Dreiundfünfzig

Zuhause ist es ruhig. Zu ruhig. Sobald ich die Haustür geöffnet habe, kommt mir Mikael entgegen – in voller Montur.

„Notfalleinsatz, ich werde nicht vor morgen früh wieder hier sein", sagt er im Gehen, dreht sich allerdings noch mal zu mir um, bevor ich verschwinden kann.

„Ich hab dir etwas Risotto übrig gelassen." Übersetzt meint er damit, iss das Risotto oder ich werde es dir morgen früh eigenhändig einflößen. Seufzend werfe ich die Tür hinter mir zu. Wenn doch nur alles so einfach wäre wie sich mein Bruder das vorstellt. Ich bin froh, dass er mir nicht angesehen hat, dass ich eben geheult habe. In letzter Zeit hat er sich schon echt genug Sorgen um mich gemacht.

In der Küche riecht es – genau wie Mikael mir prophezeit hat – nach Risotto. Nach Erbsenrisotto, um genau zu sein. Mein Magen krampft sich zusammen, gleichzeitig sammelt sich der Speichel in meinem Mund. Ich laufe zum Küchenschrank und nehme mir ein Glas, das ich daraufhin mit Wasser fülle. Erst da fällt mir auf, dass am Kühlschrank ein Zettel in Dads krakeliger Schriftsteller-Handschrift hängt.

Wir sind bei Miss Nadine. Danach bei Mr. Und Mrs. Jenkins zum Abendessen. Wahrscheinlich bleiben wir bis morgen Mittag.

- Dad

Mr. und Mrs. Jenkins waren früher unsere Nachbarn. Dad konnte sie nicht ausstehen. Und jetzt essen sie gemeinsam zu Abend? Mum geht unter Leute? Das muss ich mir einbilden. Auch das Gespräch letzte Nacht muss meiner blühenden Fantasie entsprungen sein. Was ist nur mit meiner Familie los?

„Verrückt", murmle ich vor mir hin. Dann werfe ich einen Blick in den Topf, der auf dem Herd steht. Er ist halb mit Reis-Matsch gefüllt, der natürlich köstlich duftet.

Erneut krampft sich mein Magen zusammen. Vielleicht ein bisschen? Ich schnappe mir einen Teller, halte inne. Oder auch nicht? Ich schlucke. Eigentlich habe ich gar keinen Hunger. Der Salat in der Mittagspause hat mich relativ gesättigt. Die Türklingel nimmt mir meine Entscheidung ab. Erleichtert stelle ich den Teller neben den köchelnden Topf und eile zur Tür, die ich sofort aufreiße.

Ob das Mariah ist? Oder Andrea. Vielleicht Mikael, der etwas vergessen-

„Hey." Meine Augenbrauen schnellen in die Höhe. Weder Mariah noch Andrea. Khan.

Einundzwanzig

„Geht...", ich stocke. Ein Schlucken. Ein Blick in seine riesigen, geröteten Augen. Das Blau ist intensiver als sonst.

„Geht... es dir gut?", stammle ich. Die dämlichste Frage, die ich ihm in solch einer Situation stellen kann. Glaubt mir, ich weiß das. Mein Herz macht einen Satz. Was tut er hier?

„Es wäre eine Lüge, wenn ich ja sagen würde", gibt er zu und schiebt sich an mir vorbei ins Haus. Ich bleibe wie angewurzelt stehen.

„Khan?"

„Blondie?"

‚Was willst du hier?', möchte ich fragen, stattdessen schweige ich. Ich mustere ihn genauer und mir fällt auf, dass er mein Spiegelbild sein könnte. Ringe unter den Augen. Rot gerändert. Rote Nase. Jogginghose und Schlafshirt, wenn ich mich nicht irre. Seine etwas nachgewachsenen Haare würden sicher in alle Richtungen abstehen, wenn sie länger wären. Nein, ihm geht es nicht gut.

Einer Eingebung folgend schließe ich die Tür mit einem sanften Rums, schlinge meine Arme um ihn und hoffe, so zumindest etwas Trost zu spenden. Vermutlich wird der Schmerz nie weggehen, nie gelindert werden. Khan seufzt an meine Schulter, ein erleichtertes Seufzen, als würde eine schwere Last von seinen Schultern fallen.

„Es tut mir leid", flüstere ich, halb in der Hoffnung, er könne es nicht hören. An meiner Schulter schüttelt er den Kopf, antwortet aber nicht. Für eine gefühlte Ewigkeit liegt sein Gesicht an meiner Schulter. Ausnahmsweise ist die Nähe zwischen uns nicht voller Erregung – gut, das ist sie schon, aber ich achte ausnahmsweise mal nicht darauf – die Luft ist aufgeladen mit Trauer. Erst als er den Kopf schließlich hebt, merke ich, dass er geweint hat. Seine Augen sind röter als zuvor und mein Pullover ist etwas nass.

