N E U N U N D Z W A N Z I G

Es müsste ungefähr drei Uhr nachts sein. Es ist kalt geworden und jeder Schritt tut weh, obwohl ich ziemlich betrunken bin. Alles dreht sich und würde Henry mich nicht halten, wäre ich wahrscheinlich erneut gestürzt. Der Weg kommt mir unendlich lang vor und ich weiß, dass ich Henry die ganze Zeit dicht labere, vergesse aber im selben Moment schon wieder, was ich überhaupt sage. Ich realisiere nur, dass wir irgendwann schließlich ankommen und er mich irgendwie in sein Zimmer befördert.

"Pscht!", sagt er immer wieder, sagt irgendwas davon, dass er niemanden wecken will, wie auch immer. Ich finde mich also auf Henrys Bett sitzend und gegen die Wand starrend wieder, als er mit einem Wattepad herein kommt und mich ratlos für einige Sekunden ansieht.

"Ähm... Willst du dein Knie selbst sauber machen? Du müsstest die Hose dafür ausziehen, weißt du?", er wird rot.

"Mhm, mach du, ist mir egal, du hast mich doch auch im Bikini gesehen.", lalle ich und hantiere relativ erfolglos an meinem Reißverschluss herum. Nach einigen Bemühungen bekomme ich ihn endlich auf, jedoch bewerkstellige ich den nächsten Schritt nicht.

"Henry, du musst mir die Hose ausziehen.", jammere ich und lasse mich mit dem Rücken auf's Bett fallen.

Henry zögert, macht dann allerdings einen Schritt auf mich zu und beugt sich vorsichtig über mich. Dann sagt er irgendetwas zu sich selbst und platziert seine Hände schließlich an meinen Hosenbund. Ich hebe das Becken, sodass er die Hose über meinen Hintern ziehen kann, ansonsten bin ich keine große Hilfe. er ruckelt also an mir rum, bis die Jeans schließlich aus ist.

"Kannst du dich aufsetzen?", fragt er und ich kämpfe mich daraufhin in eine aufrechte Haltung. Er sieht nervös aus, und süß.

Henry kniet vor mir und fängt mit dem desinfizierten Wattepad an, vorsichtig über mein Knie zu tupfen. Es brennt, aber nicht schlimm.

"Geht's?"

"Mhm."

In diesem Moment bin ich einfach froh, ihn zu haben, froh, bei ihm zu sein. Ich will ihn anfassen.

"Henry.", nuschele ich und beuge mich leicht vor, um sein Gesicht in meine Hände zu nehmen.

"Livvy, du bist betrunken."

"Das hier will ich auch nüchtern.", erwidere ich und drücke meine Lippen auf seine. Sofort beginnt mein Herz zu rasen und mir wird heiß. Henry wirkt zörgerlich, stößt mich aber nicht von sich. Ich ziehe ihn hoch und zu mir aufs Bett, sodass er auf mir liegt und schiebe die Hände unter sein T-Shirt. Seine warme Haut zu spüren versetzt mir kleine Stromstöße.
Well, that escalated quickly.

Ich denke nicht nach, mein Kopf ist leer, ich weiß nur, dass ich Henry will, dass er im Moment das Einzige ist, was ich will. Es reicht mir nicht, ihn zu küssen, es reicht mir nicht, ihn zu berühren, ich möchte ihn ganz, alles vom ihm. 

"Livvy, wir sollten nicht -", unterbricht er den Kuss, aber ich denke überhaupt nicht daran, aufzuhören. Ich drücke meine Lippen erneut auf seine, stoße ihn daraufhin von mir, sodass er mit dem Rücken aufs Bett fällt und setze mich auf ihn. Er stoppt mich nicht, als ich ihn aufs Neue küsse. Der Alkohol macht mich mutig, also lasse ich von ihm ab und ziehe mein Oberteil aus. Bevor er überhaupt etwas sagen kann bin ich wieder über ihm, nehme seine Hände und lege sie auf meine Brüste, doch er zieht sie sofort weg. Ich gebe mich nicht geschlagen und mache mich an seinem Gürtel zu schaffen. 

"Livvy, stop, das reicht.", sagt Henry plötzlich mit fester Stimme, setzt sich auf und nimmt mich von seinem Schoß.

"Aber ich will dich.", nuschele ich und starte einen weiteren Versuch, allerdings erfolglos, denn er entzieht sich mir und springt aus dem Bett.

Ich bin vielleicht betrunken, vielleicht sogar ziemlich dicht, aber trotzdem steigt mir Schamröte ins Gesicht und der ganze Mut fällt von mir ab. Ich greife nach meinem T-Shirt und halte es mir vor die Brust, weil ich mich plötzlich schrecklich entblößt fühle.

"Ich verstehe schon, du willst mich nicht.", wispere ich, zu mindestens glaube ich, dass ich das tue. 

