ZWEI

 Es wunderte mich am nächsten Morgen nicht, dass Marcus noch immer auf der Couch lag und im Sitzen schlief. Er schien sich keinen Zentimeter bewegt zu haben, denn seine Hose stand noch immer offen und seine Arme hingen genau wie letzte Nacht schlaff neben seinem Körper.

Es war ein jämmerlicher Anblick, der sich mir präsentierte.

Ich zog mir meine Jacke über, die noch auf der Couch lag.

Es war scheiße kalt.

Die Heizung lief in unserer Wohnung immer nur eine Stunde am Tag und das meistens nachts. Mehr wurde uns vom Hausbesitzer nicht erlaubt, da wir beide gerade mal fünfundsechzig Euro Miete zahlten. Deshalb verdammte ich es hier am meisten im Winter, wenn es kalt war. Eines der Fenster hatte eine kaputte Ecke und somit gelang permanent kalte Luft hinein. Ich konnte bereits meinen eigenen Atem sehen. Es wunderte mich, dass Marcus nicht erfror, wenn er die ganze Nacht nur mit einem Unterhemd bekleidet in der Kälte schlief.

Ich ließ mich auf die abartige Couch fallen. „Ey", sagte ich, um ihn wachzumachen. Er regte sich nicht, deshalb schmiss die Zigarettenschachtel nach ihm, die auf dem Tisch lag. „Wach endlich auf, man."

Er schnaufte einmal und öffnete dann langsam die blutunterlaufenen Augen. Sein Körper bewegte er trotzdem nicht, ich konnte nur erkennen, wie er mich aus dem Augenwinkel betrachtete. Ein widerliches Grinsen bildete sich auf seinen Lippen und mir wurden die Spitzen seiner gelb vergammelten Zähne präsentiert. „Wunderschönen guten Morgen", krächzte er.

„Es ist ein Uhr mittags."

Marcus stöhnte und richtete sich ein wenig auf. Ich konnte seine Knochen bis zu mir knacksen hören und mir kam eine Wolke von undefinierbarem Gestank entgegen. „Wo warst du gestern?"

„Unterwegs", antwortete ich knapp und nahm mir meinen Haustürschlüssel von dem kleinen Tisch.

Er lachte auf und beugte sich nach vorne zu dem Tisch. „Unterwegs. Hast wohl wieder deine Alten gestalkt, du Kleinkind."

Einer der vielen Gründe, wieso ich ihn so verachtete. Er verstand nie, wieso ich so oft zu dem Haus meiner Eltern ging, viel lieber zog er mich damit auf. Es war zwar unnormal das zu tun, was ich tat, doch es war noch das letzte, was in meinem Leben übrig blieb, das erträglich war.

Ich beachtete seine Worte nicht, sondern stand einfach auf. „Ich werde gehen. Heute Abend bringe ich etwas zu Essen mit."

Marcus nahm die Plastikkarte von dem Tisch und zog seine Line Kokain auf dem schmutzigen Tisch nach. „Dann bring auch gleich das Geld mit, das du mir noch schuldest." Er beugt sich über den Tisch und zieht die Line durch einen Strohhalm in seine Nase, dann reibt er mit einem Stöhnen über die Nase. „Kannst du es mir heute nicht geben, fliegst du raus. Ich warte keinen Tag mehr länger."

Ich nickte nur stumm und ging aus dem kaputten Türrahmen des Wohnzimmers zum Flur.

„Und bestell deinen Alten einen schönen Gruß von mir!", rief er mir noch hinterher und lachte dann gehässig, bevor ich die Tür zuknallen ließ.

Ich hätte niemals gedacht, dass ich mal sagen würde, meine Arbeit wäre für mich entspannender, als mein eigenes Zuhause, denn ich liebte die Wochenenden, an denen ich arbeiten durfte und endlich von dieser widerlichen Atmosphäre flüchten konnte.

