9. Der Entschluss
Chuuya saß noch immer abwartend auf dem Dach des Lagerhauses und wurde von Minute zu Minute ungeduldiger, als aus dem Schatten plötzlich zwei Personen traten. Es waren die zwei Männer, mit denen er und Misaki sich getroffen hatten. Aber wo kamen sie auf einmal her? Er hatte doch abwechselnd jeden Weg im Blick gehabt, aus dem sie hätten kommen können. Weit und breit war nichts zu sehen gewesen, gehört hatte er auch nichts. Und nun kamen sie aus einer dunklen Sackgasse? Wie war das möglich?
Als Chuuya darüber nachdachte, fiel ihm wieder ein, dass Dazai erwähnt hatte, die Entführer hätten Misaki wahrscheinlich mittels Teleportation oder einer ähnlichen Fähigkeit fortgebracht. Das ergab Sinn, da sie so schnell und unauffällig verschwinden konnten, wenn es nötig war. Doch wie weit war der Radius, in dem sie dies verwenden konnten? Oder gab es da vielleicht keine Begrenzung? Er hoffte, dass es eine Grenze für die Entfernung gab. Andernfalls wäre das ein großer Nachteil für sie, aber ein gewaltiger Vorteil für diese verdammten Händler. Denn je weiter das Versteck entfernt war, desto länger würde es logischerweise dauern, bis sie Misaki erreichten. Und Chuuya hatte das ungute Gefühl, dass die Zeit, welche ein sehr wichtiger Faktor war, ihnen davonlief. Zu seinem Bedauern konnte er nichts dagegen tun, er konnte es nicht ändern und auch nichts beschleunigen oder verlangsamen. Er konnte nichts tun, außer abzuwarten und auf Dazais Plan zu vertrauen. Das allein nagte schon gewaltig an ihm, da er es hasste, wenn er untätig abwarten musste. Es war nicht seine Art, ruhig im Hintergrund zu bleiben und Däumchen zu drehen. Und das wusste jeder, der schon mal mit ihm zu tun gehabt hatte. Vor allem Dazai wusste es, denn er kannte ihn in- und auswendig. Dennoch musste Chuuya hier sitzen, abwarten und konnte bloß aus der Ferne zusehen. Es machte ihn einfach unruhig und nervte ihn. Wie lange würde das noch dauern? Er verlor langsam die Geduld, die bei ihm ohnehin begrenzt war.
Während er innerlich fluchte, beobachtete er das Gespräch zwischen Dazai und Mario. Chuuya konnte zwar nichts hören, aber die Körpersprache der anwesenden Personen lesen. Sein ehemaliger Partner wirkte schon beinahe zu entspannt, wohingegen Atsushi umso nervöser aussah. Bei den Händlern war ebenfalls keine Spur von Nervosität zu erkennen. Ganz im Gegenteil sogar, sie wirkten ruhig und gelassen. Als ob sie sich gerade mit Bekannten zu einem Pläuschchen treffen würden, wobei ohnehin nur Dazai und Mario miteinander sprachen. Atsushi und Juan standen stillschweigend daneben, sie wirkten beinahe gänzlich unbeteiligt. Zumindest wenn man davon absah, dass der junge Detektiv nicht stillstehen konnte und sich andauernd umsah. Er war darin nicht versiert, eher völlig unerfahren und zusätzlich nicht in den Plan eingeweiht. Daher verstand Chuuya, weshalb er sich so verhielt. Gleichzeitig passte dieses Verhalten auch perfekt zu der Rolle, die er spielen musste. Denn es musste authentisch aussehen, um keinen Verdacht zu erregen. Dazai hingegen war ein guter Lügner und Schauspieler, darin hatte er viel Übung und Erfahrung. Aus diesem Grund überraschte es Chuuya nicht, dass er diesem Mario so locker die Hand geben und anschließend Atsushi in seine Richtung schubsen konnte. An seiner Haltung und Gestik konnte man nicht erahnen, was er wirklich vorhatte. Genau dasselbe galt auch schon immer für seine Mimik. Doch dies traf nicht auf Atsushi zu. Es war offensichtlich, wie verwirrt und erschrocken er war. Allerdings war genau das die Reaktion, die in dieser Situation notwendig war. Und auch wenn er definitiv nicht wusste, was vor sich ging, vertraute er Dazai und folgte den beiden Männern mehr oder minder bereitwillig in die Sackgasse, aus der sie gekommen waren.
