11.
Seid genau 28 Minuten stand ich jetzt vor meinem Schrank und konnte mich nicht entscheiden was ich zum Abendessen anziehen sollte.
Mein Gefühl sagte mir, dass es etwas sehr schönes und besonderes sein sollte, doch mein Verstand fragte sich wozu ich mich eigentlich schick machen sollte.
Der Haufen auf meinem Bett wurde immer größer, denn jedes Kleidungsstück, dass ich aus dem Schrank holte, passte doch nicht.
Da ich nicht noch weitere kostbare Minuten meines Lebens verschwenden wollte, schloss ich kurzerhand meine Augen und holte blind etwas heraus.
Als ich meine Augen öffnete, trafen meine Augen auf ein rotes Jumpsuit, doch mit einem riskanten Ausschnitt.
Vollig verzweifelt ließ ich mich am Schrank hinunter gleiten.
"Ich hab nichts zum anziehen!" jammerte ich vor mich hin und schlug mit der Faust wie ein bockiges Kind auf den Boden.
Wie lange ich da so saß kann ich jetzt nicht so genau sagen, doch als mein Handy vibrierte löste sich meine Starre.
Hey hier ist Nick! Als kleine Erinnerung falls du es zufällig vergessen haben solltest, ich steh in 15 Minuten vor der Tür. Aber selbstverständlich hätte ich auch nichts dagegen dich wie beim ersten Mal anzutreffen ;)
Geflissentlich übersah ich den hinteren Teil der Nachricht und blieb bei den '15 Minuten' hängen. Panisch tippte ich eine Antwort.
Es tut mir sehr leid, doch ich kann leider nicht mit! Ich hab nichts zum anziehen.
Es dauerte vielleicht 30 Sekunden bis die Antwort von Nick auf meinem Bildschirm aufleuchtete.
Typisch Frauen! Aber falls du nicht auf mein Handtuch-Angebot zurückgreifen willst, zieh dir was rotes an! Passt zu mir!
Verwundert sah ich von dem roten Kleidungsstück auf meinem Schoss zum Fenster. Der Typ stalkt mich doch nicht etwa oder?
Ja toll, jetzt nur noch 10 Minuten! Ich schlüpfte in mein Jumpsuit rannte ins Bad. Aus zeitlichen Gründen bürstete ich mir nur einmal kurz durchs Haar, doch ließ es letztendlich dann doch einfach gerade runterfallen.
Als ich endlich fertig unten im Flur stand, klopfte ich mir stolz auf die Schulter.
"Was machst du da Ari?"
Blitzartig wirbelte ich herum.
Shit, ich hatte ja ganz von Davie vergessen. Schnell ging ich vor ihm in die Hocke.
"Liebling ist das okay, wenn Nina heute bei dir bleibt? Ich hab ganz vergessen zu sagen, dass ich heute Abend weg bin und Phil hat wohl auch nicht vor wieder zu kommen"
Wie ein Erwachsener schüttelte er tapfer den Kopf. Ich nahm ihn ganz fest in den Arm.
"Ich hab dich unendlich lieb, mein Engel! Wenn ich nach hause komme, komme ich nochmal zu dir ans Bett und decke dich zu! Versprochen!"
Das war bei uns in der Familie Tradition. Am Anfang war Mum es, die jeden Abend in das Zimmer von Phil und mir gekommen ist um uns nochmal ordentlich zuzudecken und uns mit einem Kuss eine Gute Nacht gewünscht hat. Nach ihrem Tod hat Dad das bei uns Dreien gemacht und jetzt hab ich die Aufgabe übernommen. Zumindest bei Dave. Phil fühlte sich natürlich schon viel zu alt dafür.
Ich wählte Ninas Nummer und sie ging auch fast zeitgleich mit dem ersten Piepton dran.
"Hey Süße, hast du Zeit? Ich brauche deine Hilfe ganz dringend!"
Ninas Stimme klang überdimensional laut, als sie antwortete. Ich brachte das Handy erstmal um eine Armeslänge weit weg von meinem Gehörorgan.
"Hi Sweeti, klar für dich immer. Vorbeikommen?"
"Ja, du musst auf Davie aufpassen!" gab ich zurück.
"Wenn es sein muss" ein lustloses Stöhnen und schon hatte sie aufgelegt.
Nina konnte sehr gut mit Kindern umgehen, das lag zum größten Teil daran, dass sie selbst 5 jüngere Geschwister hatte, weshalb sie nicht gerade in die Luft sprang wenn sie auch noch bei Davie bleiben sollte, und auch ein wenig daran, dass sie weder schreien noch schimpfen konnte, weder bei frechen Kindern noch bei mir wenn ich mal wieder zu spät zur Arbeit kam. Ja, meine beste Freundin war für alle einfach wie ein Engel ; viel zu gut für diese Welt.
