Kapitel 97


Y/n:

Die Welt geriet ins Schwanken.
Das bin ich. Und das sind meine Eltern.
Zusammen. Sie sind zusammen.

Ich starrte wie gebannt auf die drei Personen vor mir, die ich alle seit langer Zeit aus meinem Leben verbannt habe. Mein Vater, meine Mutter und ich. Eine Familie.
Familie. Das Wort klang so fremd.

"Es ist nicht wahr! Lauf!", warnte mich immer wieder mein Innerstes, aber ich reagierte nicht. Meine ganze Aufmerksamkeit lag nur auf sie. Auf mich, mein zwölfjähriges Ich, welches gerade überglücklich und unwissend mit ihren Eltern am Tisch saß und ihren Geburtstag feierte.

Der Tag war so wunderschön gewesen. Meine Eltern.. Meine Mutter. Sie lächelte. Und mein Vater auch. Eine Familie.

"Stopp! Das alles ist nicht real! Wach auf!", hallte es immer wieder nach, aber statt hinzuhören trat ich näher heran. Ich fühlte mich ungewöhnlich leicht und als ich auf meine Hände guckte, sah ich nichts. Ich war einfach unsichtbar.

Mein Magen zog sich zusammen, jedoch ließ ich mich nicht davon abschrecken. Dieser Anblick war so ungewöhnlich und..
"So du kannst jetzt die Kerzen auspusten und dir was wünschen.", sagte meine Mutter und mein früheres Ich strahlte den Schokokuchen vor mir an.

"Okay!", stieß sie aufgeregt aus und pustete sie einen Moment später aus.
Ich kannte den Wunsch noch.
"Lass alles so bleiben wie es ist."
Er ging nie in Erfüllung.
Aber wieso? Ich fühlte mich schlecht, aber ich wusste nicht warum.
Mein Kopf war einfach leer.

Und doch sprach ich ihn jetzt nochmal stumm aus, um einfach nur das dieses Gefühl zu bekommen, welches ich da gehabt hatte.
Lass alles so bleiben wie es ist.

"Ich kann dafür sorgen, dass alles so wird wie es früher war.", hörte ich plötzlich jemanden sagen und spührte auf einmal einen starken Windzug, bevor ich reflexartig zurücksprang. Doch als ich mich umdrehte, sah ich mich. Nein, nicht mein früheres Ich, sondern das Spiegelbild meines späteren Ich's nur mit viel längeren Haaren und hochgekrempelten Ärmeln. Der Anblick ihrer gebräunten makellosen Haut sorgte für ein Stechen in meiner Brust.

"Was? Wer bist du?", erkundigte ich mich und starrte sie, also mich verblüfft an. Sofort schüttelte ich meinen Kopf, weil ich erst jetzt erkannte, was für eine dumme Frage es war. Ich schwieg dann, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte.
Das hier war einfach nur absurd.

Mein wahrscheinlich jetziges Ich verschränkte mit einem Grinsen im Gesicht ihre Arme und trat näher heran. "Auch wenn die Frage nicht gerade die schlauste war, beantworte ich sie dir gerne. Ich bin du."

Sie ging einen Schritt auf mich zu und ich blieb wie angewurzelt stehen.
"Wo bin ich? Und was ist hier los??", hackte ich nach und wechselte meinen Blick immer wieder zwischen sie und meiner Familie.

"Wie? Du bist zuhause und feierst deinen Geburtstag.", antwortete sie und starrte ebenfalls zu den anderem rüber.

"Lauf.", zischte mein Innerstes, aber aus irgendeinem Grund verspührte ich keine Angst. "Was redest du da?
Ich bin hier. Wie kann es drei von uns geben?"

Mein jetziges Ich schmunzelte.
"Ja, ich habe dich auch nur veräppelt.
Du träumst." Sie setzte sich in Bewegung und ich folgte ihr ohne zu zögern.

"Ich träume?" "Lauf."
Ich spührte, dass irgendetwas nicht stimmte. Doch ich konnte mich an nichts erinnern, außer an das Gefühl sich nach einer Familie zu sehnen.
Doch habe ich nicht eine?..

"Ja, genau.", bestätigte sie und ich schaute mich um. Ich sah alles so klar und deutlich, dass ich mir kaum vorstellen konnte in einem Traum zu sein.

"Aber wieso bin ich hier? Wieso fühle ich mich so..."

"Leer?", vervollständigte sie meinen Satz und ich nickte. Alles war so komisch und perfekt zugleich.
Ich spührte nichts.

Mein jetziges Ich blieb stehen und stellte sich vor mich, sodass sie mir tief in die Augen schaute.
"Y/n, es ist sehr schwer zu erklären.
Lass es mich dir einfach zeigen."