"Livvy...", Henry seufzt und setzt sich schließlich wieder zu mir auf's Bett.

"Weißt du, es ist nicht, dass ich nicht will. Im Gegenteil, du weißt überhaupt nicht, wie viel Beherrschung mich das gerade kostet. Aber ich will es nicht so. Du bist sturzbetrunken."

"Ist doch egal. Schlaf mit mir, bitte."

"Nein, es ist nicht egal. Ich will, dass du das hier nüchtern möchtest."

"Ich will das nüchtern genauso sehr wie betrunken."

"Wirklich? Ich glaube nicht, denn bisher hast du mich nüchtern immer abgewiesen, und ich bin es leid, jedes Mal verletzt zu sein, wenn du deine Fassung zurückgewinnst und das alles als großen Fehler betitelst."

"Du bist kein Fehler, Henry. Du warst nie einer."

"Wir sollten jetzt schlafen. Ich hole dir eine Flasche Wasser.", bevor ich etwas sagen kann ist er zur Tür hinaus und ich starre ihm hinterher, ewig lange Sekunden. Dann reiße ich mich aus meiner Trance und streife mir wieder mein Oberteil über. Ich fühle gar nichts, keine Scham, kein Bedauern, nichts. Ich bin einfach nur voll. Also lasse ich mich ins Kissen fallen und rolle mich in der Decke ein. Sie riecht nach ihm, nach Henry. 

Dass er mir die Flasche auf den Nachttisch stellt bekomme ich nur noch am Rande mit, denn einen Moment später befinde ich mich schon im Land der betrunkenen Träume.

* * *

Als ich erwache habe ich das Gefühl, dass ich kotzen muss. Es ist das erste, an das ich denke, als ich die Augen öffne. Ich versuche mich aufzusetzen, aber dann beginnt die Welt sich zu drehen und ich lasse mich zurück ins Kissen sinken. Dann wird mir klar, dass ich nicht in meinem Bett liege. Des Weiteren wird mir bewusst, dass Henry neben mir liegt und dass ich in seinem Zimmer bin. 

Fuck. 

Was genau ist letzte Nacht eigentlich passiert? Ich versuche alles Revue passieren zu lassen, aber die Erinnerungen sind nur verschwommen. Mein Knie tut weh.

Ich bin hingefallen. 

Ich bin hingefallen, als ich Henry hinterher gerannt bin. Trotzdem weiß ich nicht mehr, wie ich hierher gekommen bin. Plötzlich habe ich ein Bild vor Augen. Henry zieht mir die Hose aus und ich sitze in Unterhose vor ihm, während er mein Knie säubert. Scheiße. Es ist, als würden plötzlich alle Erinnerungen auf mich einströmen. Ich, wie ich Henry küsse. Ich, wie ich mich ausziehe und seine Hände auf meine Brüste lege. Ich, wie ich versuche, seinen Gürtel zu öffnen. 

Ich springe auf, renne ins Bad und übergebe mich über der Toilette. Dort bleibe ich eine ganze Weile. Ich kann ihm doch nie wieder in die Augen sehen!

"Livvy, ist alles in Ordnung?", beim Klang seiner Stimme zucke ich zusammen und drehe mich um. Henry steht besorgt in der Badezimmertür und mustert mich.

"Geh' lieber, ich weiß nicht, ob ich hier schon fertig bin, du solltest das nicht sehen."

"Ich hol dir eine Tablette."

"Bin mir nicht sicher, ob ich die drin behalten kann."

"Ich glaube an dich.", antwortet er und ich meine, ein Lächeln aus seiner Stimme zu hören. 

Eine halbe Minute später hockt er sich zu mir auf die Fliesen, reicht mir eine Tablette und Wasser und beobachtet mich, wie ich die kleine Wunderpille hinunter würge. Wir schweigen. Ich weiß, dass ich etwas sagen muss. Das ist nicht seine Aufgabe.

"Henry, wegen gestern Nacht... Ich kann mich definitiv nicht an alles erinnern, aber an das Wesentliche und es tut mir leid. Ich war furchtbar."

"So schlimm war es nicht. Aber mir war bewusst, dass du es bereuen wirst.", er wendet sich ab. Ich kann das nicht so stehen lassen, ich kann's einfach nicht, auch wenn ich mich hundelend fühle und überhaupt nicht die Kraft habe, zu reden.

"Das einzige, was ich bereue, ist dich in diese Situation gebracht zu haben und dir das Gefühl gegeben zu haben, mein Zeitvertreib zu sein, wenn ich getrunken habe, denn das bist du nicht."

"Wie meinst du das?", Henry ist plötzlich sehr aufmerksam. Versuche ich hier gerade ihm verkatert auf der Toilette meine Gefühle zu gestehen, fünf Minuten nachdem ich gekotzt habe?

