S I E B E N
Henry setzt die Flasche an und nimmt einen tiefen Schluck, dann verzieht er das Gesicht.
"Das ist widerlich."
"Du bist ein Anfänger."
"Gar nicht, ich mische meine Getränke nur ordentlich."
"Ordentlich ist relativ."
"Wow, so viel hast du die ganze Woche nicht geredet."
Ich muss grinsen, keine Ahnung wieso. Henrys Gesellschaft ist angenehm, aber das sage ich ihm natürlich nicht. Liegt wahrscheinlich auch nur daran, dass ich den Gin schon leicht spüre. War vielleicht wirklich ein bisschen viel.
Henry fängt an, seine Schuhe auszuziehen und seine Hose hochzukrempeln, dann schwingt er seine langen Beine ins Wasser, dabei reißt er einen Schuh am Schnürsenkel mit und dieser versinkt im schwarzen See.
Für zwei Sekunden ist es still, dann kann ich nicht anders. Ich fange an, ihn richtig hart auszulachen. Er sieht mich vorwurfsvoll an, aber ich kann nicht aufhören und irgendwann stimmt er in mein Lachen ein.
"Das ist eigentlich nicht witzig, die waren teuer!"
"Dann tauch' doch hinterher, so tief ist das nicht, oder?"
"Ich hab ja keine andere Wahl.", seufzt er, bevor er sich erhebt und an seinem Gürtel rumhantiert. Erneut verschlucke ich mich an meinem Getränk.
"Halt stop, du ziehst doch gerade nicht deine Hose aus?"
"Wie soll ich meinen Schuh sonst holen?"
"Angezogen?"
"Als wenn ich meine Sachen nass mache, weil du mit männlicher, nackter Haut überfordert bist."
"Männlich würde ich jetzt nicht unbedingt sagen."
Wieder wirft Henry mir einen entnervten Blick zu, über den ich nur noch mehr lachen muss.
Als er sich bis auf die Badehose ausgezogen hat, drückt er mir seine Brille in die Hand und springt vom Steg ins Wasser. Kurz ist er verschwunden und ich habe schon Angst, dass er absäuft, aber dann taucht er wieder auf und streicht sich das nasse, rote Haar aus der Stirn.
Das Wasser reicht ihm bis kurz über den Bauchnabel.
Ich checke ihn kurz ab. Er ist recht schlank, nicht ungewöhnlich dünn oder so, sondern normal. Scheint auch nicht zu trainieren. Seine blasse Haut leuchtet im Mondlicht, sodass es schon fast ästhetisch aussieht.
"Gefällt dir, was du siehst?", fragt er und zieht anzüglich eine Augenbraue hoch.
"Bah, träum weiter, du Schwachmat."
Gespielt entsetzt öffnet er den Mund. Dann dreht er sich um.
"Wie soll ich denn jetzt meinen Schuh finden?"
"Fühl doch mit den Füßen.", schlage ich vor und verdrehe die Augen. Dann nehme ich noch einen großen Schluck aus der Flasche. So langsam wird mir angenehm warm. Henry läuft die Stelle ein paar mal ab, bis er schließlich einen triumphierenden Schrei ausstößt und sich nach unten ins Wasser gleiten lässt. Wenige Sekunden später taucht er wieder auf und hat einen tropfenden, dreckigen Schuh in der Hand. Er hält ihn in die Luft wie einen Pokal.
Ich klatsche für ihn und er zieht sich wieder auf den Steg hoch und setzt sich dann neben mich.
"Willst du dir vielleicht mal wieder was anziehen?"
"Erst, wenn ich wieder trocken bin.
"Die Badehose trocknet schlecht, wenn du auf dem nassen Steg sitzt."
"Willst du etwa, dass ich die auch noch ausziehe?"
"Ugh. Vielleicht war das eher ein weiterer Versuch, dich loszuwerden."
Henry grinst und sieht auf seine Füße. Dann reißt er mir die Flasche aus der Hand und nimmt selbst einen großen Schluck. Er gibt sich wirklich Mühe, das Gesicht nicht zu verziehen.
"So, Livy, dann erzähl mir mal von dir."
"Nenn' mich bitte nicht Livy.", antworte ich ihm. Was soll das bitte für ein Name sein?
