1. Kapitel

"Gia jetzt beeil dich doch mal!" Meine beste Freundin hämmerte gegen die Tür unseres gemeinsamen Badezimmers. Wir wohnten seit etwa zwei Jahren zusammen und jeden Morgen war es das gleiche - sie trieb mich zur Eile, obwohl ich höchstens zehn Minuten brauchte, um mich frisch zu machen, sie dahingegen mindestens eine halbe Stunde.

"Verdammt, Elli!" Ich steckte meinen Kopf aus dem Bad. "Seitdem wir zusammen wohnen, gehe ich jeden Morgen um die gleiche Uhrzeit ins Badezimmer! Dann geh doch einfach vor mir, du stehst doch eh ne Stunde früher auf!"

"Ich muss aber erst meine schlechte Laune beseitigen. Und das dauert nun mal seine Zeit", antwortete sie mir und streckte mir frech die Zunge raus.

Fünf Minuten später war ich fertig für die Arbeit und meine beste Freundin Eleanor, kurz Elli, stapfte ins Badezimmer. Sie hatte es gut. Sie war selbstständig in der Informatikbranche tätig und konnte die meiste Zeit über von Zuhause aus arbeiten, hatte aber auch ihr eigenes Büro. Weiß der Geier, wie ihr Beruf genau hieß. Ich war eine totale Niete im Umgang mit jeglicher Technik.

Seitdem wir zusammen wohnten, hatten uns ihre Kenntnisse schon mehr als ein Mal den Hintern gerettet. Da ich nicht gut mit irgendwelcher Technik umgehen konnte, kam es nicht selten vor, dass ich mir Viren auf meinem Laptop fing. Gott sei Dank konnte Elli bisher immer alles ausbügeln.

„Ich wünsch dir einen schönen Tag auf der Arbeit Baby", rief Elli mir zu, als sie hörte, wie ich mir meinen Kaffeebecher befüllte.

„Danke dir, bis später", antwortete ich, schnappte mir meine Wohnungsschlüssel und machte mich auf den Weg.

Ich konnte Gott sei Dank zur Arbeit laufen. Ich war zwar gute zwanzig Minuten unterwegs, doch ich genoss es richtig, an der frischen Luft zu sein. Selbst wenn es regnete. Denn dann liebte ich den Geruch nur umso mehr.

Den Weg über genoss ich entweder die Geräusche und das Leben um mich herum, oder ich hörte Musik.

Geräusche um mich herum gab es genug. New York City war nun mal keine Stadt, die leise war und das gefiel mir. Ich war in einem kleinen Örtchen in Texas aufgewachsen, wo es immer still war. Jeder kannte jeden und es war auch sehr schön so, doch ich hatte mich schon immer nach ein bisschen mehr Lebendigkeit gesehnt. New York gab mir diese Lebendigkeit.

Als ich schließlich im Büro ankam, war ich immer noch in meinen Gedanken versunken. Ich arbeitete in einem großen und angesehenen Unternehmen, welches in der Immobilienbranche tätig war. Von den Verkaufsgeschäften bekam ich allerdings nicht viel mit, da ich in der Buchhaltung arbeitete.

"Morgen", sagte ich zum Sicherheitsmann, der jeden Morgen für alle die Türen öffnete.

"Guten Morgen Gianna", begrüßte er mich mit einem Lächeln. Ich brachte ihm oft in meiner Mittagspause einen Kaffee mit. Sein Job war mit Sicherheit nicht der angenehmste und er war immer sehr freundlich zu jedem.

Ich ging zügig durch den großen Empfangsbereich und drückte auf den Knopf, um den Aufzug zu rufen. Mit einem leisen Surren öffneten sich die silbernen Türen.

Als ich den Aufzug betrat, bemerkte ich, wie eine Frau auf ihrem Pumps durch die Halle eilte, um den Aufzug noch zu erwischen. Auf ihren Armen balancierte sie einen hohen Papierturm, der gefährlich schwankte. Gerade als die Türen sich schließen wollten, hielt ich meinen Fuß dazwischen und die Frau kam hechelnd im Aufzug zum Stehen.

