7⚜️ Mondays

Ein aufwühlender Montagnachmittag; 2018

Charlotte

⚜️



Als ich wach werde, brauche ich eine verdammt lange Weile, um mich zu orientieren. Irgendeine blöde Sau hämmert mir gegen den Schädel, mein Rücken tut unfassbar weh, mein Genick ist steif und ich bin mir nicht sicher, ob meine Organe noch an der Stelle sind, an die sie gehören. Mein Magen fühlt sich jedenfalls nicht danach an. „Verfickte Scheiße, ich werde alt", grummle ich und reibe mir mit den Händen übers Gesicht. „Na, na, das sagen wir aber nicht, Mum", tadelt mich mein Sohn, reicht mir ein Glas Wasser und eine Packung Aspirin. „Danke, Schatz. Aber ich habe 'nen fetten Kater, da darf man das schon mal- Moment mal!?" Nachdem die Erkenntnis dann auch mal in meinem Oberstübchen angekommen ist, reiße ich erschrocken die Augen auf und bereue es noch im selben Moment zutiefst, denn die Sonne ballert mir unbarmherzig ins Gesicht.

Langsam aber sicher realisiere ich, was eigentlich vor sich geht: Aiden sitzt neben mir auf Luisas Couch und grinst mich verschmitzt an. „Was machst du hier? Was mache ich hier? Was zur Hölle ist passiert?"

Ohne mit der Wimper zu zucken knallt mir mein Sohn die Wahrheit ins Gesicht und amüsiert sich prächtig dabei: „Tante Lu hat gesagt, du hast zu viel gesoffen, einen komischen Typen abserviert, einen anderen noch seltsameren Vogel kennen gelernt und bist im Endeffekt im Auto eingepennt. Maya und sie haben dich wortwörtlich in die Wohnung gezerrt, deinen Kopf ein paar Mal aus Versehen gegen irgendwas gehauen und sie haben mich von der Schule abgeholt und mitgenommen, bis du aus deinem Koma aufwachst."

„Habe ich schon mal gesagt, dass du für dein Alter viel zu aufgeklärt und frech bist, Großer." Ohne mich großartig darüber zu wundern, dass Lu alles breitgetreten hat, greife ich nach dem Wasser und werfe mir sicherheitshalber gleich zwei Kopfschmerztabletten ein.

„Naja, vielleicht hast du's ein, zwei Mal gesagt. Aber nur ganz vielleicht."

Diese Diskussion könnten wir endlich weiterführen. Allerdings macht es wenig Sinn Lu Vorwürfe zu machen. Immerhin hat sie mich aufgenommen und mir geholfen eine große (selbstverschuldete) Last von den Schultern oder in diesem Falle meinem Schoss zu bekommen.

Tatsächlich diskutiere ich auf lockere Art und Weise nur bis zu unserer Haustür mit Aiden. Er erzählt mir davon, wie er mit Laurie darum spielte, wer das neue Mädchen in seiner Klasse zuerst auf ein Eis einladen würde; er oder ein anderer Junge aus ihrem Jahrgang. Natürlich hat Aiden gewonnen aber eigentlich hatte ich gehofft, dass er sich mit diesem Thema noch eine ganze, verdammt große Menge Zeit lässt. „Niall hat mir da so ein paar Tipps-" „Bitte was?" unterbreche ich meinen Sohn etwas forscher als geplant und das Lockere verfliegt schneller als gedacht. „Was denn? Man kann schon mal so von Mann zu Mann" - Ich kann nicht anders, als ihn erneut zu unterbrechen: „Hasimausipupsi. Wir können dich gerne als 'Mann' betiteln, wenn du Haare unter den Armen, peinliche Stoppeln im Gesicht und kein Nachtlicht mehr anhast. Aber vorher kannst du dir diesen Begriff mal schön aus dem Kopf schlagen."

„Boa Mama ey, du bist so peinlich."

Während ich mich über seine roten Wangen köstlich amüsierte, schlüpft er unter meinem Arm durch die geöffnete Haustür. Wieder einmal ist der Fahrstuhl defekt, als laufe ich hinter ihm die Treppen nach oben. Meine Ausdauer war schon mal um einiges besser, das muss ich in dieser Situation immer wieder feststellen.