Als Chuuya sich sicher war, dass die Händler mit Atsushi verschwunden waren, setzte er zu einem hohen Sprung an und landete unweit von Dazai, der wohl schon auf ihn gewartet hatte.
»Da bist du ja endlich, Chibi. Ich hatte schon befürchtet, dass du wirklich nach Hause gegangen wärst«, sagte er in einem scherzenden Tonfall.
»Du hattest also tatsächlich geplant, dass sie ihn mitnehmen ... Ich habe wirklich Mitleid mit deinen Kollegen, wenn du sie immer so in Ungewissheit lässt. Du wirst dich wohl nie ändern, oder?«
»Ich wusste eben, dass du es auch ohne Worte verstehen würdest. Aber für eine überzeugende und glaubwürdige Reaktion war es nötig, dass Atsushi-kun nichts ahnt und weiß. Er ist kein besonders guter Lügner oder Schauspieler.«
»Nicht so wie du, ich weiß. Und was ist der Haken bei diesem Plan? Sei ehrlich ...«, fragte Chuuya etwas zögerlich.
»Die Chancen stehen bloß 50/50. Doch wir hatten keine bessere Alternative. Die Zeit wurde knapp, da wir nicht genau wissen, was sie mit Misaki-chan vorhaben. Jetzt liegt es vorerst an ihnen, allem voran an ihr und ihrem derzeitigen Zustand. Sobald wir den Standort haben, müssen wir also so schnell wie möglich los.«
»Verdammt … Wenn du so etwas sagst, ist das nie ein gutes Zeichen. Ich werde den Boss informieren und uns einen Helikopter besorgen, damit es schneller geht.«
Während Chuuya sich ein wenig entfernte und telefonierte, erhielt Dazai über ein kleines Gerät, welches er bei sich trug, eine Mittelung. Dadurch erfuhr er Atsushis derzeitigen Standort, von dem er nicht begeistert zu sein schien. Sein ernster Gesichtsausdruck sprach Bände. Schnellen Schrittes ging er auf seinen ehemaligen Partner zu, packte diesen an seinem Handgelenk und zog ihn mit sich. Und noch bevor Chuuya sich beschweren oder allgemein etwas sagen konnte, ergriff Dazai selbst das Wort.
»Wir haben keine Zeit für Beschwerden, Chuuya. Sie befinden sich mitten auf der Insel Yakushima, auf dem Berg Miyanoura. Selbst mit dem Helikopter brauchen wir ungefähr fünf Stunden, bis wir über der Insel sind und dann müssen wir sie dort noch finden. Also sollten wir uns beeilen.«
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Als die Tür weit offen stand, betrat Mario nonchalant den Raum und wies Juan an, sie wieder zu verschließen. Er hatte keine Hand frei, daher konnte er das nicht selbst tun. Und er wollte auch nicht mit dem Fuß gegen die Tür treten, nur um diese zu schließen. Zum einen, weil sie aus dickem und hartem Stahl bestand, zum anderen auch aus dem Grund, dass er neue Schuhe trug und diese nicht ruinieren wollte. Immerhin waren sie aus schwarzem Alligatorleder und deswegen ziemlich teuer gewesen. Ihm stand zwar genug Geld zur Verfügung, um sich allerlei hochwertige und kostspielige Dinge zu kaufen, aber Mario legte dennoch Wert darauf, sich gut um sein Eigentum zu kümmern. Dies war auch einer der Gründe, weshalb er Julio gebeten hatte, Misaki in ihr neues Zimmer zu bringen. Ein besonders schönes Puppenzimmer, welches er auch gerne als Spielzimmer bezeichnete, für sein besonderes Püppchen, das bald seine Frau sein würde. Und er freute sich jetzt schon darauf, sie in dem wunderschönen Hochzeitskleid zu sehen, welches er für sie gekauft hatte. Mario könnte immerzu davon schwärmen, wie hinreißend und entzückend sie darin aussehen wird. Doch als sich ihre Blicke trafen, konnte er erkennen, dass Misaki von seiner Anwesenheit alles andere als begeistert war und sie sich wohl schon überlegte, ob und wie sie ihn attackieren könnte. Sie war aufgesprungen, hatte reflexartig eine Kampfhaltung eingenommen und beobachtete ihn ganz genau. Diese Reaktion amüsierte ihn, da er noch mehrere Asse im Ärmel hatte, und er begann leise zu kichern, während er auf sie zu ging.