Ganze 3 Minuten später klingelte es an der Tür. Ich war gerade dabei mir einen leichten Cardigan über zu ziehen und mich in meine Vans zu quetschen, weshalb Dave zur Tür lief. Doch schon bald kam er mit einem merkwürdigen Blick zurück!
"Ari, da ist ein fremder Mann mit einem Jungen und einem großen Ginger vor der Tür. Ich will da nicht aufmachen!"
Es dauerte bis es bei mir Klick machte.
Und tatsächlich: Nick stand mit Timmy und mit einem Hund, von dem ich annahm, dass es sich um Gingers Mutter handeln müsste, im Türrahmen und grinste vergnügt.
"Aria!" Timmy kam stürmischen auf mich zu gelaufen und zerquetsche meine Oberschenkel um 2 Kleidergrößen.
"Hi Timmy! Schau mal das ist mein Bruder Dave! Ihm gehört Ginger jetzt."
Ich legte meine Hand auf Davies Schultern.
"Hi Dave, nenn mich einfach Timmy und das ist mein Hund Creamy! Willst du mir zeigen wo Ginger jetzt wohnt?"
Der Gefragte bejahte freudig und schon liefen die beiden gefolgt von Creamy zu Ginger.
Man hörte Lachen und freudiges Bellen beider Hunde aus dem Wohnzimmer, doch bei uns herrschte Schweigen.
Nick musterte mich gerade von unten bis oben und ich konnte mich einfach nicht entscheiden wohin ich gucken sollte, geschweige denn meine Hände hintun.
Ein erneutes Klingeln erlöste mich von dieser äußerst unangenehmen Situation.
Diesmal stand wie erwartet Nina vor der Tür.
"Hey Sweeti. Wo ist der Bengel?"
Im Augenwinkel sah ich Nick verwirrt aufhorchen. Als Antwort deutete ich mit dem Daumen nach hinten um zu signalisieren, dass Dave drin in der Wohnstube ist.
"Ich hoffe er tut gleich was ich ihm sage, sonst muss ich ihm wohl die Hosen runter ziehen und ihn verhauen. Nein, wir werden gleich ganz viel Spaß haben!" Scherzte sie lachend, doch als ihr Blick diesen verwirrt aussehenden fremden Mann hinter mir traf, weiteten dich ihre blauen Augen und standen im auffälligen Kontrast mit ihrem hochrotem Kopf. Erst jetzt bemerkte sie die Zweideutigkeit ihrer Worte.
Genau in diesem Moment flitzten Dave, Timmy und die zwei Hunde an uns vorbei die Treppe hoch in Daves Zimmer. Dies lenkte Nina wohl von dem vorigen Geschehen ab, denn entrüstet wand sie sich an mich.
"Ich dachte die Rede war von einem Jungen und nicht von einem Zweierpack inklusiv Tierheim."
Ich drückte sie ganz fest. "Das packst du schon. Phil müsste auch gleich kommen, dann ist es nicht so langweilig für dich! Ich liebe dich Süße, einen schönen Abend noch!" Und an Nick gewand fragte ich.
"Können wir?"
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"Also, ich hab eine Allergie gegen Erdbeeren, ich brauch morgens mindestens 2 Tassen Kaffee um wach zu werden, mein Lieblingsfilm ist: Fast and Furiose, wenn ich könnte würde ich mir jeden Tag neue Schuhe kaufen, ich liebe Katzen, ich..."
"Was soll das jetzt?" Nick sah mich belustigt von der Seite an, als wir den Bürgersteig zu unseren Nachbarn entlang gingen.
"Wenn du schon so eine schwachsinnige Idee hattest, dass wir den Boltings das liebende Paar vorspielen, sollten wir wenigstens das Nötigste voneinander wissen!"
Fröstelnd zog ich meinen Cardigan enger um meinen Körper.
"Ich hab keine Allergien, war seit Jahren nicht mehr im Kino, mach mir nichts aus Schuhen und Katzen: kann ich auf den Tod nicht ausstehen"
Enttäuscht und auch bisschen sauer biss ich meine Zähne zusammen.
"Na wunderbar, da muss ich mir ja nicht sonderlich viel merken."
Nick wollte immer alles über einen selbst wissen, doch wenn es zur Abwechslung mal um ihn ging, um sein Leben, dann verwandelte er sie in sekundenschnelle zu einem Eisberg.
Wie durch ein Wunder öffnete sich die Tür meiner geliebten Nachbarn schon, bevor wir auch nur den Hof betreten konnten.
"Guten Abend. Ach wie ist das doch so schön sie mal zusammen zu sehen" Frau Bolting positionierte sich wie das Äffchen von WhatsApp, dass sich die Hände vor den Mund schlägt.
