Kapitel 26

"Also...", fing ich an. Kim plumpste auf sein Bett, das ebenfalls durch und durch weiß strahlte. Ich tippte auf eine Vorliebe für diese Farbe. "Lass mich raten, deine Lieblingsfarbe lautet..." Er nickte. "Weiß", sagten wir gleichzeitig. Schmunzelnd rückte ich einige Blätter auf seinem Schreibtisch von links nach rechts. Ich musste dem Drang widerstehen, sie zu sortierten. "Gestern war ziemlich aufwühlend", meinte ich dann. Ich hielt die Luft an. Würde er drauf eingehen? Erinnerte er sich an den Brand? Beinahe wäre ich vor Anspannung vom Stuhl gefallen. "Tatsächlich." Was? Tatsächlich? Mehr fiel ihm nicht ein? "Die Kneipe muss dir ziemlich viel bedeutet haben." Lange Zeit erwiderte er gar nichts. Mir ging fast die Puste aus, weil ich völlig vergaß wieder Luft zu holen. "Ja, das hat sie. Als ich es heute morgen in der Zeitung las, bin ich fast gestorben." Verarschen konnte ich mich selbst. "Heute morgen?" Ich biss mir in die Wange, damit ich nicht brüllte. Wieso taten diese Leute so, als sei nichts gewesen? "Ja, wann hast du davon erfahren?" Ich drehte mich im Schreibtischstuhl um, ein Blatt Papier mit komischen Rechnungen darauf, in der Hand. "Könntest du den Quatsch sein lassen?", empörte ich mich. Um meine Fassung war es geschehen.

"Ihr denkt vielleicht alle, dass ihr mich in die Irre führen könnt, indem ihr behauptet, der gestrige Nachmittag sei nie stattgefunden, aber ich habe Erinnerungen. Ich bin ein Mensch, der genauso sehr die Fähigkeit besitzt, sich an gewisse Dinge zu erinnern, wie ihr. Also tu nicht so scheinheilig, als hättest du heute morgen wirklich Zeitung gelesen. Ich weiß genau, dass du niemals freiwillig einen Comic in die Hand nimmst!" Er schwieg. Hätte ich in diesem Moment in seine Seele geblickt, wäre sie bestimmt nicht mehr so weiß und rein gewesen, wie anfangs gedacht. Selbst der Raum schien ein wenig an Farbe zu verlieren. Hah! "Sag was!", forderte ich ihn auf. Dieses Schweigen war nicht auszuhalten. Ich hatte ihn doch entlarvt! Länger konnte er mir nichts vormachen. "Entweder du bist verrückt oder du bist verrückt", meinte er schulterzuckend. "Bitte?" Meine Stimme klang zu schrill. Ich erwartete jede Sekunde, dass seine Mum ins Zimmer gestürmt kam und fragte, was los war. Aber sie kam nicht. Stattdessen kam ausgerechnet jemand ins Zimmer gestolpert, den ich absolut nicht gebrauchen konnte. Seine Lügen hatten mir noch gefehlt!

"Kim, alter, kannst du deine Mum drum beten, mir nie wieder Kekse andrehen zu...Cherubyn." Ich starrte Niall an. Seine Hand, die nun nicht mehr in einem Handschuh steckte, umfasste den Türgriff. Missachtete man die Tatsache, dass er den Türgriff so fest hielt, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten, stachen einem sofort mehrere Dinge ins Auge. Brandwunden. Überall auf seinen Händen. Er musste höllische Schmerzen haben. Irgendwie ließ mich das Gefühl nicht los, er hatte sich die Brandwunden gestern Abend zugezogen. Konnte es sein...? Unsinn. "Was ist ein...Cherubyn?", fragte Kim, der anscheinend möglichst verdrängen wollte, worüber wir vorher geredet hatten - worüber ich vorher geredet hatte. Während ich die Stirn runzelte, begann es in meinem Kopf zu rattern. "Das bin ich", stellte ich fest.

Es war lange her, dass mich jemand bei diesem Namen genannt hatte. Zuletzt vermutlich Leiterin Barbara, als sie mich wegen irgendeinem Diebstahl rügte. Eine Ewigkeit schien seither vergangen zu sein. Deshalb hörte sich dieser Name fremd an. Vor allem aus Nialls Mund. Kim schwieg. "Woher kennt Niall meinen richtigen Namen?", sprach ich meine Gedanken an niemanden bestimmten aus. Ich schaute zu dem gefühlskalten Mistkerl, kniff die Augen zusammen. Er fuhr sich durch die Haare und zum ersten Mal sah ich so etwas wie eine Emotion in seinen Augen. Was komisch war, weil ich ja eigentlich nicht in seine Augen schauen konnte. Doch auch dieses Mal hielt mich etwas davon ab, in seinen Seelenraum einzudringen. "Das war bloß doof daher geredet", murmelte Niall. Angst lautete besagte Emotion. Er hatte Angst. Wovor? "Klar, weil auch jeder zweite mit Vornamen Cherubyn heißt", gab ich zurück.

