Kapitel 76
Wenn man eine glatte Einserschülerin ist, heißt das noch lange nicht, dass man auch gesunden Menschenverstand besitzt. Ich bin da keine Ausnahme. Als ich endlich dahinterkomme, was der Dampf im Badezimmer bedeutet - dass die Dusche nämlich tatsächlich heiß wird, was ich wegen meiner Syrenahaut nicht mehr spüren kann -, hat Mom schon einen Handwerker gerufen. Meine einzige Chance ist, eine Geschichte zu erfinden, die nicht Mal ein Kindergartenkind glauben würde. Irgendwie kauft Mom sie mir trotzdem ab - zusammen mit dem Betrag, den Handwerker in Rechnung stellen, wenn Teenager ihre Zeit und ihr Benzin verschwenden.
Das alles bestätigt meine neue Theorie - der Schlag auf meinen Kopf hat meine Syrena-Instinkte geweckt. Sämtliche Veränderungen in meinem Leben scheinen damit zusammenzuhängen, dass es mehr als ein bloßer Schlag auf den Kopf war.
Was auch immer mit mir bei Hicks zu Hause passiert ist - dass ich Punkte gesehen habe, dass mir schwindelig geworden ist -, hat die Sache anscheinend besiegelt. Jene Nacht steht für den Anfang und das Ende vieler Dinge.
Ich habe zum ersten Mal länger als ein olympischer Schwimmer den Atem angehalten. Und zum letzten Mal eine heiße Dusche genommen. Ich habe zum ersten Mal in pechschwarzem Wasser etwas gesehen. Und zum letzten Mal Hicks vertraut. Ich habe zum ersten Mal einen Syrena gespürt. Und zum letzten Mal Heidrun gehasst. Ich habe zum ersten und letzten Mal meinen Kopf durch hurrikanfestes Glas gerammt. Die Liste der Dinge, die mit dieser Nacht zusammenhängen, ist so lang wie die Küste von Jersey.
Das Gleiche gilt für die Liste mit all den Gründen, warum ich mich nicht darauf freuen sollte, ihn in der Schule zu sehen. Aber ich kann nichts dagegen machen. Er hat mir heute Morgen schon dreimal gesimst. Darf ich dich zur Schule abholen? Und: Willst du frühstücken? Und: Kriegst du meine SMS? Meine Daumen wollen alle Fragen mit 'Ja' beantworten, aber mein Stolz verlangt, dass ich gar nicht antworte. Er hat mich seine Schülerin genannt. Er hat allein mit mir am Strand gestanden und mir erklärt, dass er in mir ein Schulkind sieht. Dass unsere Beziehung platonisch ist. Und jeder weiß, was platonisch bedeutet - zurückgewiesen.
Okay, ich bin vielleicht seine Schülerin. Aber auch diejenige, die ihm ein paar Dinge beibringen wird. Die erste Lektion des Tages lautet: mit Stillschweigen strafen.
Als ich ihn also im Flur sehe, nicke ich ihn höflich zu und streiche direkt an ihm vorbei. Das elektrisch aufgeladene Knistern dieser leichten Berührung verblasst nicht ganz, was bedeutet, dass er mir folgt. Ich schaffe es bis zu meinem Schließfach, bevor seine Hand auf meinem Arm liegt.
"Astrid." Die Art, wie er meinen Namen flüstert, überzieht mich bis hinunter zu meinen kleinen Zehen mit Gänsehaut. Aber ich habe mich immer noch unter Kontrolle.
Ich nicke ihn erneut zu, wähle meine Schließfachkombination und öffne die Tür direkt vor seiner Nase.
Er weicht zurück, damit er sie nicht ins Gesicht bekommt. Dann macht er einen Schritt um mich herum, lehnt die Hand gegen die Schließfachtür und dreht mich zu sich um. "Das ist nicht sehr nett."
Ich hebe eine Braue in bester Du-hast-damit-angefangen- Manier.
Er seufzt. "Ich schätze, das bedeutet, dass du mich nicht vermisst hast."
