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Louis' POV: 

Alec war ausgesprochen höflich, als ich ihn kurz nach dem Gespräch mit Harry in unserer Stammkneipe traf. Er winkte sofort den Kellner zu uns, um noch ein Bier für mich zu bestellen, fragte, wie mein Tag war und ob meine Nase gut verheilt war. 

Es fühlte sich unwirklich an, ihn nach all dem, was passiert war, wiederzusehen. Irgendwie kam es mir vor, als sei das zwischen uns in einem anderen Leben passiert und in Wahrheit war er der liebenswürdigste Bruder der Welt. 

Tatsächlich hatte er sich einen Bart wachsen lassen, wodurch er weicher wirkte, außerdem hatte er entgegen dem Schönheitswahn des Sommers einige Kilos zugelegt. Die Julisonne ließ seine Stirn unter Schweißperlen glänzen und hatte den Shirtstoff unterhalb seiner Achseln dunkler gefärbt. Dennoch vernahm ich nur die Herbe seines Deos und den Pfefferminzgeruch seines Atems. Er hatte sich ins Zeug gelegt, keine Frage. 

Sobald unsere Getränke gekommen waren, prostete er mir mit einem milden Lächeln zu und musterte mich anschließend eine Weile. Seine Augen waren wachsam auf der Suche nach möglichen Veränderungen, aber durch Saschas wachen Blick war meine Glatze frisch und die Boots geputzt - lediglich Harrys Shirt verriet zumindest mir, wer ich wirklich war. 

"Jake und Jacob haben mir erzählt, wie sie dich bei Lena eingesammelt haben", brach mein ältester Bruder schließlich das Schweigen und zündete sich eine Zigarette an. "Seitdem bist du bei Sascha." Auf mein Nicken hin hob er eine Augenbraue. 

"Du siehst passabel aus. Er scheint dir gut zu tun", stellte er mit einem Hauch Stolz in der Stimme fest, wobei ich mir verkniff, ihm zu stecken, dass das allein Harrys Verdienst war. Seitdem ich wusste, dass ich ihn bald sehen würde, strahlte ich wie ein Kleinkind an Weihnachten. 

Als ob er Gedanken lesen könnte, erkundigte Alec sich prompt nach ebendiesem. "Hast du noch Kontakt zu Harry?"

Ich dachte zurück an Frau Schmidt und erkannte, dass das meine Chance war, ehrlich zu sein. Wenn ich wollte, konnte ich Alec nun die Wahrheit sagen, ihm einen Strich durch die Rechnung machen und mit erhobenem Haupt die Kneipe verlassen. Hinterher könnte ich die Nummer des Sozialarbeiters wählen und endgültig den Schritt in ein neues, besseres Leben wagen. 

Allerdings entschied ich mich für den Weg des geringsten Widerstandes und schüttelte den Kopf - im Grunde war das nicht mal gelogen, denn immerhin hatten wir uns seit Wochen nicht gesehen. 

Zufrieden nippte Alec abermals an seinem Bier, dann legte er den Kopf schief. "Was hältst du davon, zurückzukehren?" 

Ein wenig überrumpelt von seiner Nettigkeit stimmte ich bloß mit einem schwachen Brummen zu. In meinem Hirn überschlugen sich die Gedanken und ich fragte mich, warum er überhaupt keine Wut darüber zeigte, was geschehen war. Damals noch hatte er mir wüste Drohungen entgegen geschleudert und jetzt wirkte er beinahe froh darüber, mir gegenüber zu sitzen. 

Obwohl ich deshalb nach wie vor auf der Hut war, setzte ich ein Lächeln auf und wollte wissen, wie es ihm ging. Bereitwillig erzählte er mir, dass er sich immer wieder mit den Nachbarn anlegte, die erst kürzlich gegenüber von uns eingezogen waren und wohl aus der Türkei stammten. 

"Die Gören sind den ganzen Tag nur am Schreien, es ist fürchterlich. Ich hab dem Vater schon so oft gesagt, dass ich die Polizei oder das Jugendamt hole, wenn das nicht besser wird, aber scheinbar versteht er mich nicht." Abfällig schnaubte er. "Wahrscheinlich haben die nicht mal eine Aufenthaltserlaubnis."

Zwar kam mir bei solch einem Kommentar die Galle hoch, doch ich hütete mich davor, etwas zu erwidern und bohrte stattdessen weiter nach, was es sonst neues gab. 

