Chapter 105

(Bild: im Ministerium)

Lily Evans P.o.V.:

Der Moment zwischen uns, sein Blick, seine Körperwärme, die mich noch immer einzunehmen scheint. Schokoladenfarbige Augen betrachten mich unter halb geschlossenen Lidern hervor. Sie kommen näher. Langsam aber stetig. Ich fühle die eine Hand an meiner Taille. Die andere hält meine auf kinnhöhe als würden wir tanzen. Die Handflächen sind nur aneiandergelegt, doch es scheint mir, als könnte ich jeden Millimeter seiner Finger wahrnehmen. Ich bilde mir ein, sanfte Windstöße, die sich wie Schatten echter Berührungen anfühlen, auf meinen Lippen zu spüren. 
Alarmglocken fangen an zu läuten. Sie werden immer lauter und dann entfernen sich plötzlich die schönen brauen Augen und ich erblicke einen mit den Armen nach seinem Gleichgewicht suchenden James Potter, der im nächsten Moment von der hüpfburgartigen Wand von Dumbledores Büro zurück in den Raum geschubst wird. 
Seine Wärme, die auf mich überging und eine seltsame Ruhe in mir auslöste, fehlt sofort. Genau wie sein aufstachelnder Blick, der mich sowohl in den Wahnsinn treibt, als auch den Wunsch in mir auslöste, meine Zeigefinger in seine Gürtelschlaufen zu schieben, um ihn näher zu mir zu ziehen. Ich senke den Blick auf meine Hände, die gerade James' starke Brust berührt haben. Hätte ich doch nur meinen nervigen Kopf ausgeschalten gelassen. Die Gedanken, die Angst. Hätte ich ihn doch nur nicht weggeschubst.

Erschrocken reiße ich die Augen auf. Das kann nicht sein! Wieso er? Wieso jetzt? Diese Nacht ist Monate her! Ich kann keine Träume von vergangenen Ereignissen, in die ausgerechnet James Potters involviert war, haben! Schon gar nicht kann ich davon ein sprintendes Herz bekommen.
Die Nacht, in der ich mit James durch die Gänge geschlichen bin, die war aufregend und ... toll. Aber ich kann doch nicht davon träumen! Oh man, jetzt werde ich immer, wenn ich ihn sehe, daran denken, dass ich von ihm geträumt habe. 

Ich rolle mich auf die Seite und entdecke im Licht der aufgehenden Sonne Selena auf dem Schlafsessel liegen. Die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt und die Bettdecke zu ihren Füßen auf dem Boden. Ich seufze, weil sich wenigstens das nicht verändert.

Wieder wollen sich bestimmte braune Augen in meine Gedanken drängen, doch ich blinzelte - als würde das etwas helfen - und konzentriere mich auf die letzten Tage. Erst das Treffen mit Severus auf unserem alten Spielplatz als ich Leo gesucht habe. Mit einem Glas voller eingelegter Blutegel stand er vor mir, als wäre er aus dem nächsten Busch gehüpft. Und dann Selenas Auftauchen keine zehn Minuten später.
Ich drehe den Kopf zu meiner besten Freundin. Sie hat den Mund leicht geöffnet und in der Stille des Zimmers kann ich sie ganz leise Schnarchen hören. Es ist nur wie ein lautes Atmen, doch es bringt mich trotzdem irgendwie zum Grinsen.
Ich bin froh, dass wir über die Animagus-Sache geredet haben und sie mir alles gesagt hat. Naja, alles, was sie mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte. Aber die Tatsache, dass sie mich so lange im Dunkeln gelassen hat, wird mich noch eine Weile beschäftigen. Wenn sie nicht gerade wegen dieser Sache zu mir geflohen wäre, dann wäre ich vielleicht offensichtlicher sauer. Aber so. Ich bringe es einfach nicht über mich. Vor allem weil Alexander gerade nicht erreichbar ist.
Anscheinend hat er vor zwei Tagen das letzte Mal etwas auf ihren Quaffel-Anhänger geschrieben. Am Morgen, dass er mit seinem Vater verreisen wird, und dann am Abend ein Ich liebe dich. Von da an hat er sich nicht mehr gemeldet. Und Selena wird langsam zu einem richtigen Nervenwrack, auch wenn sie das zu verbergen versucht.
Wenn ich den Idioten erwische, dann...
Ich seufzte. Was soll ich dann schon tun? Sie wird ihm sowieso alles verzeihen.
Mein Blick fällt auf ihren Notfallrucksack, der immer für alle Eventualitäten unter ihrem Bett bereit steht. Ich frage mich, ob sie ihn auch mal wegen Malfoy benutzen muss.

