FÜNF
Es fiel mir schwer zu atmen.
Nicht, weil mein Vater mich so fest an seinen Körper drückte, sondern weil der Moment mir den Atem raubte.
Zwei Jahre. Zwei Jahre konnte ich seinen Geruch nicht riechen, seine Wärme nicht spüren und seine Stimme nicht hören.
Und jetzt standen wir hier.
Er hatte seine Arme fest um meine Schultern und ich rang nach Luft, versuchte meine Tränen zu unterdrücken.
„Ich bin es", keuchte ich leise. Mir selbst fiel es schwer die Situation komplett zu verstehen. Es musste einer meiner Träume gewesen sein.
Ich spürte den Körper meines Vaters zucken und beben, weil er so hemmungslos schluchzte. „Du bist es. Du bist es wirklich."
In diesem Moment wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich wusste nicht, ob ich meine Arme ihn schlingen sollte und ihm sagen sollte, wie sehr er mir fehlte. Ich könnte ihm sagen, durch welche Hölle ich ging und wie oft ich an ihn, Mama, Darius und Jana dachte, während den letzten zwei Jahren.
Ich hätte ihm die Wahrheit sagen können.
Doch ich tat nichts. Es waren zu viele Gefühle, die meinen Körper betäubten und ich wusste nicht, damit umzugehen.
Mein Vater ließ mich nach einem kurzen Moment der Zweisamkeit los und betrachtete mich mit rotunterlaufenen Augen. Er sah alt aus für seine Verhältnisse. Weite Augenringe schmückten sein Gesicht und ich erkannte graues Haar in seinen Locken und seinem Bart, die vor zwei Jahren noch nicht dort waren.
„Du bist groß geworden", sagt mein Vater mit gebrochener Stimme und lächelt leicht. „Ein richtiger Mann."
Ich muss schwer schlucken. Die Tatsache, dass mein Vater mich in einer Montur sah, die jeden von erster Sekunde erkennen ließ, in welchen Verhältnissen ich lebe, machte mich krank. Es war mir bewusst, dass er keine Ausnahme war, sondern auch sofort merkte, wie es mir eigentlich ging.
Seine Hand lag noch immer auf meiner Schulter und seine Augen glänzten. Sie strahlten so viel Kummer und gleichzeitig Glückseligkeit aus. Ich wusste nicht, welcher Teil von den beiden Emotionen größer war.
Ich brachte keinen Ton heraus, sondern starrte ihn einfach nur an. Selbst mit den Tränen hatte ich nicht mehr zu kämpfe, denn ich konnte mich nicht auf den Schmerz konzentrieren, der in mir berste. Sogar Layla blendete ich auch.
Nach kurzem Schweigen, sagte mein Vater: „Ich vermisse dich."
Die kleine Ecke meines Herzens, die auf dem Grund meiner Füße lag, floss durch meinen Körper und setzte sich wieder an ihren Ursprung.
Er sagte, er vermisste mich.
„Was?" Meine Stimme war leise, doch meine Augen schrien ihn an.
Mein Vater sah traurig zu Boden. „Ja, es stimmt. Du fehlst mir... Uns."
Ich wollte ihm glauben, ja, das wollte ich wirklich. Doch es gelang mir nicht.
Die Bindung zwischen ihm und mir war schon immer inniger gewesen, als die Beziehung zwischen meinen Geschwistern und meiner Mutter, deshalb konnte ich wenigstens seiner Behauptung, er würde mich vermissen, ein klein wenig mehr Glauben schenken.
Doch vermissten meine Mutter, Darius und Jana mich wirklich? Meine Zweifel waren enorm, doch das waren sie ständig. Ich konnte einfach nichts an mir finden, dass jemanden dazu bringen würde, mich zu vermissen.
Und dann geschah alles ganz schnell. Mein Vater überredete mich, mit ihm nach Hause zu kommen, damit die anderen mich sehen konnten. Ich war wie in Trance. Ich sollte meine Familie wieder sehen. Ich sollte sie nicht mehr nur vom Fenster aus beobachten.
Layla saß während der Autofahrt zu dem Haus meiner Eltern neben mir und hielt meine Hand. Sie selbst wusste nicht, was gerade geschah und wieso mein Vater so reagierte und was gleich auf sie zukommen würde.
Ich wünschte, es wäre alles anders gekommen.
Das Gefühl, das ich bekam, als mein Vater den Schlüssel in die Haustür schob und sie öffnete, war undefinierbar. Es war eine merkwürdige Mischung aus Freude, Reue, Neugier, Trauer und Angst. Doch den größten Teil dieses Gefühls hatte die Angst eingenommen.
Ich hatte Angst davor, wie sie auf mich reagieren würde.
