Kapitel 72
Y/n:
Ich wusste nicht, wie ich den Abend alleine in meinen Gedanken gefangen überstehen konnte.
Doch ich war hier, habe eine ganze Schulwoche überlebt und konnte mit meinen Freunden lachen, als wäre ich der glücklichste Mensch auf der Welt.
Früher konnte ich das nicht.
Jedes Mal, wenn es mir nicht gut ging, hatte ich es auch deutlich gezeigt und nicht einmal darüber nachgedacht mich Leuten gegenüber zu verstellen.
Seit wann habe ich mich so sehr geändert?
Ich riss mich aus meiner Trance, als ich mich wieder zu Shoto wandte und in seine Augen blickte.
Sie wirkten düster und ein Schatten bedeckte das sich spiegelnde Licht in seinen Pupillen. Er war schon seit Tagen so, reagierte nicht auf meine Fragen, blickte ins Leere und verstellte sich genauso wie ich es getan habe.
Seine Hand umschloss Meine in einem festen Griff, doch sie fühlte sich kalt an. Alles hier fühlte sich irgendwie kühl und distanziert an.
Ich ignorierte das komische Gefühl in meinem Magen, als ich zum wiederholten mal fragte: "Alles gut?"
"Hm? Ja, klar." Shoto nickte und auf seinen Lippen spiegelte sich ein Lächeln ab, welches aber nicht echt war. Ich kannte sein Lächeln und deswegen tat es umso mehr weh zu wissen, dass es ihm nicht gut ging.
Doch ich würde ihn auch nicht drängen mit mir zu reden.
Wenn er sich mir anvertrauen wollen würde, dann würde er es auch tun.
Er brauchte Zeit, wie ich sie manchmal brauchte und das musste ich auch respektieren.
Wir liefen schweigend durch die Flure und konnten uns gerade noch so einen Weg durch die ganzen Schüler bannen, die regelrecht aneinander klebten. Ich atmete tief ein und aus und schnaubte.
Ich hasste so etwas.
Die ins sich verschimmenden Stimmen, die zu vielen Gesichter, dieses Gefühl in solch einer Meute zu ertrinken.
Als wir endlich aus dem Schulhaus gingen und sich meine Lunge mit frischer Luft füllte, striff ich mir erleichtert mit einer Hand durch die Haare.
"Hey, wollen wir vielleicht heute was machen?", schug ich plötzlich vor und er schreckte leicht auf.
Was ist denn bitte mit ihm los?
"Ich?", stammelte er etwas unbeholfen und schüttelte gleich darauf seinen Kopf, als er bemerkt hatte, dass nur er es sein konnte.
"Sorry, ich kann nicht."
Er rieb sich nervös über den Nacken und wandte seinen Blick nach unten.
"Wieso denn wieder nicht? Du kannst dich schon zum dritten Mal nacheinander nicht treffen. Ist irgendetwas los bei dir? Vielleicht Zuhause?", erkundigte ich mich und versuchte meine aufsteigende Wut zu verbergen. Es würde bestimmt einen Grund geben, wieso er nie Zeit hatte.
Shoto zuckte mit den Achseln, bevor er antwortete: "Zahnarzttermin und danach Arbeit."
Ich zog unglaubwürdig meine Augenbrauen hoch, erwiederte aber nichts darauf.
"Okay, egal. Dann lass uns einfach Nachhause gehen.", sagte ich und drehte mich um, um zur nächsten Bushaltestelle zu laufen, als er meinte: "Ich muss heute in die andere Richtung."
Ich biss mir auf die Zunge, um mir meinen nächsten Satz zu verkneifen und nur mit einem "Aha, dann bis morgen" antwortete, ehe ich einfach losging. Seine nachhallenden Rufe vermischten sich mit meinen Gedanken im Kopf und ich versuchte sie zu verdrängen. Denk nicht nach.
Er lügt dich nicht an. Das würde er nie tun.
Als ich an der Bushaltestelle stand, beschloss ich dann doch zu Fuß zu laufen. Mich erwartete Zuhause doch sowieso nichts, als Terror und aufsteigende Erinnerungen, die ich immer wieder zu vergessen versuchte. Also wieso sollte ich mich auch beeilen?
Kurz nachdem ich die Straßenseite wechselte, bemerkte ich, wie sich der Geruch det Luft änderte.
Es roch salzig. Gleich darauf blickte ich gen Himmel und erschrack mich, da ich nicht erwartet hatte, dass die Wolken so dunkel waren.
Anscheinend hätte ich doch den Bus nehmen sollen, da es gleich so stark wie noch nie regnen wird.
Einen Moment später hörte ich bereits die ersten dicken Regentropfen auf den Boden aufplätschern und meine Haare wurden feucht.
Ich dachte kurz darüber nach mich irgendwo drunter zu stellen, aber ich war mir sicher, dass der Regen für eine sehr lange Zeit anhalten würde.
Ach, scheiß drauf.
Immer mehr Tropfen fielen auf den Boden und das Wasser fing schon an meine Kleidung zu durchnässen.
