Acht
Als ich mich Darrens Haus nähere, steht dort kein Auto - nicht mal das seines Vaters. Nicht gut. Mein Herz macht einen Satz und ich beeile mich den Treppenabsatz hinauf zu steigen. Dann klingle ich und warte, dass mir die riesige Tür geöffnet wird. Stattdessen meldet sich eine Stimme am Klingelapparat.
„Hallo?", ertönt die verschlafene Stimme seiner Mum.
„Stacy, hi. Ich bin's Stew." Ich kann nicht verhindern, dass meine Stimme zittert. Wo ist Darren? Oder hat er seinen Wagen einfach bei Matt stehen lassen und ist zu Fuß nach Hause gegangen? Natürlich. Darren würde nie betrunken Auto fahren.
„Darren ist noch nicht hier", sagt seine Mum. Dann ertönt ein Rauschen, die Verbindung ist abgebrochen. Um diese Uhrzeit ist sie nicht mal höflich genug auf Wiedersehen zu mir zu sagen. Darren ist nicht hier. Ist er bei Matt? Kopfschüttelnd entferne ich mich von seinem Haus, krame mein Handy aus der Tasche und mache mich dann auf den Weg zur Bushaltestelle. Warum ist er nicht nach Hause gekommen? Um Himmelswillen, warum hat er sich betrunken? So kenne ich Darren gar nicht. Ich versuche ihn anzurufen und schmeiße alle guten Vorsätze über Bord, keine Klette zu sein.
Mein Herz schlägt heftig, als er auch beim dritten Mal nicht ans Telefon geht. Dann schreibe ich ihm eine Nachricht:
Wo bist du? Warum reagierst du nicht?
Bestimmt muss er sich übergeben und hat niemanden, der ihm dabei hilft. Ich bin kurz davor zu Matt zu fahren, um nach Darren zu sehen, überlege es mir dann aber anders. Es wird ihm schon gut gehen. Um sicherzugehen rufe ich auch Mariah an, sie reagiert ebenfalls nicht.
Ich bin so in Sorge um Darren, dass ich nicht darauf achte, wo ich hin laufe. Fast schon habe ich die Kreuzung zur Bushaltestelle überquert, den Blick auf mein Handy gerichtet, als ein lautes Dröhnen an mein Ohr stößt, aggressives Hupen. Ich schrecke hoch und merke, dass die Ampel längst rot ist. Mein Herz rutscht mir in die Hose. Wieso bin ich so unachtsam?
Um diese Uhrzeit herrscht nicht sonderlich viel Verkehr, trotzdem wäre ich beinahe von einem Auto angefahren worden. Ich entschuldige mich kleinlaut bei dem Autofahrer und eile zur anderen Straßenseite.
Mein Magen krampft sich zusammen, als der Autofahrer mich beschimpft und dann immer weitere Fäkalien um sich werfend an mir vorbei saust. An der Bushaltestelle lasse ich mich auf einen der Sitze fallen und ignoriere meine Arme, die zittern. Nicht nur, dass mir an einem Spätsommertag kalt ist, nein, ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen.
Das ist ein Alptraum. Ein schrecklich realistischer Alptraum. Ich ziehe die Beine an und lasse den Kopf nach hinten fallen, ungeweinte Tränen prickeln in meinen Augen. Zum Glück ist es zu früh am Morgen, als dass mir irgendwelche Klassenkameraden begegnen würden.
Bis der nächste Bus kommt, dauert es eine Viertelstunde, die ich mit geschlossenen Augen dasitze und bete, mich nicht übergeben zu müssen. Mir ist wieder schlecht, mein Kopf dröhnt und ich fühle mich ziemlich elend. Ging es mir gestern noch prima, so fühle ich mich jetzt wie von zwei Lastwagen über den Haufen gefahren. Als der Bus um die Ecke kurvt, springe ich auf, bereue es im nächsten Moment aber wieder, als mir schwarz vor Augen wird. Ich halte mich am Bushaltestellenhäuschen fest und warte, bis sich die Schwärze aufgelöst hat.
Alptraum, sage ich doch.
Den Rest des Tages verbringe ich mit Lernen, auf mein Handy starren und lustlos im Bett liegen - am späten Abend gehe ich noch eine Runde joggen. Darren meldet sich nicht. Auch Mariah ist wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht hilft sie ihm beim Kotzen? Ich kann nicht anders und muss daran denken, wie Khan sagte, er würde nicht trinken, nie. Er ist mir sympathisch, so ungern ich das zugebe(natürlich gab es da auch schon Aussetzer meinerseits, doch ich habe es nie so weit getrieben, dass ich am nächsten Morgen kein Telefon mehr in die Hand nehmen konnte). Nicht nur weil er nicht trinkt, sondern einfach weil er... er ist, schätze ich.