Wie erwartet lag die schwarzhaarige Frau von letzter Nacht nicht mehr vor der Tür. Wahrscheinlich wurde sie von dem Regen geweckt, der auf die Erde hinab prasselte.

Ich band mir meine Jacke enger um den Oberkörper und setzte mir die Kapuze über, um den kühlen Wind nicht mehr spüren zu müssen. Als ich langsam auf die Seite von Berlin kam, die nicht zu vergleichen war mit der Seite, auf der ich lebte, fühlte ich mich mit jedem Schritt unwohler. Die Menschen starrten mich immer an. Zumindest dachte ich das. Doch ich konnte es verstehen, denn ich sah scheußlich aus. Wahrscheinlich stank ich selbst genauso, wie der Geruch in der Wohnung und meine Haare waren viel zu lang und fielen mir in fettigen Strähnen ins Gesicht. Selbst meine alte Jeanshose war noch schmutzig von der Arbeit letzter Woche. Doch ich konnte es mir nun mal nicht leisten jeden zweiten Tag eine andere Hose anzuziehen. Ich besaß zwei Stück und beide waren übersät von Löchern und Flecken schon gar nicht mehr rausgingen.

In so Momenten vermisste ich mein altes Leben am meisten.

Ich war jetzt einer dieser Menschen, die ich früher immer auslachte, weil sie so unbedeutend waren.

Es fiel mir schwer an der Haustür von Frau Rosel zu klopfen, da ich meine Gliedmaßen kaum spüren konnte. Die Kälte war unerträglich.

Die Tür öffnete sich nach kurzer Zeit und sofort konnte ich die Wärme spüren, die von drinnen auf mich zuflog.

Frau Rosel lächelte mir warmherzig zu, als sie mich erblickte. Ich mochte sie sehr. Sie war eine zweiundsiebzig jährige Witwe, der ich jedes Wochenende auf ihrem Bauernhof half, um meine Miete zahlen zu können. Ich lernte sie vor ein und halb Jahren kennen. Sie hatte mich damals beobachtet, wie ich gerade in einem Lebensmittelladen etwas zu Essen klauen wollte. Ich dachte, sie würde mich verraten, doch das tat sie nie. Sie kaufte mir Essen und Trinken und bot mir einen Job auf ihrem Hof an, damit ich nicht mehr stehlen musste. Ab da arbeitete ich jedes Wochenende bei ihr und bekam jeden Samstag und Sonntag zwanzig Euro.

Es war zu wenig, das wusste ich, doch ich konnte damit die fünfundsechzig Euro Miete zahlen und daher war es ausreichend. Ich stahl zwar bis heute noch in Läden, doch ich schätzte Frau Rosel sehr.

Sie war meine einzige Freundin.

„Komm rein", sagte sie lächelnd und ging einen Schritt zur Seite. „Hier ist es schön warm."

Ich betrat mit einem dankenden Lächeln ihr Haus. Es roch hier zur Weihnachtszeit immer nach Zimt und Orangen, das ließ mich wohler fühlen. Sofort überkam mich ein Gefühl von Geborgenheit.

„Du bist ja total durchgefroren." Frau Rosel schloss die Tür und ging mit langsamen Schritten an mir vorbei ins Wohnzimmer. Ich folgte ihr, zog mir meine Kapuze vom Kopf und genoss die Wärme des Kamins, der bereits flackerte. „Hier", sagte sie und reichte mir einen großen Pullover, den sie – wie ich annahm - selbst gestrickt hatte. „Zieh ihn dir unter die Jacke, sonst erfrierst du noch da draußen."

„Ich würde schon n-nicht erfrieren", meine ich, nehme ihr den Pullover aus der Hand und versuche mir ein Lächeln durch die klappernden Zähne zu erzwingen. „Aber vielen Dank."

Sie lächelte und setzte sich in einen mit Rosen bestickten Sessel vor ihren Kamin. „Fang am besten gleich an, denn die Kühe jaulen schon den ganzen Morgen. Ich lasse dir solange ein Bad ein, damit du dich waschen kannst."

