7. Kapitel
Mein Wecker riss mich aus einem sehr komischen Traum. Doch als ich beim Zähneputzen darüber nachdachte, hatte ich den Traum schon längst vergessen. Wie sehr ich das bei schönen Träumen hasste.
Nachdem ich fertig war, ging ich nach unten, um zu frühstücken. Wenn Mr Burton dieses Mal auch einen seiner Sicherheitsmänner zu mir schicken würde, um mich zu entführen, dann würde ich definitiv eine Szene machen.
Ich hatte jedoch Glück. Ich bestellte mir mein Frühstück und blieb die ganze Zeit ungestört, nun, zumindest dachte ich das.
Beim Verlassen des Restaurants fiel mir ein Mann im dunklen Anzug auf, der eine Sonnenbrille trug, durch die man die Augen nicht erkennen konnte. Zunächst war ich mir nicht sicher, ob er zum Hotel oder zu Mr Burton gehörte, doch nachdem er mir in den Aufzug folgte, war ich mir sicher, dass er zu meinem Chef gehörte.
Verärgert entwich mir ein Schnauben. Dieses Verhalten ging mir auf die Nerven, da hier absolut kein Grund bestand, um um meine Sicherheit zu fürchten.
Zurück in meinem Zimmer packte ich eine kleine Tasche mit allem Nötigen, was ich für die Weiterbildung gebrauchen könnte.
Gott sei Dank hatte ich mich einige Tage vorher informiert, wo diese stattfinden und wie ich dorthin kommen würde. Ich hätte nicht die Nerven gehabt, erneut zu Mr Burton zu gehen, um ihn nach den Informationen zu fragen. Außerdem dachte ich mir, dass es bestimmt unprofessionell wirken könnte, wenn ich mich nicht selber ausreichend informiert hätte.
Da die Weiterbildung jeden Morgen um zehn Uhr begann, hatte ich genügend Zeit, sodass ich mich nicht hetzen musste. Dennoch machte ich mich eine halbe Stunde vorher auf den Weg, obwohl ich nur 15 Minuten zu Fuß brauchte. Aber sicher war sicher, denn ich wollte auf keinen Fall zu spät kommen.
Es war sehr interessant, durch London zu spazieren. Das Hotel, in dem wir uns befanden, war nicht allzu weit vom Zentrum der Stadt entfernt, sodass ich jede Menge Sehenswürdigkeiten auf dem Weg zur Weiterbildung zu Blick bekam.
Das Gebäude, in dem die Weiterbildung stattfinden würde, befand sich in der Nähe der Themse. Ich konnte einige kleine Cafés ausmachen, in denen ich mir vorstellen konnte, meine Pausen zu verbringen. Wer weiß, vielleicht lernte ich ja ein oder zwei nette Leute kennen, die sich zu mir gesellen würden.
Mir wurde die Tür geöffnet und ich konnte direkt ein Schild erkennen, welches mich zum Fortbildungsraum führte. Dort angekommen waren bereits fast alle Plätze besetzt. Ich konnte nur noch zwei freie Stühle ausmachen, einen in der letzten und einen in der zweiten Reihe. Ich entschied mich für die zweite Reihe.
"Entschuldigung, ist hier noch frei?", fragte ich den Mann neben dem leeren Stuhl.
"Für eine schöne Frau doch immer", zwinkerte er und zog den Stuhl nach hinten, damit ich mich setzen konnte. Ich errötete leicht, da ich es nicht gewohnt war, Komplimente von Fremden zu bekommen und ließ mich auf den Stuhl plumpsen. Ich packte meine Sachen aus und wartete gespannt darauf, dass die Weiterbildung begann. Der Mann neben mir, John, versuchte mich mehrmals in ein Gespräch zu verwickeln, was ich jedoch jedes Mal aufs Neue höflich abblockte. Ich wollte mich vollkommen auf die Weiterbildung fokussieren.
