"Noch einen", nuschelte Sophie mit vollem Mund und hielt mir ihren Teller vor die Nase. "Wie wäre es, wenn du erstmal hinunterschluckst? Du sollst doch nicht mit vollem Mund sprechen", ermahnte ich sie.
Doch meine Tochter fand es amüsant und schmatze laut, bis Louis gegen ihre Nase tippte und ihr leise etwas zuflüsterte. Danach saß sie sogar ordentlich auf ihrem Stuhl und kaute zu Ende. "Darf ich noch einen? Bitte?" Überrascht sah ich zu Louis. "Was hast du ihr gesagt?"
"Sage ich nicht", lächelte er leicht, zuckte dann aber zusammen und fuhr mit seinen Fingerspitzen über die kaputte Lippe. Mitleidig sah ich ihn an und legte meine Hand auf seine, welche neben dem Teller auf dem Tisch ruhte.
Mit meinen Fingerspitzen fuhr ich sanft über seinen Handrücken und widmete mich dann wieder Sophie und legte ihr einen kleineren Pfannkuchen auf den Teller. "Seit wann kannst du denn so viel essen?", grinste Lottie und pikte meiner Tochter in die Seite. "Habe ich von Papa", erwiderte sie lachend und grinste ihre Tante stolz an.
"Ey", beschwerte ich mich, musste aber auch grinsen. Ich war froh, dass die Stimmung am Tisch so gut war. Sophie hatte erst etwas Angst, hatte dann aber eins ihrer Piratenpflaster geholt und es Louis unters Auge geklebt. Sie war der Meinung, dass es so direkt besser heilen würde.
Es war schön zu sehen, wie sie versuchte etwas zu Louis Besserung beizutragen. Obwohl es mir lieber wäre, wenn er nur einen kleinen Kratzer hätte und nicht aussah wie nach einer großen Prügelei.
Lottie war natürlich auch besorgt, aber wie immer fraß sie es erst in sich hinein, bevor sie mit jemandem darüber reden wollte. Aber ich wusste, dass wenn es gar nicht mehr ging sie entweder zu Daniel oder zu mir kam.
Naja, und ich... Ich bekam nicht so viel runter, wie Sophie es dargestellt hatte. Ich machte mir immer noch Sorgen und hatte keinen großen Hunger. Was war, wenn er alles nur unterdrückte und sie Schmerzen hinunterspielte? Ich hatte ihm neben seinen Teller zwei Schmerztabletten hingelegt, aber... Hoffentlich war es wirklich nicht so schlimm und wir musste nicht mitten in der Nacht ins Krankenhaus.
Nach dem Essen hatte sich Charlotte relativ schnell verabschiedet, Louis stand unter der Dusche und ich kuschelte mich mit Sophie auf das Sofa. Eigentlich war schon längst Schlafenszeit, aber sie war immer noch etwas aufgekratzt und ich hoffte, dass eine kleine Kuscheleinheit sie etwas herunterfahren würde.
"Papa?" Ich brummte nur und strich ihr weiter über den Rücken. "Warum sind Menschen so? An Lou ist doch nichts falsch, oder?" Ich setzte mich etwas auf und zog sie enger an meine Brust. "An Louis ist gar nichts falsch, Kirschblüte. Es gibt Menschen, die sind nicht so nett und tun Dinge, die anderen schaden."
"Die sind alle doof."
"Ich weiß", erwiderte ich leise und fing an ihr durch die Locken zu streichen. Als Louis die Treppe hinunterkam war Sophie schon fast im Land der Träume verschwunden. Vorsichtig stand ich mit ihr im Arm auf, ging zu Louis und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. "Wie fühlst du dich?", fragte ich leise und ließ meinen Blick prüfend über seinen Körper wandern.
"Mir geht's gut, mein Schädel brummt etwas, aber mir ist nicht schwindelig oder so. Mach dir keine Gedanken."
"Louis... Natürlich mache ich mir Gedanken. Ich würde mich auch sorgen, wenn du dich nur in den Finger geschnitten hättest. Wenn es dir nicht gut geht kann ich einfach nicht ruhig bleiben. Das müsstest du doch wissen", erzählte ich ihm und dachte dabei an den Abend, wo er sich vor Bauchschmerzen im Bett gekrümmt hatte.
Er schnaufte leise und nickte dann. "Es ist nur komisch, wenn sich jemand so sorgt. Ich kannte das jahrelang nicht." - "Damit ist jetzt ja Schluss", erwiderte ich und schmunzelte, als Louis mit roten Wangen zur Seite sah. Langsam beugte ich mich zu ihm hin und küsste seinen Mundwinkel.
Louis lächelte leicht und wisperte mit roten Wangen ein leises 'Nochmal'. Ich kam seinem Wunsch gerne entgegen und drückte ihm zusätzlich noch einen Kuss auf die Nase. "Willst du noch was wach bleiben oder lieber ins Bett?"
