Siebzehn

Khan sitzt in seinem Zimmer auf der Fensterbank. Vor dem geöffneten Fenster, aus dem die eisigste Luft des Jahres ins Zimmer strömt. Mein Herz bleibt stehen. Er muss meine Schritte gehört haben, denn er seufzt leise.

„Keine Sorge, ich falle schon nicht aus dem Fenster."

„Ich würde ja sagen, du hast komplett den Verstand verloren, aber in deiner Situation ist das vermutlich verständlich", sage ich und setze mich auf sein Bett. Khans Augen verfolgen jede meiner Bewegungen.

„Ich nehme an, du hast mit meinem Dad geredet und mal wieder die Vermittlerin gespielt." Höre ich da Bitterkeit in seiner Stimme? Ich ziehe beide Augenbrauen hoch, antworte ihm nicht, immerhin ist es exakt das, was ich eben getan habe.

„Ich hasse diese Situation", seufzt er schließlich.

„Verständlich." Ich warte. Warte, ob er dem etwas hinzufügt. Als er das nicht tut, lächle ich ihn aufmunternd an.

„Aber du musst zugeben, die Intention deines Dads war nicht schlecht."

„Sie war vollkommen daneben", protestiert er. Seine glänzenden Augen richten sich jetzt direkt auf mich. Sie sind weit aufgerissen, voller Emotionen.

„Er will dir zeigen, dass du ihm etwas bedeutest. Ich finde das alles andere als daneben."

„Was bringt es mir, zu wissen, dass ich ihm etwas bedeute, wenn er sich dabei selbst in Gefahr bringt?", fragt Khan, nein, er schreit es viel mehr. Ich zucke leicht zusammen. Der Ausdruck in seinen Augen wird sanfter.

„Ich will einfach nicht so leben, verstehst du? Ich habe keine Lust, Angst um ihn zu haben. Ich hätte Lust mit ihm nach New York zu fliegen. Ein Broadway Musical mit ihm anzusehen.

Ich will, dass er sich vorstellt, wie ich auf der Bühne stehe, spiele, wie ich einzig und allein für ihn auf dieser Bühne stehe. Ich will, dass er bei meinem Abschluss dabei ist. Dass er dabei ist, wenn ich nach New York ziehe. Ich will, dass er bei meiner Hochzeit, bei der Geburt meiner Kinder dabei ist. Ich will, dass er Teil meines Lebens bleibt. Und die Angst, dass er all diese Sachen niemals miterleben wird – dass es schlichtweg unmöglich ist – diese Angst macht mich verrückt." Seine Lippe bebt. Ich habe Khan noch nie so erlebt. So belebt. Emotional. Ohne Kontrolle über das, was er von sich gibt.

Einer Eingebung folgend stehe ich auf, greife nach seinen Händen und ziehe ihm vom Fensterbrett. Dann schließe ich das Fenster hinter ihm. Hoffentlich hat er sich keine Erkältung zugezogen.

Er lässt das alles über sich ergehen, aber als ich ihn in eine Umarmung ziehen will, bleibt er stocksteif.

„Ich kann nicht..." Er schüttelt den Kopf.

„Ich will nicht weinen." Ein Flüstern. Mehr nicht. Gut, dass du nicht weinen willst, ich tue es nämlich gleich für uns beide.

„Weinen ist nichts schlechtes", flüstere ich zurück.

„Nein. Aber sobald ich anfange, ist es das. Dann hab ich akzeptiert, dass ich nichts gegen diese Angst machen kann. Dann ist alles vorbei." Ich wende den Blick ab, weil mir die Tränen in die Augen steigen.

„Du kannst nichts gegen die Angst machen, Khan. Sie wird dich ständig begleiten." Himmel, sie ist selbst mein ständiger Wegbegleiter. Sie ist Teil des Lebens, oder nicht?

