Kapitel 79

Als der Wal innehält, als er umdreht und schwerfällig wieder auf uns zuwalzt, verflüchtigen sich meine Zweifel. Goliath kommt uns so nah, dass uns sein Maul aufsaugen könnte, wenn er es öffnen würde. Er ist hässlich. Seine riesige Birne sieht aus, als hätte er einen Bommel auf dem Kopf. Und er hat vergessen, Zahnseide zu benutzen; aus seinem Mundwinkel zappelt ein Tintenfischtentakel, der so groß ist wie mein Arm. Hoffentlich lebt das Ding nicht mehr.
Aber ich habe keine Angst mehr. Hicks hat recht. Wenn Goliath uns fressen wollte, hätte er es längst getan. Seine riesigen Augen wirken sanft. Keine Spur von der stumpfen Leere, die ich erwartet habe. Nicht wie der starre, geistlose Blick des Hais. "Sprich mit ihm", murmelt Hicks wieder und verstärkt seinen Griff um meine Taille.
Aber ich will mehr als das. Hicks lässt mich aus seinen Armen gleiten, hält mich jedoch zur Sicherheit noch am Handgelenk fest. Mit meiner freien Hand berühre ich Goliaths Nase - oder zumindest die Umgebung seiner Nase.
"Ich hatte Angst vor dir, weil ich dachte, du würdest uns fressen", erzähle ich ihm. "Aber du wirst uns nicht fressen, nicht wahr ?"
Ich erwarte nicht, dass Goliath jetzt anfängt, mit französischem Akzent zu sprechen oder so. Aber ein kleiner Teil von mir erwartet irgendwie doch, dass er auf die eine oder andere Weise mit mir kommunizieren wird.
Dennoch, die Art, wie er sich friedlich in der Strömung bewegt, spricht Bände. Er ist nicht angespannt oder regungslos wie eine Kobra, kurz bevor sie angreift. Er ist ruhig, neugierig, gelassen.
"Hör zu. Wenn du verstehen kannst, was ich sage, dass möchte ich, dass du in diese Richtung weg schwimmst", sage ich und deute nach rechts, "und dann hierher zurückkommst."
Goliath macht genau das, was ich ihm sage. Un-fass-bar.
Mein neuer Freund folgt uns an die Oberfläche, als sich meine Lunge langsam wieder zuschnürt. Auf dem Weg nach oben deutet Hicks auf verschiedene andere Fische. Er will sehen, ob sie alle mich verstehen. Als wir vorbei schwimmen, rufe ich meine Anweisungen: "Schwimmt in diese Richtung, schwimmt im Kreis. Schwimmt schnell, schwimmt langsam, schwimmt gerade nach unten." Sie alle gehorchen.
Als ich - und Goliath - Sauerstoff tanken, umgeben und genügend Fische, um einen Schwimmingpool von oben bis unten zu füllen. Einige springen aus dem Wasser. Andere knabbern an meinen Zehen. Wieder andere schwimmen durch meine Beine oder zwischen mir und Hicks hindurch.
Sie folgen uns bis zum Ufer. So viele Fische flitzen in das seichte Wasser, dass die Oberfläche aussieht, als würde Regen daraufprasseln. Wir sitzen am Strand und beobachten sie beim Spielen. Doch als die Seemöwen auf sie aufmerksam werden, sieht der Selbsterhaltungstrieb über ihre Neugier, und mein Fanclub schwindet.
"Also", sage ich und wende mich Hicks zu.
"Also", antwortet er.
"Du hast gesagt, ich sei außergewöhnlich. Wie außergewöhnlich bin ich denn nun?"
Er holt Luft und stößt den Atem langsam wieder aus.
"Sehr."
"Wie lange weißt du schon, dass ich ein Fischflüsterer bin?" Er kapiert meinen Scherz nicht. Aber zumindest versteht er meine Frage.
"Erinnerst du dich, als ich dir erzählt habe, dass Dr. Grobian dich im Gulfarium gesehen hat?"
Ich nicke. "Du hast gesagt, er hätte meine Augenfarbe bemerkt und gedacht, dass ich eine von euch bin."
Hicks reibt sich den Nacken und will mir nicht in die Augen sehen. "Das ist so ziemlich die Wahrheit. Deine Augenfarbe ist ihm aufgefallen. Vor allem weil Syrena nicht mit Menschen verkehren sollten." Er grinst. "Aber wirklich erstaunt hat es ihn, wie die Fische auf dich reagiert haben. Er hat gesagt, du hättest eine Art Unterhaltung mit ihnen geführt. Mit ihnen allen."
Also war es nicht bloß Einbildung. Kein Zufall. Ich habe mir eingeredet, die Tiere wären darauf trainiert, freundlich zu den Besuchern zu sein. Aber habe ich denn nicht bemerkt, dass sie nicht zu allen freundlich gewesen sind ? Habe ich nicht bemerkt, dass sie mich ausgewählt haben, dass sie ausschließlich mit ihre Aufmerksamkeit geschenkt habe? Doch, ich habe es bemerkt. Ich wollte mir nur nicht eingestehen, dass es etwas bedeuten könnte.
Warum sollte ich auch? Was bedeutet es denn? Und warum hat Hicks mir das nicht schon früher erzählt?
"Du hast mir das vorenthalten. Warum? Weiß Fischbein es ? Und Heidrun? Und warum kann ich mit Fischen reden, Hicks? Obwohl du es nicht kannst? Und wenn Dr. Grobian gesehen hat, dass ich es im Gulfarium gemacht habe, dann konnte ich es im Gulfarium gemacht habe, dann konnte ich es also schon, bevor ich mir den Kopf angeschlagen habe. Was bedeutet das? Was bedeutet das alles?
Er lacht leise. "Welche Frage soll ich zuerst beantworten?"
"Warum hast du es mir vorenthalten?"
"Weil ich wollte, dass du dich langsam an die Tatsache gewöhnst, dass du nicht menschlich bist. Du musst zugeben, dass es ziemlich viel gewesen wäre, das alles gleichzeitig zu verdauen."
Für eine Minute grübele ich darüber nach. Irgendetwas daran stimmt nicht so ganz, aber was soll ich darauf sagen? Er hat recht, selbst wenn er lügt. Ich nicke.
"Schätze, das macht Sinn. Also, was ist mit Fischbein und Heidrun? Wissen sie Bescheid?"
"Fischbein weiß es. Heidrun nicht. Und übrigens, wenn du willst, dass sich etwas wie ein Mahlstrom verbreitet, erzähl es einfach Heidrun."
"Warum willst du nicht, dass sie anderen Syrena von mir erzählt?"
"Weil das, was du hast, eine Gabe der Generäle ist. Die Gabe Poseidons. So gesehen bist du mein Feind."
Ich nicke, ohne zu verstehen. "Aha. Was?"
Er lacht. "Als die Generäle vor vielen Jahrtausenden ihren Friedensvertrag schlossen, haben sie Vorkehrungen getroffen, um das Überleben der Syrena sicherzustellen. Deshalb besitzt jedes Haus eine andere Gabe. Deine zeigt, dass du aus dem Haus Poseidon stammst."
"Ist das der Grund, warum du mich aus dem Wasser schickst, wenn du jemanden in der Nähe spürst? Weil du in Schwierigkeiten kommen könntest, wenn du mit mir herum hängst?"
Er nickt nachdenklich. "Du könntest genauso in Schwierigkeiten geraten. Vergiss nicht, dass dein Haus am Ufer des Hoheitsgebietes von Triton liegt."

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