Schlagartig erhellte sich seine Miene noch ein Stückchen mehr und er zwinkerte mir anerkennend zu. "Freut mich, dass du wieder richtig im Kopf bist", sagte er, bevor er mir vorbetete, welche Demos und Anhörungen es in der nächsten Zeit gab, zu denen ich natürlich nicht fehlen durfte. 

Also versprach ich ihm wohl oder übel, am Start zu sein, auch wenn ich dabei schmerzlich an Harry dachte. Ihm würden diese Neuigkeiten gar nicht passen, was völlig verständlich war. Immerhin war ich schon wieder viel zu feige, mich gegenüber der Scheiße zu behaupten. Wenn Sophies Tante mich so sehen würde, würde sie garantiert verzweifeln. 

Nachdem Alec noch zwei weitere Biere innerhalb kürzester Zeit in sich hinein gekippt hatte, zückte er schließlich seinen Geldbeutel, um zu zahlen, danach standen wir nebeneinander auf der Straße. 

Etwas unsicher zog er mich in seine Arme und klopfte mir einige Male auf den Rücken, ehe er mich wieder losließ und vorschlug, dass ich morgen früh samt meiner sieben Sachen nach Sachsenhausen kam. 

"Jake und Jacob freuen sich auch, wenn du wieder bei uns bist", meinte er, woraufhin ich tapfer nickte. "Ich mich auch", flunkerte ich, wobei mir die Röte bestimmt in die Wangen stieg. Schnell wandte ich mich von ihm ab, damit er das nicht merkte und am Ende noch unnötige Fragen stellte. Lieber wollte ich mich bald von ihm loseisen und pünktlich bei Harry auftauchen. 

Glücklicherweise verriet ein herzhaftes Gähnen seinerseits, wie müde er bereits er war, weshalb er den Heimweg antrat und ich wenig später in der Bahn Richtung Rödelheim saß. Für den Fall, dass Sascha und er sich noch einmal unterhielten, schickte ich Sascha rasch eine Nachricht, dass ich mir nochmal am Main die Füße vertreten wollte und er nicht auf mich warten musste. 

Nachdem ich mich vor Aufregung beinahe verlaufen hatte und erst in die falsche Straße eingebogen war, fand ich mich endlich an der richtigen Adresse wieder und betätigte mit nervösen Gliedern die Klingel. 

Ich musste keine Minute warten, da öffnete sich schon die schwere Haustür und der Punk stand mir gegenüber. Wie auf Knopfdruck wurden meine Knie butterweich und ich starrte verlegen zu Boden, seinen unheimlich grünen Augen ausweichend. 

Jedoch hatte er deutlich weniger Berührungsängste als ich, da er mich ohne Vorwarnung in eine Umarmung zog. Erst spannte ich mich am ganzen Körper an, bis ich schließlich ruhiger wurde und mich in seine Armbeuge kuschelte. 

Es war, als wäre kein einziger Tag seit unserer letzten Begegnung vergangen und mit einem Fingerschnipsen waren die Erinnerungen an Lena verblasst. 

"Hey du", flüsterte er, sobald er sich irgendwann von mir löste und seine Hand an meine Wange legte. "Ich hab dich vermisst." Er stupste mit seiner Nase meine an und schlang seine Arme abermals um meine Taille. 

Ich gab mir Mühe, meine Aufregung zu verbergen, aber ich war zu aufgekratzt, um mich seinen Berührungen hinzugeben. Also wand ich mich aus seinen Händen und schlug stattdessen vor, eine Runde spazieren zu gehen. 

Zwar sah ich ihm die Enttäuschung an, aber dennoch akzeptierte er es ohne Murren und führte mich kurz darauf entlang der Nidda. Mittlerweile war die Sonne untergegangen und so langsam kündigte sich die Nacht an - passend dazu wehte ein leichter Wind und ließ mich frösteln. 

"Willst du meine Jacke?", bot Harry hilfsbereit an, woraufhin ich dankbar seine Lederjacke um meinen Oberkörper schlang. Sie roch nach ihm und gerne hätte ich mich darin eingeigelt, um den Rest der Welt zu vergessen. 

Wir schwiegen eine gefühlte Ewigkeit, bis er irgendwann das Schweigen brach. "Wie war es bei Sophies Tante Barbara?"

"Gut", antwortete ich. "Sie hat mir Mut gemacht, dich anzurufen. Auch wenn ich eigentlich der festen Überzeugung war, du würdest nichts von mir wissen wollen."

