Kapitel 59
So schizophren es klingt, ich weiß, dass das hier echt ist.
Auch wenn ich keinen der Fische benennen kann - bis auf das Monster von Schwertfisch, das am äußeren Rand dieser Versammlung herumlungert. Vertraue nicht den Bildern in Schulbüchern - in Wirklichkeit ist so ein Schwertfisch viel furchteinflößender. Trotzdem, ein großer Fisch inmitten von ungefähr hundert kleinen Fischen erhöht meine Chance, nicht gefressen zu werden. Sie müssen begreifen, dass ich nie, niemals einen von ihnen essen würde, nur weil sie sich mir nähern wie Paparazzi einen Promi.
Einige von ihnen sind mutig genug, mich zu streifen. Einer der kleinen roten Fische zischt durch mein Haar. Ich begreife, wie unnormal es ist - vor allem unter diesen Umständen -, dass ich lache.
Aber es kitzelt einfach so sehr.
Mit gespreizten Fingern strecke ich meine Hand aus. Die Fische schwimmen abwechselnd zwischen meinen Fingern hin und her. Das erinnert mich an den Tag, als Raff und ich das Gulfarium in Destin besucht haben. Beim Streichelbecken hat Raff mich für den süßen Jungen versetzt, der im Souvenirshop arbeitet.
Wann immer ich die Hand ins Wasser gestreckt habe, sind die Stachelrochen zu mir geflitzt und haben sich an meine Finger geschmiegt, als würden sie um Streicheleinheiten betteln.
Sie haben eine Art Verkehrsstau in dem Aquarium verursacht, um zu mir zu kommen. Sogar jetzt huscht ein Stachelrochen aus dem Kreis der Fische und flitzt an meinem Gesicht vorbei, als wolle er spielen.
Ich schüttele den Kopf. Das ist lächerlich. Diese Kreaturen sind nicht hier, um mit mir zu spielen. Sie sind nur neugierig. Und warum auch nicht? Ich gehöre ebenso wenig hierher wie Hicks. Hicks.
Zum ersten Mal begreife ich, dass ich immer noch.... nun ja, ich kann Hicks fühlen. Nicht die Gänsehaut oder die pure Lava, die durch meine Adern fließt. Nein, diesmal ist es anders. Eine Bewusstheit. So wie wenn jemand in einem ruhigen Zimmer einen Fernseher anstellt - selbst wenn er stumm geschaltet ist, spürt man ein Knistern in der Luft. Nur dass dieses Gefühl jetzt das Wasser erfüllt.
Noch dazu ist es bei Hicks viel stärker.
Fast wie eine körperliche Berührung.
Heidrun ist deutlich zu spüren gewesen, aber Hicks' Anwesenheit ist einfach überwältigend. In der Sekunde, in der er einen Fuß ins Wasser gesetzt hat, wusste ich darüber Bescheid, als konzentriere sich das Pulsieren auf den Raum zwischen uns. Und ich habe es schon vor dem heutigen Tag gespürt.
Genau dieses Gefühl hat mich umschwirrt, als ich versucht habe, Raff von dem Hai zu befreien.
War er da? Ist er jetzt hier?
Ich drehe mich um meine eigene Achse und erschrecke meine Zuschauer. Einige zerstreuten sich und kehren dann zurück. Andere lassen sich nicht beirren. Der Schwertfisch beäugt mich, zuckelt aber weiterhin in sicherer Entfernung herum. Ich sehe mich in alle Richtungen um und halte bei jeder klitzekleinen Drehung inne, um in den Unterwasserhorizont zu spähen.
Nach zwei Umdrehungen gebe ich es auf. Vielleicht funktioniert dieses Pulsdings sogar über weite Entfernungen. Nach allem, was ich weiß, könnte Hicks inzwischen in Richtung Ellis Island schwimmen. Aber nur für den Fall des Falles versuche ich es noch einmal.
"Hicks?", rufe ich und schrecke damit ein paar meiner Nachbarn auf. Immer weniger kehren zurück. "Hicks, kannst du mich hören?"
"Yep", antwortet er und taucht unmittelbar vor mir auf. Ich keuche und mein Puls schießt in die Höhe.