Schritte nähern sich meiner Zimmertür, halten kurz davor inne und bewegen sich dann weiter in Richtung Badezimmer. Ich weiß, dass es meine Mum ist und dass sie uns sobald sie im Bad fertig ist, zum Frühstück aufwecken wird.
Ein Klicken gegen die Fensterscheibe lässt mich zusammenfahren. Eine schneeweiße Eule sitzt davor, die neuste Ausgabe des Tagespropheten im Schnabel und einen Geldbeutel am Bein.
Rasch stehe ich auf.

Ich folge der Eule mit den Augen bis sie am Horizont verschwunden ist. Dann lese ich die Schlagzeile: Wo ist Margareth Browen?
Gleich darunter wird empfohlen, Schutzzauber über die Häuser zu legen. Und wiederum darunter wird vor Drachenpocken gewarnt.
Missmutig werfe ich den Tagespropheten auf mein Bett und gehe nach einem kurzen Blick auf Selena und die Flasche Elfenwein zwischen unseren Betten aus dem Zimmer.
Nach gestern Abend wird sie noch ein bisschen Schlaf brauchen.

Im Badezimmer, wo meine Mum gerade unter der Dusche steht, kämme ich mir nur kurz die Haare und gebe ihr Bescheid, dass Selena heute besser ausschläft.
Ich habe bereits eine eigenhändig aufgesetzte Tasse Kaffee in der Hand und ein Marmeladenbrötchen auf dem Teller, als Mum nach unten kommt. Sie drückt mir einen Kuss auf den Scheitel und schnappt sich dann mein Brötchen, um sich einen großen Bissen zu genehmigen.
"So, Lilymaus, wieso darf ich Sel jetzt nicht aufwecken?", fragt sie amüsiert wegen meines finsteren Gesichts.
"Heute Abend ist doch die Anhörung im Ministerium. Solange sie schläft macht sie sich nicht selbst verrückt." Ich versuche, mir das Brötchen zurückzuholen, doch Mum weicht mir aus.
"Und das hat bestimmt nichts mit eurem gackerhaften Gekicher gestern Abend zu tun?" Mum zieht die Augenbrauen hoch und ich weiß einfach, dass ich mein Frühstück nur zurück bekomme, wenn ich ihr zufriedenstellend antworte.

"Ja okay", gebe ich zu, "möglicherweise haben wir gestern etwas Elfenwein getrunken."
Mum nickt grinsend. "Wird auch Zeit, dass du ein bisschen aus deiner braven Komfortzone rauskommst. Danke für deine Ehrlichkeit." Sie zwinkert, legt das Brötchen auf meinen Teller und ignoriert mein gebrummtes "Hatte ich eine Wahl?"
"Brauchst du eine Kopfschmerztablette?", fragt sie aus der Küche, wo sie den Blick durchs Fenster zu unserer Nachbarin schweifen lässt.
"Nein, schon gut. Ich brauche nur Wasser. Viel davon."
Ich sehe mich um und will die Hand ausstrecken, weil Mum direkt vor dem Wasserhahn steht. Doch ich bezweifle, dass sie meine Worte gehört hat. Sie lugt - so gut es geht, wenn man sich hinter dem Vorhang versteckt - zum Haus ihrer besten Freundin Freya. Den Mund erstaunt geöffnet.
"Das kann doch nicht...", murmelt sie.

Die Neugier lässt mich innerhalb kürzester Zeit zu ihr sprinten. Mein Sportlehrer aus der Muggelschule wäre stolz.
"Ist Freyas Geliebter wieder da?", frage ich auf den Zehenballen balancierend. "Oh, der ist heiß!", füge ich hinzu bevor Mum antworten kann.
"Das ist nicht der, der die letzten Monate immer da war." Mum stemmt die Hände in die Hüfte. "Sie hat mir nicht erzählt, dass sie einen Neuen hat!"
Glucksend sehe ich sie von der Seite an. "Vielleicht wusste sie, dass du auch so von ihm erfahren würdest."
Mum öffnet den Mund, um etwas zu erwidern, sagt dann aber doch nichts, sondern schubst mich nur mit gespielt bösem Blick und einer Schnute vom Fenster weg.
"So schlimm bin ich nun auch wieder nicht!"
Ich ziehe nur die Augenbrauen hoch, weil das stärker ist als jedes Wort.
"Ich bin nur gerne informiert.", verteidigt Mum sich.
"Oh, das wär ich auch gerne." Ich schnappe mir ihren Arm und ziehe sie mit mir an den Esstisch. "Also, was hab ich in den letzten Monaten noch so verpasst? Ich will alles wissen."

