35
Ich wachte vor Zach auf. Es war Weihnachten und ich hatte absolut keine Absichten, mich mit ihm zu versöhnen. Ja, es mochte zickig und kindisch sein, aber ich war wirklich gekränkt. Also schlich ich vor ihm aus dem Hotel und verbrachte den ganzen Tag alleine in der Innenstadt. Ich ging am Eislaufplatz vorbei, an dem wir hatten Eislaufen wollen. An den Punschständen, an denen wir hatten Punsch trinken wollen. An dem riesigen Christbaum, vor dem wir uns hatten küssen wollen.
„Knick bloß nicht ein", warnte Beth mich, als ich seinen fünften Anruf entgegen nehmen wollte. „Soll er doch glauben, dass wir überfahren wurden." Ich war immer noch beleidigt und Beth fegte meine Zweifel weg, also steckte ich mein Handy wieder zurück in die Tasche und knabberte an meinem großen Lebkuchenherz herum, das ich mir recht armselig selber gekauft hatte. Als es längst dunkel war und wieder zu schneien begann, setzte ich mich wieder in einen Bus und fuhr zurück zum Hotel.
„Anna, wo zur Hölle warst du?", fragte Zach sauer, als ich die Suite wieder betrat und ins Schlafzimmer ging, ohne ihn zu beachten. Dort kämpfte ich mich erst aus der Jacke und wühlte dann in meinem Schrank nach bequemen Anziehsachen. „Ich war krank vor Sorge! Weißt du, wie spät es ist?" Es war eine rhetorische Frage. Es war fast zehn Uhr nachts. Ich merkte, wie seine wütende Energie das Fass zum Überlaufen brachte, aber ich biss die Zähne zusammen und zog einen kuscheligen, dunkelblauen Pulli heraus. „Sowas kannst du nicht bringen, ich hab dich zig Mal angerufen und-"
„Ich bin nicht reich!", rief ich plötzlich und drehte mich schwungvoll um. Obwohl ich es nicht wollte stiegen mir schon wieder die Tränen in die Augen.
Zach sah mich an, als sei ich verrückt. „Was?"
„Ich bin nicht reich, okay?" Ich warf den Pulli aufs Bett. „Wenn dir was nicht passt, kannst du in den Flieger steigen und nach Hause fliegen, aber ich kann das nicht. Ich bin auf dich angewiesen, und ich hasse es!" Ich rieb mir die Augen mit meinem Westenärmel trocken und versuchte nicht wie ein kleines Kind zu klingen. „Ich meine, ich mag es schon. Der ganze Luxus und alles. Und ich bin dir unendlich dankbar, dass du das alles für mich machst. Aber wenn du entscheidest, dass ich dich nerve, kannst du einfach abhauen, und dann sitze ich hier fest!"
Er blinzelte mich ungläubig an. Sein Mund bewegte sich, aber es kam kein Laut heraus. Er schien ziemlich perplex. „Du denkst, dass ich abhauen und dich einfach hier zurücklassen würde?" Entweder war er amüsiert oder gekränkt.
Ich zuckte mit den Schultern und schniefte. „Keine Ahnung... Vielleicht?"
„Okay, damit ich das richtig verstehe." Er war eindeutig amüsiert. Jetzt verrieten ihn seine zuckenden Mundwinkel. „Weil es Probleme in meinem Job gab und ich aus Frust gesagt habe, dass du nervst, dachtest du, dass ich zurück nach Kanada fliege und du hier festsitzt, weil du dir den Rückflug nicht leisten kannst?" Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Er stieß einen leisen Lacher aus und kam zu mir. „Anna, für wen hältst du mich? Das würde ich doch niemals machen." Er kam zu mir, legte seine Arme um mich und ich vergrub mein Gesicht in seinem Shirt.
„Ich liebe dich", flüsterte er und drückte mir einen Kuss in die Haare. Jetzt brach ich doch wieder in Tränen aus.
„Um Himmels willen", murrte Beth. „Du bist so schnell eingeknickt, wie ein Streichholz."
„Klappe", gab ich zurück. Sie ruinierte mal wieder erfolgreich den Moment.
„Frohe Weihnachten", flüsterte er in mein Ohr und ich weinte noch viel mehr.
„Jetzt hab ich unser erstes gemeinsames Weihnachten versaut!"
„Gar nicht wahr", lachte Zach, drückte mich ein Stück von sich und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Wir haben noch zwei Stunden. Was mich darauf bringt..." Er löste sich ganz von mir und ging zu unserem Schrank hinüber, während ich mir das Gesicht trocken rieb und versuchte mich zu beruhigen. Ein paar Sekunden später kam er wieder zu mir und legte meine Hände um ein viereckiges Schächtelchen mit einer roten Schleife.
