Kapitel 70

"Nein, ich spinne, wie du es so schön ausdrückst, nicht." Nialls Dad schlug das rechte Bein über das linke Bein und starrte mich unausweichlich an. "Ich bin bloß ein Vater, der seinen Sohn liebt. Dir dürfte es wichtig sein, dass wenigstens Niall Vaterliebe zuteil wird." Worauf spielte er an? Ich kniff die Augen zusammen. Er hatte unseren Gesprächen ziemlich gut zugehört, konnte das sein? "Was willst du damit sagen?" Aus Vorsicht stellte ich meine Tasse Tee auf dem kleinen Wohnzimmertisch ab. Momentan hatte ich den starken Drang, diese nämlich in Griffins Gesicht zu schütten. Allerdings war er eine Seele, weswegen der Tee auf der Couch landen würde. Und wie wollte ich Grant dies erklären? Genau, gar nicht. "Dass du ganz genau weißt, wie es sich anfühlt, nicht zu wissen, was ein Vater von seinem Kind hält." Er beugte sich leicht vor. Das war ein erwachsener Mann! Er benahm sich wie ein Teenager, der zu viel Alkohol intus hatte und das verletzte Mädchen noch mehr verletzen wollte. "Deswegen schließe ich, dass du daran interessiert bist, es Niall anders ergehen zu lassen." Meine Güte, sprach dieser Mann in komplizierten Sätzen. "Wieso sollte mich Nialls Wohlergehen interessieren?" Er lehnte sich wieder zurück, ein wissendes Grinsen auf den Lippen, das mich erstarren ließ. Nein. Nicht er auch noch! Warum dachten sie alle, zwischen Niall und mir entstünde eine Romanze? "Wir hassen uns", stellte ich klar. "Sicher?"

Ich nahm mir meinen Tee wieder und trank ihn in großen Schlücken aus. Weil er ziemlich heiß war, verbrannte ich mir Großteile meines Halses, aber in gewisser Weise tat es gut. So vergaß ich für kurze Zeit meine anderen Schmerzen. Leider hatte diese Aktion zufolge, dass ich Halsschmerzen bekam. "Einverstanden", krächzte ich. Mein Hals fühlte sich wund an. Wieso war ich bloß so dämlich gewesen und hatte den Tee hinein gekippt? Im Nachhinein war ich jedes Mal schlauer. "Was soll ich ihm mitteilen?" "Willst du dir keinen Stift und Papier holen?" Für den Bruchteil einer Sekunde starrte ich ihn ungläubig an. "Machst du Witze?", entfuhr es mir. "Nein. Nur Idioten reißen Scherze." Also machte er genau genommen doch Witze. Wie der Vater, so der Sohn. Wider Willen lief ich in mein Zimmer, holte mir einen Kugelschreiber und einen kleinen Zettel. Zurück bei Griffin, räusperte ich mich, um das Kratzen in meinem Hals zu vertreiben. "Also schön. Diktier mir." Letzten Endes ließ mich dieser Sadist Vorder- und Rückseite des Zettels vollschreiben, sowie einen Teil meiner linken Hand. "Das wär's." Ich faltete den Zettel und legte ihn auf den Tisch neben meine Tasse(die Verräterin). "Du bist dran." Nialls Dad grinste, aber machte keine Anstalten, irgendetwas zu erklären. "Himmel, sag schon, warum du tot bist und dann mach nen' Abgang. Ich will ins Bett." Mein Geduldsfaden war beinahe komplett geplatzt. Wenn er jetzt noch länger rumdruckste, lief ich Gefahr, die Wohnung auf den Kopf zu stellen. Dazu kam, dass ich absolut reif für einen hundert-jährigen Schlaf war - oder mindestens mal für einen Winterschlaf. Wieso konnten wir Menschen nicht den ganzen Winter durchschlafen? Unfaire Sache.

"Zuerst richtest du meinem Sohn die Nachricht aus. Dann bekommst du deine Erklärung." Er manipulierte mich. Fassungslos öffnete ich den Mund...und schloss ihn prompt wieder. Nialls Dad mochte ein Idiot sein, doch er machte ganz eindeutig keine Scherze. "Mistkerl", röchelte ich. "Das ist nur fair, Cherubyn. Wie soll ich wissen, dass du es tatsächlich erledigst, wenn ich meinen Teil des Deals schon einlöse? Du könntest sofort im Anschluss diesen Zettel zerreißen und meine Chance auf ein gutes Ende wäre ausgelöscht." Hier ging es sowieso nur um sein Gewissen. Nicht um seinen Sohn. Das, was er mich hatte aufschreiben lassen, zeugte von Lügen, die er sich selbst ebenso auf die Nase band wie Niall. Meiner Meinung nach, war Niall besser dran, ohne von der Nachricht zu erfahren. Natürlich hätte ich den Zettel direkt zerrissen. "Werde ich nicht, Ehrenwort!", log ich und verkreuzte zusätzlich die Finger der linken Hand, die den Henkel der Teetasse umschlang. "Nein, ich gehe lieber auf Nummer Sicher. Sobald du Niall meine Nachricht gegeben hast, komme ich wieder." Ich schüttelte den Kopf. Doch er stand bereits auf. "Woher wissen sie denn, wann ich ihm die Nachricht gebe?" Oder ob ich es überhaupt tat. "Als Toter hast du deine Augen überall. Ich könnte es dir veranschaulichender machen, aber da ich denke, dass du es selbts bald herausfinden wirst, tue ich es nicht." Dieser Mann war nicht nur ein Mistkerl. Er war der Alptraum jedes Kleinkinds. Das Monster, das unter dem Bett schlief und darauf wartete, dass das Kind einschlief, damit es es verschlingen konnte.

Ich biss mir auf die Innenseite meiner Lippe um den Tränen nicht nachzugeben. Er hatte mich getroffen. Aber sowas durfte mich nicht verletzen. Dieser Mann kannte mich nicht. Und wenn schon. Dann hatte er seine Augen eben überall. Trotzdem konnte er nicht wissen, wie es um mich stand. Ich würde noch nicht sterben, nicht in allzu ferner Zukunft. Ich war jung und naiv und ich verdiente es zu leben. Genauso wie Niall. Wir würden diese Sache überleben. Wir würden sie alle überleben. Nicht, weil wir besonders waren, sondern weil wir das schaffen würden. Ich glaubte daran, dass wir nicht das Ende der Menschheit brachten. Ich war lediglich ein Teenagermädchen mit verrückten Fähigkeiten und Eigenschaften. Und Niall war lediglich ein Idiot, der dachte er sei besonders. "Ich werde nicht sterben", sagte ich laut, doch Nialls Dad war längst verschwunden. Er hatte sich einfach in Luft augelöst. Vielleicht hatte ich ihn mir die ganze Zeit eingebildet. Hoffnung erfüllte mich, ehe ich den Zettel erblickte, der auf dem Wohnzimmertisch lag. Meine Hand stellte Beweisstück Nummer zwei dar. Ich würde die nächsten Tage nicht duschen können, schoss es mir durch den Kopf. Es sei denn ich wollte riskieren, die letzten Worte der Nachricht zu übersehen, was ehrlich gesagt, kein Weltuntergang gewesen wäre. Nialls Dad meinte seine Worte so ernst, wie ich, wenn ich davon sprach, dass ich Kaffee liebte. Was auch immer, tat ihm nicht leid, weswegen ich meine Hand genauso gut hätte waschen können.

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