"Vielen Dank! Sie sind die Beste, da haben Sie mir gehörig den Arsch gerettet", japste sie.

"Kein Problem", lächelte ich. "Sind Sie neu hier?" Ich hatte sie noch nie zuvor hier im Gebäude gesehen.

"Nicht so wirklich. Ich habe schon mal hier gearbeitet, war aber die letzten zwei Jahre freigestellt, weil ich Zwillinge bekommen habe", antwortete sie.

Wow. Dafür, dass diese Frau Zwillinge bekommen hatte, sah sie aus wie ein Model.

"Was dagegen, wenn ich Du sage?", lächelte ich. Sie schüttelte lachend den Kopf. "Absolut nicht, ist mir sowieso lieber. Ich fühle mich sonst immer so alt!"

"Wie heißt du?", fragte ich.

"Oh, wie blöd von mir! Ich bin Melissa, und du?" Sie hielt mir die Hand entgegen, woraufhin der Papierstapel erneut gefährlich zu wackeln begann.

"Gianna, aber nenn mich ruhig Gia", sagte ich. Dann glitten die Aufzugtüren schon auf. Wir befanden uns im siebten Stock. "Hier muss ich raus. Vielleicht sieht man sich ja wieder."

"Würde mich freuen", antwortete Melissa. Dann stieg ich aus dem Aufzug aus.

"Kennst du eigentlich jede Menschenseele in dieser Firma?", hörte ich meinen Boss Steve kichern. "Quatschtante."

"Das ist nicht nett! Nur weil ich freundlich bin heißt das nicht, dass ich eine Quatschtante bin. Und Melissa ist sehr nett, was du wüsstest, wenn du nicht immer nur vor dem Spiegel stehen würdest", zwinkerte ich mit ein wenig Ironie. Mein Boss Steve war wirklich schwer in Ordnung. Ich verstand mich super mit ihm und ging auch oft in der Pause mit ihm etwas essen oder er half mir dabei, Besorgungen zu machen.

"Schwing deinen knackigen Hintern an die Arbeit, Süße", rief er und klatschte in die Hände. Man konnte allein an seiner Art zu reden erkennen, dass Steve schwul war. Und das fand ich wirklich toll, da er immer lustig drauf war und einen zum Lachen bringen konnte. Nebenbei war er auch eine super Beratung, was Mode anging.

"Denk dran, ich bin nicht dein Beuteschema", lachte ich, während ich zu meinem Schreibtisch lief.

"Das vielleicht nicht, aber ich bin nicht blind." Er wackelte anzüglich mit den Augenbrauen. Tja, so war Steve nun einmal. Man musste ihn so nehmen, wie er war und ich mochte ihn unheimlich.

"Was gibt's heute für mich zu tun?", fragte ich und stellte meinen Kaffee ab.

"Heute ist nicht so viel los, kann gut sein, dass du zwei Stunden eher gehen kannst." Na das war doch eine Antwort, die man gerne hörte.

Ich machte mich direkt an die Arbeit und kontrollierte alle Geldflüsse, die in den letzten Stunden gelaufen waren. Alle Ein- und Auszahlungen mussten täglich kontrolliert werden, was mindestens eine Stunde pro Bereich in Anspruch nahm. Gott sei Dank gab es eine ganze Abteilung, die die Bereiche unter sich aufteilte, sonst würde ich in meinem Beruf wahrscheinlich nichts anderes mehr machen. Als ich fertig mit der Kontrolle war ging ich die anstehenden Projekte durch. Ich hatte nicht viel Ahnung vom Verkauf, dafür aber sehr viel von Buchhaltung und ein großes Projekt fiel mir direkt ins Auge. Mir klappte der Mund auf bei den Kosten, die mir angezeigt wurden. Für dieses Projekt sollte über eine Milliarde Dollar ausgegeben werden.

"Steve!", rief ich. Das konnte unmöglich stimmen. Damit würde fast kein Kapital mehr bleiben, um die restlichen geplanten Projekte umzusetzen.

"Was gibt's?", fragte er.