Sie nahm meine Hand und bevor ich realisierte, was überhaupt passierte, verschwamm alles um uns herum und es fühlte sich an, als würde sich eine neue Welt vor uns aufbauen.
Aber obwohl alles zunächst verzerrt war, konnte ich genau erkennen, wo wir uns befanden. Noch weiter in der Vergangenheit.

Die Sicht verschärfte sich und ich konnte mein früheres Ich mit meinen Eltern in Spanien auf einem Fest rumlaufen sehen und die glücklichen Gesichter deutlich erkennen.
Die bunten Farben sorgten für ein warmes Gefühl in meinem Magen und ich musste anfangen zu lächeln.

"Schön oder?", fragte mein jetziges Ich und sah mich von der Seite an.
Ich nickte und gleich darauf nahm sie erneut meine Hand, bevor wieder alles im uns herum verschwand und ich erneut meine Familie irgendwo anders erblickte. Immer wieder lachten wir und rissen Witze.
Es war so perfekt.

"Wieso zeigst du mir das alles?", erkundigte ich mich nach ein paar Minuten und wandte mich schlussendlich zu ihr.

Sie sah mich etwas traurig an, bevor sie entgegnete: "Gefällt dir das, was du siehst?"

"Ja sehr. Aber wieso schauen wir uns das an?"

Sie schnaubte und neigte leicht ihren Kopf, bevor sie erwiderte. "Weil du das alles vergessen hast."

"Wie, dass könnte ich nie vergessen!
Es war so schön.", wandte ich ein und richtete mein Blick wieder auf meine Familie.

"Ist es denn jetzt noch schön?", fragte sie mich plötzlich und ich zog verwirrt meine Brauen hoch.

"Was meinst du?"

Wieder diese lange Pause.
Mein jetziges Ich kniff ihre Augen leicht zusammen, bevor sie vorsichtig nachhackte: "Y/n, wo befindest du dich jetzt? Wie alt bist du überhaupt?"

Ich presste meine Lippen aufeinander und spührte wieder dieses eigenartige Gefühl im Magen. "13, oder?"
"Lauf."

"Y/n, du bist 16. Du lebst in Tokio, mit deiner Mutter. Erinnerst du dich nicht?"
16. Die Zahl traf so schwer wie ein riesiger Stein auf mein Herz. Schlagartig wurde mir Übel und ich schnappte laut nach Luft, bevor ich die Welt mit anderen Augen sah. Jede Erinnerung weckte mich umso mehr auf und erst jetzt verstand ich die ganzen Warnungen in meinem Kopf. Was ist das hier?!

Ich ging einen Schritt zurück und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Meine Knie zitterten und mir wurde erst jetzt klar, dass ich nicht träumte. Ich war in einer Illusion, irgendwo gefangen in mir selbst und hatte keine Ahnung wie ich rauskommen sollte.

Mein jetziges Ich lachte auf, als sie meinen schokierten Gesichtsausdruck erblickte. "Ach, erst jetzt erinnerst du dich an alles. Dann müssen wir ja nicht länger drumrumreden. Hallo
Y/n, ich bin deine Reflektion."

Mein Blut rauschte in meinem Ohr und ich war kurz davor wegzulaufen.
"Meine Reflektion?"

Sie musterte mich für einen Moment, bevor sie sagte: "Dein Quirk."

Mein Herz blieb stehen und plötzlich änderte sich die Umgebung.
Ich blinzelte mehrmals und meine Augen brannten leicht. "Wieso bin ich hier? Wieso reflektierst du mich und was hat das mit dem Spiegel auf sich? Was bist du bitte für ein Quirk?"

Sie seufzte und schüttelte genervt ihren Kopf. "So viele Fragen, man kannst du nervig sein. Du bist hier, weil du mich benutzt hast. Ich bin keine normale Fähigkeit, die man einfach so anwenden kann, sondern bestehe aus Gefühlen. Ich bin erschaffen aus Liebe und Hass zugleich und reflektiere das, was du fühlst, sein willst oder verabscheust.
Der Spiegel mit deiner Mutter hat in dem Moment das gezeigt, was du am meisten gehasst und gefürchtet hast. Dieses Gefühl war am stärksten, weswegen es auch eine gewaltige Macht besaß."

Ich nickte, obwohl ich nicht richtig verstand. "Aber wieso siehst du aus wie ich? Was heißt das?"

Sie sah auf sich herab, bevor sie entgegnete: "Ich sehe nicht aus wie du. Ich stelle nur das da, was du sein möchtest. Um jeden Preis."

Ich musterte sie und mir wurde schwindelig, als ich erst jetzt realisierte, dass sie wirklich nicht so aussah wie ich. Ihre Haare waren so viel länger und ihre Arme.. auf ihner Haut waren keine Narben.
Ich schluckte während ich unmerklich auf meine Ärmel blickte.

"Lass mich hier raus.", presste ich zwischen zittrigen Lippen raus und würdigte sie dabei keines Blickes.

