Kapitel XXXI
Meine Finger wanderten den Fels entlang. Spiegelglatt - kein Vorsprung zum Festhalten und höher führte der Weg nicht. Ein Wunder, dass sie es so weit geschafft hatte. Ich balancierte, mit dem Bauch an die Wand gepresst, nach rechts auf einen tieferen und breiteren Vorsprung, bis ich unter dem Mädchen im blauen Kleid stand.
„Lass los. Ich fange dich auf", rief ich.
„Nein", schniefte sie.
„Es ist nicht weit, kaum drei Meter."
„Trotzdem Nein."
Dumm und stur, eine nervige Kombination. „Deine Eltern sorgen sich sehr und haben mich sogar geschickt. Komm schon, lass los und ich fange dich auf."
„Versprichst du es?"
„Versprochen bei den heiligen Sehern." Ich presste mich enger an die Wand und krallte die Zehen so fest um den Stein, dass es schmerzte.
Sie zögerte. „Na gut." Wie eine überreife Traube fiel das Mädchen vom Himmel.
Ich packte den blauen Schatten und spürte, wie sich mein Oberkörper zu weit nach vorne beugte. Sie schrie, aber wir hielten das Gleichgewicht, wobei das Zappeln des Händlerkinds uns beinahe wieder in die Tiefe trat.
„Beruhig dich. Du bist in Sicherheit." Ich drückte sie mit einem Arm ran und nutzte den anderen zum Runterklettern. Tränen tropfe mir auf die Schulter und hoffentlich schnodderte das Mädchen nicht rein, denn nicht alle konnten sich ein sauberes Kleidchen oder makellose Hände leisten.
Ehe ich am Boden aufsetzte, riss mir der Händler seiner Tochter aus den Armen. „Tu das nie wieder!"
Das Mädchen ließ schuldbewusst den Kopf hängen. „Tut mir leid. Ich wollte mit den anderen Kindern spielen und deine Arbeit ist so öde, Papa. Da habe ich mich gelangweilt."
Langeweile, ein Wort, dass die Leute hier selten in den Mund nahmen.
„Nächstes Mal sagst du Mami und Papi Bescheid, wenn dir langweilig ist. Verstanden?"
„Mhm."
„Ein Glück, dass sich ein freiwilliger Retter fand." Der Händler strich seine Frisur glatt, obwohl sich kein Haar gelöst hat. „Vielen Dank für deinen Einsatz. Das war mutig von dir, weißer Junge."
Ich witterte die Belohnung, aber er widmete sich bereits wieder meinem Vater. „Sechs haben wir abgemacht, nicht wahr?"
„Eigentlich Sieben", sagte er. „Das ist das Mindeste für die Rettung."
„Ich verstehe ihre Klagen nicht. Der Junge klettert ausgezeichnet, da kann er auch in den Minen aushelfen."
Zähneknirschend verkaufte er das Kupfererz trotzdem und ich blitzte den Mann finster an, da tippe mir jemand auf die Schulter.
„Papa sagt, ich soll mich bedanken. Dankeschön", piepste das Mädchen im blauen Kleid. In ihrem Zopf hing eine Schleife im selben Farbton und abgesehen vom zerzausten Haar und den rotgeränderten Augen sah sie aus wie eine feine Dame. Ich verachtete den Neid, der in mir aufstieg. So jung, dennoch so beschenkt und behütet.
„Keine Ursache", sagte ich.
Sie drückte mir etwas Weiches in die Hände. „Das ist Puschel. Er passt auf mich auf, aber ich will, dass er jetzt auf dich aufpasst."
Ein Teddy mit Knopfaugen schaute aus meiner Handfläche rauf. Von einem Stofftier wurde keiner satt, er war zu klein für ein Kissen oder um ein neues Hemd draus zu nähen.