So beleidigt wie mein Sohn ist, ist es trotzdem kein Wunder, dass ich ihn schneller einhole, denn er hält mitten auf der Treppe, keine fünf Stufen vor unserem zuhause abrupt an. „Was ist denn, Aiden. Hast du gemerkt, dass es lächerlich ist, wenn du"- Perplex breche ich mitten im Satz ab. Mein Herz rast nicht nur, weil ich die Stufen hinter Aiden her sprinten musste. Allen voran komme ich ins Stocken, als ich an Aiden vorbeischaue. „Was zur Hölle machst du hier?" fauche ich ihn an und springe aus Reflex vor meinen Sohn. In Situationen wie dieser bereue ich es zutiefst mich gegen die Wohnung direkt neben Andy und Kenzie entschieden zu haben.

„Welcher von den inkompetenten Deppen ist das denn?" fragt Aiden sofort und stellt sich demonstrativ provokant vor mich und schaut ihm direkt in die Augen. „Die Klette oder der Vollidiot." Für eine Sekunde ringe ich mit mir selbst. Ich möchte unwahrscheinlich gerne laut lachen und meinem Jungen anerkennend auf die Schulter klopfen. Doch im nächsten Moment faucht Tommy auch schon los: „Pass mal schön auf, was du sagst, du ungehobelter Zwerg." Er tritt einen Schritt nach vorne, baut sich vor ihm auf und damit überschreitet er eine klare Grenze und landet umgehend im Kriegsgebiet.

Doch noch bevor ich meinen Mund aufmachen kann, taucht eine Stimme hinter mir auf. Der dazugehörige Mann legt seine Hand provokant auf meinen Arsch und sagt ohne Widerworte zu dulden: „Pass du mal lieber auf, wie du über meinen Sohn sprichst. An deiner Stelle würde ich zusehen, dass du Land gewinnst, bevor es hässlich wird und ich schwöre dir, du wirst es bereuen, wenn du es soweit kommen lässt."

Für einen ewig langen Moment stehe ich einfach nur da. Ich lasse alles passieren, lass es wie eine schlechte Komödie an mir vorbeiziehen. Eigentlich möchte ich dem an mir vorbeigehenden Tommy ein Bein stellen, ich will, dass er die Treppen herunterfällt, dass er sich weh tut. Aber ich tue gar nichts. Nicht einmal seine muskulöse Schulter, die meine verächtlich streift, bemerke ich.

„Chic, hey! Alles in Ordnung?"

Das Erste, was ich spüre, ist Enttäuschung. Dann Ekel, gefolgt von Wut.

Das Erste, was ich wahrnehme sind Nialls warme Hände, die fest auf meinen Schultern liegen und mich kräftig durchrütteln. „Da bist du ja wieder", lächelt er - so wie er es immer tut. Verlegen fährt er sich durch die Haare, als ich ihn ansehe. Etwas, was er nie tut. „Entschuldige, dass ich dich eben einfach so angefasst habe. Ich dachte bloß, ein Depp wie dieser versteht nur klare Ansagen und Zeichen."

„Schon okay. Hattest ja Recht", murmle ich immer noch irgendwie abwesend, denn ich frage mich eigentlich nur noch wie ich mich so in Tommy täuschen konnte. Vielleicht hat Luisa doch Recht, vielleicht bin ich doch einfach nur unfassbar oberflächlich. Vielleicht bin ich aber auch derart aus der Übung, dass sämtliche Warnzeichen einfach an mir vorbeigezogen sind, vielleicht habe ich einfach keinen guten Radar mehr.

„Wenn du mich gelassen hättest, hätte ich das schon alleine hinbekommen", zischt Aiden und verschwindet direkt in sein Zimmer, während ich noch im Türrahmen stehen bleibe. Ozeanblaue Augen durchbohren mich, als ich aufsehe und sofort fühle ich mich irgendwie unwohl. Für eine Sekunde fühlt es sich an, als würde er versuchen meine Gedanken zu lesen; als klebe mir ein riesiger Teleprompter auf der Stirn und er lese den Text. „Und du bist wirklich okay?" Statt ihm auf seine Frage zu antworten, übertrete ich die Schwelle, streife meine Schuhe ab und werfe meine Tasche auf den kleinen Schuhschrank. Noch während ich meine Jacke aufhänge, sehe ich zu ihm rüber. Nur dass er nicht mehr in der Tür steht, sondern im Begriff ist seine eigene Wohnungstür aufzuschließen. „Also ich bin keine Sterneköchin aber ich denke eine Pizza bin ich dir mindestens schuldig." Und die ein oder andere Erklärung; diesen Teil lasse ich aber erstmal unausgesprochen.