»Weißt du, meine liebe Misaki … Julio hat mir erzählt, dass du, als du bewusstlos warst, immer wieder einen bestimmten Namen gesäuselt hast. Wie lautete der noch gleich? Ach ja, Atsushi … Tja, zufälligerweise heißt unser neuer Gast ebenfalls so. Ein ziemlich störrischer, zierlicher Junge mit einer grässlichen, schiefen Frisur. Es wäre doch eine Schande, wenn ihm etwas passieren würde, bloß weil du kein braves und gehorsamen Püppchen warst. Da stimmst du mir bestimmt zu, oder? Und falls du mir nicht glaubst, kann ich dir gern ein Körperteil deiner Wahl als Beweis bringen«, erklärte Mario ihr in einem drohenden Tonfall, während er freudig lächelte.
Misakis Körperhaltung änderte sich schlagartig, ihre Augen weiteten sich und sie sank auf die Knie. Sie starrte ihn unglaubwürdig, aber gleichzeitig auch voller Sorge und Wut an. Sagte er wirklich die Wahrheit? Hatten diese schrecklichen Männer, die sie so sehr quälten, nun auch Atsushi in ihrer Gewalt? Wie konnte sie sich sicher sein, dass er nicht log? Das konnte sie nicht … Und strenggenommen hatte Mario auch keinen Grund diesbezüglich zu lügen, bloß damit sie gehorsam war. Immerhin konnte er sie auch einfach kontrollieren, wenn er es wollte. Das hatte er ihr überdeutlich klargemacht. Dennoch wollte Misaki es nicht glauben, das durfte einfach nicht wahr sein. Denn wenn Atsushi wirklich hier war …
»Bedeutet dieser Junge dir wirklich so viel? Nun, dann ist heute wohl mein Glückstag!«, verkündete er hämisch, während er all die Sachen, die er in den Händen trug, auf dem Bett ablegte. Danach kniete er sich vor Misaki hin, betrachtete den leidenden und zugleich ängstlichen Ausdruck in ihren Augen, die auch vor Wut und Hass auf ihn funkelten. Mario legte seine Hand auf ihre Wange, doch sie wich zischend zurück und wandte den Blick ab. Diese Reaktion machte ihn wütend, weshalb er sie grob an ihrem Kiefer packte und so nah zu sich zog, dass ihre Nasenspitzen einander berührten.
