KAPITEL 15
»Okay, okay, okay.«
Wesley richtete sich auf dem Sofa auf und strich sich sein Shirt glatt, ehe er sie ansah.
Willow grinste.
»Wie soll das gehen? Was sind die Regeln?«
»Es ist ganz einfach. Wir–«
Er unterbrach sie.
»Für dich vielleicht. Du machst das für dein Leben gern. Aber ich hab' noch nie dafür eine Seite Papier verwendet.«
»Das ist erstens, ziemlich traurig, und zweitens, der perfekte Grund, es jetzt einmal auszuprobieren.«
»Okay«, wiederholte er sich zögernd und nickte ihr ergeben zu.
»Sag mir, was ich tun soll.«
Willow lächelte. Freudig streckte sie die Hand nach ihm aus und zog ihn auf die Beine.
»Komm mit!«, wies sie ihn an und zog ihn vom Sofa, durch die Terrassentür, hinaus in die Abenddämmerung.
Die Sonne ging in letzten, rosanen Schatten am Horizont hinunter, als sie auf zwei der weißen Holzliegestühle im hinteren Bereich des Gartens neben den hohen Kirschbäumen Platz nahmen. Ein letztes Mal wanderten ihre Blicke zum Himmel, an dem der Tag zu Ende gehen schien.
»Wie gesagt, es ist ganz einfach. Wir haben beide genau zwanzig Minuten Zeit, in denen wir es schaffen müssen, ein Gedicht unserer Wahl zu schreiben. Die Regel ist, dass es keine Regeln gibt. Nur uns und unsere Fantasie. Unsere Gefühle für Worte.«
Um Wesleys Lippen zuckte es.
Das hatte sie schön gesagt.
Und wie er sie im Abendlicht ansah und ihren Blick in die Ferne nutze, um sie heimlich zu betrachten, wusste er, dass sie glücklich war und dass sie Worte für Magie hielt und dass sie unbedingt mit ihm schreiben wollte. Er konnte ihr diesen Wunsch nicht ausschlagen, wenn es sie so lächeln ließ, wie sie es jetzt tat.
Er würde sich zum Affen machen.
Aber zwei Punkte daran linderten die Peinlichkeit.
Zum einen würde er sich nur vor ihr und für sie zum Affen machen und zum anderen würde er sie vielleicht vermehrt so lächeln lassen, wie sie es jetzt gerade tat.
»Keine Regeln?«, hakte er nach.
Willow schüttelte bekräftigend den Kopf.
»Keine Regeln. Das ist Poesie. Kein Regelbuch könnte sie eingrenzen. Sie ist unendlich«, erklärte Willow und faszinierte Wesley mit ihrer Wortwahl.
Diese Frau war wirklich etwas ganz Besonderes.
»Fein. Wenn Mylady sich wünscht, den alten Poeten aus mir zu kramen, dann werde ich das für Mylady tun«, erklärte er leicht erhaben und zwinkerte ihr amüsiert zu, als er Zettel und Stift entgegen nahm.
Willow kicherte.
»Ich bin gespannt.«
»Sei es lieber nicht. Ich werde dich enttäuschen. Bin ein wenig eingerostet«, erklärte er weiter und ließ Willow belustigt prusten.
»Zwanzig Minuten – ab jetzt!«, orderte sie und begann sofort drauflos zu schreiben.
Wesley hob eine Augenbraue. Es sollte schon losgehen?
Er hatte sich mental gar nicht vorbereiten können!
Jetzt verschwendete er bereits dreißig Sekunden damit, perplex zu blinzeln.
Worüber sollte er schreiben?
Ihm fiel kein Thema ein.
Willow fiel das alles leicht. Sie hatte tatsächlich Worte in ihrem Kopf. Bei ihm hingegen herrschte das Chaos. Wie sollte er damit schreiben?
»Vergiss nicht, Wesley, Worte sind auch nur Buchstaben«, flüsterte Willow in ihrer Schreiberei.
Er blinzelte.
Worte sind auch nur Buchstaben.