„Es ist ein Ring!", rief Beth.
„Dafür ist das Ding zu groß", erwiderte ich und wandte mich dann an Zach.
„Na, dann ist es eben ein Ring mit riesigem Diamanten! Der Mann sitzt auf Millionen, Anna." Ich antwortete ihr nicht. Stattdessen sah ich zu Zach auf.
„Ich fühl mich schlecht, wenn du mir schon wieder was schenkst." Ich deute um mich. „Du... Das ist..."
„Mach es schon auf", lächelte er.
„Ich hab bei dem ganzen Trubel vergessen, dir ein Geschenk zu besorgen", murmelte ich und schob die Unterlippe vor, weil ich mich immer mieser fühlte. Zach lachte jedoch nur leise.
„Du lebst, das reicht mir. Jetzt mach es schon auf."
Ich seufzte und zog die Schleife von der kleinen dunkelblauen Schachtel und klappte dann den Deckel auf. Darin lag ein kleines silbernes Armband auf dessen Plakette Anna stand. Vorsichtig nahm ich es heraus.
„Das ist wirklich süß", flüsterte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst darauf hätte sagen sollen.
„Dreh es um", forderte er mich auf.
„Das ist wirklich süß!", stimmte mir auch Beth zu, als sie ihren Namen auf der anderen Seite las.
„Beth gefällt es auch", lächelte ich dankbar und Zach nahm mir die Schachtel aus der Hand, legte sie aufs Bett und half mir dann, das Armband an meinem linken Handgelenk zu befestigen, sodass die Inschrift von Anna nach oben zeigte.
-
Die letzten zwei Stunden, die uns von Weihnachten geblieben sind, haben wir buchstäblich im Bett verbracht.
Das Armband, das Zach mir an diesem Tag geschenkt hat, tragen Beth und ich auch heute noch. Wenn sie aufwacht, dreht sie es einfach um. Diese kleine Geste von Zach hat mich beinahe mehr gefreut als das Hotel, die Mühe, mich nach London zu schleifen oder seine Hühnersuppen und Schaumbäder. Ich hatte das Gefühl, dass er mir wortlos kundtat, mich und Beth zu akzeptieren. Genauso wie wir waren. Egal, was passieren würde.
Er hat mir immer mehr gegeben, als ich verdient habe.
-
Am nächsten Tag wachte Beth auf. Und um ehrlich zu sein, war ich darüber sogar froh. Erstens, weil die Zeitpläne der Ärzte somit nicht durcheinander geraten würden und zweitens, weil ich nach dem ganzen Drama eine kleine Pause nötig hatte.
Sie ging ins Bad, schminkte mein Gesicht und nahm die Haare in einem hohen Pferdeschwanz zusammen, durfte aber (auf Anordnung von Dr. Cromwall) ihre Kontaktlinsen heute nicht tragen, sondern nur ihre Brille, aber die lag auf dem Nachttisch.
„Kannst du nachsehen, ob Jamie was geschrieben hat?", bat ich sie.
„Später...", meinte sie ausweichend.
„Nein, nicht später. Jetzt!"
Unberührt drehte sie das Silberarmband um, sodass ihr Name nun zu sehen war. Dann ging sie zu dem Schrank und suchte sich eine dunkle Jeans aus. Da es so kalt war, hatte sie auch keine Lust auf etwas Knappes, Aufreizendes, sondern zog einen schwarzen Pulli heraus. Dafür würde sie die schwarzen Schnürstiefletten anziehen. Sie warf die Sachen auf das Bett und begann sich auszuziehen.
Zach wachte auf und rieb sich müde die Augen. Er betrachtete die schwarzen Sachen. „Guten Morgen, Beth."
„Morgen", erwiderte sie und zog sich den Pullover über und setzte sich die Brille auf.
„Wie spät ist es?"
„Fast neun. Ich muss los, sonst kommen wir zu spät ins Krankenhaus."
Er seufzte angestrengt. „Verdammt, das hab ich vergessen." Er sah ziemlich fertig und müde aus. Beth zog sich die Hose an und knöpfte sie zu.
„Ist schon okay, wir schaffen das alleine. Du musst doch bestimmt noch arbeiten. Ich kann auch alleine ins Krankenhaus fahren, ist kein Problem für mich", meinte sie.
Er kämpfte sich aus den schweren Decken. „Ist es für Anna ein Problem?"
