Kapitel 6 - George
So, ab heute kommen wirklich wieder täglich Updates. Ich brauchte nur mal 10 Tage eine Pause, aber jetzt bin ich wieder voll drin :) Und übrigens frohe Weihnachten an alle meine lieben Leser! <33
Seufzend greife ich nach dem großen Korb mit den ganzen Kartoffeln drin und versuche ihn in die Höhe zu heben. Doch sofort muss ich feststellen, dass heute ein Tag ist, an dem ich absolut keine Kraft für so etwas habe. Die Hitze erschlägt einen beinahe und außerdem habe ich ganze vier einhalb Stunden damit verbracht, unser ganzes, bisher gut gewachsenes Gemüse, aus der Erde zu rupfen, damit ich es endlich auf dem Dorfmarkt verkaufen kann.
Ich schließe für einen Moment die Augen, als ich immer noch die Henkel des schweren Korbs in den Händen halte und spüre, wie mir eine Schweißperle über die Schläfe läuft. So hart wie heute habe ich definitiv schon lange nicht gearbeitet, aber es bringt mich weiter. Diese Ablenkung tut mir gut.
Mit neu angesammelter Kraft versuche ich erneut den Korb nach oben zu heben, um ihn auf der Ladefläche meines Autos abzusetzen, doch nichts da. Ich habe einfach keinerlei Kraft mehr in meinen Armen.
Doch plötzlich öffne ich die Augen, als sich der Korb in meinen Fingern bewegt und ich zu dem Soldatenjungen sehe, der sich den Korb nimmt und ihn auf die Ladefläche des Pick-Ups stellt. Er verzieht dabei keine Miene, als wäre das kein Gewicht für ihn.
Ich stelle mich gerade hin und versuche eine stärkere und weniger abgekämpfte Miene aufzusetzen, als er den Korb nach hinten schiebt. „Das hätte ich auch allein gepackt."
„Ich weiß", sagt er zu meiner Überraschung, doch sieht mich nicht an. Ich beobachte widerwillig das Spiel seiner Muskeln, als er sich den nächsten Korb nimmt. „Aber ich dachte, du könntest vielleicht trotzdem Hilfe gebrauchen."
Ich will ihm sagen, dass ich keine Hilfe brauche und er sich seine Mühe sparen kann, doch ich bin zu erschöpft. Ich atme einfach nur mit geschlossenen Augen durch, als ich mir den Schweiß von der Stirn wische und mein Körper nach einer Erfrischung ruft. Am liebsten würde ich einfach hier in den Fluss springen und den Verkauf sausen lassen, aber das kann ich nicht tun, denn ich bin mir sicher, wenn ich erst mal das Wasser betrete und für ein paar Minuten ruhe, plagen mich unendlich viele Erinnerungen an meinen Vater und die Momente, die ich mit ihm in diesem Fluss erlebte, als ich noch klein war.
„Hey, Rekrut", sage ich deswegen bittend zu dem Soldaten vor mir, der den letzten Kartoffelkorb auf die Ladefläche stellt. Er dreht sich zu mir und ich frage ihn mit duserigem Kopf: „Kannst du vielleicht noch ... Also hinten stehen noch die Zwiebeln und –''
„Ich werde sie holen", unterbricht er und sieht mich für einen Moment abschätzend an, als ich mich gegen den Pick-Up lehne und versuche die leichte Brise, die gerade zieht, zu genießen. „Ist alles in Ordnung?"
Ich nicke nur schnell und hebe beschwichtigend die Hand. „Jaja, alles in Ordnung. Die Hitze setzt mir gerade nur ein wenig zu."
Kurz sieht er mich noch skeptisch an, doch dann höre ich auch schon seine Schritte, die sich von mir entfernen.
Meine braunen Haare binde ich zu einem Dutt auf meinem Kopf, da sie mich schon die ganze Zeit stören und ich versuche mich mehr zu sammeln. Vielleicht hätte ich gerade bei der heute sehr heißen Sonne, nicht ganz so heftig arbeiten sollen. Der Sommer dieses Jahr soll sowieso heißer, als die anderen werden. Ich muss besser aufpassen.
„Ruthy, Liebling", holt mich die Stimme meiner Mutter aus meinen Gedanken und ich öffne wieder die Augen. Sie kommt mit einer Kühlbox auf mich zu und stellt sie mit Schwung auf die Ladefläche. „Ich hab dir und Harry etwas zu trinken kühl gestellt und ein paar Sandwiches hab ich euch auch geschmiert, falls ihr das Essen auf dem Markt nicht essen wollt."
Ich runzle die Stirn und schwinge mich vom Pick-Up weg. „Für Harry und mich?"
„Ja, für den Soldatenjungen, Harry."
„Mum", sage ich jetzt gereizter und halte mir den Nasenrücken, weil ich mir wirklich nicht vorstellen kann, dass dieser Kerl jetzt auch noch mit mir auf den Markt fahren soll. Und das für die nächsten fünf Stunden. „Bitte sag mir nicht, dass er mir auch noch beim Verkauf auf die Pelle rücken soll."
Doch Mum scheint sich gar nicht für meine Beschwere zu interessieren, sondern holt eine Wasserflasche aus der Kühlbox. „Ja, er wird dir beim Verkauf helfen", sagt sie nur und reicht mir die Flasche. „Und er wird auch weiterhin die nächsten Tage mit uns essen, bei uns arbeiten und uns unter die Arme greifen, wo er nur kann." Sie sieht hinter mich, wo Harry wieder angelaufen kommt und fügt noch hinzu: „Ruth, bitte versuch wenigstens seine Hilfe anzunehmen. Es geht hier nicht nur um dich, sondern auch um ihn. Es war der Wunsch deines Vaters und ..." Sie dreht sich weg, weil ich sehe, wie ihre Miene erneut fällt, wenn sie auch nur meinen Vater zur Sprache bringt.