Wo sie recht hatte, aber was sollte ihm das bringen? Er wusste nicht, was er tun sollte, worüber er schreiben sollte.
»Manchmal fällt es leichter, wenn man sich bewusst macht, dass das hier kein Wettkampf oder Akt der Perfektion ist. Das ist Kunst. Und Kunst ist erstens, nur dann perfekt, wenn sie nicht perfekt ist und zweitens, wenn sie nicht erzwungen ist. Sie fließt vielmehr, wie ein Wasserfall. Du musst dich nur fallenlassen.«
Fallenlassen?
Wie sollte er das nun wieder machen?
Wesley biss sich auf die Unterlippe.
Er wusste ganz genau, wieso er noch nie ein Gedicht geschrieben hatte.
Aber wieso fiel Willow das so leicht und ihm so schwer?
So etwas wie ein Gedicht musste er doch auch noch auf die Reihe bekommen.
So schwer konnte es nicht sein.
Als er nach fünf Minuten noch immer ratlos auf das leere Blatt vor sich starrte, linste er vorsichtig zu Willow rüber.
Sie musste einen Trick haben, den er noch nicht erschlossen hatte.
Willow saß konzentriert auf dem Liegestuhl, hatte ihre Beine angezogen und ihren Schreiblock auf die Oberschenkel gelegt.
Ihr Haar wehte im sachten Wind der angehenden Nacht. Sie kaute auf ihrer Unterlippe, zog sie immer wieder in ihrer Konzentration zwischen die Zähne und ließ sie dann wieder frei.
Sie trug ihren Bademantel. Den mit den Schäfchen.
Den mit den Schäfchen.
Urplötzlich wusste Wesley, worüber er sein Gedicht schreiben würde. Die Anfangszeilen seines Gedichts leuchteten wie ein Schild auf dem Highway in sein Gesicht und alles weitere floss, sobald er den Kugelschreiber in seiner Hand auf das Papier drückte.
Zeile um Zeile fielen ihm die Worte aus der Hand, verbanden sich mit dem Papier und fanden ihre ganz eigene Struktur.
Wesley war eingenommen in seine Schreiberei.
Sie war mit Sicherheit nicht perfekt, aber sie war alles, was er geben konnte, alles, was er schreiben wollte und das war alles, was zählte.
Die zwanzig Minuten dehnten sich auf eine halbe Stunde.
Willow war längst fertig, aber sie hatte Wesley nicht in seinem Schreibfluss unterbrechen wollen, wo er einmal angefangen hatte und so langsam Spaß zu haben schien.
Er begegnete ihrem Lächeln, als er die letzten Worte schrieb und sich fragte, wie viel Zeit er wohl gebraucht hatte.
»Zwanzig Minuten von der Sekunde an, an der du begonnen hast zu schreiben«, erläuterte Willow, als hätte sie seine Gedanken gelesen, und lächelte sanft. Wesley erwiderte ihren Blick.
Sie war so schön, sah so süß in diesem Mantel aus und, Gott, immer wenn er ihr Gesicht sah, musste er automatisch daran denken, wie sich ihre Haut anfühlte, wie köstlich ihre Lippen schmeckten und wie betörend das Feuer war, das zwischen ihnen brennen konnte.
Sie hatten über diesen Kuss nicht gesprochen.
Er war nicht in Worte zu fassen und niemand von ihnen wollte diesen Gefühlen schon jetzt einen Namen geben. Sie hatten sich geküsst. Für den Moment war das nichts Außergewöhnliches, obwohl es sich sehr außergewöhnlich angefühlt hatte.
Statt zu reden hatten sie den Tag im Wasser genossen, waren mit Heaver geschwommen, hatten am Ufer Frisbee gespielt und Handstände versucht.
Wesley hatte Willow bestimmt zehn Mal vom Steg ins Wasser geworfen und war dann hinterher gesprungen, um Gleichberechtigung walten zu lassen.
Sie hatten ihren Spaß gehabt, hatten das Wetter und die Ruhe in der Zweisamkeit (und Heaver) genossen. Mehr war zum Glücklichsein gar nicht nötig gewesen.
