24. Kapitel
Den ganzen Tag über war ich mürrisch gelaunt. Selbst der Donut, den mir Melissa auf meinen Schreibtisch gelegt hatte, konnte meine Laune nicht heben. Mir war klar, dass ich wahrscheinlich vollkommen überreagierte, doch ich hasste es, kontrolliert zu werden. Niemand würde sich herausnehmen, über mein Leben zu bestimmen. Nicht noch einmal.
Als es Zeit für die Mittagspause wurde, schnappte ich mir meinen Mantel und zog ihn über den Hosenanzug, den ich heute trug. Wortlos öffnete ich meine Bürotür und marschierte durch Adrians Büro.
"Gianna, warte. Du verhältst dich kindisch." Adrian stellte sich mir in den Weg.
Ich verdrehte die Augen.
"Können wir nicht normal miteinander reden? Nach dem, was gestern passiert ist?", fragte Adrian resigniert, während er die Bürotür blockierte.
"Ich habe dir gestern gesagt, dass ich nicht gefahren werden möchte und du schickst den armen Nate, nur damit er von Elli geköpft wird. Was soll das Ganze?", fragte ich mit verschränkten Armen. "Du solltest lernen, andere Meinungen und Entscheidungen zu respektieren, Adrian."
"Ich hätte dich selbst abgeholt, aber ich wusste nicht, ob es dir Recht ist, wenn man uns zusammen zur Arbeit kommen sieht", sagte Adrian.
"Das ist weder eine Begründung, noch eine Entschuldigung", erwiderte ich, woraufhin er mich finster anblickte.
"Ich möchte nicht, dass du alleine einen so weiten Weg läufst. Mit Kopfhörern. Du würdest doch bestimmt jemandem folgen, der dich bittet, mit ihm seinen Hundewelpen im Central Park zu suchen, so gutgläubig wie du bist", antwortete Adrian. "Ich will doch nur nicht, dass dir etwas zustößt."
"Längst passiert", zischte ich ihn verbittert an und schob ihn beiseite.
"Warte, was?" Adrian fasste meinen Oberarm und drehte mich herum. Entsetzt sah er mich an. "Was hast du da gerade gesagt?"
"Gar nichts, vergiss es", sagte ich und wand mich aus seinem Griff. "Ich mache jetzt Pause. Bis gleich."
Melissa wartete bereits auf mich und zusammen stiegen wir in den Aufzug. "Was ist denn bei euch heute den ganzen Tag los? Ihr seid beide total schlecht drauf und dann heute Morgen das Geschreie."
Ich seufzte. "Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit. Adrian benimmt sich mir gegenüber nicht gerade emanzipiert, sagen wir's mal so", brummte ich. Melissa blickte mich verständnislos an. "Er möchte nicht, dass ich zur Arbeit laufe und hat mir heute Morgen gegen meinen Willen einen Fahrer geschickt."
"Aber das ist doch nur nett gemeint, oder nicht? Ich meine, wie lange läufst du nach Hause, zwanzig Minuten? Das ist gar nicht mal so ungefährlich in New York und bei deinem Aussehen", sagte Melissa.
"Egal", fauchte ich. Das Letzte, was ich brauchte, war jemand, der Adrian in Schutz nahm.
"Themenwechsel. Kein Chef mehr für die Mittagspause", sagte Melissa daraufhin und erleichtert stimmte ich ihr zu. Da Adrian kein Thema mehr war, verbrachten wir eine entspannte Pause in einem gemütlichen Cafe und setzten uns mit einem Kaffee schließlich noch auf eine Parkbank.
"Steht das mit heute Abend noch?", fragte ich sie, bevor ich an meinem Kaffee nippte.
"Klar, ich freu mich schon. Wir können richtig ordentlich auf den Putz hauen, denn morgen ist Samstag", flötete Melissa glücklich.
"Du vielleicht, ich nicht", sagte ich finster, obwohl ich auch so nichts getrunken hätte.
"Wieso das denn?", fragte Melissa verwirrt, woraufhin ich sie über die Vereinbarung aufgeklärt hatte, die meine neue Stelle mit sich brachte.
"Wie blöd ist das denn. Klar, du kriegst mehr Geld, aber das ist doch total öde auf solchen Veranstaltungen. Da sind nur reiche Geschäftsmänner mit ihren Puppenbegleitungen, die nur dümmlich in jede Kamera grinsen." Melissa sah mich mitleidig an.
"Naja, aber vielleicht kann ich ja so neue Kontakte knüpfen und mir Tipps für die neue Stelle einholen", überlegte ich. Ich musste dringend aufhören, alles so negativ zu sehen.
Kurz darauf machten wir uns schon auf den Rückweg, da unsere Pause beinahe um war. Im Aufzug zog ich mein Handy aus meiner Manteltasche und entsperrte es. Ich hatte eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Ich öffnete den Chat und ließ beinahe mein Handy fallen, so sehr hatte mich die Nachricht erschreckt.