Mum hat mir bereits alles erzählt, was in Surrey während des Schuljahres alles so passiert war und ist sogar schon bei den nächsten Wochen, in denen Dad und sie ein kleines Wellnesswochenede einlegen werden, als Selena in die Küche tappst. Sie sieht verschlafen aus und die Ringe unter den Augen verraten, dass wir in der Nacht ziemlich lange wach waren. 
"Kaffee", murmelt sie mit der rauen Stimme eines Seemonsters, ehe sie sich neben mich auf den Stuhl fallen lässt und den Kopf auf die verschränkten Arme ablegt.
Mum verzieht in meine Richtung mitleidig das Gesicht, bevor sie aufsteht und Selena ein richtiges Katerfrühstück macht. Sie mixt ihr sogar ihren Spezialtrank, der locker mit jedem Zaubertrank mithalten kann.

Nachdem Selena skeptisch eine Kopfschmerztablette hinuntergewürgt hat, sieht sie schon deulich wacher aus.
"Danke für das leckere Frühstück, Rosalind. Das schmeckt wirklich super.", meint Sel bevor sie sich eine Gabel Rührei in den Mund schiebt.
"Du hast den Spezialtrank noch nicht probiert.", erinnere ich sie.
"Ja", sagt sie langgezogen. Zögerlich nimmt sie das Glas in die Hand. 
Mum beißt sich auf die Unterlippe, um sich ein Grinsen zu verkneifen. Der Spezialtrank mag vielleicht helfen, aber er riecht schon wirklich eklig. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie er schmeckt.
Mit einem Seufzer setzt meine beste Freundin das Glas an und leert es in einem Zug.
Mum und ich wechseln über die grünlichen Flüssigkeit hinweg einen Blick.
"Puh", entfährt es Sel während sie sich schüttelt. "Das schmeckt... genauso wie es riecht!" Sie verzieht den Mund, lässt sich aber von Mums und meinem Grinsen anstecken. 

Leo schleicht in die Küche, streift an meinen Waden vorbei und behält dabei die ganze Zeit Selena im Auge. 
"Da hat dich aber jemand ins Herz geschlossen.", meint Mum als sie sich zu dem Kater hinabbeugt und ihm über den Kopf streichelt. "Gib ihm ein bisschen Zeit, dann wird das schon." Als würde er ihr widersprechen wollen, stößt Leo ein feindseliges Knurren aus. Es würde mich nicht wundern, wenn er gleich aufspringt, die Krallen gezückt.

Mum geht wieder in die Küche und wirft dabei einen Blick aus dem Fenster. 
"Oh, er ist weg. Ich muss mit Freya reden!" Und schon ist sie aus der Terrassentür hinausgeeilt.
Ich seufze und verkneife mir ein Grinsen. 
"Hoffentlich werde ich mal nicht so neugierig."
Selena lässt lächelnd ihre Kaffeetasse sinken. 
"Werd es ruhig, Lils, deine Mum ist toll."
Ich räuspere mich leise. Mir ist etwas eingefallen:"Apropos Mum. Was ist mit Euphemia?", frage ich.
Sel verschluckt sich fast und spielt mit dem Griff ihrer Tasse. 
"Ich muss mich bei ihr entschuldigen und das alles gerade biegen. Ich dachte, ich könnte heute vor der Anhörung mal bei den Potters vorbeischauen. Reden..."
"Ist heute wirklich der richtige Zeitpunkt? Wir müssen unbedingt nochmal deine Stellungnahme durchgehen und ich würde gerne rechtzeitig ins Ministerium aufbrechen. So um drei vielleicht?"
Selena sieht mich ungläubig an. "Drei? Sie startet doch erst um fünf!"
Ich zucke die Schultern. "Das ist eine wichtige Sache. Du kannst da nicht kurz vor knapp kommen! Oder zu spät!"
"Kommst du dann heute Abend mit, wenn ich zu den Potters appariere?"
"Klar. Aber vergiss nicht, dass Mum und Dad uns heute zum Essen eingeladen haben. Sie wollen irgendetwas verkünden.", Ich runzle die Stirn. "Vernon ist auch dabei. Ich hoffe nur, Tunia ist nicht schwanger."