»Sei gefälligst artig, sonst bringe ich dir bei meinem nächsten Besuch etwas von deinem kleinen Freund mit. Vielleicht ein Auge?«
»Wenn du ihm auch nur ein Haar krümmst, dann werde ich dir den Kopf abschlagen und dich in viele, kleine Einzelteile zerlegen«, knurrte Misaki mit gebrochener Stimme, während Tränen über ihre Wangen flossen. »Wie viel muss ich denn noch erdulden? Wie sehr wollt ihr mich noch quälen und demütigen?«
»Bis dein Wille gebrochen ist und du ein loyales Püppchen bist, meine liebe Misaki. Und keine Sorge, ich werde den Jungen nicht anrühren. Das muss ich auch nicht, denn ich habe bereits eine bessere Idee«, erwiderte Mario heimtückisch lächelnd und stieß sie von sich. Anschließend stand er auf und ging auf die Tür zu, gegen die er klopfte, damit Juan sie von draußen für ihn öffnete. Doch bevor er den Raum verließ, drehte er sich noch einmal zu ihr um. »Ich habe dir eine Flasche Wasser, frische Kleidung und Stift und Papier auf dein Bett gelegt. Zieh dich um und schreib ein Gelübde für unsere bevorstehende Hochzeit. Und denk nicht mal daran, irgendeine Dummheit zu machen. Sonst muss dein kleiner Freund den Preis dafür zahlen.«
Nachdem Mario gegangen und die Tür wieder versperrt worden war, schlug Misaki mehrmals auf den Boden ein und fluchte leise. In dem Moment, als sie gezeigt hatte, wie wichtig Atsushi für sie war, hatte sich das Verhalten dieses verrückten Mannes geändert. Er wirkte noch bedrohlicher, gefährlicher, zornig und viel kälter. Sie selbst hatte die Fassung verloren und zugelassen, dass ihre Emotionen die Oberhand gewannen. Das würde ihnen nun zum Verhängnis werden, da war sie sich sicher. Denn Mario würde jede ihrer Schwächen ausnutzen, damit er bekam, was er wollte. Er schreckte vor nichts zurück und Misaki ahnte bereits, worauf das hinauslaufen würde. Die Entscheidung, die sie nun treffen musste, war schwerwiegend. Daher dachte sie lange und ausführlich über die wenigen Möglichkeiten nach, die ihr blieben.
Nachdem Misaki mehrmals alle Fakten im Kopf durchgegangen war und sorgfältig über alles nachgedacht hatte, stand ihr Entschluss fest. Ihr Plan war zwar ziemlich riskant, wenn nicht sogar tollkühn, aber sie wusste keinen anderen Ausweg. Vielleicht musste es so kommen, vielleicht war das von Anfang an ihr Schicksal gewesen, vielleicht hatte sie es einfach nicht anders verdient. Ob das wohl die Strafe für all ihre Taten war? Unabhängig davon wollte sie zumindest dafür sorgen, dass Atsushi so glimpflich wie möglich davonkam. Das hatte für sie allerhöchste Priorität. Denn andernfalls würde er definitiv sterben.
Misaki schüttelte ihren Kopf, als ob sie so all die negativen Gedanken abschütteln könnte und atmete tief durch. Anschließend stand sie auf und sah sich die frische Kleidung an, die noch immer unberührt auf dem Bett lag. Es handelte sich dabei um ein schlichtes, weißes Kleid und gleichfarbige Kniestrümpfe. Sie rollte mit den Augen und seufzte langgezogen, da das überhaupt nicht ihrem Geschmack entsprach. Aber sie war dennoch froh darüber, weil sie nun endlich dieses geschmacklose Kostüm, welches an die Uniform eines Dienstmädchens erinnerte, ausziehen konnte. Rasch zog Misaki sich um, setzte sich auf das Bett und betrachtete nachdenklich die Schreibutensilien, die ebenfalls auf diesem lagen. Mario verlangte, dass sie ein Gelübde für diese lächerliche und erzwungene Scharade schrieb, die er Hochzeit nannte. Es war eine absurde und oberflächliche Heuchelei, die er bloß inszenierte, damit sie mehr leiden musste und er das Gefühl hatte, sie vollkommen zu besitzen. Als ob sie tatsächlich nur eine Puppe wäre, mit der er machen konnte, was er wollte; die er nach seinen kranken und abstrusen Vorstellungen neu formen konnte. Misakis Schnauben klang schon beinahe zu schadenfroh, da sie wusste, dass es gar nicht erst so weit kommen würde. Denn auch das würde durch ihre getroffene Entscheidung vereitelt werden. Allerdings würde sie dennoch etwas schreiben, und zwar einen Brief. Doch dieser war nicht für Mario, sondern für jemand anderen bestimmt.