„Das ist nicht nötig." Es war mir unangenehm, dass sie das immer tat, denn dann wusste ich, dass ich wirklich stank und scheußlich aussah.

„Nein, es ist okay. Das hast du dir verdient."

Nein, hatte ich nicht.

Schließlich nickte ich und lächelte beschämt. „Danke."

Frau Rosel wusste nie, wieso ich in diesem Leben da gelandet bin, wo niemand hinwollte. Ich hatte ihr nie erzählt, wieso ich nicht mehr bei meiner Familie lebte und sie hatte auch nie danach gefragt und das fand ich gut. Das was ich getan habe, zeichnete mich nicht aus und gehörte nicht zu meinem wirklich Ich.

Ich genoss die Tatsache, dass ich jemanden um mich herum hatte, der meine Vergangenheit nicht kannte und einfach nur mich sah und nicht den widerlichen Jugendlichen, der verstoßen gehörte.

Die Arbeit war immer die gleiche. Ställe ausmisten, die Tiere füttern und zu den Winterzeiten Schnee schippen. Es machte mir keinen Spaß, vor allem, wegen der Kälte, doch es lenkte mich ab. Manchmal redete ich mit den Tieren einfach nur, um mit jemandem reden zu können. Mir fehlte ein offenes Ohr und die Tiere hörten mir immer zu.

Manchmal versuchte auch Frau Rosel mit mir über meine Lebensumstände zu reden, doch ich blockte immer ab. Ich wusste, dass sie nur freundlich sein wollte und es sie auch wirklich interessierte, wie ich lebte, doch es war mir wichtig, dass sie nur diesen Jungen sah, der für zwanzig Euro arbeitete. Irgendwann gab sie es auf, mich zu fragen, wie ich mich fühlte und ob ich Hunger oder Durst hatte. Denn sie wusste, dass es mir immer schlecht ging und ich immer Hunger und Durst hatte, deshalb kochte sie für mich und erlaubte mir eine wohltuende Dusche zu nehmen.

Ich nahm an, dass sie sich vorstellen konnte, wie heruntergekommen meine Lebensumstände sind, denn man müsste blind sein, wenn man es mir nicht ansah.

Ich schüttelte mir den Schnee von den Schultern, als ich nach meiner Arbeit wieder das warme Haus betrat und sofort kam mir der Geruch von frisch gebackenem Gebäck entgegen. Ich zog mir an der Haustür die Schuhe aus und stellte sie ordentlich an die Wand, damit sie dort trocknen konnten. „Frau Rosel?", rief ich durch das Haus, als ich sie nirgends entdecken konnte.

Sie kam hinter der Ecke ihrer Küche hervor und lächelte, wischte sich die mit Mehl beschmutzten Hände an der orangenen Schürze ab. „Dein Bad ist fertig, du kannst dich waschen. Ich koche solange noch fertig. Brauchst du noch etwas? Soll ich dir Klamotten hochbringen?"

Wie jedes Mal erschlug mich ihre Höflichkeit und mir blieb nichts anderes übrig, als abzudanken. „Nein, ich brauche nichts. Danke... Für das Bad. Und das Essen."

„Ist doch keine Ursache." Sie verschwand wieder in der Küche. „Falls du etwas brauchst, dann frag mich einfach."

Ich nickte mit geschürzten Lippen, obwohl sie es nicht sehen konnte.

Frau Rosel war eine wunderbare und so warmherzige Frau. Es tat mir Leid für sie, dass sie allein in diesem großen Haus leben musste. Ihr Mann starb vor drei Jahren an Lungenkrebs und seitdem war sie ständig allein.

Erschöpft ließ ich meinen dünnen, erfrorenen Körper in das warme Wasser sinken, das vor Hitze dampfte. Ich genoss die Bäder, die ich jeden Samstag hier nehmen durfte, als wären sie für eine Stunde Urlaub.