"Oh gut, ihr seid da! Ich hatte schon Angst, ihr würdet erst um vier kommen!", die schwarzhaarige Frau, die gerade noch auf uns zugeeilt war, zieht Selena sofort in ihre Arme. Sel umarmt sie erleichtert zurück und ich vermute nicht nur deswegen, dass das Euphemia Potter sein muss. Auch ihre natütliche Schönheit, die James einfach geerbt haben muss und die braunen Augen verraten sie. 
"Tut mir leid. Können wir später reden? Alles klären? Wir vermissen dich.", flüstert Euphemia laut genug, dass auch ich es hören kann. Unbehaglich trete ich von einem Fuß auf den anderen.
Selena nickt, die Hände nachdrücklich um Euphemias Rücken gelegt. "Mir tut es auch leid. Und ich hab euch auch vermisst."
Euphemia lächelt vorsichtig als sie sich voneinander lösen. 
"Bist du vorbereitet? Sollen wir nochmal durchgehen, was während der Anhörung wichtig ist? Oder deine Stellungnahme?" Ihr Streit scheint für den Augenblick vergessen. 
"Ich glaub, ich weiß, was zu tun ist." Nervös streicht Selena sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
James' Mum nimmt ihre Hände in ihre. "Du schaffst das, Selena! Es wurde ja schon entschieden, dass du nur eine Jugendstrafe bekommst. Das wird schon. Oh, da ist er ja!", sie winkt jemandem hinter uns zu.

"Da bist du ja, Selena. Alles gut?", ertönt eine tiefe, beruhigende Stimme. Sie gehört zu einem hochgewachsenen Mann mit Dreitagebart, der James so ähnlich sieht, dass er nur sein Vater sein kann. 
So sieht James also in 30 Jahren aus.
Fleamont Potter hat die Haare so weit es geht ordentlich frisiert, nur im Nacken stehen sie ein wenig weg. Er trägt einen eleganten aber funktionalen Umhang, mit dem er sowohl in eine Konferenz als auch auf einen Auroreneinsatz gehen könnte.

Auch er nimmt Selena kurz in den Arm. 
"Ja, alles gut. Fleamont, ich will mich noch wegen deiner Befö-", doch Fleamont unterbricht sie:"Ich weiß doch, dass du das nicht mit Absicht gemacht hast. Es ist nur ein Job. Mir ist unsere Familie deutlich wichtiger." Er fährt sich mit der Hand durchs Haar - genau wie James es immer macht. Dann lächelt er vorsichtig und hält Sel die Faust hin. Sie schlägt ihn blinzelnd ab. 
"Danke", murmelt sie mit heiserer Stimme.
"Und jetzt Schluss mit dem Gefühlszeug. Wer bist du denn?", Fleamont wendet sich ohne Vorwarnung mir zu. Seine wachsamen dunkelgrünen Augen mustern mich, doch mir ist klar, dass er mich schon längst entdeckt hatte. Immerhin ist er Auror. Und ein verdammt guter, wie man hört. 
Sein Blick ist wissend als wüsste er mehr als ich. Vielleicht hat er schon Mal durch Selena von mir gehört. Oder hat James mich mal erwähnt?

"Lily, Sir. Sie müssen James' Vater sein."
Fleamont nickt. "Der bin ich. Magst du James?"
Meine Augen werden kugelrund.
Doch eine bekannte Stimme hinter uns erspart mir die Antwort:"Dad!" 
James ist hinter uns aufgetaucht. Mit einem grinsenden Sirius im Schlepptau, der eine anzügliche Grimasse in meine Richtung schneidet. Beide umarmen Sel fest.

