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Langsam ließ ich den Brief zu Boden sinken..
Tränen liefen mir übers Gesicht und tropften von meiner Nase auf meine zusammengefalteten Hände.
Lange Zeit saß ich so da und weinte vor mich hin. Ich hatte gar nicht gemerkt wie die Zeit vergangen war. Erst als die Haustür klingelte, stellte ich mit Schrecken fest, dass Phil und Dave schon lange Schluss hatten.
So schnell ich nur konnte packte ich meine Schlüssel, Jacke und Schuhe und flitzte zur Tür. Ich riss diese auf und wich ruckartig zurück.
Vor mir stand ein verschwitzter Phil mit einem erschöpften Dave auf den Schultern. Augenblicklich bekam ich ein schlechtes Gewissen. Wie konnte ich die beiden nur vergessen.
"Soviel dazu, dass du uns von der Schule ab...." Fing Phil an wütend zu schreien, doch verstummte sofort als er mein verheultes Gesicht sah.
Er ließ Dave vorsichtig runter und sah mich besorgt an.
"Was ist passiert, Ari?"
Schnell wand ich mich ab und schüttelte nur den Kopf. Reden konnte ich in so einer Situation nicht.
Arizona Hope!! Reiß dich gefälligst zusammen! Du hast es deinem Dad versprochen, dass du stark bleibst, doch was gibst du jetzt für ein Bild ab?!
"Ari?"
Ich drehte mich zu Dave um und ging vor ihm in die Hocke.
"Was ist mein Liebling?"
"Bist du traurig?" Diese großen blauen Augen! Man sah nur Ehrlichkeit in ihnen. Wie könnte ich denn jetzt eiskalt lügen und sagen dass alles gut sei? Aber ich könnte auch nicht die Wahrheit sagen.
Wortlos nahm ich den kleinen in den Arm: "Es wird schon alles"
Mit seiner Hand wischte er mir eine Träne weg.
Phil räusperte sich im Hintergrund.
"Ich hab gehört wir bestellen heute Pizza?"
Dankbar sah ich ihn an, denn ich hatte tatsächlich noch gar kein Essen fertig.
"Ist das wahr Ari?" Dave sprang jubelnd im Raum herum.
"Aber nur wenn du jetzt hoch gehst und dich umziehst."
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Am Abend als Dave schon im Bett lag saßen Phil und ich noch im Wohnzimmer zusammen.
"Was war eigentlich los? Willst du darüber reden?"
Stumm reichte ich ihm den Brief.
Nachdem er ihn gelesen hatte sah er mich geschockt an. Tränen traten in seine Augen und er presste die Hände vor dem Mund zusammen.
Liebevoll nahm ich meinen kleinen und doch schon so erwachsenen Bruder in den Arm.
"Aber... Aber.. Das geht doch nicht!! Dad! Er hat doch nichts getan!!"
"Shh Phil! Dave soll davon nichts erfahren!"
"Ari! Das geht nicht! Da ist ein Fehler! Dad kann doch nicht.. Er kann doch nicht!"
Und das war der Moment an dem ich auch nicht mehr an mich halten konnte. Wir hielten und aneinander geklammert und weinten.
"Wann?" Flüsterte Phil leise.
"Ich weiß es nicht..."
Er sah mir in die Augen.
"Dürfen wir ihn noch sehen?"
Ich nickte mit dem Kopf.
"Ja morgen! Wir fliegen morgen. Ich hab mich bei Nina schon abgemeldet und euch melde ich morgen früh auch von der Schule ab"
"Was?! Nein, Dave kann doch nicht mit! Er soll das nicht erfahren. Er wird es eh nicht verstehen und..."
"Phil!" Ich hielt ihn eine Armeslänge von mir entfernt. "Auch Dave hat das Recht deinen Vater noch ein letztes Mal zu sehen! Wenn er älter wird und es dann erst erfährt dass er seinen Vater damals das letzte mal gesehen hat, wird er kein Wort mehr mit uns reden."
Es tat weh diese Worte laut auszusprechen!
"Das nehme ich ihn Kauf Ari! Doch ich werde nicht zulassen, dass seine Kindheit dadurch kaputt geht."
Mit diesen Worten stand er auf und ging hoch in sein Zimmer.
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Am nächsten Morgen ging alles sehr schnell. Ich meldete die Jungs in der Schule ab. Auch wenn Phil total dagegen war, bestand ich darauf Dave mitzunehmen.
"Wohin fahren wir?" Hatte er gefragt.
"Fahren wir in den Urlaub, wie auch andere Familien?"
Ich hatte nur mit dem Kopf geschüttelt. "Nein Dave. Wir fahren Paps besuchen"
Die Zeit verging schnell und es dauerte nicht lange als wir in Washington ankamen. Genauso schnell hatten wir das Staatsgefängnis erreicht. Von außen hätte ich niemals gedacht, dass dies ein Gefängnis sei.
Es war einfach eine riesige Halle mit sehr wenigen Fenstern.
Zwei Beamte brachten uns rein. Auf Daves erstaunten Blick als wir auf Waffen, Drogen etc. durchgeleuchtet wurden erklärte Phil nur, dass das nur aus Spaß gemacht wurde und, dass es eine Art Hotelservice war. Daraufhin schaute ich ihn nur strafend an.
Phil erklärte sich bereit bei Dave zu bleiben, damit ich erstmal alleine mit Dad reden durfte.
