Neunzehn

Khans CD ist wundervoll, wunderschön, insgesamt ein Wunder für sich. Er singt toll. Die Hälfte der Songs sind klassische Musical-Songs, die ich selbst in- und auswendig kenne, weil ich sie längst über tausend Mal in der Dusche gesungen habe. Die andere Hälfte setzt sich aus gecoverten Balladen und Songs zusammen, die ich nicht kenne. Ich wage anzunehmen, dass er diejenigen, die ich nicht kenne, selbst geschrieben hat. Khan hat Talent. Wenn ich das noch nicht vorher sicher wusste, so tue ich es jetzt zu 200 Prozent. Ich sitze mit feuchten Augen um vier Uhr nachts auf meinem Bett und höre die CD hoch und runter, traue mich nicht, ihn anzurufen, weil ich zum einen nicht weiß, ob er noch wach ist und zum anderen Angst habe – vor was, das weiß ich auch nicht so ganz. Oder doch, vielleicht weiß ich es, ich habe nur Angst davor, das laut auszusprechen. Alles geht zu schnell, oder? Es fühlt sich zu surreal an, um auch nur ansatzweise real und wahr zu sein... Ich kann das alles so wenig fassen, dass mir eine Träne über die Wange läuft.

Angst, dass es bald vorbei ist.

Angst, dass er feststellen wird, wie... kaputt ich wirklich bin.

Angst, dass er mich verlassen wird.

Angst, dass alles, was im Moment so gut läuft von einem Schlag auf den anderen weg sein wird. Puff. Ausgelöscht. Einbildung. Ein dahin schwindender Traum der Vergangenheit. Mein Herz schmerzt und ich bekomme keine Luft mehr, stehe kurz davor zu hyperventilieren.

Irgendwann klopft es zaghaft an meine Zimmertür, Mikael steckt den Kopf herein. Immer ist es Mikael, der mich davon abhält, zusammenzubrechen. Oder eine Panikattacke zu bekommen. Oder beides. Mein Atem ist immer noch beschleunigt, ich fühle mich, als müsste ich mich übergeben, aber immerhin bekomme ich wieder richtig Luft. Mein Kopf klart auf.

„Ich hab mir ein Glas Wasser geholt und gesehen, dass bei dir Licht brennt. Alles okay?", will er wissen. Ich beiße mir auf die Lippe. Nüchtern betrachtet ist mein Leben gerade mehr als okay. Ich bin verliebt. Aber diese Ängste- Ich wringe mir ein Lächeln ab, denke über die CD und den wunderschönen Abend nach und stelle fest, dass die Angst zwar nicht verblasst, aber doch etwas milder wird. Dann nicke ich. Mein Bruder zieht beide Augenbrauen hoch und grinst mich an.

„Dich hat's erwischt, huh?" Ich blicke an ihm vorbei und hole tief Luft. Ich glaube, mich hat es mehr als erwischt, aber ich werde mich hüten, genau das meinem großen Bruder mitzuteilen.

„Versprich mir nur eines, Stew?" Mikael stößt die Tür etwas weiter auf. Er trägt karierte Pyjama-Hosen und ein graues Schlafshirt, das vermutlich einmal weiß gewesen ist. Seine schwarzen Haare stehen zu allen Seiten ab und die Augen sind leicht rot umrandet. Hat er getrunken? Schlafprobleme? Geht es ihm gut?

„Vergiss dich nicht selbst. Liebe kann schön sein, aber wenn du dich zu sehr auf die Liebe eines anderen verlässt, vergisst du ganz schnell, dich selbst zu lieben." Bei seinen Worten dreht sich mir kurz der Magen um.

„Ich-", setze ich an. Ich werde mich nicht selbst vergessen. Er mag zwar recht haben, dass es mir nicht unbedingt einfach fällt, mich selbst zu lieben, aber-

„Ich weiß, ich weiß, Stewy. Das wird nicht passieren, willst du sagen. Versprich mir trotzdem, dass du es im Hinterkopf behältst? Manchmal ist es gut, eine kleine Grenze zu ziehen." Jetzt bin ich an der Reihe, eine Augenbraue zu heben.

„Eine kleine Grenze zu ziehen und Beziehungen damit komplett abzuschwören, weil man Angst hat, sie könnten einen abhängig von einem anderen Menschen machen?", platzt es aus mir heraus und ich bereue die Worte, sobald sie meinen Mund verlassen haben. Mikael kneift die Augen zusammen und atmet tief durch. Es sieht aus, als ob ihm das unglaubliche Schmerzen bereitet, mein Herz verspürt einen Stich – Schuldgefühle erfüllen meine Magengegend.

„Mikael, es-", ich halte mir eine Hand vors Gesicht. Vielleicht sollte ich schlafen gehen, in der Hoffnung, dass der Schlaf eine bessere Person aus mir macht.