"Tut mir leid, ich kenn nur so viele Geschichten. Ich hab das Gefühl, ich kenn Lils schon ewig." Fleamont grinst und mir wird klar, woher James seinen Humor hat.
"Mr Potter, Sir?", ein magerer Mann mit schütterem blonden Haar und einer herausstechenden karierten Fliege ist am Ende des Korridors aufgetaucht. Ihn begleitet ein vor ihm herschwebendes Klammbrett. "Haben Sie und Mrs Potter einen Moment?"
"Oh. Ja, natürlich.", antwortet Fleamont und verdreht zu seinen Kindern hin die Augen. "Die Arbeit ruft. Aber wie wäre es, wenn ihr euch in der Cafeteria etwas zu essen holt bis es soweit ist? Wir kommen gleich nach." 
Er drückt Sirius ein paar Münzen in die Hand und schon schreiten die beiden Auroren den Korridor entlang davon.

Selena Black P.o.V.:

Mit zitternden Fingern streiche ich die dunkelblaue Robe, für die Lily und ich extra in der Winkelgasse waren, glatt und entferne ein paar nicht existente Fussel. Dann sehe ich auf und betrachte mich im mit Wassertropfen übersäten Spiegel. Ich sehe mit meinen zusammengebunden Haaren jünger aus, was mir bestimmt nicht schaden wird, wenn ich gleich zu meiner Anhörung gehe. Aber auch irgendwie blasser. Oder liegt das an der dünnen Schicht Make-Up, das Lilys Mutter mir aufgetragen hat?
Ich hebe die Hände und schlage mir mit den Fingern auf die Wangen, damit sie besser durchblutet werden. Es hilft allerdings kaum etwas. Ich sehe immer noch genau so aus wie ich mich fühle: Als wäre mir schlecht.
Ich schlucke und überprüfe noch einmal meine Frisur, bevor ich nach der Türklinke greife, um die Damentoilette zu verlassen. Ich habe mir extra eine ausgesucht, die ein bisschen verwinkelt liegt, damit ich mir die Beine vertreten kann, ehe ich mich wieder auf die unbequemen Cafeteriastühle setzten muss, aber jetzt habe ich Angst, dass ich den Weg nicht mehr zurück finde. 

Gerade als die Tür hinter mir ins Schloss klickt, zieht mich jemand am Handgelenk in den Raum nebenan. Es riecht nach Putzmittel und vermoderten Lappen und die Lampe an der Decke sieht aus, als würde sie jeden Augenblick herunterfallen. Doch das ist schnell vergessen. Die Person, gegen die ich mich nur im ersten Moment gewehrt habe, lässt mein Handgelenkt los, nur um mich im nächsten Moment direkt auf den Mund zu küssen. 
Mit einem unkontrollierbaren Stöhnen kralle ich mich in Alecs Ärmel, während er meinen Mund in Beschlag nimmt und mich mit seinen Armen so umfängt, als würde er mich nie wieder loslassen wollen.
"Selena", murmelt er in einer kurzen Atempause gegen meine Lippen.
"Wie kannst du hier-", ich werde von einem weiteren Kuss unterbrochen und eigentlich habe ich in dieser Sekunde schon wieder vergessen, was ich fragen wollte.
Alec drängt mich gegen die Tür, der einzige Platz, an dem keine Regale an der Wand stehen und ich lasse meine Hände zu seinem Nacken wandern, um ihn noch näher zu ziehen.
Es dauert eine ganze Weile bis unsere Bewegungen sanfter werden, aber schließlich lehne ich meine Stirn an seine und kann mir ein Kichern nicht verkneifen. 
"Das ist so absurd.", erkläre ich flüsternd
Alec sieht mich aufmerksam an, streicht mir eine nicht existierende Haarsträhne nach hinten und sagt nichts.
"Dass du hier bist...". plötzlich kehren die klaren Gedanken zurück und ich schubse ihn von mir weg. Er stolpert zurück und fängt sich am Regal, das hinter ihm bereits das Ende des Raumes darstellt.
"Was-", beginnt er, aber jetzt unterbreche ich ihn:"Du Idiot!" In Rage schlage ich mit beiden Handflächen auf seine Brust ein. "Du blöder Idiot! Wie kannst du mir das antun?"
Verwirrt runzelt Alec die Stirn und versucht, nach meinen Händen zu greifen. 
Aber ich weiche ihm aus und greife stattdessen nach seinem linken Arm, um den Ärmel hochzuschieben. Außer dem Ende einer schmalen Narbe ist dort nichts zu sehen.
Kein Armband.
"Ich bin verrückt geworden als du nicht geantwortet hast!"
"Oh, das kann ich sehen.", witzelt Alec. Bei meinem wütenden Blick erlischt sein Grinsen allerdings ganz schnell wieder. 
"Hey", er greift nach meinen Händen und streicht mit seinen Daumen über deren Rücken. "Tut mir leid, Honey."
Ich runzle die Stirn. 
"Wieso?", frage ich, sein leeres Handgelenk anstierrend und meine Hände verfluchend, weil sie sich unter Alecs sanfter Berührung sofort entspannen und an seine schmiegen, als er unsere Hände verschränkt und mich so an sich zieht.
"Vater hat es mir weggenommen als wir auf der Jagd waren."
Ich glaube, mein Mund steht vor Schreck offen, weswegen ich ihn hastig zum Reden benutze: "Moment! Was?
Alec blinzelt, als würde ihm gerade erst bewusst werden, dass er sich verplappert hatte. Dann räuspert er sich. "Ich", wieder ein Räuspern, "wurde in die Jagdgesellschaft eingeführt. Wir sind gerade zurückgekommen."
"Du meinst, die Drachenjagdgesellschaft?", frage ich die Antwort schon wissend nach. "Aber dir... dir geht es gut, oder?" Ich lasse meine Augen über seinen Körper wandern, doch er sieht vollkommen heil aus.
"Ich bin vom Pferd gefallen, weswegen mein Rücken schmerzt, aber das ist auch das einzige."
Ich hebe die Augenbrauen. 
"Umdrehen", sage ich nur. 
Alec grinst ungläubig. "Was?"
"Umdrehen", wiederhole ich mich. "So wie ich deine herzallerliebste Familie kenne, hat sich keiner die Verletzung angeschaut. Also..." Ich lege die Hände auf Alecs Hüfte und drehe ihn. Wenn er nicht so erstaunt gewesen wäre, würde es schwerer gehen.
Aber so stützt er die Hände mit einem kaum unterdrückten Seufzer am Regal ab und sieht mir über die Schulter dabei zu, wie ich erst seinen Umhang öffne und beiseite lege und dann sein Oberteil hochschiebe.

