EPILOG
Kommissar Klein klopft an der Tür, der nächsten Familie, denen er sagen muss, dass ihr Sohn sich erschossen hat. Das sind die Momente, die er am meisten in seinem Beruf hasst. Er selbst kann sich nicht vorstellen, wie grausam es wäre, wenn seine Tochter sich das Leben nehmen würde.
Der Selbstmord des Jungen ist schon der dritte Fall diese Woche und wieder ist es einer aus dem Ghetto.
Klein kann diese Jugendlichen, die sich ihr Leben nehmen, nicht verstehen.
Jeder hat doch eine Chance auf ein besseres und erfüllenderes Leben, wieso versuchen sie es nicht zu ändern?
Für ihn war der Gedanke Suizid zu begeben absurd. Nicht mal in seinen Träumen kann er sich vorstellen, das Leben zu beenden, das Gott ihm gab.
Eine Frau – ungefähr Mitte vierzig – öffnet die Tür. Sie sieht sehr müde aus, das fällt dem Kommissar sofort auf.
„Guten Morgen", grüßt Klein sie und hält ihr die Hand hin.
Sie nickt nur und schüttelt seine Hand.
„Ich bin Kommissar Klein von der Berliner Polizei, könnte ich vielleicht eintreten?"
Die Frau runzelt verwirrt die Stirn, lässt ihn aber rein.
Sofort bekommt er ein schlechtes Gewissen. Die Nachricht, ihr Sohn hat sich erschossen, wird dieser Mutter das Herz brechen und das lässt auch ihn nicht kalt. Auch nicht nach schon zweinundzwanzig Jahren bei der Polizei.
„Setzen Sie sich doch", biete die Frau Klein einen Sitzplatz auf der Couch an.
„Vielen Dank." Er setzt sich auf die Couch. „Haben Sie einen Mann? Kinder?"
„Ja, ich bin verheiratet." Sie scheint kurz zu überlegen. „Und ich habe zwei Kinder. Was wollen Sie mir denn sagen?"
Kommissar Klein seufzt. „Ist ihre Familie Zuhause?"
Sie nickt verwirrt.
„Holen Sie sie bitte hier her."
Und drei Minuten später sitzen ein Mädchen, ein Junge und der Vater mit der Mutter Klein gegenüber und betrachten ihn neugierig. Klein fällt auf, dass sie alle auf irgendeine Art und Weise sehr müde und geschafft aussehen.
Und sagte die Mutter nicht, sie hätte nur zwei Kinder? War er hier überhaupt richtig?
Nein, die Polizei macht kein Fehler, sagt er sich selbst.
„Es geht um ihren Sohn", fängt der Kommissar vorsichtig an. „Um ihren zweiten Sohn."
Sofort erstarren die Gesichter der Familienmitglieder.
„Was ist mit ihm?", fragt der Vater entsetzt. Klein sieht ihm die Angst vor seiner Antwort an.
„Es fällt mir nicht leicht Ihnen das mitteilen zu müssen", seufzt Klein. „Aber ihr Sohn hat sich gestern Abend im Garten seiner Arbeitgeberin erschossen."
Er erwartet, dass die Mutter in Tränen ausbricht und sich um seinen Hals schmeißt, wie es all die anderen Mütter taten, doch da kommt nichts. Sie saß einfach auf der Couch und ihre Mundwinkel zucken.
Sie lächelt.
Klein kann es nicht fassen. Er hatte ihr gerade gesagt, dass ihr Sohn sich erschossen hat und sie lächelt. Ist er vielleicht doch bei der falschen Familie?
Die Stille wird von dem Schluchzen des Mädchens unterbrochen. Sie weint laut und ohne Hemmungen.
Das ist die Reaktion, die Klein erwartet hat.
Der Kopf des Jungen ist ebenfalls in ein tiefes Rot getränkt und er nimmt seine Schwester in den Arm, bevor er selbst anfängt zu schluchzen und zu schniefen.
„Er hat sich erschossen?", fragt der Vater mit gepresster Stimme nach. Er ist kurz davor zu weinen.
Klein nickt mitleidig. „Ja. Er wurde heute Morgen gefunden. Es tut mir wirklich leid."