Ich wurde in einen grauen kalten Raum gebracht wo nur ein Tisch mit Stühlen stand. Vorsichtig setzte ich mich auf einen.
Ich wusste nicht wie ich mich darauf vorbereiten sollte, meinen Vater zu sehen. Doch dazu hatte ich gar nicht lange Zeit nachzudenken, denn schon bald öffnete sich eine gegenüberliegende Tür und mein Vater wurde in Handschellen von einem bewaffneten Beamten hereingeführt.
Mein Herz stockte als ich dieses müde, verzweifelte Gesicht sah.
So hatte ich meinen Dad noch nie gesehen.
Auch er blieb stehen und hauchte nur "Hope!" Vor sich hin.
"Daddy!!" Tränenüberströmt sprang ich auf und lief auf ihn zu. Mein Dad war der einzige Mensch der mich bei meinem zweiten Vornamen ansprach.
Ich breitete meine Arme aus und wollte, dass auch er mich in den Arm nahm doch er blieb einfach so stehen und sah beschämt auf seine Hände.
Verzweifelt wand ich mich an den Beamten:" Können sie ihm die Handschellen bitte abmachen? Ich bitte Sie!"
Dieser sah mich traurig an:" das darf ich nicht Miss! Ich darf nicht."
"Er wird nichts tun. Ich verspreche es Ihnen! Bitte! Darf ich meinen Vater nicht noch einmal in den Arm nehmen?!"
"Miss Sie müssen doch verstehen, dass ich das nicht darf sonst..."
"Nein sie müssen das verstehen! Mein kleiner Bruder ist 8! Er wird seinen Vater heute das letzte mal sehen und er weiß es nicht mal!! Wie können sie nur so hart sein?!"
Auch meinen Dad liefen die Tränen runter bei der Erwähnung von Dave. Ich hatte nie miterlebt, dass mein Vater jemals geweint hatte.
"Sie versprechen mir nichts unbedachtes anzustellen?"
Mein Dad nickte und zögernd schloss der Beamte die Handschellen auf.
Das erste was mein Dad tat war dass er auf mich zulief und mich wie ein kleines Kind auf seinen Arm hob.
"Mein kleiner Engel, meine kleine Hope!"
"Daddy" flüsterte ich in seine Schulter.
Wir setzten uns an den Tisch.
"Paps? Kann man da noch was machen?"
Er verstand sofort und schüttelte den Kopf.
"Nein. Das oberste Gericht hat abgelehnt."
"Du bist kein Killer!" Rief ich wütend.
"Hope!" Er nahm meine Hände in die seinen. "Ich bin dabei gewesen als Morde begangen wurden. Wir sind in den Vereinigten Staaten. Nach hiesigem Recht ist es unerheblich wer geschossen hat.
Hope! Die haben es sehr eilig. Du musst dich darauf vorbereiten. Ich will nicht dass ihr an dem Tag meiner Hinrichtung hier seid. Versprich es mir meine Kleine! Versprich es mir!"
"Nein Dad, du kannst mir nicht verbieten dich noch zu sehen." Ich zog stockend die Luft ein.
"Du siehst mich bereits heute das letzte mal!" Seine tiefe Stimme klang gepresst und eiskalt.
"Dad?"
"Hohl die Jungs rein Hope ich will sie auch noch sehen"
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".... Und dann hat Alec es Mrs. Jameson erzählt und da hab ich ihn verhauen!"
"Du weißt schon, dass es falsch war oder Dave?"
"Ja Dad, aber er hat es verdient. Er hat ein Versprechen gebrochen!"
Mein Dad sah erst Phil, dann mich und schließlich wieder Dave an. Er zögerte mit seiner Antwort, als wenn er sich nicht trauen würde etwas zu sagen.
Doch dann überwand er sich.
"Man schlägt sich nicht! Egal was passiert!"
"Okay Dad" Daves Augen schauten treu in die von Dad.
"Daddy? Wann kommst du wieder nach Hause?"
Dad schluckte laut und wischte sich heimlich eine Träne weg.
"Du weißt dass ich dich und deine Geschwister über alles in der Welt liebe oder?"
Dave nickte.
"Gut. " Nervös fuhr Dad sich mit der Hand über den kahl geschorenen Kopf.
"Ich habe etwas sehr Böses getan. Etwas was ich nicht tun wollte. "
"Wie damals mit dem Eichelhäher?"
Erstaunt und verständnislos schaute ich Phil an, doch dieser schüttelte auch nur unwissend den Kopf.
"Ja genau so.
Daddy muss für sehr lange Zeit verreisen mein Kleiner!"
Er stand auf und kniete sich vor Daves Stuhl auf dem Boden hin und drückte sein blondes Köpfchen an seine Brust.
"Musst du wirklich gehen?"
Flüsterte Dave.
"Ja, ich muss."
Lange Zeit hielten Vater und Sohn sich so in den Arm. Meine Tränen fanden kein Ende. Diese Stille war unerträglich und ich musste mich zusammen reißen als Daves leise Stimme zitternd fragte:
"Und.. Und wann kommst du zurück?"
Jetzt fing Dads Rücken an zu zittern und ich wusste genau, er weinte.
"Ich komm nicht mehr zurück. Das ist nicht möglich!"
Ich fiel auf die Knie und krabbelte zu den beiden. Auch Phil kam dazu und wir umarmten uns alle zusammen.
"Daddy wird euch immer lieb haben..!"
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