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Wie nicht anders zu erwarten, war Sebastian nicht sonderlich erfreut darüber, dass ich vor seiner Türe stand. Aber immerhin war es nicht Beth, die sich ihm gegenüber befand. Somit bestand zumindest die Möglichkeit, dass er mit mir reden würde. Sie hatte ihn schon oft genug verletzt. Wenn er sie trotz allem in sein Haus gelassen hätte, dann hätte ich ernsthaft an seinem Verstand gezweifelt.

„Hi...", begann ich vorsichtig, weil ich noch nie mit ihm gesprochen hatte und auch nicht sicher war, ob er überhaupt von mir wusste. „Ich bin Anna... Ich bin sicher, du bist ein bisschen verwirrt, weil, naja..." Ich lachte nervös auf. „Du Beth gewohnt bist, aber lass mich erklären, es ist-"

„Du musst nichts erklären", unterbrach Sebastian und betrachtete mich. „Wenn du auf deine dissoziative Identitätsstörung anspielst, musst du nichts erklären." Ich warf ihm einen überraschten Blick zu. Klar, Beth hatte gemeint, dass er sich damit auskannte, aber ich war dennoch verwirrt. „Mein Bruder hat es auch", klärte er mich auf. „Ich bin damit aufgewachsen." Er kniff die Augen zusammen. „Was mich allerdings verwirrt, ist, warum du hier bist."

„Jamie", begann ich schnell, damit er mir nicht die Türe vor der Nase zuschlagen würde. „Er war hier. Drei Tage, oder nicht?" Sebastian nickte kurz und ich überlegte, ob ich nicht zu viel von ihm verlangte, nach dem, was Beth ihm angetan hatte. „Ich würde gerne über ihn reden. Ich brauche deine Hilfe."

Sebastian schien nicht sonderlich begeistert und überlegte wohl auch, ob er mich in sein Haus lassen sollte, trat aber schließlich zur Seite. Beth verhielt sich äußerst ruhig, und wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich beinahe vermutet, sie habe ein schlechtes Gewissen.

Es war seltsam. Dadurch, dass ich das Steuer in der Hand hielt, sah ich sein Haus mit ganz anderen Augen. Ich konnte mir selbstständig ansehen, was ich mir ansehen wollte. Ich konnte selbst meine Schritte wählen. Er führte mich in sein Wohnzimmer und fragte mich, ob ich etwas trinken wollte, aber ich lehnte dankend ab. Wir setzten uns mit Sicherheitsabstand auf die Couch und sprachen die seltsame Spannung zwischen uns nicht an.

„Du hast gesagt, dein Bruder leidet auch unter einer DIS", begann ich ein bisschen irritiert, weil Sebastian mir nie wie jemand vorgekommen war, der in einem brutalen Elternhaus aufgewachsen war. Beth gegenüber hatte er auch niemals so etwas in der Art erwähnt. Warum hätte sein Bruder also etwas so Gravierendes davon tragen sollen, während es Sebastian augenscheinlich recht gut ging? Gut, meine Geschwister und ich machten auch einen recht normalen Eindruck, das stimmt schon. Aber er und Beth hatten so viel Zeit miteinander verbracht, dass ich mir sicher war, eine schlimme Vergangenheit bemerkt zu haben.

„Er hat eine chronische Krankheit", erklärte Sebastian. „Schon als er zur Welt gekommen ist war er sehr krank. Er ist praktisch in einem Krankenhaus aufgewachsen. Wir durften fast nie zu ihm. Als Kind ist das beängstigend." Er seufzte und wich meinem forschenden Blick aus. „Wenn die Ärzte und Pfleger in dem Krankenhaus anders mit ihm umgegangen wären, dann wäre das vielleicht nicht passiert. Aber sie haben ihn nicht gut behandelt."

„Wusstest du das?", fragte ich Beth.

„Nein. Er hat Jamie nur gesagt, dass er sich damit auskennt", meinte sie verhalten.

„Was willst du wissen?", lenkte Sebastian das Thema wieder auf mich, weil er offensichtlich nicht über seinen Bruder reden wollte.