Ich seufze mitleidig und schürze die Lippen, als ich beobachte, wie sie sich schnell eine Träne aus dem Augenwinkel wischt. „Ist okay, Mum", sage ich deshalb. „Wir werden jetzt fahren ... gemeinsam."
Harry taucht hinter mir auf und er hebt die letzten zwei Säcke mit den Zwiebeln auf die Ladefläche.
„Danke", sagt Mum mit einem leichten Lächeln und legt liebevoll ihre Hand au Harrys Schulter, der die Ladefläche schließt. „Wir sind dir wirklich sehr dankbar dafür."
„Sie brauchen sich nicht dafür bedanken", erwidert er freundlich und mit einem letzten Klick ist die Ladefläche geschlossen. „Das ist selbstverständlich."
Wieder lächelt Mum zufrieden und ich krame meinen Autoschlüssel aus meiner kurzen Latzhose, um endlich auf den Markt zu fahren. „Okay, alles klar, wir werden jetzt fahren."
Ich gehe um das Auto herum zur Fahrerseite und öffne die Tür. Harry steigt auf der Beifahrerseite ein und ich verabschiede mich noch schnell von Mum.
Wir setzen uns gleichzeitig ins Auto und im Auto herrscht eine noch drückendere Hitze als draußen. Ich wünschte, dieses Auto hätte eine Klimaanlage. „Diese Hitze bringt einen noch um", bemerke ich und starte den Motor, der mehrmals knallt und wir schließlich ruckelnd vorankommen.
„Wow", sagt Harry neben mir und sieht mir verengter Stirn zur Motorhaube. „Das klingt ziemlich ungesund."
Ich werfe einen Blick in den Rückspiegel, um sicher zu gehen, dass durch den Ruck kein Gemüse verloren gegangen ist und sehe dann wieder auf die staubige, lange Straße geradeaus. „George ist schon ziemlich alt", erkläre ich und lasse mein Fenster runter, das mir auch nur schwer gelingt, denn dieses Auto könnte wirklich jeden Moment auseinanderfallen.
„Wer ist George?", fragt der Soldatenjunge neben mir und sieht mit dem halben Blick nach vorne und zu mir, weil er wohl diesem Auto nicht ganz vertraut. Ich nehme es ihm nicht übel.
Ich klopfe zweimal auf das Lenkrad. „Das hier ist George. Mein Grandpa hat ihn vor etlichen Jahren zur Hochzeit geschenkt bekommen und kurz vor seinem Tod hat er ihn mir geschenkt."
Durchatmend sieht Harry nach vorne und mir entgeht nicht, wie er sich mehr in den Sitz krallt, weil er wohl wirklich sehr skeptisch ist. „Hört dieses Knallen irgendwann auf oder passiert das jedes Mal, wenn du schaltest?", fragt er und ich sehe, wie er schluckt.
„Das passiert jedes Mal", antworte ich und es knallt erneut, weil ich gerade schalte, um über die Kreuzung zur Landstraße zu fahren. „Gehört?"
Er nickt perplex. „Es war unüberhörbar."
„Aber George packt das", nehme ich meinen gelben George in Schutz, bei dem zwar schon der Lack absplittert, aber trotzdem ist er der Beste. „Er ist zwar schon alt, aber er läuft eigentlich immer ohne stehen zu bleiben oder ähnliches. Da ist lediglich dieses Knallen und daran gewöhnt man sich, wenn-''
„Du fährst ein bisschen weit rechts", unterbricht der Soldatenjunge mich und sein Griff in dem Sitz wird fester, auch wenn er es versucht zu verstecken.
Ich fahre etwas weiter links, um nicht im Graben zu landen – was sowieso nicht passiert wäre – und versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie ich es hasse, wenn man mich beim Autofahren korrigiert.
„Hat George auch einen Rechtsschwenker?", fragt Harry dann und sieht dann rechts aus dem Fenster, als müsste er auf Nummer sicher gehen.
„Nein, hat er nicht", sage ich mit zu unfreundlichem Unterton. „Ich sagte doch, dass George das packt."
Harry setzt sich wieder gerade hin und atmet tief ein und aus. „Dann muss ich eher Angst vor deiner Fahrweise haben."
Ich blinzle und sehe ihn unglaubwürdig an. Er hat es nicht böse gemeint, das sieht man, denn ihm steht ein wenig Belustigung im Gesicht, deswegen hebt sich auch mein rechter Mundwinkel. Kaum zu glauben, dass ich so etwas von Mister Soldat mal zu hören bekomme.
„Das hast du jetzt gerade nicht gesagt", blaffe ich ihn an und hebe die Brauen. „Vertraust du mir etwa nicht?"
Er sieht weiter geradeaus und sein Mundwinkel hebt sich ebenfalls mehr. „Nein. Ich bin mir sicher, du bist eine grandiose Autofahrerin, aber ich denke, es liegt heute einfach an der Hitze."
Mit dem Kopf schüttelnd sehe ich nach vorne auf die lange, viel zu lange, leere Straße mitten im Nichts. „Gut gerettet, Rekrut. Gut gerettet."
„Übrigens heiße ich Harry."
„Was?"
Er sieht zu mir. „Du kannst mich Harry nennen. Oder Harold. Immerhin heiße ich so."
Ich wusste, es stört ihn, wenn ich ihn ständig mit seinem Rang anspreche. Vor allem, wenn es auch noch der Falsche ist. Doch ich akzeptiere seine Bitte. Vielleicht liegt es an der Hitze oder daran, dass ich diesen Verkauf so angenehm wie möglich gestalten will, aber ich nicke verständlich. „Okay. Harry."
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