Layla hielt weiterhin meine Hand, als wir durch den Flur gingen, der nach Zuhause roch. Ich konnte mein kleines Ich sehen, das mit seinem großen Bruder durch das Haus rannte, weil sie fangen spielten oder das sechzehnjährige Ich, das sich genau hier vor dieser Haustür schweigend von seiner Familie verabschiedete. Es waren so viele Erinnerungen, die plötzlich meinen Kopf plagten, gute und schlechte.
Layla wusste zwar nicht, was gerade passierte, doch sie merkte mir an, dass mich all das belastete und mit der Geste meine Hand zu halten, gab sie mir Halt. Halt, den ich mehr als nur brauchte.
In einer Hand hielt ich ihre Hand und in meiner anderen hielt ich eine Schachtel Pralinen, die ich extra für meine Mutter noch gekauft hatte. Es war mein letztes Geld, doch ich wollte ihr zeigen, dass ich aufmerksam war. Es waren ihre Lieblingspralinen.
„Sie essen gerade zu Abend", ließ mein Vater mich wissen, als wir vor der Tür des Esszimmers standen, das mir den einzigen Einblick in das Leben meiner Familie gewährte. „Ich gehe vor und dann hol ich dich rein. Wartet hier."
Ich nickte nur nervös und dann betrat er das Esszimmer.
Gleich würde ich sie alle wieder sehen. Meine Mutter, meinen Bruder und meine Schwester. Ich würde gleich wieder ihren typischen Geruch riechen können und ihre Stimmen. Es würde uns gleich keine Glasscheibe mehr trennen, wir würden die gleiche Luft atmen.
„Ich liebe dich", unterbrach die liebliche Stimme von Layla meine Gedanken.
Ich blickte nach links neben mich, wo sie stand und nach vorne starrte. „Was?"
Sie sah zu mir hinauf, ihr Blick war nachdenklich. „Ich denke, ich liebe dich."
Mein Herz blieb zum zweiten Mal heute stehen. Sie liebte mich. Sie liebte mich? Die ganze Szenerie musste ein verdammter Traum sein. Ich stand im Haus meiner Eltern, nachdem mein Vater mir sagte, er würde mich vermissen und jetzt sagte mir das Mädchen, dass ich liebte, dass sie mich liebte.
Ein kleiner, winzig kleiner Funken Hoffnung schimmerte in meinem Herzen auf. Hoffnung auf Besserung.
„Ja, ich denke tatsächlich, dass ich dich liebe", erzählte Layla weiter. Sie redete, als würde sie selbst davon überrascht sein und könnte es kaum glauben. „Das hier zeigt es mir gerade. Ich sehe, dass du Angst hast und das erste Mal in meinem Leben leide ich mit jemandem mit. Ich hatte solch ein Gefühl noch nie bei jemanden und ich finde keine andere Erklärung, außer zu sagen, dass ich dich liebe."
Für einen kurzen Moment blieb die Welt stehen.
Der Funken in meinem Herzen wurde immer größer. Es musste sich etwas ändern.
Noch bevor ich Layla sagen konnte, dass ich sie mehr liebte, als alles andere auf der Welt öffnete mein Vater wieder die Tür und sah zu uns in den Flur. „Kommt rein." Ein leichtes Lächeln zierte seine Lippen, was mich denken ließ, der Rest meiner Familie würde mich genauso vermissen, wie er es tat.
Ein letztes Mal atmete ich tief ein und aus. Ich schaffte das. Ich war ein Bestandteil ihrer Familie, sie mussten mich vermissen. Oder?
Entschlossen darüber, dass sich mein Leben in den nächsten paar Sekunden zum Besseren wenden würde, betrat ich das Esszimmer.
Mein Blick fiel zuerst auf meinen großen Bruder. Er saß auf dem Platz, auf dem er immer saß und starrte mich an. Ich konnte nicht einschätzen, was dieser Funken in seinen Augen bedeutete, der auftauchte, während er mich ansah.
Dann sah ich meine Schwester. Ihr Blick war ebenfalls starr zu mir und auch bei ihr konnte ich nicht einschätzen, was die kleine Falte zwischen ihren Augenbrauen bedeutete, als sie mich ansah.
Und dann sah ich meine Mutter. Sie sah mich nicht an. Ich betrachtete unsicher ihr Profil, während ihr Blick starr auf die Tischplatte gerichtet war.
Alle schwiegen.
Eine unerträgliche Stille herrschte in diesem Raum, in dem ich das letzte Mal stand, da war ich noch einer von ihnen.
„Ich habe ihn im Getränkemarkt getroffen", beendete mein Vater schließlich die Stille. Er stand genau neben mir. „Ich dachte, dass es schön wäre, wenn er heute mit uns Essen würde."