Der Vater verzieht sein Gesicht und schon fließen die ersten Tränen.
„Erschossen", lacht die Mutter auf und starrt auf den Tisch. „Dass er sich eine Waffe überhaupt leisten konnte."
Kommissar Klein fällt vom Glauben ab. Was ist mit dieser Mutter los?
„Jetzt können wir Ihnen ja auch sagen, dass unser Sohn Manfred Schwab vor zwei Jahren umgebracht hat. Das Geheimnis plagt mein Gewissen schon die ganze Zeit."
Klein versteht die Welt nicht mehr. Sie plagt das Gewissen ein Geheimnis bei sich zu halten, anstatt die Tatsache, dass ihr Sohn tot ist. Was war hier los?
„Manfred Schwab?", fragt Klein nach.
Sie nickt und wedelt nur desinteressiert mit ihrer Hand. „Ja, der zweifache Familienvater von vor zwei Jahren, der von einer Gruppe Jugendlichen überfallen und erstochen wurde. Mein Sohn war derjenige, der ihn getötet hat. Wir haben ihn daraufhin rausgeworfen."
Klein denkt scharf nach. Manfred Schwab, Manfred Schwab, Manfred Schwab. Der Name sagt ihm etwas.
Dann erinnert er sich wieder.
Natürlich. Manfred Schwab, der Zugfahrer.
Doch wieso behauptet sie, dass ihr Sohn ihn umgebracht hat?
„Der Täter wurde doch schon längst in Gefangenschaft genommen", lässt Klein sie deshalb verwirrt wissen. „Schon eine Woche nach dem Mord."
„Dann haben Sie anscheinend den falschen festgenommen, denn der wahre Täter hat sich gestern das Leben genommen."
„Was?", wirft der Vater mit weinerlicher Stimme ein. „Wie meinen Sie das, der Täter wurde schon gefangen genommen?"
Klein ist total durcheinander. „Der Mord von vor zwei Jahren an Manfred Schwab wurde von einem damals neunzehnjährigen Jungen aus Berlin Kreuzberg durchgeführt. Es gab Kameraufnahmen vom Bahnhof. Carlos Cumero war glaub ich sein Name."
Die Mutter richtet sich auf, während der Vater aussieht, als würde er jeden Moment das Bewusstsein verlieren. „Was?", schreit die Frau. „Das ist unmöglich! Unser Sohn ist der Mörder!"
Total überfordert mit der ganzen Situation hebt der Kommissar die Hände. „Es tut mir leid, Miss, aber es ist die Wahrheit. Es waren damals mehrere Jugendliche dabei ja, aber der wahre Täter wurde kurz darauf gefasst. Ihr Sohn kann diesen Mann nicht getötet haben."
„O mein Gott", heult das Mädchen in die Brust ihres Bruders. „Er war nie der Mörder! Wir haben ihn gehasst, obwohl er unschuldig war!"
„Und jetzt ist er tot", fügt ihr Bruder mit starrem Blick an die kahle Wand hinzu.
Die Mutter steht aufgebracht auf und geht durch den Raum. Ihr Kopf ist ebenfalls rot und Klein ist sich sicher, dass auch sie mittlerweile mit den Tränen kämpfen muss. „Sind Sie sich sicher?", fragt sie wild. „Sind Sie sich absolut sicher? Das kann ein riesiges Missverständnis sein."
Klein schüttelt den Kopf. „Nein, das ist kein Missverständnis. Ihr Sohn ist definitiv nicht der Mörder von Manfred Schwab."
Und in diesem Moment wird jedem Familienmitglied in diesem Raum klar, was sie angestellt hatten.
Sie hassten einen Jungen, ihren Sohn, ihren Verbündeten aus tiefster Seele für etwas, das er nie tat.
Er wusste, dass er nicht der Täter war und ständig versuchte er, es ihnen klar zu machen, doch sie waren zu beschäftigt damit auf seine hässliche Schale zu schauen und ihn für etwas verantwortlich zu machen, das sie ihn hassen ließen.
In diesem Moment zerbrechen vier geschorene Herzen in tausend kleine Scherben.
Denn sie alle sind nun die Mörder, nicht ihr Sohn.
Sie haben ihn getötet, nicht er sich selbst.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top