"Einen wunderschönen guten Abend Becka!"
Oh so weit waren sie also schon!
Nick umarmte Frau Bolting und zog mich zu sich heran.
"Becka, hier ist meine Verlobte Arizona Hope Mayhew, ich denke ihr kennt euch schon"
Aus 2 Gründen sah ich ihn geschockt an:
1. Woher kannte Nick meinen 2 Vornamen? Ich hatte ihn nie erwähnt.
2. Ist der Typ echt so blöd mich meinen eigenen Nachbarn vorzustellen?!
"Ja, das Vergnügen hatten wir schon. Wegen diesem Mädchen hab ich damals fast ein Herzinfarkt bekommen" Becka musterte mich kühl.
Die hatte ja Stimmungsschwankungen. Ich glaub die Wechseljahre taten ihren Teil.
"Den bekommen Sie schon ganz allein!" Grummelte ich vor mich hin.
Anscheinend hatte Becka den Satz nicht mitbekommen, denn sie klatschte fröhlich in die Hände und bat uns an den bereits gedeckten Tisch. Als wenn sie wüsste dass wir kommen.
Ich zog meinen Cardigan aus und Nick tat es mir gleich und entledigte sich seiner Jacke. Meine Augen weiteten sich ungewollt. Vor mir stand ein junger Mann, mal ohne Anzug, sondern einfach nur in einem schönen weißen Hemd von Tommy Hilfinger. Das fiel auf, denn das rot/blaue Logo zeichnete sich deutlich von seinem hellen Hemd ab, ebenso die rot/weiß/blau gestreifte DW-Armbanduhr. An den Armen und Schultern war das Hemd etwas eng, was seine breiten Schultern nur umsomehr betonte.
Als ich ihm meinen Cardigan hinhielt fiel sein Blick auf mein Jumpsuit, was bis jetzt unter dem Cardigan verborgen war.
"Und ich dachte schon, ich sei overdressed" raunte er mir ins Ohr und musste grinsen.
"Guten Abend. Hallo Mrs. Mayhew. Was für eine Ehre sie mal seid über 10 Jahren mal wieder in unserem Haus zu sehen. Und das ist?" Mr. Bolting kam gerade die Treppe runter. Seine Verwunderung war echt, uns zu sehen. Anscheinend hatte seine liebe Becka ihm noch nichts von der Einladung gesagt.
Ich trat einen Schritt vor und reichte Mr. Bolting lächelnd die Hand. Ehrlich gesagt fand ich ihn gar nicht so schrecklich. Er hatte uns Mayhew-Kinder früher über den Gartenzaun regelmäßig mit Eis oder anderen Kleinigkeiten versorgt. Er konnte ja nichts dafür, dass er eine so neugierige und aufdringliche Frau hatte.
Ich sag's ja immer:
Augen auf bei der Partnerauswahl!
"Guten Abend, Mr. Bolting. Ihre Frau hat uns zum Abendessen eingeladen. Ehm, das ist..."
Mein Verlobter? Mein Freund?
Einer der nur tut, als ob er mein Freund sei?
Wie sollte ich Nick vorstellen?!
"Nick, das ist Nick!" Beendete ich meine Vorstellung.
Wie ein braves Hündchen reichte Nick Mr. Bolting die Hand.
"Na was steht ihr hier so verzweifelt herum? Kommt rein, das Essen wird kalt. Stewart hast du keinen Anstand die Gäste weiter zu bitten? " Becka stand in der Tür und schob uns alle nacheinander in Esszimmer direkt an den Tisch.
Ich saß neben Nick und gegenüber Becka. Das Essen war wirklich sehr gut. Das musste man Becka einfach lassen.
"Und sie Arizona? Was machen Sie zur Zeit beruflich?" Fragte Mr. Bolting freundlich.
Ich räusperte mich bevor ich zum antworten ansetzte.
"Ich arbeite im Starbucks, aber spiele mit den Gedanken wieder mein Medizinstudium aufzunehmen."
Oho, wenn der wüsste, wie sehr ich mit den Gedanken spielte.
Ich erinnerte mich an mein ziemlich erfolgreich verlaufendes Einstellungsgespräch. Hab ich auch genug Sarkasmus verwendet?!
Stewart Bolting nickte interessiert.
"Dann passt das ja sehr gut mit Nick's Beruf überein. Meine Frau erzählte mir, dass sie unten in der Forschungsabteilung der Chirurgen arbeiten." Nick räusperte sich unbehaglich und schaute Mr. Bolting mit einem strengen, vielsagenden Blick an.
Nun war es Mr. Bolting der sich räusperte und ein wenig auf dem Stuhl hin und her rutschte.