"Omeingott! Wie hast du das gemacht?"
"Das nennt man Tarnung." Er neigt den Kopf. "Ich will ja nichts sagen, aber mir ist aufgefallen, dass du noch nicht tot bist. Ziemlich nicht-menschlich von dir."
Ich nicke und ein Cocktail aus Erleichterung und Wut wirbelt in meinem Magen herum. "Dann wird dir wahrscheinlich auch aufgefallen sein, dass ich keine große Flosse habe, die meinen Hintern verschluckt."
"Aber du hast violette Augen wie ich."
"Hm. Und.... Heidrun und Toraf?"
Er nickt.
"Hm. Aber was ist mit deiner Mom? Sie hat normale Augen."
"In Wirklichkeit ist sie gar nicht meine Mom. Sie ist meine Assistentin, Rapunzel. Ein Mensch."
"Natürlich. Deine Assistentin. Alles klar." Während ich zu verstehen Versuche, vergesse ich, im Wasser zu treten und fange an zu sinken. Aber Hicks hält mich am Ellbogen fest.
"Ich kann mich aber nicht in einen riesigen Wasserklecks verwandeln. Ich meine Tarnsache."
Er verdreht die Augen. "Ich verwandele mich nicht in Wasser, meine Haut verändert sich nur, damit ich mich verbergen kann. Das wirst du irgendwann auch lernen, sobald du deine Flosse aktivieren kannst."
"Wie kommst du denn überhaupt darauf, dass ich das kann? Ich sehe nicht so aus wie du. Abgesehen von den Augen, meine ich."
"Ich bin immer noch dabei, das herauszufinden."
"Und habe ich bereits erwähnt, dass ich keine große Flosse...."
"Aber du hast alle anderen Eigenschaften." Er verschränkt die Arme vor der Brust.
"Und die wären?"
"Na ja, du bist jähzornig."
"Bin ich nicht!" Raff war jähzornig. Nicht umsonst habe ich in unserem zweiten Hifhschooljahr den Spitznamen Sugar bekommen, denn nur meine Engelszunge konnte sie vor handfesten Streitereien bewahren.
"Ich wurde sogar im Jahrbuch unserer Mittelschule zu dem Mädchen gewählt, das wahrscheinlich einmal für Disney arbeiten wird."
"Dir ist hoffentlich klar, dass ich kein Wort verstanden habe."
"Ich Großen und Ganzen bedeutet das, dass ich durch und durch süß und harmlos bin."
"Astrid, du hast meine Schwester durch hurrikanfestes Sicherheitsglas geworfen."
"Sie hat angefangen! Hast du gerade hurrikanfestes Sicherheitsglas gesagt?"
Er nickt. "Und das bedeutet, dass du genauso harte Knochen und dicke Haut hast wie wir. Andernfalls wärst du gestorben. Darüber sollten wir noch reden. Du hast dich selbst - und meine Schwester - durch eine gläserne Wand geworfen, als du dachtest, ihr beide wärt menschlich. Was hast du dir dabei gedacht?"
Ich will ihm nicht in die Augen sehen.
"Ich schätze, es war mir in dem Moment egal."
Wahrscheinlich würde es eher nicht so gut ankommen, wenn ich ihm sage, dass ich seine Schwester töten wollte.
Das würde das Disney-Argument definitiv entkräften.
"Inakzeptabel. Riskier nie wieder dein Leben, hast du mich verstanden?"
Ich schnaube, was kleine Luftbläschen emportanzen lässt.
"He, weißt du eigentlich, was mir noch egal ist? Wenn du mir Befehle gibst. Ich habe mich dumm benommen, aber...."
"Ich glaube, das ist ein guter Moment, dir zu sagen, dass ich ein Mitglied der Königsfamilie bin", unterbricht er mich und deutet auf die kleine Tätowierung auf seinem Bauch. Genau da, wo seine Bauchmuskeln in die Fischflosse übergehen, sitzt eine kleine Gabel.
"Und da du offensichtlich eine Syrena bist, musst du mir gehorchen."
"Ich bin eine was?", frage ich und versuche zu kapieren, warum Besteck ihn zu etwas Besonderem machen sollte.
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