Kapitel 93


Y/n:

Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, was gerade passiert war.

Katsuki küsste Ibara.
Katsuki küsst verdammt nochmal Ibara.

Es war wie ein Schlag in mein Gesicht. Innerhalb eines Augenblicks wurde mir so Übel, dass ich mich mitten im Flur übergeben konnte.
Was passiert hier?!

Doch dann wurde ich urplötzlich aus meiner Trance gerissen, als ich ein aufschreien hörte und bemerkte, dass Ibara Katsuki kurz mit weit aufgerissenen Augen anstarrte und ihn dann im nächsten Moment mit voller Kraft von sich stieß.

Die Schüler schnappten laut nach Luft, während er einen Schritt nach hinten stolperte und selbst schockiert wirkte. Seine Haltung wirkte verkrampft und ich sah von der Seite, wie er seinen Kiefer anspannte.

Er starrte Ibara verletzt, zugleich aber auch entsetzt an, doch aus irgendeinem Grund war ich mir sicher, dass diese Gefühle gespielt waren. Und dann bekam ich auch die Antwort darauf.

"Was ist bloß falsch mit dir?! Was tust du da??", schrie Ibara ihn an und alle starrten sie mit gebannten Augen an.
Ihr vorheriges Grinsen war komplett aus ihrem Gesicht gewischt und sie wischte sich energisch mit einem Ärmel über ihren Mund.

Aber bevor Katsuki darauf etwas erwiderte, wich die ganze Luft aus meinen Lungen, als er mir einen kurzen unmerklichen Seitenblick zuwarf. Es war nicht länger, als eine Milisekunde, jedoch erkannte ich genau die Sorge und Frage in seinen Pupillen. "Geht es dir gut?"

Es fühlte sich so an, als hätte mich jemand in eiskaltes Wasser geworfen.
Nein. Das hat er nicht getan. Nein.
Ich presste meine Lippen aufeinander und spührte sofort das Brennen in meinen Augen.

Katsuki kannte mich und ja, er hatte viel für mich getan. Er hatte mir zugehört und oft dafür gesorgt, dass es mir besser ging. Aber das hier..
"Das einzige, was für mich von Bedeutung ist, bist du." Worte die man leicht aussprechen, doch so schwer in die Tat umsetzen konnte.
Doch.. verdammt.

"Warte, verzeihst du mir etwa nicht? Ich dachte du wolltest mich küssen.", entgegnete er und jedes seiner Worte lastete schwerer als zuvor in meinem Magen. Er tat das für mich.
Katsuki sorgte gerade dafür, dass die ganze Aufmerksamkeit nicht mehr mir, sondern Ibara galt. Und ihm.

Er wusste, wie sehr ich mich vor so etwas fürchtete, bekam mehrere Male meine Panickattacken mit und studierte sie regelrecht. Immer wieder lernte er mich auf eine neue Art kennen und obwohl er so viel von meinen schlechten Seiten ertragen musste, schrack er nie zurück.

Ich war mir sicher, dass es jedoch genauso schlimm für ihn wie für mich war ein Schulgerücht zu sein.
Und doch tat er es.
Für mich.

Ibaras Augen schienen zu lodern, als sie ihre Hände zu Fäusten ballte und versuchte ruhig zu bleiben.
Doch vergebens, Katsuki war anscheinend drauf und dran sie so sehr zu provozieren, dass sie irgendwann komplett platzen würde.
"Also das kann doch nicht dein Ernst sein. Ich habe dir doch auch vergeben, als du mir mit Kaito fremdgegangen bist."

"Was?" Auf einmal trat die beste Freundin von Ibara zwischen den beiden und starrte sie fassungslos an.

"Fuck, was..", fing Ibara an, aber das andere Mädchen ließ ihr keine Zeit zum ausreden.

"Du verarscht mich. Du hattest was mit meinem Ex?!"

Es war so still, dass man die Windböen draußen klar hören konnte. Katsukis Mundwinkel zuckten leicht nach oben, doch ich wusste, dass er innerlich am brennen war.

"Scheiße nein, er lügt!", verteidigte Ibara sich und zeigte mit ihrem Finger anklagend auf Katsuki. "Glaubst du ihm etwa?! Ich habe dir nie was von ihm erzählt und kenne ihn nicht."

Ihre beste Freundin drehte sich wutentbrannt zu ihm um und Katsuki ging einen bedrohlichen Schritt nach vorne. "Was?! Du hast unsere Beziehung wirklich verheimlicht? Ich dachte das wäre nur ein Scherz von dir gewesen." Okay, er ist fucking gut im lügen.

Das zornige Mädchen schüttelte langsam ihren Kopf und nahm einen tiefen Atemzug, ehe sie ihn dann mit einer bedrohlich ruhigen Stimme fragte: "Wann ist sie dir fremdgegangen?"