„Naja, ich hatte nicht wirklich Gelegenheit, mit Jamie zu reden. Ich hatte noch nie wirklich Kontakt zu ihm und er hat auch keine große Lust, das zu ändern. Und Beth spricht nicht über ihn." Sofort bereute ich es, ihren Namen ausgesprochen zu haben. Wie musste Sebastian sich fühlen, jetzt, da er wusste, dass er sich in eine körperlose Person verliebt hatte? „Aber du kennst Jamie ein wenig. Worüber habt ihr geredet, als er hier war?"

„Wir haben fast nicht geredet", meinte Sebastian und stützte nachdenklich die Ellenbogen auf die Knie. „Ich hab ihm Spaghetti mit Hot Dogs und Ketchup gemacht, er hat sich durch meine DVD-Sammlung gekämpft und am dritten Tag war er plötzlich weg."

„Verdammt", murmelte ich. Ich wusste nicht, was für Offenbarungen ich von Sebastian erwartet hatte. Allerdings hätte ich mir denken können, dass er nicht viel wusste, denn sonst hätte Beth mich vielleicht mehr davon abzubringen versucht, hier her zu kommen. Sie wusste, dass ich nichts erfahren würde. „Wie hat er sich verhalten?", fragte ich dennoch.

„Ganz normal, eigentlich. Ein bisschen schreckhaft und schüchtern, aber ansonsten normal." Er sah mich an. „Darf ich fragen, warum du das alles wissen willst?"

Ich zögerte. „Naja... Ich glaube, Jamie weiß etwas, das ich nicht weiß."

„Das... ist normal", erwiderte Sebastian langsam, als wüsste ich es nicht. „Amnesie und Gedächtnislücken sind-"

„So gut wie unumgänglich bei einer DIS", unterbrach ich ihn. „Aber er... ich muss es wissen, verstehst du? Er weiß etwas, das ich einfach wissen muss." Sebastian warf mich einen seltsamen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. „Was ist?"

„Ich will dir nicht zu nahe treten, aber ich glaube nicht, dass du die Traumata, die Jamie für dich trägt, erfahren solltest."

„Du kennst mich nicht", erwiderte ich und zog die Augenbrauen zusammen. „Also glaube ich nicht, dass du das Recht hast, das zu beurteilen."

Er runzelte die Stirn. „Welcher Mensch mit gesundem Menschenverstand will denn sein Trauma erleben, wenn er die Möglichkeit hat, das nicht zu müssen?"

Ich musste beinahe schmunzeln. „Tja, ich habe eben keinen gesunden Menschenverstand."

Er lächelte. „Touché."

Ich überlegte kurz, ob ich ihm erklären sollte, dass meine dissoziative Störung, die mit Beth verknüpft war, eine andere war und entschied mich dann dafür. Er hatte die Wahrheit verdient, auch wenn sie ihm bestimmt nicht viel brachte.

„Ich habe nicht nur eine dissoziative Identitätsstörung. Beth... sie... resultiert aus einer anderen Störung." Wie zu erwarten setzte Sebastian sich aufrecht hin und betrachtete mich abwartend. „Laut eines Psychiaters, der sich gut mit dissoziativen Störungen auskennt, leide ich auch an einer DSNNB. Das heißt, dass Beth und ich immer... zusammen im Bewusstsein sind und immer wissen, was die andere macht. Theoretisch. Wenn Jamie nach vorne kommt, dann weiß Beth Bescheid, ich aber manchmal nicht. Je nachdem ob..." Ich schüttelte den Kopf. „Es ist ein bisschen kompliziert. Beth und ich wechseln uns nur ab, wenn wir schlafen und Jamie..." Ich hörte auf zu sprechen, weil es mir nun doch recht sinnlos erschien, eine Krankheit in Worte zu fassen, die ich selbst kaum verstand.

„Moment..." Sebastian kniff die Augen zusammen. „Dann warst du immer... geistig anwesend, wenn Beth hier war?", hakte er unsicher nach und ich wusste, worauf er hinaus wollte.

