Kapitel 75
Tatsächlich schafften es Nialls und Corines Überredungskünste letzten Endes doch, dass ich mich aufraffte und zu diesem bescheuerten Ritual ging. Hautpsächlich war Niall dafür verantwortlich gewesen, aber ich gönnte Corine den Glauben an ihrem Erfolg. Niall hatte ich die Woche über oft zu sehen bekommen, wir hatten uns unterhalten wie normale Menschen, was ich als Fortschritt wertete. Außerdem hatte Corine aufgehört, ständig Knutschgeräusche von sich zu geben, sobald Niall und ich in unserer Ecke standen und quatschten. Es war...cool. Einfach nur cool. Mit Corine ging ich Dienstags und Mittwoch nach der Schule Tee, beziehungsweise Kaffee, trinken. Wir hatten abgemacht, das Thema Kimberley zu meiden und es klappte eigentlich gut. Den Teufel, also Kimberley, traf ich die gesamte Woche über nicht. Entweder er hatte es von sich aus aufgegeben und beschlossen, mich in Ruhe zu lassen mit seinen Lügen oder..Etwas anderes wollte ich mir nicht vorstellen. Donnerstag bekam Grant Frauenbesuch, weswegen ich mich frühzeitig aus dem Staub machte. Schön und gut, dass er sich auf einmal wieder mit Virginia Stacy traf, aber ich hatte wenig Lust darauf, sie außerhalb ihres Berufes zu sehen - und das, obwohl ich vermutlich ihr größter Fan auf der gesamten weiten Welt war. Widerwillig hatte ich Wodka in den Park ausgeführt, wo ich die Enten wiedertraf.
Ich hatte insgeheim gehofft, dort endlich etwas von Nialls Dad zu hören, doch er tauchte nicht auf. Da hatte er gesagt, ich würde mein Versprechen brechen! Von wegen. Ich war sauer und enttäuscht. Dieser tote Mann war meine einzige Chance gewesen, herauszufinden, was in der Stadt sein Unwesen trieb. Aber auch am Freitag erschien er mir nicht. Die Woche verging wie im Flug, ohne bedeutende Vorkommnisse und schließlich fand ich mich auf Grants altem Fahrrad wieder, über Äste und Steine fahrend, direkt in mein Verderben. Es war Samstag, leichter Schnee lag auf den Straßen, trotz der Tatsache, dass wir erst Anfang Oktober hatten, und die Mutprobe stand kurz bevor. In einigen Stunden würde man Corine und mich etwas tun lassen, was uns nicht gefallen würde, hatte Daizy Mittwoch in der Mittagspause erklärt. Na super, hatte ich innerlich gedacht. Ich war kurz davon gewesen, ihr das schadenfrohe Grinsen aus dem Gesicht zu wischen. Niall und Corine hatten nichts an meiner Einstellung geändert. Das Aufnahmeritual war dämlich. Ich hatte mich mit Corine verabredet, an der Eiche, die den Treffpunkt bildete. Wir waren früher da als der Rest, zumindest gingen wir davon aus, und konnten uns deswegen seelisch auf das Desaster vorbereiten. Allerdings waren wir keineswegs die ersten.