Der Abend ist wieder einer der Abende, an denen Dad mit einem Glas Scotch in seinem Büro sitzt und schreibt. Mum liegt vermutlich im Bett. Mikael ist bei der Arbeit. Ich nehme Kopfschmerztabletten und lege mich dann ebenfalls schlafen. Darren wird nicht mehr anrufen. Das hat er den ganzen Tag nicht getan. Ich habe die Hoffnung aufgegeben und sinke in einen traumlosen Schlaf, aus dem ich erst wieder aufwache als ich ein dumpfes Seufzen vernehme.
Es ist Sonntagmorgen und ich wache neben einer dunklen Gestalt auf, stoße einen spitzen Schrei aus und springe vom Bett, wo mir kurz schwindelig wird. Ich schnappe mir den Baseballschläger, den mir Mikael vor fünf Jahren aus Spaß zum Geburtstag schenkte(jetzt wird er sich endlich bewähren)und bin kurz davor auf den Eindringling einzuschlagen, da wacht er auf und räkelt sich. Ups. Diese Socken... die würde ich überall wiedererkennen.
„Darren", hauche ich.
„Stew." Er öffnet die Augen, die leicht rötlich schimmern und mustert mich.
„Warum hältst du diesen Baseballschläger in der Hand?" Ich atme erleichtert aus. Er ist hier. Es geht ihm gut. Zwar wirkt er ziemlich fertig und auch gar nicht gesund, aber er ist hier.
„Ich dachte, du wärst ein Einbrecher", gebe ich zu.
„Ein Einbrecher? Stew..." Plötzlich bin ich wütend. Wie kann er es wagen, hier aufzukreuzen, als hätte er mich nicht einen ganzen Tag lang ignoriert. Wenn ich ihm schon verpflichtet sein soll, dann ist er es mir mindestens genauso sehr.
„Nichts da Stew..." Ich imitiere seinen unverschämt besänftigenden Tonfall.
„Du hast dich nicht gemeldet. Ich hab mir solche Sorgen gemacht, weil du auf keinen meiner Anrufe reagiert hast. Und als Khan dann meinte, du wärst betrunken gewesen, da-" Er unterbricht mich mit einem verwirrten: „Khan?"
„Lange Geschichte, nein. Nicht jetzt. Ich bin sauer." Und wie. Mir ist es sogar egal, dass ich vermutlich gerade meinen Bruder wecke. Meinen Bruder, der Nachtschicht hatte und mich vermutlich einen Kopf kleiner machen wird.
„Warum hast du dich nicht gemeldet?" Immer noch stehe ich neben meinem Bett und so langsam fließt das Adrenalin aus meinen Adern und wird durch Kälte ersetzt. Gänsehaut bildet sich auf meinen Armen.
„Ach Stew." Er sieht weg.
„Ich wollte ausnüchtern." Seine Stimme ist rau, weil er gerade aufgewacht ist. Unter anderen Umständen hätte mich das sowas von angemacht.
„Dabei hätte ich dir doch geholfen", weise ich ihn auf das Offensichtliche hin.
„Das weiß ich." Was hat ihn dann davon abgehalten, mich um Hilfe zu bitten?
„Es...", er stockt und weicht meinem Blick aus. Bevor ich blinzeln kann, hat er mich am Handgelenk zurück zu sich ins Bett gezogen. Er drückt mir einen vorsichtigen Kuss auf den Mund und ich lasse es geschehen, weil ich ihn vermisst habe - ihn und seine Berührungen.
„Es war mir peinlich", flüstert er irgendwann, schaut mir noch immer nicht in die Augen.
„Und ich wollte kein De-ja-Vu erleben. Letztes Mal, als ich... als wir..." Er schüttelt den Kopf und ich nicke zustimmend.
„Erinnere mich nicht dran." Mein Herz klopft schneller, als er mir einen weiteren Kuss gibt - diesmal inniger, nicht länger so vorsichtig. Als Darren das letzte und erste Mal betrunken war, wurde er beinahe handgreiflich, meinte, mir sagen zu müssen, was ich zu tun hatte. Es dauert eine Woche und drei Tage, um mich davon zu überzeugen, dass es ihm leid tut. Er hatte sich wie ein Arschloch verhalten. Genau wie jetzt - irgendwie.
„Trotzdem hättest du dich wenigstens melden können." Ich rolle mich von ihm runter und kneife die Augen zusammen, als ich sehe, dass Tageslicht durch meine Rollläden dringt.
„Wenn ich das getan hätte, hättest du nicht nachgegeben, bevor ich dir meinen Standort genannt hätte." Da hat er wiederum recht. Vielleicht bin ich ja doch eher eine Klette.
