3. Kapitel

Mein Wecker klingelte. Ich stand auf. Putzte meine Zähne. Sprang unter die Dusche. Kochte mir Kaffee.

Jeden verdammten Morgen das Gleiche. Aber ich liebte die Routine.

"Elli? Ich bin weg, bis später!", schrie ich durch die Wohnung, da sie gerade duschte. Sie antwortete, doch ich verstand nicht das Geringste. Es war das reinste Genuschel.

Diesen Morgen hörte ich auf dem Weg zur Arbeit über meine Kopfhörer ein Hörbuch. Ich liebte es abgöttisch zu lesen, doch ich fand oftmals nicht die Ruhe, um mich zu entspannen und einfach zwei Stunden zu lesen. Da waren Hörbücher, die ich unterwegs hören konnte, optimal.

Kurz vor dem Gebäude zog ich mir die Kopfhörer aus den Ohren und verstaute sie in meiner Handtasche. Wie jeden Morgen begrüßte ich die Menschen, die mir auf dem Weg zum Aufzug begegneten, mit einem freundlichen Lächeln.

Steve war noch nicht da, aber das war keine Seltenheit. Er kam öfter etwas später, doch er war auch immer derjenige, der als Letzter nach Hause ging. Also begrüßte ich diejenigen, die bereits an ihren Tischen saßen und begab mich an meinen eigenen. Nur wenige Minuten darauf klingelte mein Telefon.

"Maxwell, Buchhaltung?", meldete ich mich, da ich eine firmeninterne Nummer auf dem Display erkennen konnte.

"Hey Gia, hier ist Melissa."

"Hey, was kann ich für dich tun?", fragte ich, während mein Computer hochfuhr.

"Mr Burton möchte dich in seinem Büro sprechen. Er hat gesagt, es sei dringend. Beeil dich lieber", informierte mich Melissa.

Ich stöhnte auf. So früh am Morgen war ich für diese Art von Gespräch noch nicht in der Stimmung. Doch Gejammer brachte nichts - ich machte mich schweren Herzens auf den Weg in die oberste Etage.

"Du kannst sofort zu ihm durch", sagte Melissa, sobald sich die Aufzugtüren öffneten.

"Super", sagte ich sarkastisch. "Dann wollen wir mal in die Höhle des Löwen."

"Ich fresse meine Mitarbeiter nicht. Das wäre kontraproduktiv für mein Geschäft."

Ich zuckte zusammen. Verdammter Mist. Das war auch wieder typisch, dass Mr Burton genau in dem Moment aus seinem Büro kam. "Kommen Sie, ich habe schon gewartet."

Ich atmete kurz durch, bevor ich an Mr Burton vorbei in sein Büro ging.

"Hi Gia." Mein Blick wanderte zur Sitzecke. Jetzt hatte sich mein Gedanke erledigt, wo Steve war. Er saß bereits im Büro von Mr Burton.

"Hey", lächelte ich und umarmte in zur Begrüßung, wie jeden Morgen.

Hinter mir vernahm ich ein starkes Räuspern. "Wenn ich bitten darf, Miss Maxwell." Mr Burton verwies auf den freien Sessel neben Steve.

"Wieso sind wir hier?", begann Steve das Gespräch, als Mr Burton und ich uns gesetzt hatten.

"Ich habe Ihre Bedenken überprüfen lassen und festgestellt, dass es tatsächlich um Betrug ging. Die exakte Summe hatten Sie zwar nicht festgestellt, aber Ihre Einschätzungen waren relativ genau. Ich muss mich also bei Ihnen entschuldigen, was mein Verhalten gestern anging. Und ich möchte mich bedanken. Sie werden eine kleine Aufmerksamkeit dafür auf Ihrer nächsten Gehaltsabrechnung entdecken." Mr Burton sah uns beide kühl an.

"Vielen Dank Sir", sagte Steve und ich konnte förmlich spüren, wie er mich in Gedanken aufforderte, mich ebenfalls zu bedanken. Ich konnte mir ein Lächeln abringen.

"Steve, Sie können wieder in die Buchhaltung zurück. Ich möchte gern einen Augenblick mit Miss Maxwell sprechen." Mr Burton fixierte mich mit seinem eindringlichen Blick.

Ich sah Steve überrascht und verunsichert zugleich an, doch der zuckte auch nur mit den Schultern. Kurz darauf schloss er hinter sich die Bürotür und ich war allein mit Mr Burton.

Bevor ich sprach, räusperte ich mich. "Was kann ich für Sie tun, Sir?"

"Oh, eine ganze Menge, aber alles zu seiner Zeit." Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, die er kurz darauf mit seiner Zunge befeuchtete. Mir wurde ein wenig warm.

"Ich möchte Ihnen etwas anbieten. Etwas, was ich nur sehr wenigen anbiete", sagte Mr Burton. Ich hatte das Gefühl, dass er jedes Wort mit viel Bedacht wählte.

"Und was?", fragte ich, als er nicht fortfuhr.

"Ich möchte Sie bei einer Weiterbildung dabeihaben. Sie haben mir ein gewisses Talent gezeigt und haben offensichtlich viel Potential. Es wäre eine Schande, dieses Potential zu verschwenden."

Eine Weiterbildung? Wow.

"Darf ich fragen, um was für eine Art Weiterbildung es sich handelt, Sir?"

"Wenn Sie die Weiterbildung erfolgreich absolvieren, richte ich eine neue Stelle für Sie als stellvertretende Abteilungsleitung ein. Wenn Steve irgendwann in Rente geht, übernehmen Sie den Posten als Leitung und nehmen seinen Platz im Unternehmensrat ein. Bis dahin vertreten Sie ihn in Krankheits- oder Urlaubsfällen und gehen ihm bei einigen Aufgaben zur Hand." Mr Burton faltete die Hände und musterte mich.

