Kapitel 62

Der Geruch von Essen, der das Treppenhaus heraufweht, verrät Hicks, dass Rapunzel wieder da ist. Er kann ihre hohen Absätze in der Küche klackern hören und wie sie den Ofen öffnet und schließt. Sie flucht laut. Wahrscheinlich hat sie sich an einer Pfanne verbrannt.
Die Morgenbrise durchströmt das, was vom Wohnzimmer übrig geblieben ist und jetzt eher wie eine offene Veranda aussieht. Astrid zuckt zusammen, als sie den Schaden bei Tageslicht sieht.
"Es tut mir wirklich leid, Hicks. Ich werde für das alles aufkommen. Sag Rapunzel, sie soll mir eine Rechnung schicken."
Er lacht. "Was meinst du, kostet das mehr als die Arztrechnungen, die angefallen sind, weil du dich selbst bewusstlos geschlagen hast, als du vor mir wegrennen wolltest?"
Sie grinst. "Na ja, so gesehen...."
Punzi sitzt am Tisch, als sie in die Küche kommen. "Guten Morgen, meine Turteltäubchen! Für dich, mein Äffchen, habe ich gedämpften Fisch und Shrimps und für sich, Astridschätzchen, das prächtigste Omelett, das je gebacken wurde. Saft, Astrid? Ich habe Orange oder Ananas."
"Orange, bitte", antwortete sie und nimmt Platz. "Und Sie brauchen uns nicht länger Turteltäubchen zu nennen. Hicks hat mich gestern Nacht in das Geheimnis eingeweiht. Sie wissen ja, dass wir nicht wirklich miteinander gehen."
"Ähm, also, Astrid, ich denke, wir sollten das noch eine Weile durchziehen. Deiner Mutter zuliebe."
Hicks reicht ihr ein Glas. "Sie wird nie verstehen, warum wir so viel Zeit miteinander verbringen, wenn wir nicht miteinander gehen."
Astrid runzelt die Stirn, während Rapunzel mit einem übergroßen Pfannenwender ein üppiges Omelett auf ihren Teller klatscht.
Mit ihrer Gabel sticht Astrid in den Bauch des Omeletts und spießt einen dampfenden, vor Käse triefenden Brocken Fleisch auf.
"Schätze, daran habe ich nicht gedacht", sagt sie und nimmt einen Bissen. "Ich hatte vor, ihr zu erzählen, dass wir Schluss gemacht haben."
"Er hat recht, Astrid", ruft Punzi vom Herd herüber. "Ihr könnt nicht Schluss machen, wenn du die ganze Zeit hier bist. Sie muss glauben, dass ihr immer noch ein Paar seid. Und es ist dein Job, sie davon zu überzeugen. Jede Menge Knutscherei und so was - nur für den Fall, dass deine Mutter euch nachspioniert."
Astrid hört auf zu kauen. Hicks lässt seine Gabel fallen.
"Ähm, ich glaube nicht, dass wir gleich so weit gehen müssen....", beginnt Astrid.
"Was denn? Küssen sich Teenager heute nicht mehr?"
Rapunzel verschränkt die Arme vor der Brust und wedelt mit dem Pfannenwender im Takt ihres auf den Boden klopfenden Fußes.
"Doch, schon, aber...."
"Kein Aber. Komm schon, Schätzchen. Glaubst du etwa, deine Mom weiß nicht, was läuft und glaubt, dass du die Finger von Hicks lassen könntest?"
"Wahrscheinlich nicht, aber...."
"Ich sagte, kein Aber. Sehr euch beide doch mal an. Ihr sitzt nicht einmal nebeneinander! Ihr braucht etwas Übung, würde ich sagen. Hicks, geh und setz dich neben Astrid. Nimm ihre Hand."
"Rapunzel", sagt er kopfschüttelnd. "Das kann warten...."
"Na schön", knirscht Astrid mit zusammengebissenen Zähnen. Woraufhin sich beide zu ihr umdrehen. Immer noch stirnrunzelnd nickt sie. "Wir werden uns küssen und Händchen halten, wenn sie in der Nähe ist."
Hicks lässt seine Gabel beinahe wieder fallen.
Auf keinen Fall. Astrid küssen ist das Letzte, was ich gebrauchen kann. Vor allem wenn ihre Lippen diesen Rotton annehmen.
"Astrid, wir brauchen uns nicht zu küssen. Sie weiß doch schon, dass ich mit dir schlafen will."