»Woran denkst du gerade?«, fragte Willow und legte neugierig den Kopf schief.
Das macht sie oft, wenn sie Fragen stellt, dachte Wesley und lächelte innerlich.
Ich denke an dich, Schäfchen.
Aber das wollte er ihr nicht sagen.
Stattdessen lenkte er ab, erwiderte ihren Blick und verschloss sich zugleich, um seinen Gefallen an ihr nicht wie nebenbei aus der Tasche fallen zu lassen.
»Ich frage mich gerade, was du geschrieben hast.«
Das tat er wirklich.
Er war höchstgespannt.
Willow befeuchtete ihre Lippen. Sie war ein wenig unbehaglich und nervös, aber kniff sich zur selben Zeit selbst in den Hintern. Die Worte waren ihr aus dem Herzen gefallen, wieso also wollte sie sie vor der Person verbergen, an die sie gerichtet waren und die sie verdient hatte, zu hören?
»Möchtest du, dass ich es vorlese?«
Wesley nickte euphorisch. Und wie er das wollte!
Schieß los, Willow!
Er war gespannt darauf, was diese Frau in so kurzer Zeit zu Papier gebracht hatte und ob es stimmte, was die Leute sagten, wenn sie von ihrem unglaublichen Talent für das Schreiben sprachen.
Er fühlte sich geehrt, dieses Gedicht als erster vor jedem anderen hören zu dürfen, womöglich sogar als einziger jemals.
Willow zitterten die Hände.
Sie wurde unsicherer, sobald sie ihre Lippen befeuchtet hatte.
Was, wenn er es für zu kitschig hielt? Was, wenn es ihm nicht gefiel? Was, wenn das alles zu eindeutig und zu forciert war?
Zu spät, Willow, und jetzt fang an zu lesen!, sprach sie sich selbst Mut zu und leckte abermals über ihre Lippen, ehe sie das Blatt anhob und sich auf das besonnte, was jetzt wichtig war.
Kein Zurück mehr ...
»Lass dir Zeit«, beruhigte Wesley sie und berührte sie urplötzlich an der Schulter. Sein Blick war ermunternd und sanft. Willow wollte laut aufseufzen.
Wieso war er so verständnisvoll für die banalsten Dinge? Wieso war er urplötzlich so respektvoll und süß?
Es war verdammt teuflisch, wie ideal er schien.
»Es tut mir leid. Ich ... ich lese bloß nicht oft vor Leuten, die mir näher stehen oder nichts mit meinen Geschäften zu tun haben. Irgendwie macht die Nähe zu jemandem jedes Wort zu einem Gewicht.«
Wesley lächelte verständnisvoll. Er kannte dieses Gefühl.
Wenn er in der Kanzlei einen Mandanten vertreten sollte, den er persönlich kannte oder ein Freund der Eltern war, dann lastete jede Silbe auf ihm wie ein unbeweglicher Felsblock. Es war schwierig, das zu überwinden, aber meist brauchte man nur einmal in den Redefluss kommen und alles fand seinen eigenen Weg.
»Ich kenne das Gefühl. Es lässt einen manchmal in seinem eigenen Weg stehen. Aber jemand, der mir näher steht, hat mir mal gesagt, dass Worte auch nur Buchstaben sind und irgendwie hat mir das sehr geholfen, denn Buchstaben haben immer dasselbe Gewicht. Egal, vor wem ich sie vorlese.«
Willow schmunzelte. Das hatte er schön gesagt. Wesley lächelte ebenfalls.
»Fang einfach an. Ich bin sicher, ich werde es lieben.«
Willow schluckte. Ja, das hoffte sie tief innerlich. Noch immer unsicher, räusperte sie die viel zu vielen Gedanken von sich und begann zu lesen.
»Gibt so viele Dinge im Leben, die seltsam sind.
Veränderungen kommen und gehen mit dem Wind.
War noch so schwerelos, damals als Kind.
Bei Angst die Augen geschlossen, vielleicht war ich blind.
Verrückt, welche Wendungen jeder neue Tag mit sich bringt.
Wir werden älter mit der Zeit.