Es war ein Bild von mir und Melissa, wie wir auf der Parkbank saßen. Darunter stand ein einziger Satz. Je te trouverai toujours.
Jemand schrie. Erst, als Melissa mich panisch schüttelte, bemerkte ich, dass die Schreie von mir stammten. "Gianna, was ist los? Oh Gott, ich glaube sie hat einen Nervenzusammenbruch!", sagte sie zu jemand anderem.
"Gia. Kleines. Beruhig dich. Erzähl mir, was passiert ist." Ich spürte, wie Adrian seine Arme um mich schlang und mich auf die Füße zog. Langsam führte er mich in sein Büro und setzte mich in einen Sessel, woraufhin er mir ein Glas Wasser reichte und mich besorgt musterte. "Was ist da eben passiert?"
Ich konnte ihm nicht antworten. Ich brachte nur ein Wort heraus. "Elli."
"Wo ist sie?", hörte ich meine beste Freundin rufen, bevor die Bürotür geräuschvoll aufplatzte.
Ich hob meinen Kopf und sah, wie mich Elli besorgt ansah, bevor sie mich in eine feste Umarmung zog. "Était-ce lui?", fragte sie, woraufhin ich nickte. Adrian sah uns beide bloß verwirrt an.
"Könnt ihr uns vielleicht für einen Moment allein lassen?", bat Elli.
Ich sah Adrian an, dass es ihm überhaupt nicht passte und dass er alles lieber tun würde, als zu gehen. Doch mit einem grummeligen Blick ergab er sich und schloss die Bürotür hinter sich.
"Erzähl mir alles. Was ist passiert?", wollte Elli wissen.
Also erzählte ich ihr von der Nachricht und zeigte ihr das Foto.
"Hast du ihn gesehen?", fragte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Ich schüttelte den Kopf. Plötzlich war ich wieder gefangen. Gefangen in meinen Erinnerungen aus meiner Vergangenheit. "Hey!" Elli schnippte mit den Fingern. "Kriegst du eine Panikattacke?"
Ich zuckte mit den Achseln. "Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht. Aber es fehlt nicht viel."
"Okay, ich weiß, was wir machen. Als allererstes fahren wir nach Hause und rufen Mason und die Polizei an. Danach packen wir ein paar Sachen und fahren für ein paar Tage weg. Du besorgst dir eine andere Handynummer. Okay?", sagte Elli und packte meine Handgelenke. "Wir schaffen das. Ich werde es nicht zulassen, dass er dir nochmal wehtut, verstanden? Und für deinen Boss lass ich mir was einfallen. Sitz einfach weiter hier und nick einfach, den Rest mache ich."
Ich war wie weggetreten, als Elli Adrian erzählte, dass es in meiner Familie einen Notfall gäbe und wir sofort mit meinem Bruder nach Texas mussten. Für wie lange sagte Elli nicht, doch ich bekam mit, wie Adrian meinte, ich solle mir so viel Zeit nehmen, wie ich brauche und mich bei ihm melden.
Wir setzten uns in ein Taxi und fuhren nach Hause. Während ich einige Sachen zusammenpackte, telefonierte Elli mit Mason, den ich durch das Telefon schreien hören konnte. Keine halbe Stunde später stand er mit dem NYPD vor unserer Tür.
Ich musste viele Fragen beantworten und die Detectives beschlagnahmten mein Handy als Beweismaterial. Ich bekam mit, wie die beiden Detectives mit Elli und Mason sprachen.
" ... Verdächtige wird als höchst gefährlich eingestuft. Wir raten Ihnen dringend davon ab, die Sache allein regeln zu wollen. Wir können Ihnen einige Officers zur Verfügung stellen und Ihnen ein Safe House anbieten, bis wir den Verdächtigen gefasst haben."
"Ich will nicht in ein Safe House", sagte ich und öffnete die Tür. Elli und Mason zuckten zusammen, offenbar hatten sie nicht mit mir gerechnet.
"Miss Maxwell, sie erfassen offenbar nicht, in welcher Gefahr Sie sich befinden", sagte der junge Detective zu mir.
"Ich weiß, in welcher Gefahr ich mich befinde. Ich kenne ihn besser als Sie. Sie werden ihn nicht finden, wenn er das nicht möchte. Also wieso soll ich mich verstecken, anstatt dabei zu helfen, ihn zu fassen?", sagte ich mit fester Stimme.
"Auf keinen Fall", fuhr mich Mason an. "Bist du komplett verrückt geworden? Ist dir entfallen, was letztes Mal passiert ist, als du ihm begegnet bist?"
"Nein, ich erinnere mich, Mason", fauchte ich verletzt und mein Bruder sah mich recht betreten an. "Wenn ich mich verstecke, wird ihn das nur noch mehr anspornen."
Ich richtete meinen Blick auf die Detectives. "Kein Safe House."
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