"Guck dir das an, das kann unmöglich stimmen. 1,2 Milliarden Dollar für ein einziges Projekt! Selbst mit einem guten Puffer ist das viel zu viel. Damit sind die restlichen Planungen nicht zu finanzieren!"

Steve bekam ebenfalls große Augen, als er sich die Summe näher ansah.
"Burton hat gesagt, dass dieses Jahr ein riesiges Projekt ansteht, was sehr viel kosten wird. Aber so viel?" Er fuhr sich durch die Haare. "Tust du mir einen Gefallen und siehst dir die einzelnen Planungsunterteilungen an?"

"Natürlich." Ich druckte mir die Planung des Projekts aus und machte mich mit einem orangenen Marker bewaffnet an die Arbeit. Ich ging jedes noch so kleinste Detail durch. Und plötzlich wurde ich stutzig.

"Und? Bist du schon schlauer?", erkundigte sich Steve.

"Noch nicht, aber gleich vielleicht. Kommst du mal kurz schauen?" Ich zeigte auf die einzelnen Punkte. "Schau dir die Punkte an. Sieh dir die Preise an, die hier veranschlagt werden."

Steve runzelte die Stirn, während er die Tabelle überflog. "Was stimmt damit nicht?"

"Genau, das habe ich mich zuerst auch gefragt. Aber sieh genauer hin. Schau dir die Grundstücksbewertung an." Ich wartete gespannt darauf, ob ihm der Fehler auffiel. Nach zwei Minuten konnte ich förmlich sehen, wie der Groschen fiel.

"Es sind 100.000 Dollar zu viel." Steve wurde bleich.

"Genau!", rief ich. "Jetzt schau dir die anderen Punkte an. Fällt dir was auf?"

Er brauchte ein wenig länger, um zu verstehen, was ich meinte, doch als es bei ihm klickte, wurde er zugleich blass und rot im Gesicht. "Es sind fast überall zu hohe Summen angesetzt. Zwar nur minimal, aber trotzdem zu hoch!"

Der Fall war klar. Irgendjemand in dem Unternehmen, der mit dem Projekt etwas zu tun hatte, versuchte, das Unternehmen um schlappe 330 Millionen Dollar zu betrügen.

"Wie kann sowas passieren? Und wie zum Teufel ist dieses Projekt abgesegnet worden? Wem fällt bei einer genauen Prüfung nicht auf, dass 330 Millionen Dollar zu viel veranschlagt wurden?" Steve war nun feuerrot im Gesicht. Wir hatten gerade ein riesiges Problem entdeckt.
"Wurden die Summen schon ausgezahlt?", stieß er plötzlich hervor. Ich rief mir die Geldflüsse auf.

"Ich habe keine unstimmigen Geldflüsse entdeckt und die anderen auch nicht, sonst würde es eine Meldung geben", murmelte ich vor mir hin.

"Entweder bescheißt bei uns einer oder die Daten wurden angepasst. Da!", sagte Steve. Ein paar Millionen Dollar waren bereits investiert, doch nicht alles. "Das muss sofort zu Burton. Wir müssen alle Zahlläufe stoppen, tu es!"

Es war eine Katastrophe, sämtliche Vorgänge zu stoppen, doch die Konsequenzen, wenn wir es nicht tun würden, wären noch sehr viel größer. "Ich brauche deine Genehmigung." Steve tippte seine Kennung und seine Pin ein, um alle Zahlläufe zu stoppen.

"Wir gehen sofort nach oben zu Burton. Nimm die Liste mit. Ich sage nur kurz den anderen Bescheid", murmelte er leise. "Und du wirst niemandem sonst davon erzählen."

"Alle bitte mal zuhören, wir haben einen Systemfehler! In den nächsten zwei Stunden werden keine Buchungen möglich sein, also bearbeiten Sie die Post und wenn Sie fertig sind, gönnen Sie sich eine ausgiebige Pause. Ich werde Sie benachrichtigen, wenn wir alle weiterarbeiten können!", rief Steve an alle gewandt.

Danach verließ er den Raum und ich folgte ihm hastig in den Aufzug.

"Was wirst du sagen?", fragte ich, da Steve die ganze Zeit nervös auf und ab tigerte.