Als diese schließlich begann, vertiefte ich mich vollkommen darin. Es war sehr spannend, die Buchhaltung aus einer anderen Perspektive zu betrachten und neue Fähigkeiten zu lernen. Doch es war auch sehr anstrengend, da ich mich permanent konzentrieren musste, um nichts zu verpassen.
Nachdem der Leiter der Weiterbildung die Mittagspause verkündet hatte, konnte man ein kollektives Aufatmen vernehmen. Nicht wenige rieben sich die Schläfen und auch ich hatte leichte Kopfschmerzen. Ein wenig frische Luft würde mir da helfen, also packte ich meine Sachen und stand auf.
"Wohin des Weges, schöne Frau?", fragte mich John grinsend.
"Ich suche mir ein nettes Café, ich brauche einen Kaffee", lächelte ich. "Schöne Pause."
"Was dagegen, wenn ich mitkomme?", fragte er und griff nach seiner Jacke. Ehrlich gesagt hatte ich im Moment nicht viel Lust, mich zu unterhalten, doch da ich nicht unfreundlich sein wollte, schüttelte ich den Kopf.
Gemeinsam verließen wir das Gebäude und unbewusst atmeten wir beide tief die frische Luft ein, sobald wir draußen waren. Daraufhin mussten wir lachen. Vielleicht war es doch nicht so schlecht, die Pause nicht allein zu verbringen.
Wir schlenderten an etwaigen Cafés vorbei, bis wir eins fanden, was uns beiden gefiel. In der Zeit erfuhr ich unheimlich viel über John, da er sehr redselig war. Er lebte in Seattle, arbeitete ebenfalls in der Buchhaltung und war single, was er sehr oft betonte.
Im Café bestellte ich mir einen Latte Macchiato mit Vanille, während John sich einen einfachen Filterkaffee bestellte.
"Also, was führt dich her?", fragte er und nippte an seinem Kaffee.
"Was wohl?", lachte ich. "Die Weiterbildung natürlich. Aber abgesehen davon stand London eh schon auf meiner Liste von Reisezielen."
"Was steht sonst noch drauf? Seattle?" Er zwinkerte mir zu.
"Eventuell." Elli würde im Dreieck springen, wenn sie das hier mitbekommen würde. Ich hatte seit Jahren nicht mehr geflirtet.
"Was würde dich überreden?", wollte John wissen und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Ein leichtes Schmunzeln umspielte seine Lippen, während er mich nicht aus den Augen ließ. Eigentlich wäre er genau der Typ Mann, der meinem Geschmack entsprach. Höflich, gebildet, aber auch etwas neckend. Doch ich konnte bei bestem Willen keine Anziehung zwischen uns ausmachen, zumindest was mich betraf.
"Kommt ganz darauf an. Was gibt es denn in Seattle zu sehen?" Ich rührte in meinem Latte Macchiato.
"Mich", grinste er und wackelte mit den Augenbrauen.
"An Selbstbewusstsein fehlt es dir offensichtlich nicht", antwortete ich. "Ich will ehrlich zu dir sein, von meiner Seite aus wird das nichts. Tut mir leid." Ich hielt nichts davon, anderen Menschen Hoffnungen zu machen und sie hinzuhalten.
"Jammerschade. Jeder hätte mich um dich an meiner Seite beneidet. Aber sei's drum." Er zuckte mit den Achseln. "Freunde?"
"Gern."
"Also, wenn du mich nicht willst ... gibt's da jemand anderen?", wollte er wissen.
Ich wich seinem Blick aus. "Nein, nicht wirklich", seufzte ich. "Den gab es schon lange nicht mehr."
"Willst du mir davon erzählen?", fragte John. Er hatte aufgehört zu grinsen und sah mich nun aufmerksam an. Ich mochte es, dass er auch ernst sein konnte. Wieso zum Teufel fand ich ihn nicht anziehend?
