Namjoon und das verrückte Huhn
Taehyung betrat mit einem kleinen Körbchen in der Hand die Küche des windschiefen Bauernhauses. Ein Schwall kalter Luft kam mit ihm durch die knarzende Tür von draußen herein, der alle Anwesenden in dem kleinen Raum frösteln ließ.
„Sunny hat jetzt schon seit zwei Tagen kein Ei mehr gelegt." Mit hängenden Schultern sah er auf die drei braunen Eier im Korb herab.
„Dann lasst sie uns schlachten. Ich hätte gern mal wieder was Richtiges im Magen, statt immer nur Kohl und Kartoffeln." Suga lehnte auf einem Holzstuhl und öffnete jetzt die Augen. Er hatte geruht und die anderen hatten angenommen, er wäre eingeschlafen. Nun schien er putzmunter und sah sich mit einem hoffnungsvollen Grinsen nach Unterstützern für seinen Vorschlag um.
„Bist du verrückt?!" Tae presste das Körbchen an seine Brust, als wäre es das Huhn.
„Ich dachte, du schläfst", entgegnete Jungkook in trockenem Ton und sah rüber zu Suga. Auch ihm lief bei dem Gedanken an Hühnchen das Wasser im Mund zusammen, er würde aber nie eins essen, dem Tae schon einen Namen gegeben hatte.
„Wie denn, verdammt, mit leerem Magen?" Suga ließ den Kopf über die Lehne nach hinten sinken und starrte an die Decke.
Namjoon seufzte. Es klang wie ein Gewittergrollen aus den Tiefen seines Brustkorbs. Suga übertrieb. Ihnen ging es besser als anderen in der Gegend. Sie hatten Kartoffeln, Kohl, Möhren und Äpfel. Reis anbauen war schwierig geworden, wegen der intensiven Bewässerung, die dafür nötig war. Aber verhungert war bisher keiner von ihnen und sie brachten sogar ein paar Waisenkinder mit durch.
„Hier" Namjoon griff nach einem Apfel, der auf dem Fensterbrett lag. Unter dem Fenster stand eine ganze Stiege voll. Die sollte Rosé eigentlich mitnehmen. Wo war sie nur immer mit ihren Gedanken? Er schüttelte verstimmt den Kopf; so ein verrücktes Huhn. Der Streit mit ihr hing ihm immer noch nach. War er zu grob gewesen? Er betrachtete den Apfel in seiner Hand. In dem roten Apfelbäckchen sah er Rosés erhitztes Gesicht, er hörte ihre aufgebrachte Stimme, mit der sie ihn als Erbsenzähler tituliert hatte, nur weil er ihr klar machen wollte, dass der Weg über Masan-ri zu weit war. Er seufzte erneut, diesmal klang es nicht nach Gewitter, eher nach einem Windstoß, der einen sanften Landregen ankündigte. Namjoon wischte mit dem Daumen über die rotbäckige Seite des Apfels, bevor er ihn zu Suga rüber warf.
Obwohl Suga meistens rumlümmelte, hatte er Reflexe wie eine Raubkatze, wenn es nötig wurde. In einer lässigen Bewegung streckte er seine Pranke und fing den Apfel, ohne hinsehen zu müssen.
Namjoon sah zu wie Suga genussvoll in die rotbäckige Seite biss. Das Krachen dieses beherzten Bisses und das Ticken der Wanduhr waren die einzigen Geräusche im Raum. Namjoon sah zur Uhr. Es war schon halb elf. Rosé war seit über einer Stunde unterwegs. Der Sturm in seinem Inneren nahm zu, auch wenn sein Ärger verflogen war. Sein Blick wanderte zum Fenster. Draußen war es mittlerweile stockdunkel. Sie wird doch keinen Unfall... Erneut wanderte sein Blick zur Uhr.
Jin trat von hinten an ihn ran und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Sie wird sicher bald zurück sein", sagte er leise.
Namjoon grummelte, er wollte keinesfalls den Eindruck erwecken, dass er auf Rosé wartete, sich sorgte oder gar seinen Standpunkt von vorhin bereute. Immerhin hatten alle ihre Auseinandersetzung mitbekommen. Und er war nun mal der Anführer.
„Ich hätte mit ihr fahren sollen." Das war Jungkook. Er wippte mit den Zehenspitzen auf dem Fußboden und blickte durch das kleine Fenster mit der altmodischen Spitzengardine angestrengt nach draußen.
„Rosé kommt schon klar. Sie wird jeden Moment hier sein." Suga schmatzte auf dem letzten Bissen, während er nur noch den Apfelgriebsch in der Hand hielt. Er hatte nicht nur Reflexe wie eine Raubkatze, er konnte auch schlingen wie eine.
Nachdem sein Schmatzen verklungen war, füllte die Stille die kleine Bauernstube wie der Dampf aus einem gerade mit dem Aufwaschen fertig gewordenen Geschirrspüler. Sie drang in jeden Winkel und jede Ritze. Nicht, dass sie solche Gerätschaften noch nutzen konnten, dafür fehlte ihnen der Strom. Die zwei Solarpanels auf dem Dach des kleinen Bauernhauses reichten gerade Mal dafür, dass sie nicht im Dunkeln sitzen mussten und an sonnigen Tagen für die Waschmaschine. Mehr war nicht drin. Aber sie kannten die Annehmlichkeiten eines normalen Lebens noch von vor der Invasion. Jetzt war nur das Ticken der Uhr zu vernehmen und mahnte mit jeder Sekunde, die verstrich, dass Rosé längst zurück sein sollte.
Der Mond setzte seinen Weg über das Firmament unbeirrt fort und die Zeiger der Küchenuhr drehten beharrlich weiter ihre Runden. Ohne, dass der leicht stotternde Motor von Rosés Kia draußen in der Einfahrt zu hören war.
„Ich fahre sie suchen." Jungkook stand auf und griff nach den Schlüsseln für den alten Hyundai-Pickup. Niemand widersprach.
„Ich komme mit", sagten Tae und Jin gleichzeitig und sprangen zur Tür.
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