Bei Marcus konnte man nicht duschen. Das Wasser war schmutzig und die Dusche wurde zerstört, als eine Bande von Männern unsere Wohnung überfiel, weil er ihnen Geld schuldete. Es war das reinste Chaos. Deshalb war ich froh darüber, dass Frau Rosel mir die Chance gab mich wenigstens einmal die Woche rein zu fühlen.

Ich zog mir den Pullover über, den sie mir vorhin gab und meine alte, befleckte Hose. Sie stank noch immer grauenhaft, doch ich hatte mich schon längst an diesen Geruch gewöhnt. Mit noch nassen Haaren, tapste ich die Holztreppen herunter.

Als ich gerade die Küche betreten wollte, lief jemand gegen meine Brust.

„O", machte das dunkelhaarige Mädchen und ging einen Schritt zurück. „Tut mir leid, ich hatte dich nicht gesehen."

Von ihren schönen braunen Augen geblendet, bekam ich kein Wort raus. Ich sah zu selten solche hübschen Mädchen von der Nähe. Sie hatte eine kleine Stupsnase und volle rosa Lippen.

„A, da bist du ja", sagte Frau Rosel, die hinter dem Mädchen auftauchte. „Das ist Layla." Sie legte ihre Hand auf die Schulter des Mädchens. „Sie ist meine Enkelin. Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn sie heute Abend mit uns isst."

Schnell schüttelte ich den Kopf. „Nein." Ich räusperte mich. „Nein, ich meine, ja, klar. Es stört mich nicht."

Jetzt lächelte Layla zu mir hinauf. Ihr Lächeln war das schönste, das ich in den letzten zwei Jahren gesehen hatte. Es war ehrlich und beschleunigte auf Anhieb meinen Puls.

Und das ungewöhnlichste für diese Situation war, dass sie mich anlächelte, obwohl sie mich sah. Ich war absolut keine Augenweide und wahrscheinlich hatte ich noch immer einen schrecklichen Gestank um mich herum, durch meine alte Hose. Jetzt war ich noch glücklich darüber, dass ich mich waschen durfte.

Ich folgte Layla zum Tisch und sie setzte sich neben mich. Ich konnte kaum glauben, dass so ein schönes Mädchen sich tatsächlich freiwillig neben mich setzte.

Sie roch herrlich nach Blumen. Nach einer kompletten Blumenweise, um ehrlich zu sein. Ihr Geruch ummandelte meine Sinne von oben bis unten und es fiel mir schwer mich auf das Essen zu konzentrieren, das Frau Rosel gekocht hatte.

Während dem ganzen Essen haben sie und ich kein Wort miteinander gewechselt. Doch ich wusste, dass sie es nicht böse meinte, denn die Stille war angenehm. Wir aßen einfach nur zusammen und Frau Rosel erzählte von den Blumen in ihrem Garten, die über den Winter zugeschneit wurden.

Ich würde sie am nächsten freischaufeln.

Nach dem Essen machte ich für Frau Rosel das Feuer im Kamin erneut an und sie stand in der Küche und machte bereits den Abwasch, während Layla im Garten war. Ich wusste nicht, was sie im Garten tat, doch es interessierte mich. Trotzdem hatte ich mich nicht getraut ihr hinterher zu gehen. Vielleicht wollte sie allein sein und ich würde sie nur stören.

„Du kannst die welche von den Keksen nehmen, die ich gebacken habe", ruft Frau Rosel von der Küche. „Sie liegen auf dem Tisch."

Ich sah zu dem Tisch und wollte mir einen Keks nehmen, doch mir stach etwas ins Auge.

Diese Kiste. Diese kleine verdammte Kiste.

Ich wusste, dass Frau Rosel dort immer Geld lagerte, für die schlechten Zeiten. Und bisher verging keine Woche, in der ich mir nicht heimlich etwas daraus genommen hatte. Es entstand jedes Mal ein Konflikt in meinem Kopf und ja, ich hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie bestahl, doch ich wusste mir nie anders zu helfen.