„Das bezweifle ich", hält er dagegen, dreht sich wieder weg und öffnet das Fenster erneut. Ich reibe mir über die Arme, die dick in einem Pullover stecken. Gänsehaut habe ich trotzdem.

„Khan...", setze ich an, aber er unterbricht mich. Harsch.

„Ist es zu viel verlangt, Hoffnung zu wollen?" Die Lautstärke und die Art und Weise wie er es sagt, lässt mich einen Schritt zurück treten. Ich weiß ja, dass er verletzt und traurig und wütend ist, aber deswegen muss er das noch nicht an mir auslassen.

„Nein, ist es nicht", murmelt er zu sich selbst. Ich beiße mir auf die Lippe, dann sehe ich ihm fest in die Augen. Ohne etwas zu sagen. Ich atme tief aus und reiße mich zusammen, um nicht wie eine Verrückte aus dem Raum zu rennen. Das verdient er jetzt auch wieder nicht. Khan presst sich die Hände gegen die Augen.

„Es tut mir leid, Stew." Er lässt sich auf sein Bett sinken.

„Was?", mache ich.

„Ich bin gerade einfach nicht ich selbst. Das macht es nicht besser, aber es tut mir trotzdem leid, dass ich dich gerade so angefahren habe." Ich sage ihm nicht, dass es okay ist. Denn es ist nicht okay. Stattdessen setze ich mich neben ihn und streiche ihm über den Rücken. Er nimmt die Hände von den geröteten Augen und lächelt mich leicht an. Dann ist ein lautes Poltern zu hören. Mehrmals. Jemand kommt die Treppe herauf geächzt. Paul stürmt in den Raum. Er keucht heftig und hustet. Laut.

„Dad? Vielleicht solltest du etwas langsamer machen." Khan runzelt die Stirn und weicht meinem Blick aus.

„Ich habe eine Idee", Paul übergeht Khans besorgte Frage, ob es ihm gut geht. Die Art und Weise, wie er seinen Sohn ansieht, sagt mir, dass er gelauscht hat.

„Wir gehen Karaoke singen."

„Karaoke?" Khans Gesichtsausdruck ist so adorable, dass ich nicht anders kann als ihn anzugrinsen.

„Der Vorschlag mit dem Broadway-Musical war etwas leichtsinnig, ich gebe es zu. Aber Karaoke singen? Das klingt nach Spaß." Paul grinst breit. Breiter als breit. Nach Spaß? Mich schaudert es. Ich liebe es in der Dusche zu singen. Aber vor einer Menschenmenge? Definitiv alles außer Spaß.

„Du kannst nicht singen", hält Khan dagegen. Verwirrt.

„Du schon." Paul räuspert sich.

„Come on, Leute. Das wird genial! Du bist natürlich auch eingeladen, Stew. Wir gehen heute Abend." Er lässt uns keine Möglichkeit, etwas einzuwenden, da ist er schon wieder im Flur verschwunden.

„Karaoke", wiederhole ich.

„Karaoke", bestätigt Khan.

„Pack schon mal die Oropax ein."

„Was hältst du von einem Espresso, Stew?" Wir sitzen an einem niedlichen rot-geschmückten Tisch in der Mitte der Karaoke-Bar, die, wer hätte es gedacht, nur knappe fünf Minuten Autofahrt entfernt vom Haus der Mayfields liegt.

„Das wäre mein dritter, Kerstin. Ich passe", sage ich und schenke ihr ein belustigtes Lächeln. Meine Hände zittern ohnehin schon und wach bin ich sowieso. Wir zwei haben es geschafft, uns mit klugen Worten und verführerischem Augenaufschlag aus der Sing-Sache raus zu halten. Besser gesagt, Kerstin gibt vor, eine Erkältung zu haben und ich habe behauptet, dass ich lieber zuhören möchte. Khan und sein Dad standen schon drei Mal auf dieser Bühne, die ebenfalls rot und knall-pink dekoriert wurde und haben die komischsten Songs vor sich hin geträllert. Den Leuten gefällt es.