Anfangs war Misaki sich nicht sicher, wie sie beginnen sollte und ob dieser Brief überhaupt eine gute Idee war. Schlussendlich hatte sie aber nicht mehr viel darüber nachgedacht und einfach geschrieben, was Kopf und Herz ihr sagten. Danach faltete sie das Papier mehrmals, ehe sie es bei ihrem Busen versteckte. Und nun musste sie, um den Schein vorerst noch aufrecht zu erhalten, ein Gelübde verfassen. Es musste nicht gut sein, denn Mario sollte bloß denken, dass sie es wirklich versuchte und seiner Aufforderung so gesehen nachkam. Daher schrieb Misaki einfach ein paar Schwüre auf, die sie aus Filmen und Büchern hatte. Sie gab sich dabei nicht sonderlich viel Mühe. Wieso sollte sie auch? Immerhin sollte es nur so aussehen, als ob sie brav gehorchen würde. Für dieses Ziel war ihre minimale Bemühung mehr als ausreichend. Wahrscheinlich würde er sich beschweren, da es seiner Meinung nach nicht gut genug war. Doch ihn würde vermutlich ohnehin nichts zufriedenstellen, was er nicht selbst verfasst hatte. Denn nichts würde perfekt genug sein, wenn es nicht von ihm kam. So schätzte sie ihn ein und sie war sich auch ziemlich sicher, dass sie damit richtig lag. Also wäre jegliche Mühe diesbezüglich, selbst wenn sie nur zum wahren des Scheins dienen würde, umsonst.
Als Misaki gerade die Wasserflasche geöffnet und daraus getrunken hatte, konnte sie hören, wie die Schlösser der schweren Stahltür entriegelt wurden. Kurz darauf öffnete sich diese langsam und Mario betrat den Raum. Er kam geradewegs auf sie zu, während sie ihn bloß stillschweigend und voller Abscheu in den Augen beobachtete. Es verwunderte sie jedoch sehr, dass er sie nicht direkt ansprach, wie er es sonst immer tat. Misstrauisch hob sie eine Augenbraue und musterte ihn, indessen setzte er sich ihr gegenüber auf das Bett und nahm das von ihr verfasste Gelübde zur Hand. Mario saß einige Minuten still da und las es, ehe er seufzend den Kopf schüttelte und das Papier zerknüllte.
»Bedauerlich, meine liebe Misaki. Ich dachte, dass du es schaffen würdest ...«
»Tja, da hast du wohl zu viel erwartet«, erwiderte sie gleichgültig.
»Offensichtlich, aber das ist kein Problem. Für den Fall der Fälle habe ich bereits ein Gelübde für dich vorbereitet«, sagte er ruhig und packte sie am Handgelenk, »Und nun komm mit.«
Mario wartete allerdings erst gar nicht auf eine Reaktion, sondern zog sie auf die Beine und anschließend hinter sich her. Sie verließen den Raum und zum ersten Mal, seitdem sie hier war, konnte Misaki durch Fenster die Umgebung sehen. Es war bereits dunkel, sie sah weit und breit nichts als hohe Bäume und mehrere Berggipfel, von denen manche höher und andere tiefer gelegen waren, als ihr Aufenthaltsort. Wo zum Teufel war sie hier? Wohin hatten diese Kerle sie bloß verschleppt? Befand sie sich überhaupt noch in Japan?