"Aber beim Starbucks ist es ja auch ziemlich abwechslungsreich." Wechselte er schnell das Thema.
Nein, bitte nicht noch ein Job, Nick!!
"Also für mich klingt das eher wie die letzte Möglichkeit für Schulabbrecher."
warf Becka altklug in den Raum.
"Ich hab mein Abi mit einem Durchschnitt von 1,3 abgeschlossen" beherrscht meine Freundlichkeit beizubehalten, umklammerte ich mein Glas. Eigentlich hatte sie ja recht. Starbucks war keine Erfolgsgeschichte, aber immerhin konnten wir von dem Geld leben!
"Umso erniedrigender für einen so schlauen Menschen. Aber jedem das seine." Sie lächelte mich an.
Wie sehr ich so ein falsches Lächeln verabscheue. Nick bemerkte anscheinend meine verkrampften Finger, wo die Knöchel schon weiß hervortraten, denn er legte seine Hand unterm Tisch auf meinen Oberschenkel.
Es beruhigte mich ein wenig und meine Finger lockerten sich langsam.
Wenigstens hatten sie Gläser mit Qualität, sonst hätten sie wohl ab heute eins weniger.
"Meine Frau ist manchmal ein wenig zu direkt, nehmen sie es bitte nicht persönlichlich" entschuldigte Mr. Bolting sich für seine Frau.
"Was ist denn daran bitteschön nicht persönlich" grummelte ich in mich hinein.
Das Essen verlief ab da weitgehend unspektakulär. Wir redeten über das Wetter und die Welt, bis Becka plötzlich fragte.
"Wie lange sind sie denn schon zusammen?"
Mein Atem stockte. Das hatten wir ja vorhin gar nicht abgeklärt. Sollte ich jetzt antworten oder Nick? Wir sahen uns unschlüssig an und Nick nickte mir zu. Ich verstand dies als Aufforderung, was es aber leider nicht war, also antworteten wir gleichzeitig.
Ich: 1 Jahr.
Nick: 3 Jahre.
Verwirrt wechselte Becka zu mir und dann wieder zu Nick. Ich kniff die Augen zusammen. "Also was denn nun?"
Diesmal verstand ich das nicken und hielt meinen Mund.
"Also, wir haben uns vor 3 Jahren kennengelernt, bei Freunden. Als ich Arizona sah, dachte ich mir sofort, dass sie anders ist, etwas besonderes. Doch sie hat mich 2 ganze Jahre zappeln gelassen, bis wir dann vor einem Jahr zusammen gekommen sind."
Wow, Nick konnte echt gut lügen. Wenn ich es nicht besser wissen würde, hätte ich es direkt geglaubt.
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Nach dem Essen half ich Becka höflichkeitshalber beim Tischabräumen und Spülen. Die Männer saßen zusammen und unterhielten sich leise.
Fertig mit dem Geschirr, setzen wir uns dazu. Da fiel mein Blick auf eine Katze, die in diesem Moment um die Ecke kam. Völlig fasziniert ging ich in die Hocke. Das getiegerte Fellbündel kam schnurrend auf mich zugelaufen.
"Oh wen haben wir den da? Du bist ja eine Hübsche hm?!" Nick rollte mit den Augen. Schließlich wusste er ja von meiner Vorliebe für Katzen. Ich hätte gern selbst eine, oder mehrere, aber meine Mutter und Dave hatten leider beide eine Allergie gegen Katzen, weshalb wir nie eine hatten.
"Das ist Schnucki" erklärte Becka stolz.
Schon nach 5 Minuten ließ Schnucki von mir ab und sprang auf das Sofa. Auf geradem Weg lief sie zu Nick und beschnupperte ihn. Nick blieb regungslos sitzen und an seinen Oberarmen sah ich wie er sich verkrampfte.
Doch Schnucki ließ sich davon nicht stören. Wie eine Königin stellte sie sich mit den Pfötchen an Nick's Brust hoch und beschnupperte seinen Hals.
Ich musste mich zusammenreißen um nicht loszulachen, als ich daran dachte wie abgrundtief Nick Katzen hasste. Doch als Schnucki dann mit ihrer rauen Zunge über Nick's Wange schleckte konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen.
"Unsere Schnucki mag sie!" Verwundert sah Mr. Bolting zu Nick.
"Wirklich zauberhaft." Presste Nick hervor.
Ein wenig Mitleid hatte ich schon mit dem Katzen-Feind. Deshalb setzte ich mich neben Nick und nahm Schnucki auf meinen Schoss.
Hörbar atmete Nick die angehaltene Luft wieder aus und sah mich dankbar an.
Ich glaub das hatte meine Taxifahrtkosten jetzt bei weitem bezahlt.
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