„Und der Standort wäre...?", will ich wissen. Darren lacht und streicht mir gedankenverloren durch die Haare. Ich genieße seine Berührung und schließe kurz die Augen.
„Du hast am Freitag ganz schön was verpasst. Ashton war stockbesoffen - schlimmer als ich. Er hat mit Tally rumgemacht, vor Andrea. Das hat natürlich alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Eine Scheiß-Aktion. Andrea fand das anscheinend auch, denn sie hat Ash mehr oder weniger eine deftige Ohrfeige verpasst." Darren verzieht das Gesicht und ich kann mir denken, was er damit meint. Ashton und Tally. Wow. Wollte die nicht am Montag noch was von Khan? Ich muss mich erst mal daran gewöhnen, dass Ash Andrea betrogen hat. Dabei waren die beiden das Traumpaar. Und dann hat er das auch noch unbewusst unter Alkoholeinfluss getan. Fast schon tut er mir leid.
Allerdings empfinde ich doch lieber Mitleid mit Andrea, die das ganze ziemlich hart getroffen haben muss. Wären wir enger miteinander befreundet gewesen, hätte ich sie vermutlich später angerufen, um mich zu erkundigen, wie sie damit klar kommt.
„Naja und als er anfing zu heulen - du kennst Ash - bin ich mit ihm zu ihm nach Hause gelaufen." Darren war noch nie jemand, der betrunken Auto fährt. Er konnte also wenigstens noch laufen. Das beruhigt mich teilweise.
„Und wie schlimm ging es dir?", frage ich, rutsche in seinem Arm ein Stückchen hoch, sodass sich unsere Lippen fast berühren. Sein Augen wandern meinen Körper hinab, ich erkenne das Schimmern in ihnen, sie sind jetzt fast schwarz.
„Ich-", er räuspert sich, leckt sich über die Lippen.
„Ich kann mich jedenfalls noch an den Abend erinnern. Nicht mehr ganz so gut, aber trotzdem ein bisschen." Immerhin. Ich hauche ihm einen Kuss auf den Mund, nur um mich dann von ihm zurück zu ziehen - gut einen halben Meter zwischen uns zu bringen. Zugegeben, ich bin immer noch ein wenig sauer. Er weiß das, seine Hand ruht auf meinem nackten Bein, der einzige Körperkontakt, der noch besteht.
„Ach Darren. Es war bloß ein Spiel", seufze ich. Er wird rot und senkt den Blick.
„Es war nicht bloß ein Spiel, Stew. Sondern meine erste Möglichkeit einen guten Eindruck zu hinterlassen. Und ich hab's verpeilt." Nicht seine erste. Bloß die erste in diesem Schuljahr.
„Dann habt ihr eben verloren. Shit happens. Jeder verliert mal." Seine Hand auf meinem Bein verkrampft. Ich halte die Luft an. Ist ja nicht so, als hätten wir dieses Gespräch nicht schon mal gehabt.
„Ich verliere nicht", sagt er in einem so bestimmten Ton, dass es mir einen Schauder über den Rücken jagt.
„Ich habe letztes Jahr jedes Spiel gewonnen." Ich möchte ihn daran erinnern, dass er von seiner Mannschaft in der Ich-Perspektive redet, halte allerdings den Mund.
„Und jetzt sieh dir dieses Desaster an." Verzweiflung liegt in seinem Gesicht. Ohne darüber nachzudenken lege ich ihm eine Hand an die Wange. Auf eine verquere Weise kann ich verstehen, warum es ihn so dermaßen beschäftigt. Sehr verquer.
„Du kannst es nicht rückgängig machen." Das kann man nie. Man kann nur immer wieder daraus lernen und es beim nächsten Mal besser machen.
„Ich wünschte, ich könnte es." Doch er lächelt nicht. Sein Gesichtsausdruck macht mir ein wenig Angst.
„Willst du...", setze ich an, schäme mich in der nächsten Sekunde. Das ist vielleicht keine gute Idee. Er hat den letzten Tag mit Kotzen verbracht und seine Stimmung liegt am Tiefpunkt und meine einzigen Gedanken gelten...
„Dachte schon, du fragst nie." Er streckt die Arme aus und zieht mich an sich. Und so verbringen wir einen Großteil des Sonntags.
♡♡♡
Weil ich einen guten Schreibtag hatte, gibts hier noch ein Kapitel :p Die Story ist jetzt praktisch bis zum Ende durch"gedacht" so in etwa, von daher dachte ich mir, ich brings ein bisschen schneller über die Bühne - bin mir nicht sicher ob ich die Kapitel in Zukunft länger hochlade, weil es sein könnte, dass diese Story ansonsten am Ende um die 200 Parts hat und that would be... weirdly much
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