Es gibt so vieles, was ich ihm genau jetzt vor den Latz knallen könnte. Zum Beispiel: "Ich hatte ja Fischbein, um mir die Zeit zu vertreiben." Oder: "Du warst weg?" Oder: "Mach dir nichts draus, ich vermisse meinen Mathelehrer ja auch nicht." Aber das Ziel ist, nichts zu sagen. Also drehe ich mich wieder um.
Ich schiebe Bücher und Unterlagen zwischen meinem Schließfach und meinem Rucksack hin und her. Als ich einen Bleistift in meine Hochsteckfrisur spieße, stößt er ein leises Lachen aus, und sein Atem streift mein Ohrläppchen. "Dein Handy ist also kaputt; du hast einfach nicht auf meine SMS reagiert."
Da es kein Geräusch macht, wenn ich die Augen verdrehe, liegt es immer noch innerhalb der Grenzen der Lektion Mit Stillschweigen strafen.
Also tue ich das, während ich mein Schließfach verriegele. Als ich mich an ihm vorbeischiebe, hält er mich am Arm fest. Und ich überlege, ob es auch kein Geräusch macht, wenn ich ihm auf die Zehen trete....
"Meine Großmutter stirbt", platzt er heraus.
Jetzt beginnt der Mist von wegen Astrid überrumpeln. Aber wie soll ich da noch meine Lektion fortsetzen? Er hat seine Großmutter noch nie zuvor erwähnt, aber andererseits habe ich auch nicht über meine gesprochen.
"Das tut mir leid, Hicks." Ich lege meine Hand auf seine und drücke sie sanft. Er lacht. Verdammter Mistkerl.
"Praktischerweise lebt sie in einer Eigentumswohnung in Destin und ihr letzter Wunsch ist es, dich kennenzulernen. Rapunzel hat deine Mom angerufen. Wir fliegen am Samstagnachmittag und kommen Sonntagnacht zurück. Ich habe bereits mit Dr. Grobian telefoniert."
"Un-fass-bar."
Ich starre vom Fenster unseres Hotelzimmers auf den Golf von Mexiko. Nach dem heutigen Sturm sieht der weiße Strand aus wie gezuckerter Haferbrei. Der Regen durchlöchert den Sand und macht ihn kmlumpig. Wegen des Sturms, der uns im Flugzeug ein paar launische Turbulenzen beschert hat, ist Hicks schlecht geworden.
Ich mustere das grässliche Sofa, auf dem er sich ausschläft. Seinem rythmischen Schnarchen nach zu urteilen, ist das winzige Ding nicht so unbequem, wie es aussieht. Entweder das oder schwallartiges Erbrechen kostet so viel Energie, dass es einem egal ist, wo man anschließend zusammenbricht.
Die Sonne geht unter, aber es ist immer noch ein wenig Zeit, bevor wir uns im Gulfarium mit Dr. Grobian treffen. Er will, dass wir erst kommen, wenn das Gulfarium geschlossen hat, um sicherzustellen, dass wir bei den Untersuchungen völlig ungestört sind. Bis dahin sind es noch mal fünf Stunden.
Um die Zeit totzuschkagen, ziehe ich meinen Badeanzug an und gehe zum Strand, sorgfältig darauf bedacht, Hicks nicht zu wecken. Er braucht Ruhe und außerdem brauche ich ein wenig Zeit zum Nachdenken.
Hinzu kommt, dass durch den Regen nur vereinzelt Touristen unterwegs sind und es keine Zeugen geben wird, falls mir in einem ungünstigen Moment eine Flosse wächst.
Ich streife mein Shirt ab und wate ins Wasser. Ich weiß nicht, wie nah ich der Stelle bin, an der Raff gestorben ist.
Ich habe die Hotel um uns herum nicht erkannt, aber das Zimmer, das Rapunzel für uns gebucht hat, ist luxuriöser als das gerade bezahlbare Zimmer, dass Raffs Eltern reserviert hatten. Es spielt keine Rolle. Raff ist nicht hier.
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