Doof daher geredet, dass ich nicht lachte. Ha ha. Ich war mir mehr als doppelt sicher, dass er log. Endlich hatte er sich verraten. "Keine Sorge, Kim. Ich bin weder verrückt noch verrückt." In meinem Köpfchen lief alles wie am Schnürchen. Niall rieb sich über den Nasenrücken, schloss die Augen, nur um sie zwei Sekunden später wieder zu öffnen. Ich beobachtete ihn dabei - alle seiner Bewegungen. Womöglich zeigte sich im Laufe der Zeit noch mehr Verborgenes. "Was hast du mit deinen Händen gemacht, Niall? Getestet, in wieweit der Ofen schon an ist? Oder warst du gestern im Wald, bist durch Rauch gewatet und hast mein Leben gerettet?" Stille. Nimand rührte sich. Dann schlug die Tür hinter Niall zu. Die Angst verließ seine Augen. An ihre Stelle trat Wut. Ich frohlockte. Er besaß Gefühle. Vielleicht besaß er auch eine Seele!

Auf einmal passierte alles innerhalb eines Augenschlags. Der Stuhl, auf dem ich saß, wurde gegen die leere Wand zu meiner Rechten geschleudert. Aus Kims Richtung ertönte ein dumpfes Pong. Dann sank sein Kopf auf das Bett. Er schlief. In dem Moment, in dem ich mitsamt Stuhl gegen die Wand prallte, erfasste mich ein heftiger Windstoß, fegte die Regale an einer anderen Wand zu Boden. Spätestens jetzt hätte Kims Mum erscheinen müssen. Das Fenster des Raumes ging auf. Kühle Herbstluft wehte herein. Ich hielt mir den Rücken, der anfing wehzutun. Weitere Dinge flogen durch die Luft, doch meine Aufmerksamkeit blieb an etwas anderem hängen. Die Stelle, an der Niall gestanden hatte, war leer. Er war weg. Vermutlich hätte jeder andere in meiner Lage sich ernsthafte Sorgen um seine Gesundheit gemacht. Ein Junge, der sich in Luft auflöste und Dinge durch die Gegend warf ohne sie zu berühren? Ich zweifelte nicht daran, dass er das getan hatte. Wie sonst hätte ich, inklusive Stuhl, zwei Meter entfernt landen können? Stühle bewegten sich nicht einfach so - insbesondere nicht durch die Luft. Jeder andere hätte außerdem sofort die Flucht ergriffen, sich gefürchtet, wäre, weiß der Geier vom wie vielten, Stockwerk gesprunge. Ich fand es aufregend.

Mein ganzes Leben über war nichts passiert. Ich hatte zwar gelebt, aber irgendwie auch nicht. Täglich hatte ich denselben Rythmus gehabt, war aufgestanden, hatte gefrühstückt, ein bisschen gelernt, gegessen, weiter gelernt, gelesen, gegessen und geschlafen. Mehr nicht. Und plötzlich und unerwartet änderte sich alles. Ich war mir nicht sicher, ob ich mir das alles nicht bloß einbildete. Vielleicht wachte ich gleich auf meiner unbequemen Matratze im Waisenhaus auf und stellte fest, dass das alles nie stattgefunden hatte. Kein Grant, der mich abholte, kein Staubsaugerfiasko, kein seelenloser Macho mit verwirrenden Fähigkeiten und keine toten Menschen, die ich fand. Aber für den Augenblick glaubte ich fest daran. Glaubte fest daran, mein Traum könne Wirklichkeit werden. Ich hoffte mit ganzem Herzen. Vielleicht schaffte ich es, die Heldin in meinem eigenen kleinen Roman zu sein. Zumindest wollte ich das versuchen. Selbst wenn ich irgendwann aufwachte.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das beibehalte. Dieser Schreibmoment, wenn du spontan etwas schreibst und es eigentlich gut ausgeht. Ja, so lief das eben. Aber wer weiß, vier Tage bis das Kapitel on kommt, bis dahin ändert sich eh noch mal was. xxx (Einfügung: Ja, es ist so geblieben wie ich es vor vier Tagen geschrieben habe. Ich habs durchdachte und bin einigermaßen okay damit haha, mehr gibts nicht dazu zu sagen, xxx hoch zwei)

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