Alle sahen von meinem Vater zu mir, einschließlich meiner Mutter. Ihre Augen strahlten etwas ungemein Kaltes aus. Ich kannte diesen Blick. Sie würde mir nie verzeihen.
„Er hat dir etwas mitgebracht, Danielle", meinte mein Vater zu meiner Mutter und deutete auf die Pralinen in meiner Hand.
Ich wachte aus meiner Schockstarre auf und nickte hektisch. Ängstlich ließ ich Laylas Hand los und ging einen einzigen Schritt nach vorne, um die Pralinenschachtel auf den Tisch vor meine Mutter zu legen. Sie betrachtete jede Bewegung von mir ganz genau und sah die Schachtel nicht einmal an, bis ich mich wieder zwischen Vater und Layla stellte.
Schließlich sah sie auf die kleine rote Schachtel, ihr Blick war immer noch neutral.
Ich begann zu zittern.
Layla nahm wieder meine Hand, als sie das bemerkte.
„Was haltet ihr davon?", fragte mein Vater wieder nach, als niemand etwas sagte.
Immer noch nur Schweigen. Die Spannung in dem Raum schien immer schwerer zu werden, ich hätte sie aus der Luft greifen können.
Plötzlich rückte meine Mutter den Stuhl nach hinten und stand auf. Sie betrachtete mich eindringlich, als sie langsam auf mich zukam.
Mein Herz schlug jede Sekunde schneller, mit jede Schritt, den sie mir näher kam.
Würde sie mich genauso an ihr Herz pressen, wie mein Vater es tat? Der Funken Hoffnung in meinem Herzen war noch immer nicht erloschen.
Sie stellte sich genau vor mich und sah mir tief in die Augen. Das letzte Mal musste sie noch nicht zu mir hinauf schauen, ich war gewachsen.
Und gerade, als ich dachte, ich hatte einen Schimmer Sehnsucht in ihren Augen gesehen, holte sie aus und ihre flache Hand landete auf meiner Wange.
Mein Atem beschleunigte sich sofort und ich erlaubte mir nicht die jetzt brennende Stelle zu reiben. Wie sollte ich auch mein Herz reiben?
Der Raum blieb noch immer still, ich hörte einzig und allein Layla erschrocken nach Luft schnappen.
Jetzt erkannte ich klar und deutlich eine Emotion in ihren Augen. Hass.
„Verschwinde", zischte sie mir mit zusammengekniffenen Augen zu. „Verschwinde und lass dich hier nie wieder blicken."
„Danielle, er – '', wollte mein Vater sich einmischen, doch meine Mutter hob die Hand in seine Richtung und sah ich trotzdem weiterhin an.
„Nein, er wird gehen", sagte sie ruhig.
„Nein, er wird bleiben. Ich habe ein Recht darauf meinen eigenen Sohn am Tisch zu haben."
Meine Mutter lachte bitter auf und nahm ihren Blick von mir, indem sie sich umdrehe und wieder auf den Tisch zuging.
Der Funke Hoffnung platzte. Ich wusste, ich hätte nicht hier herkommen sollen.
„Das ist nicht dein Sohn." Meine Mutter setze sich wieder hin. „Das ist Abschaum. Er gehört genau dahin, wie er aussieht."
Die erste Ecke meines Herzens brach bereits ab.
„Wie reden sie über ihren Sohn?", mischte sich Layla mit wütender Stimme ein.
Ich gab ihr mit verstärktem Druck zwischen unseren verschlungenen Händen zu verstehen, sie solle still sein. Doch sie ignorierte meine Warnung.
„Er ist Ihr Fleisch und Blut! Wie können Sie behaupten, er sei Abschaum?"
Meine Mutter betrachtete sie abwertend. „Wer bist du? Seine Freundin?"
„Ganz Recht, seine Freundin!"
Auch, wenn ich es liebte, wie sie sich betitelte, sollte sie still sein. Ich wollte einfach wieder verschwinden.
„Du scheinst nicht zu wissen, wen du neben dir stehen hast", sagte meine Mutter höhnisch.
„Doch, das weiß ich! Sie wissen ihn nur nicht zu schätzen. Er ist der gutmütigste Junge, den ich je kennengelernt habe!"
Meine Mutter haute mit einem lauten Knall auf den Esstisch und stand wutentbrannt auf.
Ich zog Layla ein wenig hinter mich, um sie vor den kommenden Worten zu beschützen. Ich wusste, was meine Mutter als nächstes sagen wollte und ich wünschte, ich könnte ihr einfach die Ohren zuhalten, um ihr die Qual, die Wahrheit zu erfahren, nehmen zu können.
„Der gutmütigste Junge, den du je kennengelernt hast?", schrie meine Mutter aufgebracht. „Wie kannst du sowas von einem Mörder behaupten?"
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