Ich hauchte meine Hände an, um sie etwas zu wärmen und schloss darauf meine Augen. Der Regen beruhigte mich auf irgendeine Weise.
Tropfen für Tropfen kamen auf den Boden auf und man konnte genau raushören, wann der Regen stärker oder schwächer wurde.
Aber plötzlich veränderte sich der Klang und als ich das Wasser nicht mehr auf mich aufprallen spürrte, wirbelte ich herum.
Ich schnappte nach Luft, als ich Katsuki bemerkte, der einen kleinen Regenschirm über mich hielt, aber selber komplett durchnässt wurde.
"Hey.", war das einzige, was er sagte und schaute mir tief in die Augen.
"Hey.", stieß ich in einem zu hohen Ton aus und war überwältigt von der Situation. Katsuki hielt mir gerade seinen eigenen Regenschirm hin, obwohl er selber komplett nass wurde. Wow. Warte, was? Wieso bin ich so beeindruckt??
"Nimm ihn.", befahl er. "Du bist schon komplett nass." Er drückte mir den Griff in die Hand und distanzierte sich dann ein paar Schritte von mir.
"Du wirst dann aber selber nass werden", wandte ich ein und wollte Katsuki den Regenschirm zurückgeben, aber er schüttelte seinen Kopf.
"Besser ich als du."
Irgendetwas rummorte in meinem Bauch und Wärme bereitete sich in meiner Brust aus.
"Danke, aber lass ihn uns doch teilen.", schlug ich vor und wollte ihn keine einzige Sekunde länger im Regen stehen lassen.
"Du hast einen Freund.", erwiederte er schlicht. "Und ich will dich nicht bedrängen."
"Das tust du nicht."
"Der Regenschirm ist klein, sehr klein sogar."
"Es ist okay für mich.", beschwichtigte ich und trat zu ihm näher.
Katsuki musterte mich für ein paar Sekunden, ehe er sich neben mir unter den Regenschirm zwängte.
Ich spührte, wie seine warme Haut durch die feuchte Kleidung auf meine traf und mein Kopf wurde hitzig.
Obwohl wir uns die letzten Tage ganz normal verstanden haben, fühlte sich das hier richtig intim an. Aber wieso? Wir waren Freunde, oder warscheinlich nicht einmal das.
Es war viel passiert und irgendwie ist alles zwischen uns zu chaotisch, um sich überhaupt die Mühe zu machen darüber nachzudenken. Doch ich hatte das Gefühl, dass das hier okay war. Wir..-
"Darf ich dich etwas fragen?" Seine tiefe Stimme klang hohl, da der prasselnde Regen jetzt schon richtig stark war. Ach du scheiße, ohne dem Regenschirm wäre ich voll am Arsch gewesen.
"Klar.", sagte ich und hoffte, dass er diesem Moment jetzt nicht mit einer dummen Frage zerstören würde.
Er räusperte sich und schien seine Worte mit bedacht zu wählen.
"Einfach so aus Neugier, mit wem bist du zusammen?"
Ich schluckte und bohrte meine Nägel in meine Jeans, als ich lügte:
"Kennst du nicht. Ich habe ihn mal beim Basketballspielen kennengelernt."
Katsuki blickte mir überrascht in die Augen, als er fragte: "Echt, du spielst Basketball? Seit wann?"
"Seit drei Jahren, oder so. Mein..-", ich stoppte für einen kurzen Moment und meine Lippen bebten. "Mein Vater hat es mir beigebracht."
Er bemerkte meinen plötzlichen Stimmungswechsel, sprach es aber zum Glück nicht an.
"Und was magst du daran so sehr?", hackte er nach und auf meinen Lippen spielte sich ein Lächeln ab.
"Vieles, es ist spannend, schnell und in der letzten Sekunde kann immer etwas passieren, aber am meisten beruhigt es mich. Wenn ich mal einen schlechten Tag hatte, habe ich immer ein paar Körbe gemacht und mir ging es besser."
"Das ist schön.", war das einzige, was er sagte, während er auf den Boden blickte und selber nachdachte.
"Und das war das einzige, was dich beruhigte? Hattest du keine Person, die in schlechten Tagen für dich da war und der du vetrauen konntest?"
Ich zuckte mit meinen Achseln und presste meine Lippen aufeinander.
"Nur zwei Personen."
Katsuki wartete geduldig auf meine Antwort und beobachtete mich von der Seite, während wir durch den glischigen Weg gingen.
Ich atmete hörbar aus, bevor ich weiterredete. "Mein Vater. Und du."
Er blieb plötzlich stehen und ich drehte mich verwirrt um.
"Was ist los?"
Sein Blick wirkte wie in Stein gemeißelt, als er mir tief in die Augen schaute und fragte: "Und jetzt?"
"Was meinst du?" Ich rieb mir nervös über den Nacken, da ich seine Frage kein bisschen verstanden habe.
"Wir haben die ganze Zeit von der Vergangenheit geredet. Wer ist jetzt für dich da?" Niemand.
Doch ich würde diese Worte nicht laut aussprechen. Ich kannte ihn und er kannte mich, aber die ganze Geschichte würde sie nicht zum zweiten Mal wiederholen.