Als er plötzlich stehenblieb, rannte sie aus Versehen gegen ihn. Sie hatte sich zu sehr auf die äußere Umgebung und ihre Gedanken konzentriert, wodurch sie nicht gemerkt hatte, wohin und wie weit sie gegangen waren. Mario öffnete eine verstärkte Stahltür, die offenbar nur mittels eines Hebels geöffnet werden konnte. Er stieß Misaki ruckartig und unsanft hinein, wodurch sie stolperte und hinfiel. Ihre Augen funkelten vor Wut, doch er winkte ihr bloß heimtückisch grinsend zu, ehe er die Tür schloss. Sie fluchte laut und beschimpfte ihn, während sie sich umsah. Der Raum, in dem sie sich nun befand, war eng, jedoch mit einer hohen Decke und komplett in weiß gehalten. Darin befand sich kein Mobiliar, stattdessen waren hoch oben Kameras, Lautsprechen und winzige Luftschächte. Alles viel zu hoch oben, um es erreichen zu können. Wobei ihr das ohnehin nichts gebracht hätte, da die Wände viel zu glatt waren und sie nicht durch die Luftschächte passen würde. Misaki schlug auch gegen die Wände und die Tür, aber das bewirkte nichts. Schlussendlich setzte sie sich hin und starrte nach oben, direkt in eine der Kameras.
»Was soll das jetzt wieder werden? Wozu bin ich in diesem kleinen Raum eingesperrt? Was hast du gestörter Mistkerl vor?«, schrie sie laut.
Kurz darauf gaben die Lautsprecher ein schrilles Geräusch von sich, welches sie zusammenzucken ließ. Es schmerzte in den Ohren und erinnerte sie an damals. Denn an dem Tag, als sie C verloren hatte, hatte sie genau dieses Geräusch gehört. Zuerst diesen schrillen Ton und dann die schreckliche Anweisung, wodurch das Unheil seinen Lauf genommen hatte. Sie würde und konnte es nie vergessen, niemals.
»Ich sagte dir doch, dass ich deinen kleinen Freund nicht anrühren muss, weil ich bereits eine bessere Idee habe. Nun, das hier gehört dazu. Denn du, mein liebes Püppchen, wirst dich um ihn kümmern. Und da du das natürlich nicht freiwillig machen wirst, werde ich ein wenig nachhelfen. Ich könnte dich zwar einfach mithilfe meiner Fähigkeit kontrollieren, aber das ist mir dann doch zu langweilig. Stattdessen werde ich dein Gehirn mit anderen Mitteln manipulieren, damit du sogar tun willst, was ich von dir verlange. Das klingt doch viel amüsanter, oder nicht?«
»Du mieser Bastard … Das kannst du vergessen! Ganz egal, was du auch tust, ich werde Atsushi nicht töten! Denn ich liebe ihn mit jeder Faser meines Körpers … Also selbst wenn du mein Gehirn manipulierst, mein Herz kannst du niemals kontrollieren! Und das werde ich dir beweisen, versprochen«, erwiderte Misaki ernst, während Tränen über ihre Wangen flossen.
»Viel Glück dabei.« Nachdem er das gesagt hatte, drückte Mario hintereinander auf drei verschiedene Knöpfe und betätigte einen Schalter. Daraufhin strömten zwei verschiedene Gase, die aussahen wie weißer Nebel, zu ihr in den Raum, während eine Aufnahme abgespielt und zusätzlich noch das Licht ausgeschaltet wurde. Anschließend lehnte er sich zurück und wartete geduldig, denn diese Prozedur würde mehrere Stunden in Anspruch nehmen. In diesem Zeitraum würden die Gase in festgelegten Abständen immer wieder in den Raum strömen, unterdessen erledigte die Aufnahme und die Dunkelheit den Rest. Auch die Größe des Raums war wichtig, denn da er so eng und hoch war, erzeugte er genau das, was er sollte: ein eingeengtes Gefühl, aus dem man nicht entkommen konnte. Es war etwas umständlicher, als seine Fähigkeit zu benutzen. Doch es würde sich lohnen, das wusste er aus Erfahrung. Denn der Effekt und das Endergebnis waren viel besser.
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