"Ich hab absolut keine Ahnung. Ich werde einfach die Situation schildern und hoffen, dass er nicht den Boten tötet." Ich musste bei seinen Worten leicht schmunzeln. Ich hatte Mr Burton noch nie kennengelernt, ich wusste nur, dass er ein eiskalter Geschäftsmann war. Aber eins war klar, begeistert sein würde er sicherlich nicht.

Im fünfzehnten Stock angekommen öffneten sich die Aufzugstüren. "Gia? So sehen wir uns wieder!"

"Hey Melissa", lächelte ich. Sie war offensichtlich die Sekretärin von Burton. "Das ist mein Boss Steve. Wir möchten zu Mr Burton, es ist sehr dringend."

"Ich schaue eben in seinen Terminkalender ... hm", machte sie stirnrunzelnd, während sie auf ihrer Tastatur tippte. "Er ist momentan in einer wichtigen Besprechung, kann ich ihm etwas ausrichten?"

"Miss, wir müssen Mr Burton persönlich sprechen und es ist wirklich ungeheuer wichtig", meldete sich Steve zu Wort.

In dem Moment klingelte das Telefon von Melissa. Mir war gar nicht aufgefallen, dass sie ein Headset trug, bis sie den Anruf annahm, indem sie ihre Hand zu ihrem Ohr führte und das Headset berührte.

Ich hörte eine tiefe Stimme schnell sprechen. "Sir, wenn ich Sie gerade am Telefon habe, hier sind zwei Mitarbeiter, die Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen wollen."

Sie blickte uns an. "Namen?"

"Steve Carter und Gianna Maxwell", sagte Steve. Melissa gab die Namen weiter.

Eine große Bürotür öffnete sich und ich sah zum ersten Mal in meinem Leben Mr Burton persönlich.

Ich schwärmte nicht oft für Männer, doch bei diesem Mann vergaß ich das Atmen. Seine grauen Augen durchbohrten mich und es fühlte sich an, als würde er in mich hineinsehen können. Mich überkam eine Gänsehaut, als ich sein durchaus markantes Gesicht betrachtete. Die vollen Lippen, die hohen Wangenknochen und die dichten Augenbrauen.

Mr Burton musterte mich mit seinem eiskalten Blick, bevor er sich ohne ein Wort an Steve wandte. "Bitte, Steve. Ich hoffe für dich, es ist dringend. Sie warten hier", sagte er zu mir, bevor er sich umdrehte und in seinem Büro verschwand. Ich hatte noch nie eine so dunkle, raue und maskuline Stimme gehört. Rundum - dieser Mann war gutaussehend. So gutaussehend, dass es mir die Sprache verschlug. Doch er war, wie ich erwartet hatte - eiskalt. Ein echter Geschäftsmann eben.

"Er ist nicht von schlechten Eltern, was", flüsterte Melissa mir zu und zwinkerte. Ich brachte keinen Ton heraus.

"Warum seid ihr überhaupt hier?", wollte sie wissen.

Ich räusperte mich, um meine Stimme wiederzufinden. "Wir haben einen schwerwiegenden Fehler in einem wichtigen Projekt entdeckt. Das könnte die Firma Millionen kosten." Ich war total heiser.

"Du meine Güte, da wird er nicht begeistert sein", seufzte Melissa. "Und ich hatte mich so gefreut, dass er heute gut drauf war."

"Er wirkt sehr - professionell", sagte ich vorsichtig.

Melissa lachte daraufhin. "Du meinst wohl eher kalt. Aber ja, er ist professionell. Sonst würde sein Unternehmen mit Sicherheit nicht so gut laufen."

Melissas Telefon klingelte erneut. "Ja? ... Verstanden, Sir." Ich fragte mich, ob ihre Telefonate immer so abliefen.

"Er will, dass du in sein Büro kommst", sagte Melissa und stand auf. Ich folgte ihr zu seinem Büro, sah, wie Melissa anklopfte und kurz darauf die Tür öffnete. Sie warf mir einen aufmunternden Blick zu, bevor ich schließlich eintrat.

"Setzen Sie sich."

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