"Aufs S-Sofa... Ich wollte noch auf eine Nachricht von Charlie warten. Er ist ins Krankenhaus gefahren und hält uns alle auf dem Laufenden." Ich nickte und sah kurz zu Sophie herunter. "Ich bringe sie ins Bett und mache uns dann noch eine Tasse Tee." - "D-Danke", wisperte Louis und setzte sich ins Wohnzimmer.
Ich schaffte es noch Sophie zum Zähneputzen animieren und half ihr in den Schlafanzug, bevor ich sie ins Bett brachte und wie fast jeden Abend noch einen Moment in der Tür stand und ihr zusah. Wie gut sie mit all dem schon umgehen konnte... Ich wusste das Williams Tod sie in gewisser Weise abgehärtet hatte, jedoch nicht im negativen Sinne. Sie war einfach unglaublich stark.
Als ich mit zwei Tassen Tee zu Louis ins Wohnzimmer ging musste ich lächeln. Er hatte sich in eine Decke eingewickelt und im Schneidersitz auf das Sofa gesetzt. Wie unglaublich süß das aussah. Wenn er sich so verhielt schlug mein Herz einen Augenblick schneller und ein warmes und unglaublich schönes Gefühl breitete sich in meinem Inneren aus.
Ich stellte den Tee auf den Tisch und setzte mich neben ihm, holte aber vorher noch die Bepanthen-Salbe aus der hinteren Hosentasche und reichte sie ihm. "Am besten cremst du dir die Lippe wieder ein, dann reißt sie nicht wieder so schnell."
"K-Kannst du helfen?", fragte er leise und sah mich fragend an. "Natürlich", lächelte ich und sah auf seine Hände, mit denen er sein Handy fest umklammerte. "Noch keine Nachricht?" Er verneinte es mit einem Kopfschütteln und seufzte leise. "Er schafft das Louis, da bin ich mir sicher."
Sanft legte ich meine Hand an seine Wange und strich mit meinem Daumen auf und ab. "Es wird alles gut, Louis", flüsterte ich und legte meine Stirn an seine. "Wenn du das s-sagst..." Ich nickte und nahm ihm die Salbe wieder ab.
Bevor ich ihm jedoch die Wunde an seiner Lippe einschmierte hauchte ich ihm einen leichten Kuss auf den Mund und schmunzelte als Louis sich mir entgegenlehnte. "Hey, vorsichtig... Nicht das deine Lippe nochmal einreißt..."
"Aber-", schmollte Louis und seufzte direkt wieder. Ich musste etwas lachen, biss mir dann aber auf die Lippe. "Tut mir leid, ich sollte das nicht lustig finden, aber du vergisst es immer wieder", grinste ich und tupfte ihm dann etwas von der Salbe auf die Unterlippe.
"Das soll schnell wieder heilen", murrte er und blickte direkt auf das Handy als es piepste. "Ist nur von Daniel... Er fragt, wie lange ich noch hierbleibe, weil er morgen einkaufen geht", nuschelte er und sah weiter aufs Handy jedoch ohne eine Antwort zu tippen.
Bei seiner Reaktion konnte ich überhaupt nicht abschätzen, ob er hierbleiben wollte oder morgen wieder nach Hause fuhr. "Louis?", fragte ich vorsichtig, fuhr mit meinen Fingern durch seine noch leicht feuchten Haare und ließ meine Hand dann in seinem Nacken liegen.
"Kann ich..." Er sah mich auf einmal nervös an und schüttelte dann mit seinem Kopf. "Vielleicht sollte ich morgen wieder nach Hause. Du musst ja auch arbeiten und mein Chef sagt ich soll auch zum Arzt und mich krankschreiben lassen. Er will das ich mich ausruhe bevor ich wieder die Mannschaften trainiere und ich kann dann doch hier nicht einfach nur herumliegen."
"Und was würdest du bei dir und deinen Geschwistern machen?", fragte ich ihn und sah ihn gebannt an. "Ehrlich gesagt würde ich mich freuen, wenn du noch etwas bleibst", gestand ich und küsste seine Schläfe.
Außerdem hatte ich mich die wenigen Nächte schon so an Louis Nähe gewöhnt, dass ich gar nicht herausfinden wollte, wie es war ohne an ihn gekuschelt einzuschlafen.
"Würdest du?" Louis sah mich erstaunt an, weswegen ich grinsen musste. "Lou, ich genieße es jede Sekunde in deiner Nähe zu sein." Er versuchte seine roten Wangen mit seinen Händen zu verstecken und lächelte vor sich hin. "Dann bleibe ich n-noch. Ich... Ich könnte anstatt herumzuliegen immer das Essen machen oder Sophie abholen. Vielleicht kann ich ja auch Einkaufen gehen und-"
"Und dich ausruhen Louis. Nur weil du dann hier bist heißt es nicht, dass du nicht herumliegen darfst. Auch wenn du nicht aussiehst wie Johnson... Du hast trotzdem ein paar tiefe Wunden. Besonders dein Arm..." Ich konnte nicht verhindern, dass ich ihn wieder mitleidig ansah.