Eine direkte Antwort bekomme ich nicht. Niall verschwindet in seiner Haustür ohne mich anzusehen und lässt mich verdattert in meinem Flur stehen. Was ist denn jetzt sein Problem, frage ich mich aber noch bevor ich reagieren kann, öffnet sich seine Tür wieder. Nur in Socken, ohne seine klischeehafte Lederumhängetasche und mit einer Flasche Cherry-Coke in der Hand kommt er rüber. „Hier, rufe da an, frage nach Tony und sage ihm Niall hätte gerne das übliche", meint er frech, drückt mir alles in die Hand und schlurft direkt zu Aidens Zimmer durch.

Verdattert sehe ich ihm nach. „Äh... Okay?" Ich weiß nicht so recht, wie ich es finden soll, dass er mit solch einer Selbstverständlichkeit zu seinem Sohn durchdringt. Viel gruseliger ist jedoch die Tatsache, dass es sich irgendwie nicht falsch anfühlt. Er hat sich mit Aiden angefreundet und was wäre ich bitte für eine Mutter, wenn ich meinem Sohn seine Freund verbieten würde?

„Sowas sollten wir öfter machen." Als ich nach seiner Aussage in die Augen meines Sohnes schaue, sehe ich sie freudig glänzen und fühle mich prompt nicht mehr halb so leicht und beschwingt, wie zuvor. Im Gegenteil. Unwiderruflich stellt sich ein schlechtes Gewissen ein und gruseliger Weise klingelt es in diesem Moment an der Haustür. Während Aiden und Niall einfach in dem Kissen- und Deckenmeer auf dem Wohnzimmerboden sitzen bleiben, stehe ich auf und rutsche auf den Socken über das Laminat in Richtung Tür. Luisas Stimme ertönt, als ich mich über die Freisprechanlage erkundigen will, wer diesen schönen Tag stört. „Maus, mach schnell auf! Ich habe eine Überraschung für dich!" Sämtliche Alarmglocken hätten in diesem Moment schrillen müssen. Taten es aber nicht.

Strenggenommen habe ich allerdings auch eine Überraschung, denn im selben Moment, in welchem ich ihr die Haustür des Wohnhauses öffne, bin ich mir sicher, dass sie eine riesige Szene machen wird, weil ein männliches Wesen in meinem Wohnzimmer sitzt und genau deshalb nutze ich die Gelegenheit.

Schnell hetze ich zurück ins Wohnzimmer, ziehe Niall vom Boden nach oben und schiebe ihn zur Haustür. „Du bist ein Engel, Niall und ich bin dir unfassbar dankbar aber du musst ganz, ganz, ganz schnell verschwinden. Andernfalls haben wir ein Problem!" Und anstatt meine Panik ernst zu nehmen, lacht er. Natürlich lacht er, er tut es ja immer. „So langsam fühle ich mich wie in einem High-School Film. Fehlt nur noch, dass du mir meine Klamotten mitgibst und ich aus dem Fenster klettere, damit dein Dad mich nicht hasst." Kurz bin ich versucht ihm einen Pizzakarton statt der Kleidung entgegen zu werfen, doch ich fürchte für den Witz fehlt mir die Zeit.

„Kannst du mich nicht einmal ernst nehmen?!" seufze ich stattdessen auf und versuche ihn durch die Tür zu schieben, doch der sture Bock macht sich extra schwer.

Dramatisch greift er sich ans Herz, während ich ihn durch den Hausflur in seine Wohnung schiebe. Dieser Vollidiot versteift sich absichtlich und wenn er sich noch weiter gegen mich lehnt, lasse ich los und sehe lachend dabei zu, wie er mit dem Gesicht voran auf den Boden klatscht und ich werde es in vollsten Zügen genießen!

„Egal was ist, ich werde dich immer lieben! Du bist mein Ein und Alles, meine Königin, mein Lebenslicht und nichts und niemand kann uns trennen!" ruft er schwülstig aus und lässt seinen Blick nicht von mir ab.

 

„Du bist so ein Depp", zische ich und lasse ihn vor der Wohnung stehen. In meinem Türrahmen angekommen, drehe ich mich noch mal um. Er steht noch immer vor seiner Tür und grinst mich an. „Danke Niall. Du hast mir heute echt den Arsch gerettet. Ich schulde dir was!" - Ach Mensch, hätte ich in diesem Moment doch nur meine Klappe gehalten und nichts versprochen, was ich nicht halten kann...

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