Sobald die Worte heraus sind, zuckt er zusammen. Auch ohne nur den Blick zu heben, weiß er, dass das zischelnde Geräusch in der Küche von Rapunzel stammt, die ihren Ananassaft in die heiße Bratpfanne spuckt. "Ich meine, ich habe doch schon gesagt, dass ich mit dir schlafen will, weil sie dachte, dass ich es schon tue. Tun will. Ich meine...."
Wenn ein Syrena ertrinken könnte, würde es sich genauso anfühlen.
Astrid hebt die Hand. "Schon kapiert, Hicks. Ist okay. Ich habe ihr das Gleiche erzählt."
Punzi lässt sich auf den Stuhl neben Astrid plumpsen und wischt sich mit einer Serviette die Saftspritzer vom Gesicht.
"Du willst mir also erzählen, dass deine Mom denkt, ihr beide wollt miteinander schlafen. Aber du glaubst nicht, dass sie dann erwartet, dass ihr euch küsst."
Astrid schüttelt den Kopf und schaufelt sich eine Gabel voll Omelett in den Mund, dann spült sie mit etwas Saft nach.
"Sie haben ja recht, Rapunzel", stimmt sie zu. "Wir müssen uns beim Rummachen erwischen lassen oder so."
Rapunzel nickt. "Das sollte funktionieren."
"Was bedeutet das? Rummachen?", fragt Hicks zwischen zwei Bissen. Astrid legt ihre Gabel beiseite. "Es bedeutet, dass du dich dazu zwingen musst, mich zu küssen. Als ob es dir ernst damit wäre. Richtig lang. Denkst du, du schaffst das? Küssen Syrena?"
Er versucht, den Bissen hinunter zu schlucken, hat aber vergessen, ihn zu kauen.
Mich dazu zwingen? Ich wäre froh, wenn ich mich bremsen könnte.
Es ist ihm noch nie in den Sinn gekommen, irgendjemanden zu küssen - bevor er Astrid kennengelernt hat. Seitdem kann er an nicht anderes mehr denken, als an ihre Lippen auf seinen. Er kommt zu dem Schluss, dass es besser für sie beide gewesen ist, als Astrid ihn zurückgewiesen hat. Jetzt befiehlt sie ihm, sie zu küssen - richtig lang. Na toll.
"Ja, sie küssen sich. Ich meine, wir müssen uns. Ich meine, ich kann mich dazu zwingen, wenn es sein muss."
Er sieht Rapunzel nicht in die Augen, als sie ihm einen Nachschlag Fisch auf den Teller klatscht, aber er kann spüren, dass sie grinst.
"Wir müssen es einfach planen, das ist alles. Und dir Zeit geben, damit du dich vorbereiten kannst", erklärt Astrid.
"Vorbereiten auf was ?", spottet Punzi. "Küsse sollte man nicht planen. Darum machen sie ja solchen Spaß."
"Ja aber hier geht es nicht um Spaß", sagt Astrid. "Ist doch alles nur Show."
"Glaubst du nicht, dass es Spaß machen könnte, Hicks zu küssen?"
Astrid seufzt und stützt ihr Gesicht mit den Händen ab.
"Wissen Sie, ich weiß es wirklich zu schätzen, dass Sie uns helfen, Rapunzel. Aber ich kann nicht länger darüber reden. Im Ernst, ich bekomme davon Ausschlag. Wir werden einfach dafür sorgen, dass es zum richtigen Zeitpunkt klappt."
Rapunzel lacht und räumt Astrids leeren Teller ab, nachdem sie einen Nachschlag abgelehnt hat. "Wie du meinst. Aber ich finde immer noch, dass ihr üben solltet." Auf dem Weg zum Spülbecken sagt sie: "Wo sind eigentlich Fischbein und Heidrun?Oh!" Sie schnappt nach Luft. "Haben sie etwa eine Insel gefunden?"
Hicks schüttelt den Kopf und schenkt sich etwas Wasser aus einem Krug auf dem Tisch ein. Er ist sichtlich dankbar für den Themenwechsel. "Nein. Sie sind oben. Er hat sich in ihr Bett gekuschelt. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der sein Leben so leichtfertig aufs Spiel setzt."
Rapunzel schnalzt mit der Zunge, während sie einige Schüsseln ausspült.
"Warum reden alle ständig darüber, eine Insel zu finden?", will Astrid wissen, während sie den Rest ihres Saftes trinkt.
"Wer redet denn schon noch darüber?" Hicks runzelt die Stirn.
"Im Wohnzimmer habe ich gehört, wie Fischbein zu ihr gesagt hat, sie soll entweder in die Küche gehen oder sich eine Insel suchen."
Hicks lacht. "Und sie hat sich für die Küche entschieden, richtig?"
Astrid nickt. "Was? Was ist daran so komisch?"

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