„Jaja, ist schon in Ordnung." Er fährt sich durch die Haare und diese Geste lässt ihn so... alt und müde aussehen, dabei ist er doch bloß Anfang zwanzig. Mit einem Nicken und den einfachen Worten: „Schlaf schön", verlässt er mein Zimmer. Ich rufe ihm ein „Es tut mir wirklich leid", hinterher, aber das hört er nicht mehr – will es vermutlich gar nicht hören.

Es stimmt. Ich habe Mikael noch nie länger als zwei Nächte mit ein und demselben Mädchen gesehen. Nicht mal, als er noch zur Highschool ging und wir diese perfekte, liebende Familie waren. Nie saß an unserem Esstisch ein Mädchen, das er unseren Eltern vorgestellt hat. Auch kein Junge. Ich habe ihn damals irgendwann gefragt, ob er schwul sei, woraufhin er lachend den Kopf schüttelte. Danach brachte er zwar Mädchen nach Hause, lud sie aber nie zum Abendessen ein, sondern verbarrikadierte sich mit ihnen in seinem Zimmer und tat wer weiß was.

Mikael ist nicht schwul und vor Berührungen fürchtet er sich auch nicht. Ich habe nie viel darüber nachgedacht, dass er vielleicht genauso unsicher sein könnte wie ich. Genauso verkorkst wie ich. Einer Eingebung folgend springe ich auf und renne ihm hinterher. Er hat seine Zimmertür beinahe geschlossen, als ich ihn erreiche.

„Mikael", sage ich, ein Tonfall in der Stimme, den er sonst immer mir gegenüber anwendet. Er zieht die Schultern hoch, ehe er sich zu mir umdreht. Jetzt, wo er näher ist, erkenne ich, dass er nicht getrunken hat. Er hat geweint.

„Geht es dir gut?", will ich wissen und hoffe so sehr, dass er nicken wird, „Ja", sagen wird, irgendwie antworten wird. Aber er tut es nicht. Stattdessen blickt er an die Decke, holt tief Luft und zieht die Schultern dann noch höher.

„Du hast Recht, Stew, okay? Ich weiß nicht, was ich mehr dazu sagen soll. Aber du hast verdammt noch mal recht." Er presst sich einen Finger gegen die Augen.

„Und das schlimme ist, dass ich nichts dagegen tun kann. Niemand kann etwas dagegen tun." Seine Worte sind kryptisch.

„Mikael?", wiederhole ich, mache einen Schritt auf ihn zu, in dem Versuch, ihn in den Arm zu nehmen. Widerwillig lässt er sich von mir drücken.

„Das ist falsch. Ich sollte derjenige sein, der dir gut zuspricht, nicht anders rum", murmelt er in meine Haare.

„Du bist falsch! Wir sollten beide für einander da sein – das machen Geschwister so. Dass ich Probleme habe, bedeutet nicht, dass du nicht auch welche haben darfst, großer Bruder."

„Aber ich bin erwachsen. Ich sollte meine sogenannten Probleme unter Kontrolle haben." Er stößt einen Schwall Luft aus. Ich schüttle energisch den Kopf. Wann bin ich von uns beiden diejenige geworden, die die weisen Ratschläge parat hat?

„Auch wenn du erwachsen bist, bist du deswegen immer noch menschlich. Niemand kann seine Probleme unter Kontrolle haben – und das sagt dir die, die um jeden Preis versucht, ihre Kontrolle aufrecht zu erhalten!" Er schnaubt und lacht leise. Dann stehen wir für eine Weile so da, bis er plötzlich nickt.

„Danke, Stewy."

„Vielleicht solltest du auch mal mit Miss Nadine reden", schlage ich zaghaft vor. Ich weiß nicht, welche Reaktion ich erwartet habe, aber dass er nickt und seufzt, das überrascht mich dann doch.

„Vielleicht sollte ich das."

„Gute Nacht, großer Bruder."

„Gute Nacht, kleine Schwester." Ich lächle ihn aufmunternd an, ehe ich ihn schweren Herzens mit seinen Gedanken, wovon auch immer sie handeln mögen, alleine lasse. Zurück in meinem Zimmer schaffe ich es gerade so, das Licht auszuschalten, da schlafe ich auch schon zwischen meinem CD-Player und Khans durchsichtiger CD-Hülle ein.


Die Schulwoche verläuft vergleichsweise ruhig. Gut, sogar. Paul kommt für ein paar Routine-Untersuchungen von Montag bis Mittwoch wieder ins Krankenhaus und Khan verbringt seine Nachmittage mit Aiden bei ihm. Es scheint ihm besser zu gehen, was sich automatisch auf Khan überträgt. Er wirkt glücklicher, leichtsinniger. Donnerstag schwänzen wir die ersten beiden Stunden, um frühstücken zu gehen und später ein wenig durch die Stadt zu spazieren – was ich all die Jahre noch nie gemacht habe. Gegenseitig zeigen wir uns Orte, die keiner von uns kennt. Es ist entspannt und es macht wahnsinnig Spaß.