Was hält die Zukunft für uns bereit?
Welche Rolle in der Gegenwart spielt die dunkle Vergangenheit?
Es ist so befreiend manchmal, wenn man sich all die Lasten einfach von der Seele schreit.
Aber sag mir, wohin geht es weiter? Wann ist es soweit?
Passieren Dinge grundlos oder haben sie alle einen Sinn?
Sag mir doch, wo führt mich das hier jetzt hin?
Bin ich wirklich gut so, wie ich bin?
Oder ist da zu viel Stolz und der hält oben mein Kinn?
Von heute auf damals schien alles noch einfach:
Kindergarten, Schule, College, Freunde, Drama und Krach.
Haben oft geweint und noch mehr gelach'.
Freude und Trauer, Höhen und Tiefen – Das Leben spielt Schach!
Geht's immer vor oder auch mal zurück?
Gebe zu, manchmal weiß ich nicht weiter und ich verliere ein Stück,
von mir selbst und was ich bin, wofür ich stehe und was ich brauche zum Glück.
Und jetzt bist da noch du,
bist einfach so aufgetaucht aus dem Nu,
und am Anfang hielt ich mir vor Tatsachen die Augen zu,
aber du passt zu mir, bist wie der rechte zu meinem linken Schuh.
Und verrückt, ja, wie verrückt doch dieses Leben spielt.
Wollt' dich erst gar nicht kennen und jetzt wünscht ich, dass bloß die Zeit anhielt,
damit ich noch einen Moment länger mit dir verbringen kann,
bist du schließlich der erste Mann ...
... Dem ich mein Herz zu öffnen vermag,
mit dem ich gerne Stunden am Strande lag,
durch den ich mir selbst Mut mache, um die Wahrheit zu sag'.
Das alles scheint so irrsinnig, kennen wir uns doch gar nicht so lang,
aber bei dir fühl' ich mich erstmals sicher und weniger bang.
Mein Herz schlägt höher, das nur bei deiner Stimme Klang
und all der Schmerz will tatsächlich fort, als wärst du es, der ihn zu Schlafe sang.
Meine Seele ist schon lange schwer,
und manchmal weiß ich sicher, ich kann einfach nicht mehr.
Es ist kompliziert, dass ich alles mit mir selber klär',
aber du bist so wie die Ebbe nach der Flut im Meer,
und ich wein' schon jetzt, wenn ich mir vorstelle, wie es ohne dich wär'.
Vielleicht klingt's für dich ein wenig übertrieben,
ist ja jetzt nicht so, als könne man sich von heute auf morgen todsterblich verlieben,
aber allein dein Beistand hilft mir meine Dämonen zu besiegen
und bei dir habe ich das Gefühl, ich könne fliegen.
Ich schäme mich nicht mehr. Ich kann sein, wer ich bin, muss mich für niemanden verbiegen.
Für die Welt bist du ein großer Held,
aber es ist der eigentliche Mensch in dir, der mir so gefällt.
Ich weiß, eigentlich hast du das Leben nicht das Geld gewählt,
und mehr und mehr zeigt sich der weiche Kern, sobald sich die harte Schale abschält.
Wir sind zwei Menschen und der Zufall,
aneinander gestoßen mit lautem Knall,
aber neben all den Vorurteilen, glaube ich, höre ich den sanften Schall,
dass es vielleicht doch Schicksal war und ich es erst jetzt rall'.
Wie so oft im Leben, bin ich nicht sicher, denkst du auch so wie ich?
Und wünschst dir klamm und heimlich,
es gäbe nur noch dich und mich?
Ich hab' keine Ahnung, was ich hier verspür'.
Es ist das Leben, das mich auf unbekanntes Glatteis führ',
aber wenn du bei mir bist, ist mir das Einbrechen egal,
denn ich bleib gerne mit dir
und denk an diesen einen Tag,
der alles verändern sollt,
der plötzlich den Stein, das Chaos, mein Leben vorwärts rollt,
und zu Anfang nicht, aber jetzt hätt' ich's nicht anders gewollt.