Er zog hörbar die Luft ein. "Das ist Quatsch. Ich hab mir die ganze Zeit über Sorgen gemacht."

"Davon hat man nicht sonderlich viel gemerkt", murmelte ich und konnte nicht verhindern, dass das wie ein Vorwurf klang. 

Schlagartig senkte er Schuld bewusst den Kopf und blieb stehen, seine Finger an meinem Handgelenk. "Es tut mir leid. Ich war unglaublich dumm und feige. Ich hätte dich suchen müssen."

Trauriges Seufzen meinerseits ertönte, während ich sein Kinn mit einem Finger anhob und ihm versöhnlich zulächelte. "Ich hab auch Fehler gemacht. Ich hätte nicht einfach abhauen dürfen, sondern hätte dir vertrauen müssen." 

"Und was passiert jetzt?", erkundigte er sich, was mich zögern ließ. Ich wusste, dass es nichts brachte, ihn anzulügen, denn immerhin hatte ich Alec quasi geschworen, ein "besserer Nazi" zu werden, was absolut abscheulich war. 

"Alec nimmt mich wieder bei sich auf."

Wie erwartet versteinerte sich Harrys Miene und er taumelte ungläubig einige Schritte rückwärts. "Wie bitte? Ich dachte... ich dachte Barbara hätte-"

"Harry, das ist nicht so einfach", versuchte ich, ihn zu besänftigen - erfolglos. 

Mit einem energischen Ruck riss er sich von mir los und stapfte in die aufkommende Nacht. Die Nieten an seiner Jeans klirrten bei jedem schweren Schritt und sein Irokese, dessen Halt allmählich nachließ, neigte sich leicht zur Seite. 

"Harry, warte!", schrie ich verzweifelt, ehe ich hinter ihm hereilte und ihn langsam einholte. 

"Wenn du da jetzt nicht rauskommst, wird das nie was!" Ich erkannte seine Tränen und fühlte mich prompt schuldig, auch wenn ich über seine Wut stolperte. 

"Du hast dich nicht gemeldet. Hast einfach in Kauf genommen, mich zu verlieren", feuerte ich ihm entgegen, woraufhin er sich mit einem theatralischen Stöhnen zu mir umdrehte. "Ja Louis, ich hab deine Entscheidung akzeptiert, bevor deine Rottweiler uns noch das Leben zur Hölle gemacht hätten."

Ungläubig schnaubte ich. "Euch das Leben zur Hölle? Dein Ernst? Meins ist die Hölle, dagegen ist deines das reinste Paradies. Immerhin hast du eine hübsche Brünette an deiner Seite, die dir einen bläst, wenn du es willst und dazu auch noch einen Deppen, der total verknallt in dich ist!"

Er blieb abrupt stehen, wodurch ich volle Kanne gegen ihn knallte und er mich wieder festhalten konnte. "Vergiss bitte nicht, dass ich mich auch in diesen Deppen verknallt habe und ihm von Anfang an gesagt habe, dass wir eine Lösung finden werden."

Unter der Intensität seines Blicks wurde ich nach und nach schwächer, sodass ich schließlich nachgab. "Und bevor du fragen kannst: Ja, ich will dich immer noch. Und wenn du das Gefühl hast, erst zu Alec zu gehen zu müssen, dann ist das so. Versprich mir bitte nur, dass du den Kontakt zu Barbara hältst. Gemeinsam kriegen wir das hin."

Er umfasste meine Hände und legte seine Stirn an meine, sodass ich die Wärme seiner Haut spürte und mich mit einem Mal unglaublich sicher fühlte. Auch eine Trennung konnte der Wirkung, die er auf mich hatte, nichts anhaben. Ich vertraute ihm und hatte plötzlich nicht mehr das Gefühl, allein zu sein. 

"Blut macht keine Familie", hatte Frau Schmidt gesagt und damit absolut Recht gehabt. 

"Und wann sehen wir uns?", fragte ich, woraufhin er einen sanften Kuss auf meine Lippen hauchte. 

"Wann immer du das Gefühl hast, dass du mich sehen kannst. Ich warte auf dich." 

Abermals streiften seine Lippen meine und dieses Mal verfielen wir in einen längeren Kuss, bei dem er mich noch enger an sich presste - sofern das überhaupt möglich war. 

meinungen? all the love. xx

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