Ich brauchte das Geld dringend.

Also griff ich anstatt in die Schüssel mit den Keksen zu der kleinen grünen Kiste und öffnete sie leise. Ich nahm mir zehn Euro heraus, ließ sie schnell in meiner Hosentasche verschwinden und legte die Box wieder so auf den Tisch, wie sie vorher stand.

Ich fühlte mich unheimlich schlecht.

Doch ich hatte auch schon lange das Gefühl, dass Frau Rosel wusste, dass ich sie jede Woche bestahl. Diese kleine Box stand immer Samstagabends auf dem Tisch. An dem Tag, an dem ich meine Miete zahlen musste. Und sie musste es wissen, denn es fehlte fast jede Woche Geld. Doch sie sagte nie etwas. Sie wusste, dass ich das Geld benötigte. Auch, wenn sie nicht wusste für was ich es brauchte. Ich hätte es genauso gut für Drogen und Alkohol ausgeben können. Doch das tat ich nicht.


Ich kam in der Wohnung an, als es bereits dunkel war. Ich stellte das Essen, das Frau Rosel mir mitgegeben hatte auf den kleinen Tisch im Wohnzimmer.

Marcus war nicht da. Er war arbeiten. Drogen kaufen und verkaufen. An solchen Tagen kam er meistens nach Hause, ohne, dass er komplett breit war. Man könnte ihm sonst das Geld aus der Tasche ziehen, wenn er stoned war, sagte er immer.

Auf dem Tisch lag eine kleine Plastikmünze, die mit der roten Seite nach oben zeigte.

Ich seufzte.

Das war das Zeichen von Marcus, dass ich zum Block 3 gehen sollte. An manchen Tagen brauchte er meine Hilfe beim dealen, einfach, um bedrohlicher für seine Käufer zu wirken, denn dann waren wir zu zweit.

Diese Nächste hasste ich. Oft bekam ich ein blaues Auge, weil Marcus sich mit seinen Dealern anlegte und ein beschissenes Mundwerk hatte. Er wusste nie, wann man still sein sollte. Wahrscheinlich hatte er den anständigen Bereich seines Hirns schon weggekokst.

Ich legte das Geld, das ich Marcus für die Miete schuldete unter sein Kopfkissen, steckte mir mein Taschenmesser ein und ging zum Block 3.

„Da bist du ja endlich", stöhnte Marcus, als ich durch die widerliche Gasse von Block 3 lief und bei ihm ankam. „Das nächste Mal kommst du gefälligst schneller, verstanden?" Sein Blick sagte mir, dass die Erklärung, ich war arbeiten, nutzlos war.

Also nickte ich nur.

„Gut." Er schaute zu dem Jungen, der vor uns stand.

Ich würde ihn auf nicht älter als sechzehn schätzen. Man sah ihm an, dass er noch ein trautes Zuhause hat, denn er sah halbwegs gepflegt aus. Seine Klamotten waren nicht schmutzig und seine Haut sah nicht annähernd so aus, wie von jemanden, der in solchen Verhältnissen lebte, wie Marcus und ich. Ich beneidete ihn.

„Also gib mir den Shit", keifte Marcus den Jungen an.

Dieser zuckte kurz zusammen und holte dann eine Tüte mit Kokain aus seiner Jackentasche. Es war unübersehbar, dass er noch neu in diesen Geschäften war. Er hatte Angst. Die hätte ich auch, denn Marcus sah krank aus.

Marcus riss dem Jungen die Tüte aus der Hand und öffnete sie. Er nahm etwas von dem Pulver zwischen Daumen und Zeigefinger und rieb es. „Wie viel?"

„Neunzig", sagte der Junge kleinlaut und sah dann zu mir, als würde er mich mit seinen Blicken nach Hilfe anbetteln.