Ich bin dankbar, wenn ich sag':
"Die ganze Geschichte, ja, die begann an 'nem stinknormalen Montag!«
Willow hielt die Luft an und traute sich einige Sekunden nicht, von ihrem Block aufzusehen. Sie hatte Angst, Wesleys Blick zu begegnen und seinen Schock darin zu erkennen. Schließlich war dieses Gedicht eindeutig über sie beide und fragte indirekt, ob er nicht auch etwas mehr als Freundschaft für sie empfand.
Zudem schnitt sie Teile ihrer Vergangenheit an, über die sie sonst niemals ein Wort verlor. Er hatte ja keine Ahnung, wie viel Mut sie das Schreiben und dann erst das laute Vorlesen gekostet hatte.
Sie hatte es allein für ihn getan.
Als er gar nichts sagte, sah Willow zögerlich auf und begegnete einem sprachlosen Wesley. Er hatte den Mund offen stehen und musterte sie unverwandt, bis plötzlich ein Vibrieren die Stille durchbrach und Wesleys Smartphone von sämtlichen Nachrichten bombardiert zu werden schien.
Ein schmerzhafter Stich durchfuhr Willows Herz, als er ohne ein Wort den Blick abwandte, sich erhob und eilends im Haus verschwand.
»Entschuldige, das ist gerade sehr wichtig«, murmelte Wesley an der Terrassentür noch, während er auf sein Handy starrte. Im nächsten Moment ließ er sie allein zurück. Willow krallte ihre Hand in ihr T-Shirt.
Alles gut, Willow. Es ist alles okay. Das ist bestimmt sein Freund mit einer wirklich wichtigen Nachricht.
Er wird gleich wieder kommen und dir ins Gesicht sehen, sprach sie mit sich selbst und versuchte sich zu beruhigen und ihre Verletzlichkeit vor sich selbst zu verbergen.
Aber das wurde mit jeder Minute, die Wesley ganz und gar nicht zurückkehrte, immer schwieriger, bis Willow ihre Gedanken nicht mehr aufhalten konnte.
Was, wenn er es scheußlich gefunden hatte?
Er musste deswegen abgehauen sein, weil sie, dumme Kuh, viel zu viel in diese Zeit hineininterpretiert hatte. Ein Mann, wie er, verliebte sich nicht in einen Menschen, wie sie. Er war nicht mal fähig, derartige Gefühle für sie zu entwickeln.
Das alles war temporär. Ab morgen würden sie sich nie wieder sehen.
Nie wieder. Nie wieder. Nie wieder.
Willow würde hier zurückbleiben.
Allein.
All der Schmerz würde zurückkommen, als wäre er nie gegangen.
Er war niemals gegangen.
Er würde sie ewig verfolgen, wie der schwarze Schatten, der er nun einmal war.
Als stünde er urplötzlich hinter ihr und lachte ihr lautstark und hämisch ins Ohr, erhob sich Willow erschrocken und ließ ihren Block achtlos ins Gras fallen, während sie ins Haus hetzte.
Drinnen war es unheimlich still. Heaver nirgendwo zu sehen. Willow fasste sich an ihr Herz. Wieso schlug es plötzlich so unangenehm schnell?
Weshalb nahm sie es so unglaublich persönlich, dass Wesley sie einfach so versetzte?
Er hatte einfach einen wichtigen Anruf bekommen ...
Aber von wem?
Und wieso dauerte das Gespräch so lange?
Er war bestimmt schon fünfundzwanzig Minuten fort.
Von Neugierde geleitet und ihrem Teufelchen das Gegenteil beweisen wollend, machte sich Willow auf, Wesley zu suchen.
Da er sicher über das Festnetz telefonierte, konnte er nur im Büro sein. Tatsächlich hörte sie seine Stimme, sobald sie den Flur betreten hatte. Die Tür war bloß angelehnt.
»Ja. Ja. Ich vermisse dich auch.«
»Ich verspreche dir, sobald ich zurück bin, gehen wir richtig schick essen und machen uns 'nen netten Abend zu zweit. Nur du und ich.«
Wesley lachte kehlig über etwas, das sein Gesprächspartner am anderen Ende redete.