Ich will ihn nicht drängen. Um Himmelswillen. So traurig, kaputt, ja zerstört, habe ich Khan bisher noch nie erlebt. Aber es brennt mir doch auf der Zunge zu erfahren, wie es um Paul steht. Und warum er nicht sauer auf mich ist und nie wieder ein Wort mit mir sprechen will... Mein Arme liegen immer noch um Khans Hals. Unsere Blicke treffen sich.

„Mir tut es auch leid", sagt er. Darauf weiß ich nichts zu erwidern. Er kann ja nichts dafür, dass sein Vater krank ist.

„Willst du... heiße Schokolade? Die soll doch für gewöhnlich die Stimmung anheben." ein trauriges Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.

„Vielleicht bleiben wir einfach noch kurz so stehen?" Seine Hände, die zuvor meinen Rücken umklammert haben wie ein Ertrinkender seinen Rettungsring, wandern tiefer und streicheln über meine Taille. Er zieht mich näher an sich. Ich stoße einen zischenden Laut aus und schließe kurz die Augen.

„Später kannst du mir gerne einen Kakao machen", fügt er hinzu. Unsere Nasenspitzen berühren sich fast. Verwirrt blicke ich ihm direkt in die Augen.

„Wieso bist du nicht wütend auf mich?" Es ist die Frage aller Fragen. Die eine, die mich quält, seit er hier vor meiner Haustür stand, seit er hier vor mir steht.

„Sollte ich es sein?" Eine Gegenfrage.

„Charming", hauche ich kopfschüttelnd.

„Ich hab dir immerhin das mit deinem Dad verschwiegen und gestern Abend – das war echt scheiße taktlos von mir."

„Du konntest nicht wissen, dass ich schon wieder da war." Khan zeigt mir Verständnis. Wie kann er mir Verständnis zeigen, wo ich ihn doch belogen habe? Ich löse mich aus seiner Umarmung, um ihn besser ansehen zu können.

„Umso schlimmer. Dann wäre das ja noch ewig so weiter gegangen." Ich kann gar nicht mehr aufhören den Kopf zu schütteln.

„Du bist wirklich nicht wütend?" Sein zuvor trauriges Lächeln wird etwas glücklicher, so sanft.

„Wenn ich ehrlich bin. Im ersten Moment war ich es. Natürlich. Wer wäre das nicht? Da willst du einem Mädchen, das dir nicht mal von seinem Geburtstag erzählt hat, eben einen schönen Geburtstag machen, sie fragen, ob sie deine Freundin sein will und dann kommst du heim und musst mitkriegen, wie sie mit deinem Dad über dessen bevorstehenden Tod redet." Er legt den Kopf schief, als fände er das komisch. Die Art und Weise wie er von Pauls bevorstehendem Tod redet, macht mir Angst.

„Schon schräg", sage ich und streiche mir über die Arme, wo sich eine Gänsehaut ausgebreitet hat. Er wollte mich fragen, ob ich seine Freundin sein will. Mir sinkt das Herz in die Hose. Ob er mich immer noch fragen will? Dann: Warum mich? Ich-

„Naja, es hat eine Weile gedauert, aber das erste, was Dad zu mir sagte, war, dass ich dir nicht die Schuld geben sollte. Du hast ihn anscheinend mehrmals dazu aufgefordert, es uns zu sagen?" Ich schlucke und nicke.

„Er hat nicht auf mich gehört", sage ich kleinlaut.

„Dad ist ein Sturkopf." Ich kenne da noch jemanden.

„Hat er denn noch mehr gesagt?" Da haben wir es. Ich kann es nicht lassen. Die Neugierde ist zu groß. Khan fährt sich über den Kopf, drückt sich die Nase – eine Taktik, um die Tränen zurückzuhalten, das weiß ich aus Erfahrung – und zuckt dann mit den Achseln.

„Er hat gewartet bis Mum da war." Seine Augen werden größer, etwas glasig. Ich greife die Gelegenheit beim Schopf, schnappe mir seine Hand und ziehe ihn in die Küche, wo ich einen Topf mit Milch aufsetze. Das Risotto steht einsam und verlassen daneben und kühlt vermutlich gerade aus.

Ich werde ihn nicht drängen mehr zu erzählen. Wenn er es mir erzählen will, wird er das von alleine tun. Seit heute Nacht weiß ich nämlich, dass ich eine Heuchlerin bin. Ich erzähle anderen nichts von mir, verlange von ihnen aber umgekehrt, dass sie mir etwas von sich erzählen. Das ist nicht fair. Gar nicht.