Katsuki wollte gerade darauf antworten, bis Ibara sich jedoch einmischte und sie anschrie: "Warte du glaubst mir nicht? Bist du bescheuert?!"

Ihre beste Freundin verschränkte ihre Arme und hob ihr Kinn an.
"Ach dir kann man alles zutrauen, du hattest schon mehrmals was mit vergebenen Typen."
Okay, es eskaliert jetzt komplett.

"Mit wem?", hallte es immer wieder von den Anderen nach, aber statt zu antworten wandte sich das Mädchen wieder an Katsuki. "Also wann hatte sie was mit Kaito?"

Katsuki schwieg für einen Moment und ich spührte regelrecht wie die Spannung im Raum stieg.
Wieso machst du das nur?

"Vor ungefähr fünf Monaten."

Ich hörte schon das Klatschgeräusch, bevor ich überhaupt sah, dass Ibaras beste Freundin ihr gerade eine Ohrfeige verpasste. "Ibara! Ich war da verdammt nochmal mit ihm zusammen gewesen!"

Das Gelächter der Schüler wurde immer lauter, aber mein ganzer Magen zog sich zusammen.
Ibara stand wie angewurzelt vor ihr stehen und konnte keine Worte finden, um überhaupt irgendetwas darauf zu antworten.

Ich konnte ihre Angst fühlen.
Und dann empfand ich Mitleid mit ihr. Auch wenn sie mich wie Dreck behandelte, hatte sie das hier nicht verdiehnt sie.. "Y/n."

Auf einmal zog mich Katsuki von den Leuten weg und eilte mit mir durch den Gang. Zum Glück war es den Anderen in dem Moment egal, da die ganze Aufmerksamkeit auf Ibara und ihrer Freundin lag. Naja, Freunde waren sie jetzt wahrscheinlich nicht mehr.

Katsuki hielt meinen Arm fest und er führte mich schweigend bis ans Ende des Schulgebäudes.
Obwohl er einen strengen Blick aufsetzte, erkannte ich, dass es nur eine Fassade war, die zu zerbrechen drohte. Nachdem wir nun draußen waren, ging er in eine leere Gasse, wo uns niemand sah und ließ mich los.

Sofort bekam ich Gänsehaut auf der Stelle, wo er mich zuvor ergriffen hatte. Ich schluckte schwer, als er sich gegen die Wand lehnte und einen tiefen Atemzug nahm. Noch nie habe ich das Gefühl gehabt, mich von jemanden so sehr zu ähneln wie aber auch zu unterscheiden.

"Katsuki.", stieß ich mit zittrigen Lippen aus und meine Stimme war nicht lauter, als ein Wispern.
Das, was gerade passiert war, war immernoch kaum zu glauben.
Für mich. Er hat das für mich getan.

"Warte.", presste er mit zusammengebissenen Zähnen heraus und schloss seine Augen.
Dieser Scherz, der sich in seinen Gesichtsausdruck spiegelte, war unerträglich.

Früher habe ich gedacht, dass Katsuki das komplette Gegenteil von mir wäre. Jemand, der sich vor niemanden fürchtete, kein Mitgefühl mit Leuten empfand und wirklich die Möglichkeit hatte, seine Gefühle komplett auszuschalten. Ich war mir sicher, dass ihn nichts verletzen konnte. Und doch war ich die erste die es tat.

Sofort flogen mir die Bilder durch den Kopf, wo ich ihn angeschrien habe, nachdem er durch das Fenster in mein Zimmer gestiegen ist und ich ihn die schlimmsten Beleidigungen auf den Kopf geworfen hatte. Ich schähmte mich bis heute dafür.
Katsuki war die erste Person seit ewig langer Zeit, die wirklich für mich da war. Und das wollte ich auch sein.
Ich wollte mich auch um ihn kümmern und ihm das Gefühl geben nicht alleine zu sein.

Doch als ich gerade auf ihn zu gehen wollte, stieß er sich in dem Moment von der Wand ab und die ganze Bedrückung schien wie ausgelöscht.
"Wir müssen los.", sagte er entschlossen und schaute sich mit eiskalten Augen um.

"Wohin?"
Es brauchte keine Antwort, bis ich mich wieder erinnerte. Shoto.
Abrupt schüttelte ich meinen Kopf und stellte mich ihm in den Weg.
"Nein, nicht heute."

Katsuki sah mich scharf an, aber ich wusste, dass die plötzliche Wut nicht mir galt. "Er wartet."

Er ging an mir vorbei, doch ich hielt ihn weiterhin zurück, indem ich nach seiner Hand griff. "Ja, aber wir haben heute schon genug durchgemacht.
Ich kann jetzt wirklich nicht mit ihm reden."

