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Ich kann mich kaum daran erinnern, was danach passiert ist.

Jetzt weiß ich, wie Ivory sich bei Identitätswechseln fühlt. Es ist, als würde jemand den Kopf mit Watte vollpacken und die eigenen Gedanken herausziehen. Alles zieht irgendwie an einem vorbei.

Jamie und ich haben abwechselnd die Kontrolle übernommen, aber es fühlte sich eine Zeit lang so an, als wären wir eine Person. Zumindest bis Zach gekommen und mich in seine Arme genommen hat. Ab dem Zeitpunkt war ich wieder voll und ganz Anna. Keine Spur mehr von Jamie.

Ich weiß noch, dass Brielle sofort nach unten in den Keller gestürzt ist, um herauszufinden, wovon zur Hölle der kleine Kerl gesprochen hat. Jamie hat sich in die hinterste Ecke des Wohnzimmers verkrochen und sich dort zusammen gekauert. Er hat sich die Ohren zugehalten, aber ich habe Brielle trotzdem auf das Vorhängeschloss der Truhe einschlagen hören. Ich hab ihren Schrei gehört, bevor sie wieder nach oben gelaufen ist und immer wieder „Scheiße" geweint hatte, während sie nach ihrem Handy gesucht hat. Ich glaube, dass sie Owen angerufen hat, weil sie nicht wusste, was sie tun soll. Danach hat sie sich über dem Waschbecken übergeben. Nach ein paar Minuten ist sie zu mir gekommen und hat Jamie zitternd in die Arme genommen. Er hat es sogar zugelassen. Mit zusammengepressten Augen und zugehaltenen Ohren hat er in ihren Armen gesessen und beide haben geweint, bis die Polizei gekommen ist. Owen ist nur Minuten später durch die Türe gekommen, und als ich für eine Sekunde Anna war, habe ich gesehen, wie zwei Männer einen schwarzen Leichensack auf einer Trage aus unserem Haus geschafft haben.

Ein Bild, das ich niemals vergessen werde.

Während all das geschah konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, deshalb weiß ich wirklich nicht mehr, was genau passiert ist. Meine älteren Geschwister haben versucht, mich irgendwie zurück zu holen, weil ich nur vor mich hingestarrt und nichts gesagt habe. Die Polizisten haben gefragt, ob sie einen Arzt herschicken sollten, aber meine Geschwister haben abgelehnt. Brielle hat Zach angerufen und Owen hat in Jeds Schule Bescheid gegeben, dass er nach Hause kommen soll.

Beth hat sich zwar irgendwann auch wieder gemeldet, aber ich habe nicht reagiert.

Und erst als Zach sich neben mich auf die Couch gesetzt und seine Arme um mich geschlungen hat, habe ich zu weinen begonnen. Und wenn ich nicht eingeschlafen wäre, hätte ich in dieser Nacht damit bestimmt auch nicht aufgehört.

-

Ich wachte gegen sieben Uhr morgens mit höllischen Kopfschmerzen auf unserer Couch wieder auf. Zach streichelte in sanften, gleichmäßigen Bewegungen über meinen Oberarm.

„Hast du nicht geschlafen?", murmelte ich und sein Körper spannte sich an, sobald er merkte, dass ich wach war.

„Nein", murmelte er und schlang seine Arme noch enger um mich. Wir blieben bestimmt noch eine ganze Stunde liegen, ohne etwas zu sagen, bevor ich mich unter der Decke hervor kämpfte, nach oben ins Bad schlurfte und erst Mal zwei Schmerztabletten gegen die Bauarbeiter in meinem Gehirn nahm. Ob das viele Weinen oder der Identitätswechsel Schuld daran war, wusste ich nicht.

Ich wagte es nicht einmal, in den Spiegel zu sehen. Lediglich die Haare band ich mir zusammen und trottete dann wieder nach unten. Zach hatte sich aufgesetzt und sah mindestens so schlimm aus, wie ich mich fühlte. Ich ließ mich wieder neben ihm fallen, legte meinen Kopf an seine Schulter und wartete, bis die Kopfschmerzen erträglicher wurden.

„Beth?", fragte ich. Es dauerte einen Moment, bis sie sich meldete.

„Ja?"