Ich verneinte. „Nein. Sie ist noch viel zu beflügelt von gestern Nacht." Sie grinste versaut und Zach schüttelte halb genervt, halb amüsiert über ihren Witz den Kopf.
„Ist sie noch sauer auf mich? Weil ich gesagt habe, dass sie nervt?"
Beth streckte sich. „Wir sagen doch alle ständig Dinge, die wir nicht so meinen, oder nicht sagen sollten, oder nicht?"
„Das beantwortet nicht meine Frage", erwiderte er irritiert.
„Gott, sag ihm, dass ich nicht mehr sauer bin", wies ich Beth an, aber sie ignorierte mich.
„Ich will wirklich nicht in euer Beziehungsdrama hineingezogen werden. Ich fahre jetzt ins Krankenhaus." Er wollte etwas erwidern, aber Beth griff bereits nach ihrer Tasche. „Regle deine Arbeit. Wir kommen schon klar. Ich komm schon klar." Sie sagte es so leichthin, obwohl ich ihr anmerken konnte, wie nervös die ganzen Tests sie machten. Zach sah sie genauso zweifelnd an.
„Sicher?"
Sie nickte. „Ja. Wollen wir uns heute das London Eye ansehen? Ich könnte dir schreiben, wenn ich fertig bin." Er nickte und Beth wollte das Zimmer verlassen, drehte sich aber noch einmal um und hielt die linke Hand hoch, an der das Armband befestigt war und lächelte ihn kurz an. „Danke nochmal." Und dann war Beth auch schon verschwunden.
-
Dieselbe Limousine, die uns schon die Tage davor erwartet hatte, brachte uns auch diesmal geradewegs zum Krankenhaus. Wir wurden von Dr. Cromwall begrüßt, der wegen der Brille Beth vermutete und richtig lag. Sie musste den Tintenkleckstest bei Meryl Streep (ja, ich nenne sie ab jetzt einfach so) nicht machen, wofür ich sie augenblicklich hasste. Aber dieser Hass verflog sofort wieder, als sie nach der Blutabnahme, Blutdruck- und Pulskontrolle Haselnüsse essen musste und sich innerhalb von zehn Minuten die ersten Symptome zeigten. Während ich eine Handvoll verschlungen hatte, hatte sie gerade mal eine einzige gegessen. Meine Augen begannen zu tränen, mein Hals zu kratzen und meine Zunge zu jucken. Und ich begann in dem Pulli zu schwitzen.
„Interessant", murmelte Dr. Cromwall, als er die Symptome bemerkte und notierte. „Geben Sie mir bitte sofort Bescheid, falls sich dieser Zustand verschlimmern sollte. Nicht, dass Sie mir noch einen anaphylaktischen Schock erleiden." Er klang ehrlich überrascht und besorgt.
„Keine Sorge." Beth klang, als wäre sie verschnupft. „Ist nur für die nächsten paar Stunden scheiße. Trotzdem würde ich mich freuen, wenn sie irgendwas da hätten, das die Auswirkungen lindert. Antihistaminika oder so. Tabletten? Spritzen? Ich nehme alles." Und nachdem der Belastungstest noch ausständig war, bekam sie eine Tablette.
„Sie haben nicht geglaubt, dass es zwei hier drinnen gibt, oder?", schniefte Beth dann und deutete auf meinen Körper.
„Ich glaube nichts, bevor ich keine Beweise habe", erwiderte er und reichte ihr ein Taschentuch. „Unsere Pläne haben sich übrigens ein klein wenig geändert", sagte er dann und Beth versteifte sich augenblicklich. Ihre Gedanken begannen vermutlich hin und her zu springen, aber sie versuchte ruhig zu bleiben.
„Inwiefern?"
„Nun", begann er und zog sich einen Stuhl zu der Liege auf der Beth platzgenommen hatte. „Sie haben uns, als wir Sie das erste Mal getroffen haben, gesagt, dass Sie manchmal aufwachen, wenn Anna einschläft." Beth nickte. „Aber Sie haben auch gesagt, dass es immer Anna ist, die aufwacht, wenn Sie einschlafen."
„Worauf wollen Sie hinaus?"
„Bei Menschen mit einer dissoziativen Störung werden bei einem Identitätswechsel verschiedene Bereiche des Gehirns aktiv. Das kann man zum Beispiel auf einem PET-Scan erkennen."
„Sie wollen mich in eine Röhre stecken und ein Nickerchen halten lassen?", hakte Beth irritiert nach.