Marcus fing an, an dem Pulver zu riechen. „Neunzig? Das ist ganz schön viel dafür, dass du ein kleines Dreckskind bist."

„Fünfundachzig. Tiefer kann ich nicht gehen."

Durch zusammengekniffene Augen betrachtete Marcus den kleinen Jungen und schloss die Tüte wieder. Nach einem kurzen Moment der Stille, atmete er tief ein und aus und sagte dann: „Ich lasse mich ungern verarschen."

„Verarschen?", krächzte der kleine Junge mit aufgerissenen Augen und ging einen halben Schritt zurück. Marcus Blick musste ihn zerfleischen. „Ich verarsche dich nicht."

„Ach. Wirklich?" Er ging ihm den halben Schritt hinterher.

Der Blick des Jungens war mit purer Angst gefüllt und ich nahm meine Hände aus den Jackentaschen, bereit für einen Disput. Ob er gegen Marcus oder den Jungen laufen würde, wusste ich jedoch noch nicht.

Der Junge nickte angsterfüllt. „Ja."

Plötzlich holte Marcus und haute ihm mit der Faust ins Gesicht. Der Junge verlor den Halt und wäre auf den Boden geflogen, wenn Marcus ihn nicht am Kragen seiner Jacke packen und ihn zu Boden drücken würde. Das Gesicht des Jungen rieb am steinigen Grund und Schnee fiel ihm ins Gesicht.

„Was ist das?", schrie Marcus und schmiss die Tüte neben den Kopf des Jugendlichen, während er ihn noch immer zu Boden drückte. „Denkst du, ich bin behindert?"

Der Junge schwieg.

Marcus hob seinen Kopf an und haute ihn ein weiteres Mal auf den Boden. „Ich fragte, ob du denkst, ich sei behindert, Wichser!"

Schnell schüttelte der kleine mit dem Kopf.

Ich hatte auf irgendeine Art und Weise Mitleid mit ihm. Doch dieser brachte mir nichts. Ich konnte Marcus von nichts abhalten, das konnte ich nie.

„Dann erklär mir das", fauchte Marcus und riss die Tüte mit seinen Zähnen auf. Er nahm den Inhalt und rieb es aggressiv ins Gesicht des Jungen. „Sag mir, was das ist! Los, sag es mir!"Der Junge schwieg wieder und versuchte nur der großen Hand von ihm ausweichen, während er immer wieder das weiße Pulver in sein Gesicht rieb. „Mehl!", schrie Marcus, stand auf und trat dem Jungen kräftig in die Magengrube. Er schmiss die Tüte mit dem Rest des Inhalts neben ihn, während der Junge vor Schmerz stöhnte und sich nicht mehr bewegte. Mit angespanntem Kiefer und gerümpfter Nase trat Marcus zu mir. „Hau ihm auf's Maul."

Ich sah ihn verdutzt an. „Was?"

„Ich sagte", quetschte er durch seine Zähne. „Hau. Ihm. Auf's. Maul."

„Ich habe hiermit nichts zu tun. Ich – "

„Tu es!" Marcus Kopf war bereits rot und sein Blick zeigte mir, wie verrückt er eigentlich war. Er brauchte das, diese Schläge, die er verteilte, schenkten ihm Trost und Befriedigung.

Ich zuckte leicht vor seinem Schrei zusammen. In meinem Kopf wusste ich, dass ich die Schläge bekommen würde, wenn ich sie nicht gleich dem Jungen geben würde. Und ich wollte nicht noch mehr Schmerz fühlen.

Also ging ich mit dem Blick an den Boden geheftet auf den Jugendlichen zu, der noch immer gequält auf dem zugeschneiten Boden lag und sich die Hände vor den Bauch hielt. Er hatte bereits große Schmerzen, wieso sollte es mehr werden?

Ich wollte ihm nicht wehtun. Doch ich wollte auch nicht, dass man mir wehtat.

