Kapitel 81
Er zieht überrascht die Augenbrauen hoch. "Sie hat dir erzählt, wer sie ist? Ich meine, wer sie war?"
Ich nicke. "Während du Grom besucht hast. Einmal Mafia, immer Mafia, wenn du mich fragst. Wo hätte sie denn sonst das ganze Geld her? Aber ich schätze, dich interessiert das gar nicht, weil sie dir Häuser und Autos und gefälschte Ausweise besorgt." Ich reiße mein Handgelenk von ihm los und drehe mich wieder zum Hotel. Zumindest hoffe ich, dass es unser Hotel ist.
Hicks lacht. "Astrid, es ist nicht Rapunzels Geld; es ist meins."
Ich wirbele zu ihm herum. "Du bist ein Fisch. Du hast keinen Job. Und ich glaube nicht, dass auf der Währung der Syrena irgendeiner unserer Präsidenten drauf ist." Jetzt bedeutet 'unser', dass ich wieder menschlich bin. Ich wünschte, ich könnte mich entscheiden. Er verschränkt die Arme. "Ich verdiene es auf andere Weise. Komm mit mir zum Gulfarium, ich werde dir erzählen wie."
Diese Verlockung spaltet mich wie die Axt ein Holzscheit. Ein Teil von mir steht kurz vor einem Wutanfall, der andere kurz davor, schwach zu werden. Ich habe das Recht, sauer zu sein, Anschuldigungen vorzubringen, Rapunzel das Haar abzuschneiden, während sie schläft. Aber will ich wirklich ein Risiko eingehen? Vielleicht hat sie eine Waffe unterm Kissen? Will ich mir die Gelegenheit entgehen lassen, meine Zehen im Sand zu vergraben und Hicks' voller Stimme zuzuhören, wie sie mir erzählt, wie ein Fisch zu Wohlstand kommen kann? Nein, ganz bestimmt nicht. Ich ramme ihn absichtlich mit der Schulter, als ich an ihm vorbei- und hoffentlich in die richtige Richtung marschiere. Als er mich einholt, verscheucht sein Grinsen den letzten Rest meines Wutanfalls. Ich wende mich an und fixiere die Wellen.
"Ich verkaufe den Menschen Sachen", erklärt er. Ich schaue ihn an. Sein Gesichtsausdruck ist mindestens so, wie meiner sein müsste. Ich hasse dieses Spielchen. Kein Wunder, ich bin ja auch nicht gut darin. Er wird mir nicht mehr verraten, wenn ich nicht nachfrage. Neugier ist meine Schwäche - und Hicks weiß es ganz genau. Trotzdem habe ich schon einen ordentlichen Wutanfall heruntergeschluckt und finde, dass er mir etwas schuldet. Es spielt keine Rolle, dass er mir heute das Leben gerettet hat. Das ist schon zwei Stunden her. Ich recke das Kinn nach vorne.
"Rapunzel sagt, dass ich ein Millionär bin", bemerkt er, und sein Wissen des Grinsen kratzt an meinen Nerven wie ein Glitzi-Schwamm. "Aber für mich geht es nicht um Geld. Genau wie du habe ich meine Schwäche für Geschichte."
Mist, Mist, Mist. Wie kann er mich nur schon so gut kennen? Offensichtlich bin ich ein offenes Buch für ihn.
Aber was soll's? Er wird gewinnen, jedes Mal. "Was für Sachen? Welche Geschichte?"
Da ist es wieder, dieses Lächeln, mit dem er mir eine Gehirnwäsche verpasst. "Ich berge Sachen, die auf See verloren gegangen sind, und verkaufe sie den Menschen", sagt er und verschränkt die Hände hinter dem Rücken. "Wenn sie zu groß für mich sind, wie alte Kriegs-U-Boote oder Flugzeuge, teile ich den menschlichen Regierungen den Standort mit - zu einem gewissen Preis. Rapunzel regelt natürlich den ganzen juristischen Kram."
Ich blinzle ihn an. "Wirklich?"