„Wir werden Ihnen ein sehr leicht dosiertes Schlafmittel verabreichen, damit Sie auf jeden Fall schnell einschlafen und nicht zu lange drinnen sein müssen. Wissen Sie denn in etwa, wie lange Sie mindestens schlafen müssen, damit Anna wieder zum Vorschein kommt?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Es haben auch schon mal fünf Minuten dafür gereicht. Aber heute ist wirklich ungünstig."
Er zog die Augenbrauen zusammen. „Warum?"
„Zach und ich wollten uns das London Eye ansehen. Und wenn Anna aufwacht und das erleben darf, dann ist es nicht wirklich dasselbe, verstehen Sie?"
„Beth!", knurrte ich. „Er misstraut unserer Glaubwürdigkeit doch ohnehin schon. Wenn es dir ums London Eye geht, dann können wir es gerne verschieben."
Lächelnd wandte sie sich wieder an Dr. Cromwall. „Vergessen Sie, was ich gesagt habe. Ist alles geregelt."
Er nickte leicht irritiert. „Gut. Kommen Sie, wir machen noch den Belastungstest und dann möchte Dr. Conway mit ihnen reden."
Natürlich schnitt sie bei dem Belastungstest weit besser ab als ich, obwohl ihr die Haselnussallergie immer noch ein wenig zu schaffen machte und ich regelmäßig joggen ging. Ich fand das unfair.
Dr. Cromwall schickte sie in einen Raum, in dem sie auf Dr. Conway warten sollte. Es dauerte fast dreißig Minuten, aber Beth war das nur recht, weil meine Augen nicht mehr tränten und ihr Make-up nicht mehr zerstören konnten, als Dr. Conway den Raum betrat. Ich merkte, dass sich ihr Herzschlag erhöhte.
„Beth", zog ich sie überrascht auf. „Seit wann macht dich ein männliches Wesen nervös?"
„Klappe, ich kann's überspielen."
„Das beweis' erst mal", lachte ich neckend, obwohl ich nicht bezweifelte, dass sie es wirklich konnte. „Außerdem war das nicht meine Frage. Du stehst wirklich auf ihn, oder?" Sie ignorierte mich mal wieder.
„Guten Morgen", lächelte er und deutete auf die Brille. „Beth, nehme ich an."
Sie musterte ihn. „Hat Dr. Cromwall nicht von seinem Mordanschlag auf mich berichtet?"
„Falls Sie die Haselnüsse meinen: Doch, davon habe ich gehört", schmunzelte er und setzte sich ihr gegenüber hin. „Ich freue mich Sie kennenzulernen."
„Die Freude ist ganz meinerseits, Carter", schnurrte sie.
„Übertreibe es nicht", murmelte ich. „Und nenn ihn nicht beim Vornamen, das ist unangebracht."
„Die Brille steht Ihnen übrigens wirklich gut."
„Versuchen Sie bitte nicht mit mir zu flirten, ich könnte nämlich drauf einsteigen", erwiderte Beth und Dr. Conway lächelte belustigt.
„Würde Anna das nicht stören?"
„Nein, ich habe ihren Segen."
„Nicht mehr", knurrte ich.
„Mehr oder weniger", schob Beth hinterher und Dr. Conway lachte, woraufhin Beth die Hitze ins Gesicht stieg.
„Du wirst rot", zog ich sie auf.
„Nein, ich hab genug Make-up oben, damit man es nicht sieht", entgegnete sie selbstsicher.
„Wo ist der Test?", fragte sie dann Dr. Conway, als sich ihr Puls wieder ein wenig normalisiert hatte.
„Es gibt keinen."
Beth setzte sich irritiert auf und blinzelte ihn an. „Aber sagten Sie nicht, dass-"
„Hat Dr. Cromwall Ihnen nichts von dem PET-Scan gesagt? Er findet, dass der Test bei Ihnen überflüssig ist, wenn wir beim PET eindeutig Ergebnisse bekommen können."
Plötzlich war Beth ganz ruhig. „Warum bin ich dann hier?" Sie betrachtete Dr. Conway misstrauisch. Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, hätte ich auch misstrauisch gehandelt.
Er verschränkte die Finger ineinander. „Ich wollte mit Ihnen über den Anna-Jamie-Anfall reden, oder wie auch immer sie es bezeichnen wollen. Das wussten Sie bestimmt."
„Warum?"
Ja, das hatte ich mich auch schon gefragt. Aber noch mehr wunderte mich, warum in Beth plötzlich eine ganz andere Art der Nervosität hochstieg.
„Wie haben Sie das Ganze empfunden? Jamies erstes Auftauchen in Ihrer Küche.", fragte Dr. Conway.