Ich packte ihn am Kragen seiner Jacke und zog ihn auf den Knien zu mir höher, um ihm ins Gesicht sehen zu können.

Er blutete an seiner Unterlippe und sein Blick flehte mich an, ihn in Ruhe zu lassen. Er war noch so jung.

„Jetzt mach's endlich!", brüllte Marcus hinter mir.

Viel lieber hätte ich Marcus eine auf's Maul gehauen, doch ich holte doch schließlich aus und knallte mit meiner Faust, die von der Kälte blau war, auf die Nase des Jungen.

Er jaulte schmerzvoll auf und mich durchzog ebenfalls ein pochender Schmerz an meiner Faust.

„Nochmal!", schrie Marcus.

Ich drehte mich zu ihm um. „Nein, er blutet bereits."

Marcus Blick war wie Gift. „Nochmal."

Ich verstand nicht, wie ein Mensch so krank sein konnte, wie er. Er liebte es Menschen wehzutun und sie zu schikanieren, ganz egal, wie alt sie waren.

Mit mitleidigem Blick sah ich wieder zu dem Jungen, der mich eingeschüchtert betrachtete. Seine Zähne klapperten und seine Augen waren rot.

Er weinte.

Ich holte jedoch trotzdem ein weiteres Mal aus und schlug ihn.

Plötzlich sah ich nicht mehr ihn den Jungen vor mir.

Erinnerungen flammten in meinen Kopf.

„Nein!", schrie der Mann, den ich am Kragen packte. „Bitte! Tu es nicht!"

Ich schlug auf ihn ein. Jedes Mal. Erbarmungslos. Fest.

Ein weiterer Schlag.

Ein weiterer Schlag.

„Ja, gut so!", spornte Marcus mich an. „Weiter so!"

Völlig im Adrenalinrausch, bemerkte ich nur nebenbei, wie Marcus neben mir auftauchte und mir ein Messer entgegenhielt. Der Mann regte sich kaum noch. Ich hatte sein warmes Blut an meiner Faust.

„Hier", sagte Marcus breit grinsend. „Jetzt tu es."

Ich ließ den Jungen nach Luft ringend auf den Boden fallen. „Nein", sagte ich leise zu mir und beobachtete die Figur, die hilflos vor meinen Füßen lag. „Nein, nein, nein."

„Was soll die Scheiße?" Marcus kam zu mir und zog mich an der Kapuze auf die Beine. „Scheißt du dir jetzt in die Hosen oder was?"

Ich bekam kein Wort heraus, sondern starrte nur den Jungen an, der mit flatternden Augenlidern auf dem Boden lag. Es floss Blut aus seiner Nase zu seinen Lippen. Der Anblick war grausam. Ich konnte das nicht tun. Ich konnte es einfach nicht tun. Sachen wie diese, waren der Grund dafür, wieso ich da war, wo ich war.

„Ach, verpiss dich", knurrte Marcus und schupste mich in die Richtung, aus der ich gekommen war, bevor das passierte. „Ich bekomm das allein."

Mit vollgedröhntem Kopf stolperte ich über den Grund und sah nochmal zu dem Jungen. Marcus ging mit hochgezogenen Schultern auf ihn zu und trat ihm ein weiteres Mal in den Magen. Mittlerweile konnte der Junge nicht mal mehr schreien. Er nahm die Schmerzen einfach hin. Wahrscheinlich würde er bald bewusstlos werden.

Ich wollte ihm helfen. Ich wollte es wirklich. Doch irgendetwas hielt mich davon ab. Vielleicht war es die Erfahrung, dass mir selbst solche Dinge wiederfahren sind. Und ich wollte, dass jemand spürt, wie grausam mein Leben war. Die Menschen sollten merken, wie schrecklich es sein kann, so zu sein, wie ich.

Erbärmlich und voller Selbsthass rannte ich davon.

Falls das hier wirklich jemand liest, hoffe ich auf Feedback. Das wäre mir richtig wichtig.

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