Am Nachmittag gibt uns Mrs. Bonnefelder dann Stapel an Informationszetteln für die Theaterfahrt in der darauffolgenden Woche und ich bin so aufgeregt, dass ich nicht still sitzen kann. Sogar Anne, Ashton und Darren lassen uns für den Großteil der Woche in Ruhe und am Freitagabend besuchen Mariah, Andrea und ich das Footballspiel unserer Schule gegen eine Partnerschule, das unser Team gewinnt. Es ist beinahe zu perfekt, als wir nach dem Spiel zu fünft an einem Tisch des Bieber sitzen, Khan neben mir, ich gegenüber von Andrea, neben ihr einer ihrer engsten Freunde – sie nennt ihn Duck, aber ich denke, das ist nur sein Spitzname – und zwischen Andrea und Khan: Mariah.

Die Stimmung ist ausgelassen und Khan und ich erzählen den anderen zu Beginn aufgeregt von der Theaterfahrt. Es stellt sich heraus, dass Duck Mitglied der Bühnen-AG ist und auch mitfahren wird. Ich mag ihn sofort. Mit seinen roten Haaren erinnert er mich ein wenig an Pumukel, auch wenn seine Statur genau das Gegenteil bewirkt. Der Kerl hat Muskeln. Und zwar doppelt so viele wie Khan. Ich werde es nicht laut aussprechen, aber seine Oberarme sind noch krasser als Khans und das will was heißen. Außerdem haben seine stechenden grünen Augen so einen Effekt, man fühlt sich mit ihm automatisch wohl. Er erzählt uns, dass er Wrestler ist, seit er denken kann und auf die Frage, seit wann er und Andrea befreundet sind, antwortet er dasselbe.

„Wir wohnen praktisch Tür an Tür", lacht er.

„Meine Dads waren mit seiner Mum auf der Highschool. Schon als wir sechs waren, verabredeten sie Playdates für uns, damit sie miteinander abhängen konnten", erklärt Andrea. Duck nickt nur, scheint kurz nachdenklich und grinst dann.

„Als Andrea mit Ashton zusammen kam, ließ er keine Möglichkeit aus, mir Seitenhiebe zu geben oder sich über mich lustig zu machen – verdammt, war der Kerl eifersüchtig, weil ich praktisch in ihrem Zimmer wohne." Ich werfe Andrea einen Blick zu, um sicherzugehen, dass dieses Thema für sie sicheres Terrain darstellt, aber sie grinst ebenfalls und schüttelt leicht den Kopf. Mariah zieht beide Augenbrauen hoch. Sie hat nicht viel gesagt heute, aber sie scheint unsere Gesellschaft genauso zu genießen wie wir ihre.

„Habt ihr denn... jemals was mit einander gehabt?", fragt sie Andrea und Duck und wird prompt rot, als beide anfangen lautstark zu lachen. Ein paar der anderen Gäste drehen sich nach uns um, schütteln missbilligend die Köpfe und widmen sich dann wieder ihren eigenen Gesprächen.

„Andrea...", beginnt Duck, sieht nach unten, schüttelt den Kopf und lacht weiter.

„Sie ist nicht mein Typ. Betonung liegt auf Typ." Eine rote Haarsträhne fällt ihm ins Gesicht, dann richtet er seine Aufmerksamkeit auf Khan und grinst breiter.

„Er wäre eher mein Typ", und zwinkert. Meine Hand, die unter dem Tisch auf Khans Oberschenkel liegt, verkrampft sich kurz. Khan legt den Kopf schief, ein leichtes selbstgefälliges Grinsen auf den Lippen, das definitiv mir gilt, ehe Duck einen erneuten Lachanfall bekommt.

„Ihr solltet eure Blicke sehen. Keine Sorge, Stew, ich werde dir Khan nicht ausspannen." Er leckt sich die Lippen.

„Es sei denn, er will ausgespannt werden. In diesem Fall würde ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, tut mir leid." Die Art und Weise, wie er das sagt, lässt darauf schließen, dass er scherzt, weshalb ich in sein Lachen mit einsteige. Bald schon lachen auch Mariah und Khan mit und das Tischgespräch wird nur noch angenehmer, je älter der Abend wird. Es ist nach Mitternacht, als wir den Bieber verlassen und während ich mit zu Khan gehe, fährt Andrea sowohl Mariah als auch Duck nach Hause. Wir verabschieden uns, sie wünschen uns viel Spaß auf der Theaterfahrt und wir versprechen, diesen Spaß unter dem ganzen Stress nicht zu vernachlässigen. Dann trennen sich unsere Wege. 


// and im basically blind, boah dieser display ist ja mal winzig xxx


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