Beth schwieg einen Moment lang. „Das habe ich doch schon am ersten Tag erzählt. Ich kann mich an nichts erinnern."
„Und Jamie?"
„Was ist mit ihm?"
„Kennen Sie ihn?"
„Natürlich nicht!", blaffte sie. „Ich weiß genauso viel über ihn wie Anna. Hören Sie auf, mich zu verhören!"
„Ich verhöre Sie nicht, ich versuche nur, schlau aus Ihnen zu werden." Beth verschränkte die Arme vor der Brust und Dr. Conway beugte sich ein Stück weit über den Tisch. Ihre plötzlich so grobe, unfreundliche Art schien ihn kein bisschen zu beeindrucken. Sie sah ihm stur in die Augen, obwohl es ihr schwer fiel. „Ich glaube sehr wohl, dass Sie Jamie kennen."
Als Beth nicht antwortete, sondern den Blick senkte, blieb mir die Luft weg.
„Beth, sag mir nicht, dass du mich die ganze Zeit über angelogen hast..."
„Ich glaube, Sie überschätzen sich und Ihre ach so tolle Menschenkenntnis", meinte Beth schließlich kühl und sah dem Psychiater wieder in die Augen.
„Und ich denke, dass Sie Anna nicht die Wahrheit sagen. Dass Sie wissen, was während ihres Anfalls passiert ist, weil Sie dabei waren. Dass Sie jedes Mal präsent sind, wenn Jamie auftaucht und Anna sich nicht daran erinnern kann. Ich verstehe nur nicht, warum Sie Anna nicht die Wahrheit-"
„Kann ich gehen?", unterbrach sie ihn. „Ich muss mir von Ihnen nicht unterstellen lassen, eine Lügnerin zu sein."
„Ich habe nie gesagt, dass Sie lügen", erwiderte der Psychologe und zog studierend die Augenbrauen zusammen. „Nicht die Wahrheit sagen, bedeutet nicht immer zu lügen. Manchmal heißt es auch zu beschützen."
„Würde das denn irgendetwas ändern?", fragte Beth bitter, während ich nur schweigend zuhören konnte.
Dr. Conway fuhr unbeirrt fort. „Ich glaube, dass Sie etwas wissen, das Anna nicht wissen soll. Dass Jamie etwas weiß, das Anna nicht wissen soll. Dass er oder vielleicht sie beide etwas gesehen oder erlebt haben, das Anna vielleicht sehr verletzen würde." Wieder schwieg Beth. „Das machen Identitäten oft. Ein gewisses Trauma absichtlich von einer Person fernhalten. Um diese Person zu schützen." Sie antwortete immer noch nicht. „Wenn ich recht habe, und Sie alle an einer komplexen Form von DIS und DSNNB leiden, dann ist es unter Umständen möglich, dass Sie Zugang zu Jamie und den Dingen haben, die Anna verwehrt bleiben. Vermutlich aus gutem Grund. Aber Sie müssen mit mir reden, sonst kann ich keinem von Ihnen helfen."
Einige Sekunden bewegte Beth sich nicht und sagte auch nichts. Doch dann rieb sie sich übers Gesicht.
„Ich bin nicht blöd." Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß, dass wir alle vom selben Gehirn kreiert wurden. Dass Anna theoretisch wissen müsste, was passiert ist. Dass sie Jamie kennen müsste. Und dass alle Erlebnisse und Erinnerungen vom selben, verdammten Gehirn gespeichert wurden, aber für sie unzugänglich sind." Dann hob sie den Blick und sah Dr. Conway in die Augen. „Ich kenne Jamie. Ich kenne ihn, seit es ihn gibt. Und ich weiß, was er gesehen und erlebt hat." Mir fehlten die Worte und sie brach den Blickkontakt zu Dr. Conway wieder ab. „Tut mir leid, Anna."
-
Darauf konnte ich nichts erwidern. Ich habe es nicht verstanden. So unfassbar wütend bin ich auf sie gewesen. Sie hat Jamie seit unserer Kindheit gekannt und nie ein Wort gesagt. Mit ihm zusammengetan hat sie sich! Ich habe mich verraten gefühlt. Natürlich wollte ich wissen, was sie vor mir geheim hielt. Was ich angeblich erlebt haben sollte, das so schlimm war, dass sie mich seit Jahren belügen musste.
Heute wünschte ich, ich hätte auf sie gehört und es dabei belassen. Ich wünschte, ich hätte nicht weiter nach Jamie gegraben und ihn einfach in Ruhe gelassen. Denn wenn ich nicht weitergegraben hätte, wäre niemand verletzt worden.
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