Er zuckt die Achseln voller Unbehagen, als würde ihn meine volle Aufmerksamkeit plötzlich nervös machen. "Ich habe auch einige private Käufer. Wir sprechen erst sie an, weil sie normalerweise mehr bezahlen als die meisten Staaten." "Was ist mit Schiffswracks? Piratenschätzen?" Die Möglichkeiten sind endlos - oder zumindest nur durch die Grenzen des Hoheitsgebietes von Triton eingeschränkt, das sich vom Golf von Mexiko bis genau in die Mitte des Indischen Ozeans erstreckt.
Er nickt. "Jede Menge. Mein größter Fund war eine ganze spanische Flotte voller Gold."
Ich schnappe nach Luft. Er tritt von einem Fuß auf den anderen. Mir kommt der Gedanke, dass ich und Rapunzel vielleicht die Einzigen sind, denen er es erzählt hat. "Wie viel Gold? Haben sie dich gefragt, wie du es gefunden hast? Wo war es?" Meine Fragen blubbern heraus wie geschüttelte Limo. Er kneift sich in den Nasenrücken, dann lacht er. "Rapunzel hat alles auf dem Computer abgespeichert, auch Bilder. Wenn du willst, kannst du dir alles ansehen, wenn wir nach Hause kommen."
Ich klatsche wie ein dressierter Seehund und ignorierte das Flattern in meinem Bauch, als er 'nach Hause kommen' sagt, als ob Zuhause wirklich an Land sein könnte.
Erzähler Sicht:
Ein Wachmann lässt sie ins Gulfarium und führt sie in die Ausstellung 'Das lebendige Meer', wo sie auf Dr. Grobian warten sollen. Voller Ehrfurcht nähert sich Astrid dem vom Boden bis zur Decke reichenden Wasserbecken und klopft gegen das Glas. Hicks tritt zurück und lehnt sich an die Wand. Er beobachtet, wie sie die Tropenfische anlockt, die um ihre Aufmerksamkeit wetteifern. Eine Seeschildkröte kommt träge angezockelt, um sich die Sache genauer anzusehen. Astrid geht vor dem Glas auf und ab und fährt mit der Hand über die Oberfläche. Das Becken verwandelt sich in einen riesigen bunt gemischten Fischschwarm. Stachelrochen, Seeschildkröte, Aale. Mehr Fischarten als in Rapunzels Meeresfrüchte-Überraschungs-Auflauf. Sogar ein kleiner Hai schließt sich der Parade an. "Sie ist umwerfend."
Hicks dreht sich zu Dr. Grobian um, der neben ihm steht und Astrid ansieht, als schwebe sie in der Luft. "Ja, das ist sie", stimmt Hicks zu.
Dr. Grobian lächelt Hicks wissend an. "Sieht so aus, als hätte sie nicht nur die kleinen Fische verzaubert. Sieht vielmehr so aus, als hätt es dich schlimmer erwischt als alle anderen, mein Junge."
Hicks zuckt die Achseln. Er hat nicht von Dr. Grobian zu verbergen. Dr. Grobian stößt pfeifend den Atem aus. "Was sagt Heidrun?"
"Sie mag sie." Der gute Doktor hebt eine schmale blonde Augenbraue. Hicks seufzt. "Zumindest ausreichend."
"Hm, mehr kann man nicht verlangen, nehme ich an. Wollen wir dann?"
Hicks nickt. "Astrid, Dr. Grobian ist hier." Astrid dreht sich um. Und erstarrt. "Sie!", stößt sie mit erstickter Stimme hervor. "Sie sind Dr. Grobian?" Der ältere Mann verneigt sich. "Ja, junge Dame, der bin ich. Dann erinnern Sie sich also an mich?" Sie nickt und geht langsam auf die beiden zu, als wittere sie eine Falle. "Sie wollten mir eine Freikarte für die ganze Saison geben. Sie haben mich am Streichelbecken angesprochen."
"Ja", sagt er. "Natürlich habe ich Ihnen eine Saisonkarte angeboten. Wie könnte ich denn sonst Ihr faszinierendes Zusammenspiel mit den verschiedenen Arten studieren?"
Sie verschränkt die Arme. "Zu diesem Zeitpunkt wüsste ich noch nicht, dass ich mit Fischen reden kann. Wie haben Sie es herausgefunden?"
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