„Vielen Dank, aber das kann ich nicht annehmen. Er ist dein Beschützer." Ich drückte ihr sanft den Teddy in die Hände. Das Mädchen schob trotzig die Oberlippe vor. „Nein. Du musst. Sonst fühle ich mich schlecht."
Der Händler mischte sich ein. „Was ist los?"
„Nichts." Ich nahm den blöden Teddy an mich, damit sie aufhörte zu jammern. Sie grinste.
„Gut. Dann lass und das Geschäft abschließen." Er verstaute die Erze in einem Korb, der teuer als sein Inhalt war, und verbeugte sich knapp. „Auf einen guten Handel. Mögen die heiligen Seher ihre Wege erleuchten."
„Auf einen guten Handel." Vater tat es ihm gleich und nahm die Münzen. Sobald die Händlerfamilie außer Hörweite gegangen war, kniete er sich zu mir. „Was hat sie dir gegeben? Geld? Essen?"
„Einen Teddy." Es schmerzte, das erwartungsvolle Glänzen seiner Augen erlöschen zu sehen.
„Oh ... Besser als nichts. Deine Schwester wird sich freuen."
„Ja ..." Wir beide zwangen uns zu einem optimistischen Tonfall, aber innerlich kochte ich. Sein Leben für einen nutzlosen Teddy riskiert, toll gemacht!
„Verzeihung?", sagte ein Mann.
„Wollen sie Erze kaufen, müssen sie zu meinem Vater gehen."
„Ich möchte aber mit dir reden, wenn du erlaubst.", erwiderte er.
Mir lief es kalt den Rücken runter. „Habe ich etwas falsch gemacht?"
„Oh, nein. Die Rettung war eine tapfere Aktion von dir. Der Händler muss überglücklich gewesen sein, seine Tochter sicher wiederzuhaben. Habe ich recht?"
„Nicht glücklich genug, um mich mit Münzen zu belohnen."
„Tut mir leid für die Frechheit meines Sohnes", mischte sich Vater ein. „Der Hunger spricht aus ihm."
„Verständlich. Ich verübele es ihm nicht." Der Mann tippte auf den Teddy. Trotz der Hitze trug er dicke schwarze Handschuhe. „Eine liebe, aber wertlose Belohnung."
„Besser als nichts", wiederholte ich Vaters Worte.
„Heute ist mein großzügiger Tag." Er fasste tief in die Tasche seines Mantels, der ebenfalls zu warm schien, und zückte drei glänzende Münzen. „Für ein Glas Wasser sollte das reichen."
Ich schnappte das Geld, ehe der Mann es sich anders überlegte. „Vielen Danke. Das ist sehr großherzig."
„Möchtest du wissen, wie du mehr bekommst?"
Ich hätte gelacht, wäre seine Miene nicht so ernst. Als würde man einen Verhungernden fragen, ob er Essen mag. „Natürlich."
„Dann lass uns ein Stück gehen. Du kennst hier sicherlich ein schattiges Plätzchen?"
Ich schaute hilfesuchend zu meinem Vater, doch er schob mich ermunternd zum Fremden. „Bestimmt. So gut wie Soren kennt sich hier niemand aus." Ein merkwürdiger, irgendwie trauriger, Ausdruck glitt über seine Augen.
Ich führte den Mann zu meinem Lieblingsplatz abseits des Getümmels und erklomm schon die Steinwand, da unterbrach mich sein Räuspern.
„Ich klettere nicht", sagte er.
„Oh."
„Dir fallen auch andere geeignete Orte ein, nicht wahr? Orte ohne Kletterei."
„Natürlich!" Für Geld hätte ich ihm jeden Stein beim Namen vorgestellt.
Durch die schrägen Wände, oben eine breiter als unten, brannte die Sonne schutzlos auf uns herunter wie durch einen Trichter. In den Wohnvierteln war es andersrum, aber dort herrschte zu viel Unruhe.
Der Mann lockerte den Kragen und wischte eine Schweißträne von seiner glattrasierten Schläfe. „Nun, ruhig ist es."
