie nichts von dem Lager der Angelsachen. Sie würden es erst suchen müssen und das gestaltete sich in der Dunkelheit schwerer, als unter Tags, besonders dann, wenn man sich in dem Gebiet eigentlich nicht auskannte. Da konnten sie noch so großartige Spurenleser sein.
„Morgen werden wir aufbrechen und die Barbaren besuchen. Schlaft nun, Pater", sagte er noch, ehe er Gregorys Bleibe verließ, um in seine eigene einzukehren. Aber nicht, ohne noch einen Blick auf die Wilde zu werfen, die hinter dem Zelt auf dem kalten Erdboden lag. Ihr Gesicht war gen Himmel gerichtet, den man teilweise durch die Baumkronen hindurchschimmern sehen konnte. Doch sie betrachtete die Sterne nicht.
Er konnte in dem Licht des Mondes ausmachen, das sie schlief. Wie konnte sie nur so ruhig sein? Sie war eine Gefangene. Sie sollte um ihr erbärmliches Leben bangen, Angst erleiden ... aber nein. Nein, sie tanzte ruhig durch das Reich der Träume. Friedlich, beinahe wie ein Engel.
Aber Askwin wusste es besser. Sie war kein Bote Gottes. Wenn überhaupt, dann war sie ein Scherge des Teufels, so wie Godric es ihm schon versucht hatte weiszumachen.
Ihre Seele war schwarz und vergiftet. Vielleicht schlief sie auch deshalb so gut. Das Böse hatte immerhin kein Gewissen.
Noch eine Weile stand er dort im Schatten des Zeltes, beobachtete sie nachdenklich, ehe er sich entfernte, um selbst etwas Ruhe zu finden.
Doch anders als der Barbarin, wollte es ihm nicht gelingen.
Geplagt von finsteren Gedanken wälzte er sich die ganze Nacht auf den Teppichen und Kissen hin und her.
Er war wieder auf den Beinen, noch ehe das Licht der Sonne den Wald gänzlich erhellte. Mit müden Augen trat er nach draußen, blickte sich im Lager um, wagte dann einen Rundgang.
Verletzte lagen um das Feuer in der Mitte. Ein mancher von ihnen hatte in der Nacht seinen letzten Atemzug getan und war mit einem weißen Laken bedeckt worden. Der Gestank des Todes kroch Askwin in die Nase, setzte sich darin fest, wie ein unliebsamer Gast, den er nicht wieder so schnell loswerden würde.
Erleichterung machte sich in dem Heerführer breit, als er Henrys Platz erreichte und feststellte, dass dessen Brust sich noch immer stetig hob und senkte. Noch hatte ihn der Sensenmann nicht geholt und Askwin betete, dass es dabei bleiben würde.
Er kniete sich neben die Trage auf der sein bewusstloser Knappe lag, beobachtete dabei, wie seine Gesichtszüge im Dämmerzustand zuckten. Wie am Tag zuvor nahm er auch jetzt Henrys Hände in seine und führte sie an seine rauen Lippen. „Ich werde dich rächen, Junge", schwor er ihm leise flüsternd.
„Sag mir nur wer es war, der dich so zugerichtet hat und ich werde ihm das Leben nehmen."
Als hätte der Bursche ihn gehört, flatterten seine Lider unruhig und er öffnete kurz den Mund. Askwins Herz begann schneller zu schlagen, doch schließlich erschlafften die Muskeln in Henrys Gesicht wieder.
Er sollte sie alle töten. Jetzt da sie geschwächt waren, hätten sie dabei auch ein leichteres Spiel. Er müsste nur auf neue Männer warten ... Aber blieb ihm so viel Zeit?
Wohl eher nicht. Seine Gedanken flogen hin zu der Wilden, die ihre Nacht angebunden wie ein Hund hinter Gregorys Zelt verbracht hatte.
Ihnen blieben noch Stunden, oder vielleicht auch ein Tag, bis die Barbaren ihr Lager finden und sie überfallen würden.
Er musste schneller sein, das ihre aufsuchen und ihnen den Handel unterbreiten. Das Leben der Tochter des Jarl für das Verlassen Angellands, auf das sie nie mehr zurückkehren würden.
Vorsichtig legte er die Hände seines Knappen wieder ab, richtete sich auf und suchte die noch immer schlafende Gefangene auf.
Unsanft trat er ihr in die Seite, um sie zum Aufwachen zu bewegen. „Ende mit der Träumerei!", fuhr er sie an, auch wenn er sich sicher war, dass sie kein Wort davon verstand.
Sie ächzte auf, als sein Fuß sie traf und schnellte nach oben. Ihr Gesicht verzog sich zu einer schmerzerfüllten Grimasse und sie schmiss ihm fremdartige Flüche an den Kopf.
Er folgte ihrem Blick, der an ihren Körper hinab wanderte und an einer Stelle hängenblieb, an der sich der Stoff ihrer Tunika mit frischem Blut vollzusaugen begann.
Askwins Augenbrauen hoben sich, als er begriff, dass sie stärker verletzt war, als angenommen, wenn die Wunde nur durch den Hieb mit seinem Stiefel wieder aufplatzte.
Er kniete sich zu ihr, musterte sie ernst. „Wenn du mich beißt, dann verlierst du deine Zähne!", knurrte er, sich darauf verlassend, dass sein Tonfall ihr vermittelte, dass es eine Drohung gewesen war.
Dann griff er nach dem dunkelbraunen Stoff, schnitt ein Loch mit seinem Schwert hinein und vergrößerte dieses mit den Händen. Das Leder das sie darüber trug hätte es unmöglich gemacht, die Tunika weit genug nach oben zu schieben, aber es war unbedingt nötig, dass er sich ihre Verletzung ansehen konnte.