"Ich ... wow. Ich bin ziemlich überrascht, dass Sie mir eine solche Chance bieten. Ich würde Sie auf jeden Fall wahrnehmen. Wie viel würde mich das kosten?" Ich schämte mich für mein Gestotter.

"Die Kosten dafür werden vollständig vom Unternehmen getragen. Die Weiterbildung dauert eine Woche und nach weiteren zwei Tagen werden Sie eine Prüfung absolvieren", erklärte er mir.

Das würde ich hinkriegen. Niemals würde ich mir so eine gewaltige Chance nehmen lassen. Das musste ich einfach hinkriegen, eine Alternative gab es nicht.

"Das Angebot nehme ich gerne an, vielen Dank Sir", sagte ich aufrichtig. Vielleicht hatte ich ihn ja doch falsch eingeschätzt.

"Eins noch, Miss Maxwell. Die Weiterbildung beginnt nächsten Mittwoch und findet in London statt. Um den Transport und die Unterbringung kümmere ich mich ebenfalls, da müssen Sie sich nicht sorgen. Ich lege Ihnen also ans Herz, etwaige Verpflichtungen in diesem Zeitraum zu verschieben, da es sich um eine einmalige Gelegenheit handelt. Ich erwarte bis zum morgigen Abend Ihre schriftliche Antwort." Mr Burton sah mich weiterhin mit seinem kühlen Blick an.

Ich bedankte mich abermals bei ihm. Mit so etwas hätte ich nie im Leben gerechnet.

"Darf ich Sie hinausbegleiten, Miss Maxwell?", fragte er und stand auf. Ich erhob mich ebenfalls und ging zur Tür.
Kurz davor drehte ich mich noch einmal um und dankte ihm erneut.

"Gern geschehen, Miss Maxwell", schmunzelte er, öffnete die Tür und ich spürte plötzlich seine Hand in meinem Rücken. Ich zuckte zusammen, da von dieser Stelle ruckartig Wärme durch meinen ganzen Körper strömte.

Ich stolperte mehr aus seinem Büro, als dass ich lief und flüchtete in den Aufzug. Wieder etwas, was mir peinlich war.

Zurück in der Buchhaltung erwartete mich bereits Steve, um mich mit seinen Fragen zu durchlöchern. Bis ich alles beantwortet und Steve seine Überraschung verdaut hatte, war eine ganze Stunde vergangen.

Der Tag zog sich in die Länge. Ich wollte unbedingt nach Hause und Elli von der riesigen Neuigkeit berichten. Als ich schließlich Mittagspause hatte, nutzte ich die ersten fünf Minuten und tippte die Zusage für Mr Burton, damit mir das auf keinen Fall durchging. Danach war ich mit Melissa verabredet; wir wollten einen Kaffee trinken gehen.

Melissa erwartete mich bereits in der Eingangshalle und gemeinsam schlenderten wir die Straßen entlang, bis wir ein kleines gemütliches Café gefunden hatten.

"Nun sag mal, was wollte Burton von dir? Du sahst ein wenig durch den Wind aus", kicherte Melissa. "Hast mich nicht mal eines Blickes gewürdigt und bist praktisch in den Aufzug gerannt. Was ist passiert?"

Also erklärte ich auch Melissa, was in dem Büro passiert war. Ihr erzählte ich allerdings auch, wie nervös mich seine Berührung gemacht hatte.

Daraufhin begann Melissa zu kichern. "Du bist scharf auf ihn."

"Bin ich nicht!" Mir fiel beinahe die Kinnlade auf den Tisch.

"Oh doch, und er auch auf dich!" Melissa grinste frech.

War sie bescheuert? Das sagte ich ihr auch so, woraufhin sie anfing zu lachen.

"Jetzt mal ernsthaft, wieso sagst du sowas? Ich bin nicht scharf auf ihn, ich habe einfach nicht damit gerechnet, dass er mich berührt und hab mich deswegen erschrocken", sagte ich und runzelte die Stirn.

"Versuch dir das ruhig weiter einzureden, davon kann ich dich eh nicht abhalten", erwiderte Melissa. "Aber du wirst früher oder später merken, dass ich Recht habe. Er sieht dich doch schon so an, als würde er dich fressen wollen."

"Weißt du, bei seinem Blick fühle ich mich immer so, als würde ich im Supermarkt vor der Kühltheke stehen und zwar nackt." Ich nippte an meinem Kaffee. "Wie kann ein Mensch so eiskalt sein?"

"Weißt du, ich schätze, in der Geschäftswelt ist das nicht von Nachteil. Bestimmt ist er privat viel netter", sagte Melissa und wackelte anzüglich mit den Augenbrauen.

"Wenn du so weitermachst, verbringe ich nie wieder meine Mittagspause mit dir!", drohte ich scherzhaft.

"Schon gut", gab Melissa klein bei. Den Rest unserer Pause über unterhielten wir uns über andere Dinge. Ich erfuhr viel über ihre Familie und sie zeigte mir stolz Fotos von ihren Kindern. Sie waren wirklich unglaublich putzig.

Der restliche Arbeitstag verging recht schnell und als ich endlich Zuhause angekommen war, platzte ich direkt mit der Neuigkeit heraus.

Elli staunte genauso wie ich und wir beide verbrachten den Abend damit, Pizza zu essen und einfach zu quatschen.

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