Als ich auf die Lichtung fuhr, klappte mir fast die Kinnlage runter, so viele Jugendliche standen um die Eiche herum und unterhielten sich. Die meisten hatten Plastikbecher in den Händen, dabei zeigte meine nagelneue Armbanduhr erst den frühen Nachmittag an. Was machten diese Leute so früh hier? Und warum tranken sie schon? Corine kam auf mich zugeschnellt, während ich Grants lilafarbenes Fahrrad in der Nähe an einen Baum kettete. "Weißt du, was die alle hier wollen?", fragte ich, nachdem wir uns umarmt hatten. Sie seufzte. "Daizy kam keine fünf Minuten nach mir. Und ihr folgten Millionen von Jugendlichen, die wir vom Sehen kennen. Ganz viele aus meinem Philosophiekurs. Jedenfalls hab ich sie darauf angesprochen. Sie meinte nur, die wären unser Publikum." Ich stutze. Unser Publikum? "Lassen die uns splitterfasernackt in der Mitte eines Kreises stehen und bemalen uns mit komischen Runen? Oder wozu der Aufwand?", empörte ich mich. Corine lachte. Dabei war ich vollkommen ernst. Allmählich befürchtete ich, meine Vermutung könnte sich bewahrheiten. "Willst du wissen, was ich glaube? Oder was ich mitgekriegt habe, als ich Daizy und ihren Freund - der steht, nebenbei bemerkt dort hinten und gafft uns an - belauscht habe?" Ich fuhr herum. Dort stand Nik, einen Becher, der bestimmt mit Bier gefüllt war, in der Hand. Er sprach gleichzeitig mit Daizy und schaute zu uns rüber. Ich mied seinen Blick, wusste trotzdem, dass er schaute wie ein Löwe, der seine Beute entdeckt hatte. Was tat der Kerl hier? Er gehörte nicht zur Schule und auch nicht zu Corine oder mir. Und heute Abend ging es doch um uns und unsere Aufnahme oder? Ich bekam das Gefühl, dass dieser Abend weitaus wichtiger war, als ich gedacht hatte. Irgendetwas lag in der Luft. Ich wusste nur nicht, ob es Niks starker Geruch nach Deo oder eine Verschwörung war.
"Erzähl schon", wies ich Corine an. Dann nahm ich meine Tasche vom Gepäckträger des Fahrrads und warf sie mir über die Schulter - nebenbei bemerkt, die Tasche, in der die Pistole steckte. Ich ging auf Nummer sicher, hatte ich das vorher schon mal erwähnt? "Also, viel war es nicht, weil Daizys Freund mich entdeckt hat, bevor sie zum Punkt kamen. Aber Daizy sagte irgendwas von einem Baumhaus und dabei hat sie gegrinst." Ohje. Meine Augen wanderten zu der Eiche, in deren Ästen das Baumhaus verweilte. Sollten wir womöglich runter springen? Kaum hatte ich das gedacht, war es um meine Gelassenheit geschehen. Ich stolperte zurück zu meinem Fahrrad und war im Inbegriff, das Schloss wieder zu öffnen. Doch eine neue Stimme hinderte mich daran. Niall. "Was genau machst du da?", erklang es, keinen Meter hinter mir. Corine vermutete: "Ich glaube, sie will abhauen." Ein Seufzen verließ Nialls Mund. "Ruby, du wirst doch jetzt keinen Rückzieher machen! Soll ich dir was sagen? Diese Mutprobe ist lächerlich und für dich vermutlich ein Kinderspiel." Ha ha. Der war gut. Beinahe hätte ich gelacht. "Klar, weil ich früher mal bei den Pfadfindern war", spottete ich. Ich stützte mich am Sattel ab, drehte mich nicht zu ihnen um. Aber wenigstens hielt ich das Schloss nicht mehr in der Hand. Diese Blöße würde ich mir kein zweites Mal geben. Niall sollte nicht denken, ich sei ein Schisser. Naja, ich war zwar ein Schisser...Doch niemand durfte das erfahren. "Wirklich?" Corine klatschte in die Hände. "Das ist obercool. Ich wollte immer mal solche Abzeichen sammeln und im Wald rumlatschen." Kurz verdrehte ich die Augen. "Das war ein Scherz, Corine." Trotzdem amüsierte es mich. "Oh, na dann....Wenigstens kannst du noch scherzen!"
"Genau", meinte Niall. Endlich hatte ich mein wildklopfendes Herzen so weit beruhigt, dass ich mich umdrehen konnte. Doch als ich das getan hatte, war Niall längst weg. "Mach dir nichts draus. Er kommt und geht, wann er will", sagte Nik, der an uns vorbei ging. Zwar sah er mich dabei nicht an, aber ich wusste, dass es an mich gerichtet war. Corine starrte ihm hinterher. "Unsymphatischer Typ", grummelte sie. "Da hast du recht", sagte ich.
Baaaaaald. omg ich freu mich muhahahahahaha. Der sadist in mir kann es kaum noch abwarten xxx
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