Im schwachen Licht der einzelnen Glühbirne über uns werfen die Narben auf seinem Rücken breite Schatten und lassen mich erahnen, was Alec in seiner Kindheit alles durchstehen musste. Doch der riesige blaue Fleck auf seinem unteren Rücken lässt mich erkennen, was er in den letzten Tagen alles überlebt hatte. 
Ich berühre kaum den Rand des Blutergusses federleicht mit der Fingerspitze und Alec weicht mir augenblicklich automatisch aus. Er zischt auch leise und dreht den Kopf weg, damit ich sein Gesicht nicht sehe.
"Was war das für ein Drache?, frage ich während ich meinen Zauberstab zücke.
"Gemeiner Walisischer Grünling"
"Und du hast ihn erlegt?"
"Kein Grund, so erstaunt zu klingen.", murrt Alec, doch ich höre eine Spur Stolz in seiner Stimme. 
Ich streiche mit der Hand, die sein Oberteil hält, über seinen oberen Rücken, damit er sich auf eine andere Stelle konzentriert, bevor ich den ersten Heilzauber spreche.
"Mit Pfeil und Bogen?", frage ich weiter.
Er nickt, den Kiefer zusammengepresst. "Traditionen bilden den Grundpfeiler unserer Welt.", zitiert er flüsternd einen Satz, den ich von den Blacks mindestens einmal am Tag gehört habe. "Der erste Schuss ging daneben, aber der zweite war ein Treffer." Alec senkt den Kopf und sieht zu Boden. Die Drachenjagd scheint abgesehen von seiner Verletzung noch weitere Schattenseiten zu haben.
"Ich kann seine Augen nicht vergessen, als ich ihn getroffen habe. Der Drache wusste, dass er tot war."