Katsukis leerer Blick ruhte kurz auf mir, bis auf einmal seine Mundwinkel nach oben zuckten und er sich in Bewegung setzte.
"Gut, weil ich werde mit ihm reden."

Sofort wurde ich von ihm mitgezogen und versuchte mit ihm mitzuhalten.
"Scheiße, checkst du es nicht?! Ich will ihn nicht sehen!", fuhr ich ihn an, aber er ignorierte mich. Natürlich auch, er war ja Katsuki. Er ging einfach weiter und ließ mich stehen, wie als hätte er nur einen Tunnelblick darauf endlich mit Shoto zu sprechen.

Trotzdem wollte ich es wirklich nicht und ich war mir sicher, dass uns noch etwas mehr Stress umbringen würde.
Plötzlich drohten meine Knie einzuknicken und auf einmal fühlte ich mich zu schwach, um irgendwas zu sagen. Ich war es leid zu diskutieren, oder auf irgendeine andere Weise zu sprechen.
Es war einfach zu viel.

Shoto, Ibara, meine Mutter, mein Vater. Ich. Es ist zu viel. Ich kann nicht mehr, jeden Tag muss ich mich neuen Herausforderungen stellen und sie werden immer schwieriger.
Ich will nicht mehr.

Ich spührte zuerst, wie meine Hose nass wurde, bevor mir bewusst wurde, dass ich gerade wirklich im Schnee zusammengesackt bin.
Meine Hände gruben sich bis in die Erde und fühlten sich bereits in den ersten Sekunden eisig an.

Ich versuchte mich zu beruhigen, die Kraft aufzubringen wieder aufzustehen, doch ich konnte nicht.
Mein ganzer Körper wehrte sich dagegen auch nur ein Fünkchen Energie aus sich rauszuholen.
Ich kann einfach nicht.

"Y/n!", hallte es zwischen dem lauten Pfeifen des Windes nach und ich hörte, wie Katsuki auf mich zulief.
Abrupt nahm er meinen Arm, um mir aufzuhelfen, doch ich wehrte sie ab.

"Lass es! Ich kann nicht."
Mein Herz raste und klopfte bei jedem meiner Worte umso härter gegen meine Brust. Das Blut rauschte in meinen Ohren und immer wieder flogen die Erinnerungen durch meinen Kopf. Jedes Detail meines verfickten Lebens holte mich ein.

"Y/n." Katsuki kniete sich zu mir hin und ich spührte seinen tiefgründigen Blick auf mir. Aber ich fand nicht einmal die Kraft mehr meinen Kopf hochzuheben. Y/n. Immer dieser Name. Dieser verlogene Name.
Ich hasse ihn.

"Schau mich an.", befahl er, aber ich kniff meine Augen nur umso fester zusammen. Vergiss es. Lass mich vergessen. Ich kann nicht mehr.
Bitte, lösch nur alles aus.

"Ich kann nicht. Bitte."
Immer wieder. "Ich kann nicht."
"Ich kann nicht." "Ich kann nicht."
Ich bin so schwach.

Plötzlich spührte ich, wie Katsuki seine Arme um mich schloss und mich festhielt. Der Geruch seines Männerparfüms drang mir in die Nase und ich fühlte sofort diese Wärme. Aber sie konnte nicht das Loch in mir zusammenflicken.
Es war zu groß, zu schwer, um irgendwie auch nur versuchen zu können die Last zu tragen. Es war einfach unmöglich.

"Y/n, wir gehen nicht zu Shoto.
Vergiss ihn, es tut mir leid. Aber ich will nur eins von dir. Schau mich an."
Schau ihn an.

Meine Tränen rollten über meine Wange bis über mein Kinn, als ich meinen Kopf anhob und alles daran setzte meine Augen zu öffnen, um wieder von der Realität mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen zu werden. Schau ihn an. Schau ihn an.
Schau ihn an!

Diese Stimme war stärker, als alles andere. Und dann tat ich es.
Katsulis blutrote Augen sahen mich auf eine Weise an, die mir bis jetzt unbekannt war. Keine richtige Sorge, Angst oder Wut. Etwas, was ich in seinen Gesichtszügen noch nie gesehen habe.

Ich fühlte, wie sich sein Griff um meine Schultern verstärkte, als er sagte: "Y/n. Ich verstehe dich.
Wirklich. Ich verstehe alles."
Lüge. Niemand versteht es. Das hier ist einfach nur eine Lü-..

Doch dann dieser Blick.
Seine Augen. Er sah mich auf diese Weise an.. Er versteht mich. Ich will, dass er mich versteht. Und das tut er.

"Vertrau mir."
Vertrau ihm.
Nein. Ich habe zu oft Leuten blind vertraut und dann kam immer Scheise raus. Ich kann n-..

Vertrau ihm.
Okay.




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