"Du bist nicht einfach nur ein Zeitvertreib und nichts von dem, was diese Mädchen im Club gesagt haben, ist wahr. Ich weiß, ich habe schon mal etwas Ähnliches zu dir gesagt, aber auch das war Bullshit und das bereue ich. Aber ich bereue nicht, dir näher gekommen zu sein, nichts von alledem."

"Livvy, ich verstehe nicht, was du sagen willst."

"Ich will sagen... Keine Ahnung, was ich sagen will. Ich will nur, dass du weißt, dass ich gestern nicht einfach nur Lust auf Sex hatte und du eben gerade da warst. Denn ich hätte es mit keinem anderen gewollt. Und ich hätte es auch nüchtern gewollt."

Es ist still. Okay, das klang in meinem Kopf nicht so ernst wie ausgesprochen. Er sagt nichts und ich ertrage dieses Schweigen nicht. Scheiß drauf.

"Die Wahrheit ist, Henry, dass ich gelogen habe, als ich sagte, ich würde nichts für dich empfinden. Ich hab' von Anfang an gelogen. Mich hat es rasend gemacht, dich mit Samara zu sehen, mich hat es rasend gemacht, wenn du abweisend zu mir warst, obwohl ich wusste, dass du jedes Recht dazu hast."

Henry will etwas sagen, aber ich bin noch nicht fertig.

"Aber das alles bedeutet nichts. Weil es nirgends hinführt. Wir können nicht zusammen sein und deshalb dachte ich, es sei besser, dich glauben zu lassen, dass ich keine Gefühle für dich hätte, aber das war falsch, weil es dich verletzt hat und es tut mir leid."

"Verdammt Olivia, du eröffnest mir gerade, dass du das Gleiche für mich empfindest und dann haust du raus, dass es nichts bedeutet, weil wir nicht zusammen sein können? Warum zur Hölle? Warum stehst du dir selbst so im Weg, wenn du mich willst? Ich weiß langsam echt nicht mehr, was ich denken soll."

"Wir sind so gute Freunde und ich möchte nicht, dass unsere Freundschaft kaputt geht."

"Aber du machst sie mit diesem Verhalten doch kaputt. Glaubst du im ernst, wir könnten nach alldem Freunde sein? Das haben wir doch schon versucht, hat nicht wirklich funktioniert, oder doch?"

"Sag mal, du wirkst überhaupt nicht überrascht.", stelle ich plötzlich fest. Er hat reagiert, als wäre meine Offenbarung nichts neues für ihn. Seine ertappter Blick bestätigt mir, dass ich Recht habe. 

"Woher?", will ich wissen.

"May hat da sowas angedeutet ..."

"Was?"

"Okay, sei bitte nicht sauer auf sie. Nachdem ich so fertig wegen deiner Abfuhr war, hat sie mir gesagt, dass es dir auch nicht gut geht und dass du Gefühle für mich hast, aber eben auch Angst. Nur deshalb konnte ich wieder einigermaßen normal mit dir umgehen. Ich wollte, dass es funktioniert. Aber das scheint ja nichts zu ändern. Bin ich nicht gut genug, um dein offizieller Freund zu sein? Ist es das, willst du lieber einen Caleb?"

"Henry! Nein verdammt! Du bist gut genug, du bist mehr als das, du bist der beste Mensch, den ich kenne, okay? Es geht einfach nicht, weil..."

"Weil?"

"Weil ich irgendwann weg sein werde.", ich entscheide mich für die Halbwahrheit. Alles andere hat mich bisher nicht weiter gebracht und die ganze Wahrheit würde er mir nicht glauben.

"Was meinst du?"

"Henry, Lydia und ich werden wieder wegziehen. Es steht noch nicht fest, wann genau, aber wir werden wieder wegziehen, weit weg."

"Aber... Wohin?"

"England. Zurück zu unseren Eltern.", Wenigstens das ist wahr. 

Wir beide sind für einen Moment still, er nimmt meine Hand. 

"Warum?"

"Mit unserer Tante funktioniert es nicht so gut und ... ich vermisse England und meine Eltern."

"Aber wir könnten doch telefonieren oder skypen und uns besuchen und -"

"Henry, hör auf. Ich ... ich glaube nicht an Wochenendbeziehungen."

Wieder schweigen wir, dieses mal für eine ganze Weile. 

"Können wir die Zeit, die wir noch haben, nicht nutzen?  Ich bin nicht bereit, dich einfach so gehen zu lassen."

"Macht es das am Ende nicht noch schwieriger?"

"Das ist mir sowas von egal, Livvy."

"Mir auch.", murmele ich.

Und so verbleiben wir noch für viele Minuten auf den kalten Badezimmerfliesen vor dem Klo, aber keinen von uns beiden stört das. 

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