„Ja, ich weiß über alles Bescheid, was ihr zwei so getrieben habt", nickte ich.

Er blinzelte mich an und ihm stieg die Röte ins Gesicht. „Oh, wow, das ist jetzt peinlich."

Ich musste lachen. Langsam verstand ich doch, warum Beth ihn gemocht hatte. „Du warst durchaus noch einer der besseren Freunde von Beth, glaub mir." Augenblicklich biss ich mir auf die Zunge, weil ich Sebastian ansah, wie sehr es ihn verletzte, dass Beth tatsächlich noch andere Männer getroffen hatte. Ich war überrascht, dass sie gar keinen bissigen Kommentar abgab.

Sebastian sagte einen Moment lang nichts. Dann sah er wieder auf. „Mein Bruder hat immer versucht, über Klebezettel oder die Notizfunktion an seinem Handy mit den anderen zu kommunizieren."

„Das hab ich auch getan."

„Hat es funktioniert?"

„Ja, schon..." Ich erwähnte nicht, dass ich Zach gebeten hatte, den Zettel mit Jamies Antworten wegzuwerfen. Denn im Nachhinein betrachtet war das eine ziemlich dumme Bitte gewesen. „Aber in den letzten Tagen ist er kein einziges Mal rausgekommen. Diese Klebezettelstrategie ist momentan also ziemlich nutzlos."

„Dann musst du ihn rauslocken. Verwende positive Reize, um ihn hervor zu bringen."

Ich seufzte tief. „Ich kenne ihn nicht gut genug."

„Er mag Spaghetti mit Hot Dogs und Ketchup", warf Sebastian ein und ich verzog das Gesicht, denn etwas Ekligeres hätte ich mir nun wirklich nicht vorstellen können. Ich wusste wirklich nicht, woher er das hatte.

„Und du meinst, wenn ich das esse, kommt Jamie hervor?"

Er zuckte mit den Schultern. „Du kannst er versuchen."

Die Wahrheit war, dass ich nicht einmal wusste, was ich Jamie fragen wollte. Er hatte Traumata abgefangen, über die ich vielleicht wirklich nicht Bescheid wissen wollte. Wie fragte man einen kindlichen Teil von sich selbst, über die vermutlich schlimmsten Erfahrungen seines Lebens aus?

„Kannst du jetzt gehen?", fragte Beth ungeduldig.

„Warum?"

„Weil es mich ganz krank macht, hier auf seiner Couch zu sitzen und seinen Dackelblick zu sehen. Er soll sich eine Freundin suchen!"

Ich verdrehte die Augen. Jetzt, da sie an Conway interessiert war, brauchte sie Sebastian natürlich nicht mehr.

„Ich soll dir von Beth ausrichten, dass es ihr Leid tut."

„Stimmt doch gar nicht!", protestierte sie.

„Sie wollte dir nicht wehtun."

Sie stöhnte genervt auf, aber ich fand, dass Sebastian es absolut nicht verdient hatte, so schlecht von ihr behandelt zu werden. Er hatte sich einfach nur in die falsche Person verliebt, und ich bin mir fast sicher, dass das jedem schon einmal passiert ist.

Er akzeptierte diese Entschuldigung mit einem flüchtigen Nicken und ich stand auf, um wieder nach Hause zu fahren.

„Anna!", rief er noch, als ich bereits an der Türe stand. „Ich weiß, wir zwei kennen uns erst seit heute offiziell, aber falls du was brauchst, kannst du immer vorbei kommen."

Vielleicht hoffte er nur, Beth noch einmal sprechen zu können, aber ich war dennoch überrascht und lächelte ihn dankbar an, bevor ich aus seinem Haus verschwand. Beth hatte ihn wirklich nicht verdient.

-

Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Sebastian, du bist einer der fürsorglichsten, aufmerksamsten, hilfsbereitesten Menschen, die ich in meinem Leben kennen lernen durfte. Und ich kannte ich zu diesem Zeitpunkt offiziell erst seit etwa zehn Minuten. 

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