Gerade singen sie ein deutsches Lied, das beide anscheinend von Khans Freund Rich beigebracht bekommen haben – ‚Atemlos' heißt es und es macht mich ganz doozy im Kopf. Wenn ich nicht wüsste, dass weder Paul noch Khan betrunken sind, ich würde es annehmen. Ersterer hat uns versprochen nie wieder ein Gläschen Alkohol zu sich zu nehmen, so lange er lebt(an dieser Stelle fing Kerstin zu weinen an und gab ihrem Mann einen Kuss auf die Wange) und Khan trinkt ja sowieso nie. Ich hingegen würde auf dieser Bühne vermutlich keine fünf Minuten ohne Alkohol aushalten. Normalerweise neige ich nicht zu zu starkem Lampenfieber, aber wenn es ums Singen geht...

Während Kerstin sich auf die Suche nach einem Kellner macht, um ihren dritten Espresso zu bestellen, lasse ich den Blick über die Menge schweifen. Hier heute Abend ist wirklich jede Sorte von Mensch vertreten. Viele weiblich, viele männlich, viele betrunken, viele nüchtern, viele begeistert, viele, die sich offensichtlich lieber die Ohren zuhalten würden. Ein Mensch trägt ein riesiges Teddy-Bär-Kostüm, manche sind sogar sehr elegant gekleidet oder wie wir; einfach leger.

Paul hatte jedenfalls recht. Er kann nicht singen. Schon gar nicht auf deutsch. Khan dagegen schon.

Mein Blick schweift von den bunt-gekleideten Menschen, die schlagartig zu jubeln anfangen, zu den beiden Menschen auf der Bühne. Sie verbeugen sich und geben sich eine Vater-Sohn-Umarmung. Khan sieht seinen Dad an, als ob er ihn nie wieder los lassen will, während Paul der Menge einen charmanten Augenaufschlag schenkt. Ich klatsche mit, als die beiden sich ihren Weg durch die Tischreihen zu mir nach hinten bahnen. Aiden haben wir bei Nolan abgeliefert, das heißt, der Abend ist sozusagen offen. Wir sind schon seit zwei Stunden hier, aber es fühlt sich an wie fünf Minuten.

„Das war ein interessanter Song", bemerke ich, als sich Khan neben mich in die Nische gleiten lässt. Er atmet schwer und auf seiner Stirn glänzt Schweiß. Ein Grinsen stiehlt sich auf seine Lippen.

„Rich meinte mal, das wäre in Deutschland ein echter Party-Hit." Das glaube ich gerne. In diesem Moment steigt ein hochgewachsener Mann in seinen Mitvierzigern auf die Bühne. Auf der Nase trägt er ein albernes Brillengestell mit angebrachten Eisbär-Augen. Die Brille ist pink getönt. Er redet kurz mit dem DJ, greift dann nach dem Mikrofon und grinst.

„Ich widme diesen Song meiner Freundin. Sie sitzt dort vorne", sein Zeigefinger deutet in die Mitte der Menge, die sich sofort hinsetzt und gespannt nach vorne guckt. Jemand grölt. In der Mitte kann ich eine weibliche Gestalt ausmachen, die bis über beide Ohren grinst und hin und weg zu sein scheint. Sobald die ersten Töne des Liedes erklingen, kann ich es zuordnen. Ed Sheerans ‚Perfect' würde ich überall erkennen. Und der Mann singt besonders toll.

♧♧♧

Too mich love for my heart hahaha im such a sucker for cheesy words when in reality I just find it really awkward - ignore this aber ich bin ein großer überdenker und mein Leben ist annoying gerade und gleichzeitig nicht wenn ihr versteht was ich meine

was haltet ihr eig bis jetzt so vom zweiten Teil? just asking, will ja sichergehen, dass das alles noch Interesse weckt bzw dass es nicht zu lang und detailreich wird ups
xxx

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