Als ich nach einem Kochlöffel greifen will, fällt Khan auf, dass ein leerer Teller neben dem Risotto liegt.

„Halte ich dich vom Abendessen ab?", fragt er. Ich zucke bloß mit den Achseln und drehe mich weg, damit er nicht bemerkt, dass ich selbst nicht weiß, ob es so ist.

„Du solltest was essen", meint er nur. Ich ziehe die Schultern hoch, unterdrücke ein weiteres Achselzucken, und öffne einen weiteren Schrank, um das Kakaopulver zu finden. Fehlanzeige. Ich hätte schwören können, dass es in diesem Schrank ist.

„Kannst du mal dort drüben gucken, ob da das Kakaopulver ist?", bitte ich ihn.

„Hier ist keins." Ich seufze. Heiße Milch ohne Schokolade.

„Magst du Honig?"

„Du musst dich nicht um mich kümmern, als wäre ich krank." Mit hochgezogenen Augenbrauen drehe ich mich zu ihm um.

„Einfache Frage: Magst du Honig?" Khan lacht und nickt dann zögerlich. Er lacht doch tatsächlich. Mir geht das Herz auf. Ein Schmunzeln kann ich mir nicht verkneifen. Nichts ist gut. Es ist überhaupt nichts gut. Aber er lacht. Und dieses Lachen lässt so manchen Schmetterling in meinem Bauch herum fliegen. Eilig drehe ich mich zurück zu dem Schrank, um den Honig zu holen.

Plötzlich ist dort Khans Hand. Sie greift an mir vorbei, schnappt sich den Honig, schließt die Tür – alles binnen weniger Sekunden – und kippt dann eine beachtliche Menge Honig in den Topf.

Auf meinen angewiderten Blick hin, meint er nur mit gespielt ernstem Gesichtsausdruck: „Je süßer, desto besser." Ein anzügliches Grinsen folgt. Das hat er nicht- Ich boxe ihn gegen den Arm.

„Idiot."

„Gib es zu, das findest du doch toll an mir." Es fühlt sich an, als ob das Herz in meiner Brust zerspringen würde.

„Vielleicht", murmle ich. Er macht einen Schritt auf mich zu. Keiner von uns rührt seine Milch um. Wieder sind wir uns so unglaublich nah. Ich hebe eine Hand, als würde ich sie ihm an die Wange legen – greife dann allerdings an ihm vorbei nach dem Küchenschrank mit den Tassen. Khan stößt einen Schwall Luft aus.

„Du lernst dazu", lacht er, seine Stimme etwas gepresst. In gespielter Seelenruhe gieße ich die Milch in die Tasse und reiche sie ihm. Er nimmt dafür den Deckel vom Risotto und gibt mir eine Kelle auf meinen Teller. Ich drehe mich weg, damit er nicht sieht, wie ich die Stirn runzle. Warum müssen sie sich alle darum kümmern, dass ich esse? Können sie mir das nicht selbst überlassen?

Schweigend hole ich einen zweiten Teller aus dem Schrank.

„Du auch?", frage ich. Ein Nicken. Die vorher gelassene Stimmung erlebt eine Schwankung. Es ist nicht unangenehm, aber einfach angespannt zwischen uns. Und ruhig. Und gleichzeitig verdammt heiß. Ich reibe mir über die Arme. Der Pullover kommt mir auf einmal ziemlich dick vor.

„Ich zieh mir eben was anderes an", sage ich.

„Soll ich dir helfen?", höre ich Khan hinter mir rufen. Kopfschüttelnd aber dennoch leise grinsend, dabei sollte ich das in unserer Situation doch nicht, betrete ich mein Zimmer.

♡♡♡

Keine Ahnung, wann ich das hier hochlade, aber Leute, ich bin irgendwie gleichzeitig sad weil ich mittlerweile WIRKLICH weiß wie ich das ganze in Part 2 enden lasse und weil es schon so... idk nah ist und gleichzeitig entwerfen ich schon stories für meine ganzen Nebencharaktere, die ich danach schreiben will...

Andrea, Mariah, vllt sogar Anne oder Rina :p Könnt mir ja mal sagen, was ihr davon hielte bzw was euch am meisten interessieren würde (ist jetzt noch nicht ganz so aktuell, weil ihr ja nicht mal das erste Kapitel vom zweiten Part habt und weil der auch noch nicht fertig ist, aber ich bin so ein mega nerviger zukunftsdenker hahah deshalb, suit yourselves)

xxx

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top