Mehr wollte ich nicht. Ich wollte nur wissen, ob sie noch mit mir sprach, weil sie die ganze Zeit über nichts gesagt hatte. Keine aufmunternden Worte. Kein Geht-es-dir-gut? Vermutlich hätte mich das auch nicht aufgebaut. Und um ehrlich zu sein wollte ich mit ihr auch nicht über die Dinge reden, die passiert waren. Und sie wollte es bestimmt auch nicht. Obwohl sie über alles Bescheid gewusst hatte, hatten die Ereignisse von gestern Nachmittag auch sie mitgenommen, keine Frage.

Nach und nach kamen Brielle, Owen und schließlich Jed ins Wohnzimmer. Meine Schwester machte Tee für alle und setzte sich zu uns auf die Couch. Doch selbst mit Tee, Decke und Zachs Körperwärme konnte ich die Schauer nicht unterdrücken, die die Bilder von gestern durch meinen Körper jagten.

„Wie geht es dir heute?", fragte Owen irgendwann und sah mich an. Ich erwiderte seinen Blick nicht, sondern zuckte nur mit den Schultern.

„Jed?" Er wandte sich an unseren kleinen Bruder, der sich auf dem breiten Stoffsessel zusammengekauert hatte.

Er schüttelte den Kopf. „Beschissener als gestern. Ich kapier's immer noch nicht."

„Ich auch nicht", meinte Brielle. „Wie... Ich meine, was..."

Sie hatte es vermutlich am schlimmsten getroffen. Sie hatte das verdammte Schloss aufgebrochen und gesehen, woran ich nicht denken wollte.

„Ich sollte vermutlich noch nicht fragen...", begann Brielle irgendwann und drehte sich vorsichtig zu mir. „Aber was zur Hölle ist da gestern passiert?"

Es kostete mich fast meine gesamte Energie, ihr zu antworten. Vielleicht war das der Grund, warum ich noch eine knappe Minute schwieg, bevor ich etwas sagte. „Es war Jamie. Er ist ein Kind. Und... er wusste darüber Bescheid. Er... ich glaube, er hat da was gesehen, das..." Meine Stimme, die ohnehin schon nicht mehr als ein gebrochenes Flüstern gewesen war, versagte mir nun ganz.

„Moment", meinte Jed nach einigen Sekunden, setzte sich auf und zog die Augenbrauen zusammen. „Du wusstest das?"

Erschöpft schloss ich meine Augen, denn ich wusste, in welche Richtung dieses Gespräch gleich gehen würde. „Ich wusste es nicht. Jamie wusste es."

„Verdammt, ist das ein Scherz?!" Wütend sprang er auf, stieß dabei die Teetasse um, deren Inhalt sich über den Tisch und auf den Teppich ergoss. „Du hast das gewusst und einfach verdrängt? Weil du es nicht wissen wolltest, hast du es eben vergessen? Du hast es gewusst!"

„Jed-"

„Es ist dasselbe Gehirn!", schrie er.

„So funktioniert das aber nicht!", erwiderte ich, nun selbst wütend. „Ich kann mir nicht aussuchen, an was ich mich erinnere! Wenn Jamie etwas erlebt und ich nicht mitbewusst bin, dann weiß ich nichts davon!"

„Hör auf mit dem Blödsinn! Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du nicht wusstest, was du mit deinen eigenen verdammten Augen gesehen, oder mit deinen Ohren gehört hast! Sowas kann man nicht vergessen!"

„Jed hör auf!", ging Brielle dazwischen und stand ebenfalls auf. Und dann begann er zu fluchen und mich mit sexistischen und politisch nicht korrekten Ausdrücken zu beschimpfen, die ich nicht niederschreiben werde. Vielleicht auch deshalb, weil ich nicht will, dass seine Wut ihn in diesem Buch definiert. Er war ein verzweifelter Teenager, der gestern erfahren hatte, dass die Leiche seiner Mutter all die Jahre seit ihrem Verschwinden in unserem Keller in der Truhe gelegen hatte.

Ich war zu ausgelaugt, um weiter zu streiten und ihm zu erklären, dass ich es eben nicht gewusst hatte. Das ich nichts dafür konnte, das vergessen zu haben. Dass ich nicht die Erinnerungen einer anderen Persönlichkeit hatte und auch nicht darauf zugreifen konnte, weil mein Gehirn eine Wand zwischen uns gebaut hatte und all diese Informationen ganz wo anders gespeichert waren, als meine Erinnerungen. Er konnte schließlich auch nicht in meinen Kopf hineinsehen oder in Brielles oder Owens. Er wusste nichts über ihre Gedanken oder Erlebnisse, außer das, was sie ihm erzählten. In meinem Kopf lebten nun einmal wirklich unterschiedliche Persönlichkeiten.