Der Bluterguss hat inzwischen eine gelb-grünliche Farbe angenommen, aber selbst mit Heilzaubern kann ich die Heilung nicht weiter beschleunigen. Ein letztes mal streichle ich über Alecs Rücken, dann lasse ich das Oberteil fallen und er dreht sich wieder zu mir um. 
Er lässt mir keine Zeit, ihm ins Gesicht zu sehen, er umarmt mich gleich mit einer Heftigkeit, die fast schon weh tut. Dennoch lege ich die Arme um ihn und halte ihn genauso fest. 
"Es ist nicht nur der Drache, oder?"
Erst bewegt er sich gar nicht. Dann schüttelt er ganz leicht den Kopf. 
"Meine Mutter", beginnt er rau. "Sie ist gestern Abend gestorben. Und ich war nicht bei ihr. Keiner war bei ihr. Nicht einmal ein Hauself. Vater musste ja unbedingt zu dieser beschissenen Jagd und Lucius und Narzissa", er schnaubt abfällig, "die waren bei Todesser-Freunden!"
Er vergräbt das Gesicht an meinem Hals. "Ich hasse sie. Ich hasse sie alle!"
Obwohl ich nicht dachte, dass das möglich sein würde, verfestige ich meinen Griff und da ich absolut keine Ahnung habe, was ich sagen kann, bleibe ich erstmal still. 

"Sie war stark.", sage ich nach einiger Zeit, in der Alec sich nicht einen Millimeter gerührt hatte.
"War sie.", er nickt beinahe unmerklich.
"Und schön. Ihre Flechtfrisuren habe ich immer bewundert."
Alecs schwerer Atem stockt. Er löst sich langsam. Überraschenderweise mit einem schwachen Lächeln im Gesicht. "Ihre Flechtfrisuren? Wirklich?"
Ich hebe die Schultern und lasse sie wieder fallen. "Ja klar, die waren immer toll."
"Ich werde ihren Duft vermissen. Sie hat immer diese eine Handcreme benutzt...", verrät mir Alec nachdenklich.

Irgendwo auf dem Korridor sind Kuckucksrufe zu hören, was uns beide erstmal erstaunt zur Tür sehen lässt. Als es bei uns Klick macht, dass das wahrscheinlich eine Kuckucksuhr war und kein echter Vogel, sehen wir uns erschrocken an. 
"Wie spät ist es?", frage ich, mein Handgelenk nach einer Uhr absuchend. Aber die liegt bei den Potters Zuhause.
"Halb fünf", sagt Alec zu meiner Erleichterung, sobald er die Taschenuhr in seinem Umhang gefunden hat. 
Er schnallt sich den Umhang um und zieht dann etwas kleines schwarzes aus dessen Tasche. 

"Ist das eine Muggelkamera?"
Alec nickt. 
"Ich habe auf der Jagd ein paar Schnappschlüsse gemacht. Als Absicherung."
"Das ist ... genial.", murmle ich und will ihm die Kamera aus der Hand nehmen, um sie näher zu betrachten. Doch er weicht mir aus und grinst mich an. 
"Nur gegen ein Foto von dir."
Ich blinzle erstaunt. 
"Hältst du das wirklich für eine gute Idee?", skeptisch ziehe ich eine Augenbraue nach oben. "Wenn das jemand findet..."
"Ich werde darauf Acht geben, versprochen. Na los, komm her." Er streckt den Arm nach mir aus und bei seinem Blick kann ich einfach nicht nein sagen.
Einen Arm hat er um meine Schultern gelegt, mit dem anderen hält er die Linse der Kamera auf uns gerichtet. Ich weiß bei Fotos immer nie, wie ich schauen soll, also beschließe ich kurzerhand, etwas unerwartetes zu tun. Als Alec bis zwei heruntergezählt hat, drehe ich den Kopf und lege meine Lippen auf seine. Ich spüre sein Lächeln und im nächsten Moment höre ich ein Klick. 
Alec beißt mir leicht in die Unterlippe, ehe er sich von mir löst. "Das war überraschend."
"Das sagt der, der mich ständig ohne Vorwarnung in Besenschränke zieht!"
"Touchè"

"Krieg ich auch eines?", frage ich mit Blick auf das viereckige Foto von uns, das die Muggelkamera gerade ausgespuckt hat. 
"Klar. Aber diesmal mit Gesichtern.", meint Alec, mich mit dem Arm um meine Schultern wieder näher an sich ziehend.
Aber gerade als er bis eins gezählt hat, piekst mich etwas in die Seite, genau an der Stelle, an der ich unsagbar kitzlig bin. Ich quicke auf und Alec lacht mir ins Ohr während die Kamera ausgelöst wird.

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(Bildquelle: https://i.pinimg.com/564x/cb/d7/67/cbd767b8acac8bef30cd07a12f6796c1.jpg)

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