"Willst du denn raus?", fragte sie scharf und stemmte ihre Arme in die Hüften. "Willst du wirklich zurück? Willst du wieder dorthin, wo nur Probleme auf dich warten und du kaum Platz zum Atmen hast. Wo deine Gedanken dich ausfressen und jedes Fünkchen Hoffnung aus dir aussaugen?"

Nein, das will ich nicht.
Ich ballte meine Hände zu Fäusten und schüttelte meinen Kopf.
"Du lügst. Es ist nicht nur schlecht dort!" Sie lachte mir direkt ins Gesicht.

"Soll ich dir denn deine Erinnerungen von hier zeigen?"

"Ich kenne sie. Und ich weiß, dass es auch gute Dinge hier gibt. Ky-.. Katsuki zum Beispiel."

Mein jetziges Ich fixierte mich mit schmalen Augen bevor sie ihre Hand hob und mit den Fingern schnippste.
Auf einmal änderten sich die Farben um uns herum und vor mir stand mein früheres Ich auf Minas Party in der Toilette mit Katsuki und war gerade dabei ihn anzuschreien.

"Katsuki? Der Typ, der dich die ganze Zeit bedrängt und nur aus Mitleid mit dir befreundet ist?"
Diese Worte schnitten sich wie ein Messer in mein Herz ein.

"Das stimmt nicht.", fauchte ich sie an und nahm einen großen Atemzug.
Es kann einfach nicht stimmen.

Auf einmal wurde ihre provokante Miene voller Mitgefühl und sie trat näher an mich heran. Mein ganzer Körper pulsierte, als sie ihre eiskalte Hand auf meine Wange legte und mich enttäuscht betrachtete.
"Ach Y/n, ich kenne dich. Und ich weiß, dass du die Wahrheit einfach nicht akzeptieren willst. Aber das ist okay, ich habe eine Lösung."

"Lauf." Katsuki ist nur aus Mitgefühl mit mir befreundet. Und er ist mein einziger Freund. Oder nicht? Ich..ich habe niemanden. "Für was?"

"Ich kann dafür sorgen, dass alles so wird wie früher. Du kannst wieder glücklich werden und mit deiner Familie leben." "Lauf. Lauf. Lauf"

Mein Herz raste. "Wie?"

"Das ist unwichtig. Aber wenn du von alledem hier weg willst und wieder dein früheres Leben haben willst musst du nur eine Sache tun. Dann wird alles wieder gut, versprochen."
Mein jetziges Ich lächelte mich an und etwas funkelte in ihren Pupillen.

"Was muss ich tun?" Ich will hier weg.
Es kann alles so sein wie früher.

Sie streckte ihre Hand aus und hielt sie mir hin. "Nimm meine Hand und sag einfach nur: "Ja"."

"Lauf!"
Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern nahm ich sie und spührte eine unbekannte Kraft in mir hineinströmen. Ich war kurz davor sie wegzuziehen, aber mein früheres Ich hielt sie fest. "Hab keine Angst.
Sag einfach nur "Ja." Dann wird alle so, wie es früher war. Besser."

Mein Herz schlug mir fast aus der Brust und immer wieder hörte ich nur: "Wach auf. Wach auf. Wach auf."
Wieso soll ich aufwachen? Ich will nicht. Ich will nur wieder zurück.

Mein ganzer Körper spannte sich an, als ich den Mund öffnete, um nur das eine Wort auszusprechen, welches alles verändern würde. Zum Besseren. "J..-"

"Y/n! Wach auf, bitte!"
Ich drehte mich schlagartig um, aber sah niemanden. "Wer ist das?"

"Was meinst du?", fragte sie mich und ihre Augen formten sich zu schmalen Schlitzen.

"Y/n wach auf! Ich weiß nicht, was los ist, aber irgendetwas stimmt mit deinem Quirk nicht!", hallte es nach und erst jetzt erkannte ich die Stimme. Katsuki.

"Du musst nur "Ja" sagen! Mach es endlich!", fuhr sie mich an und ich zuckte zusammen.

"Sag nicht "Ja"! Sprich dieses Wort auf gar keinen Fall aus! Du wirst sterben!"
Und erst jetzt dämmerte es in mir.

Ich zog meine Hand mit solch einer Kraft weg, dass mein Jetziges Ich nach vorne stolperte. "Was.."

"Du willst mich umbringen!", schrie ich sie an und sie drehte sich sofort zu mir um. Ihre Pupillen weiteten sich um die doppelte Größe und kurz danach veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

Ein teuflisches Grinsen bildete sich darauf ab und ich sprang zurück.
"Ja und das werde ich noch."

Plötzlich drehte sich alles um mich herum und alles wurde schwarz.
Ich schrie auf, als der Boden unter mir verschwand und ich ins nach unten fiel. Doch ich kam nicht auf.
Stattdessen verschluckte mich die Dunkelheit und ich hörte nichts anderes außer ihr Gelächter.

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