"Das ist doch alles halb so wild." - "Louis..."
"Nein, es ist doch wirklich total egal. Es sind ein paar Wunden. Mehr nicht."
Ich seufzte leise und nickte dann. "Okay, aber mach trotzdem langsam. Für mich", bat ich ihn und nahm unseren Tee in die Hand. Eine Tasse gab ich Louis und schloss beide Hände um meine Tasse. Spielte er das mit seinen Wunden herunter, weil er unter keinen Umständen ins Krankenhaus wollte?
Ein Arzt schien ihm ja nicht wirklich etwas auszumachen. Was war also an Krankenhäusern so schlimm? Er hatte ja vorhin unfreiwillig zugegeben, dass er William schon vorher gekannt hat.
Warum hat er mich angelogen?
Was mich aber mehr schockierte, war die Tatsache, dass es mir nahezu nichts ausmachte. Ich hatte kein Problem damit, dass er mich in der Hinsicht angelogen hatte. Ich vertraute Louis und da er mir versprochen hatte, dass er es mir irgendwann erklären würde...
Ich wusste allerdings nicht, ob es jetzt der beste Zeitpunkt war es erneut anzusprechen, weswegen ich es ließ. Unter keinen Umständen wollte ich ihn damit bedrängen, dennoch viel es mir echt schwer nicht zu fragen. Ob es irgendwas mit Jay war?
Es gab mal einen Tag da war William im Krankenhaus und kam mit unglaublich schlechter Laune nach Hause... Damals hatte ich mich auch bei meiner Mutter ausgeheult, da William komplett dicht machte und seine Sorgen lieber in Alkohol ertrank.
Als Louis seinen Tee ausgetrunken hatte nahm er mir meine Tasse ab und stellte sie auf den Tisch. "Was hast du vor?", fragte ich leise und rieb mir die Augen. "Kuscheln", antwortete Louis leise und ließ sich so wie er war -in einer Decke eingepackt- gegen meine Brust fallen und schloss seine Augen. Das Handy hatte er dabei immer noch fest in der Hand.
Ich musste ein wenig lächeln, legte einen Arm eng um ihn und fing an ihm durch die verwuschelten Haare zu streichen. Als sein Handy piepte hielt ich in meiner Bewegung inne, doch Louis regte sich nicht.
"Louis?"
Vorsichtig hob ich seinen Kopf etwas an und musste feststellen, dass er eingeschlafen war. Ohne ihn zu wecken nahm ich es ihm aus der Hand und las den Namen des Absenders. Charlie hatte geschrieben.
Sanft versuchte ich Louis zu wecken, doch er schlug seine Augen einfach nicht auf. "Louis?" Ich wiederholte seinen Namen immer wieder und zuckte zusammen als das Handy plötzlich vibrierte. Charlie rief an und ich wusste ja um was es geht, da Louis nicht aufwachen wollte nahm ich den Anruf entgegen. Hoffentlich hatte er nichts dagegen...
"Ich bin's Harry, Louis schläft gerade."
"Ah, ja vielleicht ist das auch besser. Johnson ist aus dem OP raus und es sieht gut aus. Er wird noch etwas hierbleiben aber im dem nächsten Tagen kann er Besuch empfangen." Ich atmete erleichtert auf und lächelte. "Das sind gute Nachrichten, ich gebe es an Louis weiter sobald er wach ist."
"Wie geht's ihm denn? Er ist ja ordentlich hingefallen nach dem Johnson ihn weggestoßen hat." Ich nickte, während er das sagte und sah auf Louis hinab, welcher friedlich schlummerte. "Ich glaube er spielt das alles ein wenig runter. Er geht morgen jedoch zum Arzt. Da wird er hoffentlich nochmal ordentlich untersucht und dann mache ich mir eventuell auch weniger Gedanken."
"Okay, dann melde ich mich morgen direkt nochmal bei ihm. Ich muss jetzt nach Hause. Das war für einen Tag viel zu viel."
Wir verabschiedeten uns, ich legte das Handy beiseite und widmete mich wieder Louis. Ich fing wieder an durch seine Haare zu streichen und küsste seinen Kopf, bevor ich mich etwas mehr zurücklehnte und ebenfalls meine Augen schloss.
Ich war wohl eingeschlafen, denn als ich wach wurde war es bereits nach 23 Uhr. Louis war etwas hinuntergerutscht und lag mit seinem Kopf auf meinem Bauch. "Louis?" Sanft rüttelte ich an seiner Schulter und nach wenigen Minuten öffnete er seine Augen und blinzelte mich müde an.
"Wir sollten ins Bett... Charlie hat auch angerufen. Johnson schafft es. Ihr könnt ihn die Tage besuchen."
Louis nickte schnell, keuchte dann aber und hielt sich den Kopf. "Vorsichtig", murmelte ich und legte meine Hände an seine Wangen. "Hältst du die Schmerzen aus?"
"Nein..."
___________
24/04/2021
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top