Und was er erkannte, gefiel ihm nicht. Es waren drei Einstiche, im gleichen Abstand zueinander und sie gingen verflucht tief.
Die Haut um die Wunden herum war tiefrot und zeugte von einer Infektion.
Askwin war kein Arzt, aber er hatte sich schon oft genug auf dem Schlachtfeld befunden und die Ärzte anschließend dabei beobachtet, wie sie die Lädierten behandelt hatten.
Er vermutete, dass einer der Bauern aus Haversbrook Caja mit einer Mistgabel durchbohrt hatte und diese musste voller Rost, oder zumindest völlig verdreckt gewesen sein.
Seufzend riss er die Tunika noch etwas weiter auf, sah sich dann nach einem der drei Ärzte um. Sie musste behandelt werden, sonst würde sie ihrer Verletzung erliegen und tot brachte sie ihm gar nichts.
Adalar war nicht weit entfernt, immerhin wartete er darauf, dass Askwin ihn aufsuchte. Unruhig spielte er an seinen Fingern, schob einen Ring aus Bronze immer wieder hin und her. Als er den Lord erblickte, kam er aber direkt auf ihn zu. „Guten Morgen, Sir."
„Unsere Gefangene braucht Eure Hilfe, Pater. Schickt Euren ältesten Bruder zu ihr und dann trefft mich an meinem Zelt. Es wird Zeit aufzubrechen", wies Askwin ihn an, deutete auf Caja zu seinen Füßen, die ihn musterte, als könnte sie ihn durch ihre bloßen Blicke töten.
„Ja, Sir Seymour." Auf der Stelle entfernte sich der junge Mönch wieder von ihnen, um seinen Auftrag auszuführen.
Der Heerführer musterte die Wilde noch einen Moment und zischte ihr ein: „Stirb mir ja nicht weg!", zu, ehe er sich zu seiner Schlafstätte begab.
Mehr schlecht als recht trimmte er sich dort den Bart während er auf das Eintreffen des Geistlichen wartete und schlüpfte in seine Rüstung. Er traute den Barbaren nicht. Eingehüllt in Eisen war er definitiv besser geschützt als nur in Leinen und Leder.
Als Adalar in Begleitung von Gregory zurückkehrte, klemmte Askwin sich gerade den Helm unter den Arm.
Der Lord ließ seinen Blick über das Gesicht seines älteren Freundes wandern, der ebenso wenig Schlaf abbekommen zu haben schien wie er selbst. Augenringe zeichneten sich unter dessen Lidern ab, die beinahe von einem solch dunklen Lila wie hoheitliche Seiden waren.
„Du wirst uns nicht begleiten", erhob er das Wort, wohlwissend, dass Gregory Adalar deshalb gefolgt war. „Ich brauche einen fähigen Mann hier in unserem Lager für den Fall, dass sie uns zur selben Zeit überfallen oder ich nicht zurückkehre."
„Aber Askwin, ebenso brauchst du einen kenntnisreichen Begleiter bei deinem Unterfangen", widersprach ihm der ehemalige Heerführer.
„Der Pater verfügt über die Fähigkeit, die gemeine Zunge der Barbaren zu sprechen. Er und ein paar andere, gesunde Männern, die das Schwert schwingen können, genügen mir. Du bleibst hier." Sein Tonfall duldete keine weiteren Widerworte.
Er wandte sich dem Mönch zu, der so bleich wie ein Toter war. Adalar versuchte sein Zittern zu verbergen, aber es gelang ihm nicht. Natürlich hatte er Angst. Es wäre töricht gewesen, hätte er keine besessen. Sie würden die Höhle der Wölfe betreten und die Möglichkeit bestand durchaus, dass sie diese nicht mehr lebendig verlassen würden.
„Eins noch." Askwin lief auf Gregory zu, fasste ihm an die Schulter. „Bin ich in drei Stunden nicht zurück, dann töte sie. Wenn sie den Handel ausschlagen, oder uns die Köpfe abschlagen, noch ehe wir ihnen das Abkommen unterbreiten können, dann sollen sie nur noch ihren Leichnam befreien können."
Es missfiel dem Älteren den Lord nicht begleiten zu dürfen, das sah man ihm an, dennoch verstand er dessen Beweggründe und begriff auch den Ernst seiner Bitte. So nickte er, legte seine Hand auf die seines Freundes. „Ich schwöre es bei meiner toten Frau."
Askwin erwiderte Gregorys Kopfbewegung, wandte sich dann wieder Adalar zu. „Lasst uns gehen."
Mit dem Mönch im Schlepptau trat er nach draußen und sammelte noch vier, weitestgehend unverletzt aussehende Männer um sich, mit welchen sie anschließend gemeinsam aufbrachen, um das Lager der Barbaren aufzusuchen.
Unter ihnen war der Späher Hrothgar, der sich an die Spitze der kleinen Truppe kämpfte, um ihnen den Weg zu geleiten.
Askwin schritt neben Adalar her, der noch immer unruhig mit dem Ring an seinem Finger spielte und zitterte wie Espenlaub.
Der Heerführer war davon überzeugt, seine Angst beinahe schon riechen zu können. Vielleicht tat er das ja auch - womöglich hatte der Mönch sich aus lauter Furcht eingenässt.
Der Lord unterdrückte ein amüsiertes Schnauben. Weshalb fürchtete man den Tod so sehr, wenn man so auf die Gnade Gottes und den Eintritt in das Paradies vertraute?
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