Ob es sich dabei um eine Frau handelte?
Hatte er etwa eine Freundin?
Der Gedanke durchfuhr Willow wie ein heftiger Stromschlag aus Schmerz.
Aber wieso hatte er sie dann geküsst?
Das hätte er doch niemals getan, wenn es dort noch eine andere Frau gäbe. So jemand war er nicht.
Oder etwa doch?
»Oh, ja ... darauf freue ich mich auch! Wenn ich endlich meine Ruhe vor ihr habe.
Das Schlimmste ist, dass sie sogar dann da ist, wenn sie nicht da ist. Ständig ist sie in meinem Kopf. Dabei wollte ich einfach nur meinen Urlaub genießen.«
Redete er da etwa gerade über sie?
Hielt er sie für zu aufdringlich?
Die Extreme in seiner Stimme zwickte Willow überall auf der Haut und plötzlich fühlte sie sich ekelhaft und vollkommen fehl am Platz.
»Leider wird man sie nicht los, wenn man quasi mit ihr zusammenlebt«, lachte Wesley und Willow trat erschrocken einen Schritt zurück.
Damit war doch nun wirklich sie gemeint. Schließlich lebte Wesley gerade quasi bei ihr!
Aber er hielt sie für eine Klette?
Wollte sie am liebsten loswerden?
Sie wusste nicht, woher die plötzliche und enorme Verletzlichkeit herkam, aber alles was er sagte, stieg wie Galle in ihrer Kehle auf und ein unbändiger Hass auf sie selbst kroch von den Zehen bis hinauf in ihren Kopf.
Selten hatte sie sich selbst so sehr für ihre Naivität gehasst, sich selbst vor Augen gesehen mit dämlicher Blödheit im Kopf.
Wie sehr man sich doch in einem Menschen täuschen konnte. Was für exzellente Schauspieler manche von ihnen doch waren. Sie war geradewegs auf ihn hineingefallen.
Wie hatte sie auch nur einen Moment denken können, er würde mehr für sie empfinden?
Er würde tatsächlich wertschätzen, was sie die letzten Tage erlebt hatten?
Alles, was sie gehabt hatten, das war eine Illusion, das war bedeutungslos!
Das wusste Willow jetzt ...
»Keine Sorge. Ich werde es schon überleben. Es heißt doch immer: Gute Miene zum bösen Spiel machen. Meine Taktik ist, einfach zu lächeln und höflich zu sein, dann findet alles schneller sein Ende und ich kann endlich, klammheimlich verschwinden.«
Das gab Willow den Rest.
Das war die Antwort, die er ihr nicht direkt hatte geben können. Er wollte einfach über Nacht abhauen, sich gar nicht verabschieden.
Und sie hatte ihm beinahe ihr komplettes Herz vor die Füße geworfen.
Wie blind sie doch geworden war.
Wie blauäugig zu glauben, ein solcher Mann interessiere sich tatsächlich für sie.
Nach den paar Tagen. Wie peinlich!
Dabei hatte doch von Anfang an festgestanden, für was er sie hielt: Ein dummes Landei vom Bauernhof, das mit ihrer Ziege gackerte.
Hervorragend Willow, du bist mal wieder gehörig auf die Schnauze gefallen und hast dich zum Affen gemacht.
Nicht noch mehr Worte hören wollend, die sie durch den Dreck zogen, lief sie lautlos zurück ins Wohnzimmer, zerknüllte auf dem Weg dorthin das Papier mit ihrem Gedicht darauf und warf es kochend in irgendeine Ecke des Hauses.
Willow drohte zu ersticken.
Sie fühlte sich entsetzlich erdrückt.
Keine Sekunde länger hielt sie es an ihrem eigenen Zufluchtsort aus.
Von völliger Gleichgültigkeit gepackt, behielt sie ihren Bademantel mit den Schäfchen an, schlüpfte lediglich in ihre Sandalen und war im nächsten Moment verschwunden.
Knallend schlug die Haustür zu. Dann war es unheilvoll still.
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