Jed schrie, dass ich mir das alles bloß einbildete und eine gestörte, blöde Kuh war. Das ich mir Personen in meinem Kopf ausdachte.

Irgendwann mischte sich auch Owen ein, zerrte Jed aus dem Haus und beide brüllten sich auf der Terrasse an. Nach knappen fünf Minuten stürmte Jed wieder ins Haus und stampfte auf sein Zimmer, mit den Worten: „Ihr könnte mich alle mal!"

Owen kam ebenfalls wieder rein und setzte sich neben Brielle.

Ich rieb mir die Schläfen und wollte eigentlich nur weg von dem ganzen Wahnsinn, weil ich glaubte, andernfalls verrückt zu werden. Und genau das taten Zach und ich schließlich auch.

-

Wollt Ihr raten, was Zach gemacht hat, um mich aufzumuntern?

Natürlich, Hühnersuppe und Schaumbad!

Das Zeug musste wirklich verhext sein, denn selbst nach dem gestrigen Abend und dem heutigen Morgen fühlte ich mich wieder ein wenig wohler, sobald ich in dem flauschigen Bademantel auf Zachs Bett saß und die Suppe meinen Körper wärmte.

„Musst du nicht zur Arbeit?", fragte ich irgendwann.

„Ich bin genau da, wo ich sein muss", erwiderte er und setzte sich neben mich. „Willst du drüber reden?"

„Ich weiß nicht, worüber ich reden soll. Ich versteh gar nicht, was los ist", seufzte ich und stellte die leere Schüssel auf den Boden, bevor ich mich wieder zu Zach kuschelte und meine Arme um ihn schlang. „Wenn ich drüber rede, bin ich nur verwirrt. Meine Mom..." Ich schüttelte den Kopf und mir stiegen wieder Tränen in die Augen. Um ehrlich zu sein, konnte ich mich kaum an sie erinnern, weil ihr Verschwinden schon so lange her war. Allerdings hatte ich sie lange Zeit gehasst. Dafür, dass sie weggelaufen war. Irgendwann hatte ich beschlossen, dass eine Mutter, die ihre Kinder im Stich lässt, es nicht wert ist, vermisst zu werden. Zu wissen, dass sie all die Jahre über tot gewesen war, dass sie um genau zu sein nie weg gewesen war, war ein unbeschreibliches Gefühl der Leere. Ich glaube nicht, dass ich jemals ein vergleichbares Gefühl erlebt hätte. Vielleicht in dem Moment, als ich gesehen hatte, wie unser Vater Bristol ertränkt hatte, aber das hier war hundert Mal schlimmer. Denn unser Vater war tot, und so sehr ich ihn hassen und verabscheuen würde -er würde meinen Hass nicht spüren. Er würde nie die Konsequenzen tragen. Ich und meine Geschwister würden es ihm nie heimzahlen können. Er war mit all seinen Grausamkeiten und Verbrechen ungestraft davon gekommen.

Natürlich wusste ich nicht mit Sicherheit, dass unser Vater sie umgebracht hatte. Aber ich konnte mir einfach kein anderes Szenario vorstellen, bei dem ihre Leiche in dieser Truhe gelandet war. Was natürlich auch erklären würde, warum er weder mich noch meine Geschwister nach dem Verschwinden unserer Mutter je wieder in diese grässliche Truhe gesteckt hatte.

„Vielleicht ist sie es gar nicht... Vielleicht ist es nicht meine Mom", sprach ich meine losen Gedanken laut aus. Noch im selben Moment wurde mir klar, wie unwahrscheinlich das war und wie verleugnend und irrational ich mich gerade verhielt.

Jamie hat es gewusst, schoss es mir durch den Kopf. Beth hat es gewusst.

Zach drückte mich näher an sich. Unser Haus war ja schon immer ein verfluchter Ort gewesen, aber jetzt konnte ich mir absolut nicht vorstellen, je wieder dahin zurück zu kehren. Jahrelang hatte ich darin geschlafen, geduscht, gegessen, meine Hausaufgaben gemacht. Und die ganze Zeit hatte die Leiche meiner Mom kaum zwanzig Meter unter mir gelegen. Nicht einmal in die Nähe dieses Gebäudes wollte ich mich mehr wagen, obwohl ich natürlich wusste, dass ich früher oder später zurückgehen musste.

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