„Und schattiger in den Höhlen." Ich suchte eine größere Höhlenformation aus und hockte mich im Schneidersitz hin. Der Mann ließ sich ebenfalls nieder und wirkte fehl am Platz mit seinem ordentlichen Hemd, der aufrechten Haltung und den edlen Handschuhen. Aber nicht arrogant wie der Händler, vielmehr strahlte er etwas Majestätisches aus, dass auch nicht verschwand, wäre er im Reissack gekleidet.
„Ein idyllischer Ort", lobte der Mann.
„Danke. Also, wegen des Geldes..."
„Dazu komme ich noch. Weißt du, was dein Fehler war?"
Ich schüttelte mit dem Kopf.
„Du gabst dich zu schnell mit der Lage zufrieden und siehst, wohin es geführt hat."
Mit hitzigen Wangen rückte ich den Teddy hinter mich. „Der war geizig. Da gibt es nichts zu ändern."
„Du hättest eine Verletzung vortäuschen können, die du dir beim Klettern zugezogen hast. Bei dem Publikum wäre er zum Bezahlen der Heilerkosten verpflichtet, um seinen Ruf nicht zu beschmutzen." Die Weise, wie er redete, ließ es so edel wirken, aber der Inhalt war es nicht.
„Das ist unfair."
„Wie alt bist du, mein Junge?"
„Fünfzehn."
„Mit fünfzehn solltest du klug genug sein, um zu begreifen, dass man mit Ehrlichkeit nicht weit im Leben kommt. Du siehst ehrlich aus, aber bist so verzweifelt, dass du mir die Münzen regelrecht entrissen hast."
Blieb das bloß eine Lehrstunde, verschwendeten wir Zeit, wo ich meinem Vater auf dem Markt helfen könnte.
„Kommen wir zum Geschäftlichen. Ich bewundere deine Kletterkünste und bin der Meinung, da lässt sich mehr rausholen."
„Wie meinen sie das?"
„Lies dir das durch." Er holte ein Papier hervor und rollte es vor mir aus.
Ich starrte auf die lustigen schwarzen Zeichen, die sich in geordneten Linien über die Seite zogen. Sowas hatte ich schon mal gesehen, Buchstaben. Eine Weile tat ich lesend, nahm das Blatt hoch und nickte wissend. Vielleicht würde er es sich anders überlegen, wenn er von meiner Leseschwäche erfuhr.
„Du hast nicht gelernt, wie man liest."
Ich zuckte zusammen. Kameldung. „Woher wissen sie das?"
„Du hältst das Blatt falsch herum." Er wendete das Papier um 180° und seufzte. „Mir entfiel für einen Moment die mangelhafte Bildung an diesem Ort."
„Ich kann Lesen lernen. Bitte lassen sie nicht deswegen das Angebot fallen", schob ich so schnell hinterher, dass die Wörter ineinander verschwommen.
„Mach dir darüber keinen Kopf. Eine andere Frage, Soren, Hast du schon mal Tiere geschlachtet?"
Ich blinzelte verwirrt „Nicht geschlachtet, aber meine Mutter hat einst bei der Schlachterei ausgeholfen und ich habe die Innereien entsorgt. Warum ist das wichtig?"
„Noch etwas, magst du Reisen?"
„Keine Ahnung. Ich kenne nichts anderes als die Schluchten", sagte ich und fügte eifrig hinzu: „Aber ja, Reisen gefällt mir sicher."
Der Mann nickte zufrieden. „Ich habe ein Vorschlag für dich, der dein Leben verändern wird." Sein behandschuhter Finger tippte auf zwei Zeichen am Blattende, die mich an eine Forke und einen geknickten Stock erinnerten. „Merke dir diese Buchstaben gut", sagte er. „Man nennt sie E und F."
„E und F", wiederholte ich und erntete ein zufriedenes Lächeln.
„Auf einen guten Handel."
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