"Wieso nicht, ist doch süß."
"Ja, für eine 4-Jährige vielleicht."
"Na ja, vom Verhalten her passt es doch. Obwohl Kleinkinder vielleicht nicht so viel saufen wie du."
Ich boxe ihm gegen den Arm und er fasst sich an die Stelle, als hätte ich ihm ernsthaft wehgetan. Dafür hätte er noch einen Schlag verdient. Ich hasse es, verspottet zu werden.
"Oha und aggressiv bist du auch noch.", er grinst mich dümmlich an und ich stecke ihm die Zunge raus. So langsam verteilt sich der Gin in meinem Blut und ich fühle mich beschwingt.
"Lass uns spazieren gehen.", sage ich.
"Spazieren."
"Ja."
"Jetzt."
"Wann sonst?"
"Auf einer Party."
"Warum nicht?"
"Na gut.", gibt Henry sich geschlagen.
Ich erhebe mich und will los, aber Henry hält mich zurück.
"Ähm, Livy. Ich kann schlecht in Badehose hier rumlaufen."
"Zieh sie halt aus."
"Ausziehen."
"Ja? Zieh sie aus und zieh dann deine Hose und so wieder drüber."
"Keine schlechte Idee."
"Ich bin ein Genie."
Ohne mich vorzuwarnen macht Henry sich an seiner Badehose zu schaffen und ich drehe mich schnell um. Sein Ding will ich wirklich nicht sehen, egal wie betrunken ich mittlerweile bin.
Als er fertig ist, taucht er neben mir auf und wir schlendern los. Keine Ahnung wohin, aber wir sind beide wackelig auf den Beinen und lachen die ganze Zeit, wenn der andere stolpert.
Ich erwische mich dabei, ihn nach seiner Familie zu fragen und er erzählt, dass er drei ältere Brüder und eine 8-jährige Schwester hat. Zugegeben, ich muss ziemlich lachen bei den Geschichten, die er so auf Lager hat.
Als wir circa eine halbe Stunde durch die Gegend getorkelt sind, bemerken wir, dass sich eine angespannte Unruhe bildet und sich die meisten Leute um einen bestimmten Punkt versammeln. Wir werfen uns einen kurzen Blick zu und beschließen wortlos, uns das ganze mal näher anzusehen.
Mit meiner außerordentlich höflichen Art drängele ich mich durch die Massen und schleife Henry hinter mir her.
Ein Typ kauert auf dem Boden, Blut strömt aus seiner Nase, die gebrochen zu sein scheint. Louis' Ärmel sind hochgekrempelt und die Fäuste geballt, sein Gesicht wutverzerrt. Prinzessin Amy steht zwischen den beiden und hält sich schockiert eine Hand vor den Mund.
"Oh nein, nicht schon wieder.", lallt Henry und drängt sich an mir vorbei.
"Fass' sie noch einmal gegen ihren Willen an und ich töte dich.", schreit Louis den blutenden Typen an. Gott, hat der ein Aggressionsproblem. Henry torkelt auf ihn zu und redet auf ihn ein.
"Der Typ hat Amy begrapscht und wollte sie küssen, sie war nicht begeistert, aber das hat ihn herzlich wenig interessiert. Dann ist Louis eingeschritten." Ich zucke kurz zusammen, als Lydias Stimme an mein Ohr dringt. Wie hat sie es geschafft, sich so heranzuschleichen?
"Und Mary Sue hat sich heldenhaft dazwischen geworfen."
"Mary Sue?"
"Na Amy!"
"Oh, sag' das doch. Ja, genauso wie im Buch. Nur ihretwegen hat Louis aufgehört, auf den Typen einzuschlagen."
"Sehr romantisch."
"Nur eine Sache ist komisch."
"Die wäre?"
"Henry war nicht dabei."
"Er war mit mir am Steg."
"Echt jetzt?"
"Ne, unecht. Was ist daran so besonders?"
"Henry war eigentlich wichtig für die Handlung. Er hätte bei Amy sein müssen. Er hätte sich in sie verlieben müssen. Aber er war nicht da."
"Kannst du mal Klartext reden?"
"Ich glaube, du hast die Handlung verändert, Olivia."
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