"Viele. Kyoka, Momo, Mina und so weiter.", log ich und irgendetwas regte sich an seinem Gesichtsausdruck.
"Du lügst.", konnte ich regelrecht aus seinen Gedanken herauslesen, aber er wollte diese Worte nicht aussprechen.
Und das war auch gut so.
Denn er wusste, dass es so enden würde, wie es schon die anderen Male geendet hatte. Im totalen Chaos.
Nach ein paar Sekunden kam er wieder zu mir und wir setzten unseren Weg fort.
"Und du?", fragte ich und steckte meine eisigen Hände in die Jackentasche. "Wer ist für dich da?"
"Ich schätze Kiri.", antwortete er.
"Auch wenn er sich bei seinen Ratschlägen so benimmt, als wäre er weiser als Yoda."
Auf meinen Lippen spielte sich ein Grinsen ab und ich konnte mir genau vorstellen, wie sich Katsuki von seinen Tipps regelrecht zu Tode langweiligte. "Und was ist mit Denki, Redest du mit ihm nicht?"
"Ich rede mit niemandem. Kiri hat mich nur oft in meinen Tiefpunkten erwischt und mich gezwungen mit ihm zu sprechen."
Wie du mich gezwungen hast mit dir zu reden.
Im selben Moment schnappte er leise nach Luft, als hätte er an das selbe wie ich gedacht.
"Okay, es tut mir leid, wirklich."
Und das war die Bestätigung dafür.
"Mhm.", stieß ich nur aus und verschränkte meine Arme.
Katsuki suchte meinen Blick, aber ich wich ihm aus und ging einfach weiter.
Plötzlich nahm er meine Hand und ich wirbelte zu ihm herum.
"Huh?"
Er zog mich etwas zu sich, aber nicht so nah, als dass es mir unangenehm wäre. Ich schaute zu ihm auf, als er sagte: "Ich meine es Ernst. Es tut mir leid. Es tut mir leid, dass ich dich an dem Abend bedrängt habe, dich gezwungen habe mit mir zu reden und dass ich.. dich geküsst habe."
Ich schluckte und mein Herz fing an schneller zu schlagen.
Die Bilder mit ihm flogen durch meinen Kopf und obwohl an dem Tag so viel scheiße passiert war, spührte ich ein angenehmes Gefühl in meiner Brust.
"Aber du kannst machen und sagen was du willst, ich bereue es trotz allem nicht in dein Zimmer gestiegen zu sein. Ich würde es sogar noch einmal tuen. Egal wann du mich anrufen würdest, ich wäre innerhalb von zwei Minuten bei dir.
Aber jetzt würde ich dich nie zwingen zu reden und das war mein einzigster Fehler."
Mein Atem stockte.
"Und der Kuss? Bereust du den Kuss?"
Seine Mundwinkel zuckten.
"Nein. Soll ich ehrlich sein?"
Mein Herz raste, als ich nickte.
"Ich habe viele Mädchen geküsst.
Aber der Kuss mit dir war einzigartig.
Fuck, ich würde alles dafür tuen, um deine weichen Lippen noch einmal berühren zu können."
Mein Herz hörte auf zu schlagen.
Und dann sprang es mir förmlich aus der Brust.
Katsuki starrte mich eindringlich an und aufeinmal fühlte ich mich so klein wie noch nie.
Seine blutroten Augen verschlangen mich regelrecht und ich lief rot an.
Doch dann änderte sich aufeinmal sein ganzer Gesichtsausdruck und er grinste mich breit an.
"Wow, wie einfach es ist dich innerhalb von zehn Sekunden so rot wie eine Tomate zu machen."
Ich blinzelte mehrmals und schüttelte meinen Kopf. "Warte, was?"
Katsuki lächelte amüsiert und strubelte mir mit seiner Hand durch die Haare. "Reingefallen."
Es fühlte sich so an, als hätte mir jemand mitten ins Gesicht geschlagen, um mich aufzuwecken.
"Katsuki, fick dich einfach.", knurrte ich und ließ ihn unter seinem Regenschirm zurück. Mir wäre alles lieber, als noch eine weitere Sekunde mit diesem Dreckskerl nachhause zu laufen.
"Jetzt? Gerne, aber ich glaube für dich würde es kein schöner Anblick sein ...Oder vielleicht doch?"
Ich lachte auf, da es genau die gleichen Worte waren, die er am dem Abend gesagt hatte, um mich auf andere Gedanken zu bringen.
"Du weißt schon, dass du das...-"
"Ja, ich weiß. Ich erinnere mich an jedes einzelne Wort, welches wir an dem Tag gewechselt haben." Seine Stimme klang plötzlich ernst und mein Magen zog sich zusammen.
Wir hatten dort so viel geredet. Zu viel. "Und ich hatte gehofft, dass du das alles schon vergessen hast."
"Vielleicht irgendwann in 60 Jahren. Aber bei einer Sache bin ich mir sicher. Ich werde nie deine Reaktion auf meine "Anmache" vergessen.
Deine Lache. Sie klang wunderschön"
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