"Das ist kein Gespräch, was sich für eine Kaffeepause eignet", würgte ich das Thema schnell ab, bevor weitere Fragen aufkamen. Die Pause war beinahe um, also machten wir uns auf den Rückweg. John hatte anscheinend gemerkt, dass ich es als unangenehm empfand, darüber zu sprechen, da er mich nichts mehr dazu fragte. Vielmehr quetschte er mich über mein langweiliges Leben aus.
"Komm schon, du lebst in New York! Wie kann es da langweilig zugehen?", fragte er entgeistert.
Ich zuckte mit den Achseln. "Was soll ich sagen, ich bin nicht so die Spaßkanone. Da müsstest du meine beste Freundin kennenlernen, Elli. Mit ihr wird es nie langweilig."
Mittlerweile saßen wir wieder im Gebäude und ich würgte das Gespräch mehr oder weniger ab, um mich auf die Weiterbildung zu konzentrieren.
"Streberin", flüsterte John mir zu, woraufhin ich nach ihm trat. Da ich jedoch unter dem Tisch nicht sonderlich gut zielte, traf ich sein Stuhlbein, und da ich bloß dünne Schuhe trug, tat es höllisch weh. Ich verzog das Gesicht, während John zu kichern begann.
"Halt die Klappe", zischte ich und er hob bloß unschuldig die Hände. Den restlichen Tag verbrachte ich mit Zuhören und Mitschreiben. Es war zwar unglaublich interessant, aber auch unglaublich viel. Das hatte ich komplett unterschätzt.
Als ich zwei Stunden später im Hotel angekommen war, war ich komplett ausgelaugt und erschöpft. Ich ließ mich sofort aufs Bett fallen und musste wirklich aufpassen, nicht einzuschlafen. Trotz meiner Müdigkeit raffte ich mich auf und setzte mich an den Tisch, der neben der Tür stand, um meine ganzen Mitschriften vernünftig zusammenzufassen und zu ordnen, sodass ich direkt anfangen konnte, zu lernen. Als ich damit fertig war, war es bereits Zeit für das Abendessen.
Sobald ich meine Tür geöffnet hatte, hätte ich sie am liebsten direkt wieder zugeschlagen.
"Was ist dieses Mal sein Problem, Rick?" Ich konnte ein genervtes Seufzen nicht unterdrücken, was allerdings nicht Rick galt. Der arme Mann machte auch nur seinen Job.
"Mr Burton wünscht, dass Sie mit ihm in seiner Suite zu Abend essen", sagte er.
"Schon wieder?", fragte ich mit hochgezogenen Augenbrauen. "Wo der Abend gestern doch so gut geendet hat."
Ich konnte ein leichtes Schmunzeln auf Ricks Lippen wahrnehmen, das jedoch schnell wieder verschwand.
"Mr Burton hat gesagt, dass er den gestrigen Abend wiedergutmachen möchte, Miss", sagte Rick. "Dürfte ich also bitten?"
Seufzend ergab ich mich meinem Schicksal und folgte Rick in den Aufzug. Im Penthouse angekommen wartete bereits Mr Burton mit zwei Sektgläsern in der Hand auf mich.
"Miss Maxwell, schön, dass ich Sie dieses Mal nicht zwingen musste", schmunzelte er und hielt mir ein Sektglas entgegen. "Ich möchte mich für gestern Abend entschuldigen. Mein Verhalten war unangebracht."
"Danke, und ich nehme die Entschuldigung an", lächelte ich, dann sah ich auf das Sektglas. "Aber ich trinke nicht."
Überrascht hob er eine Braue. "Nie?"
"Nein, nie", sagte ich. "Schlechte Erfahrungen."
Ich sah Mr Burton an, dass er fragen wollte, was das für Erfahrungen waren, doch er sprach es nicht aus, wofür ich ihm dankbar war.
"Setzen wir uns, es war ein langer Tag."
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