Kapitel 126


Katsuki:

"Sie sagte mir, dass Alora sich eine Woche nach ihrem Einzug in der Entzugsklinik das Leben genommen hat. Überdosis."

Das war der Moment, in dem alles hochkam. In dem sich all die verstauten Erinnerungen wieder an die Oberfläche drängten und ich diese abgefuckten Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekam.

Es war ein wunderschöner Tag gewesen.
Die Sonne scheinte, keine einzige Wolke bedeckte den blauen Himmel und es war einer der schönsten Frühlingstage, die man sich hätte vorstellen können.

Die schwarzen Gewänder der Leute vor mir sorgten für das Gegenteil.
Es ist jetzt eine Woche vergangen seitdem ich erfahren habe, dass Alora gestorben war und ich habe es noch rechtzeitig auf ihre Beerdigung in Bulgarien geschafft.
Sie wurde neben ihren Eltern begraben.

Ihre Initialen und ein Bild wurden auf einen Grabstein eingeritzt, aber ich konnte es nicht anschauen, da die Realität sonst für einen zu großen Schock gesorgt hätte. Ich war bereits zugedröhnt mit Gras, ließ es aber niemandem anmerken. Nicht einmal Kiri, der neben mir stand und mich in den letzten Tagen für keine Sekunde allein gelassen hat.
Er war echt ein guter Freund für mich.

Ich war mir jedoch sicher, dass ich es nie für ihn sein würde. Denn genau an dem Tag, als mir die Angestellte an der Rezeption erzählt hat, was mit ihr geschehen war, schalteten sich meine Emotionen aus. Ja, ich trauerte um sie, aber ich blockte jede Person weg, die sich mir annähern wollte.

Ich wollte nie wieder so gebrochen werden. Nie wieder. "Ich hasse dich!'"
Nie wieder.

Auf der ganzen Beerdigung verstand ich kein Wort. Doch auch wenn die Rede auf Japanisch oder Englisch gewesen wäre, hätte ich kaum etwas mitbekommen.
Der Dope wirkte mit den Trips so hart, dass ich glaubte Alora vor mir stehen zu sehen. Ich wusste, dass es keine gute Mischung war und man mit den Tabletten auch auf einen Horrortrip kommen konnte, aber es interessierte mich nicht. Mich interessierte gar nichts mehr. Ich empfand keine Trauer oder Liebe, sondern Hass und Wut.

Ich hasste jeden um mich herum.
Wurde schneller wütend, aggressiver und wollte Menschen verletzen.
Ich wusste nicht wieso, aber mein Herz schlug wie wild gegen meine Brust und mir wurde heiß, als doch meine Augen feucht wurden.

Die Familienangehörigen weinten und trauerten um sie und ich hörte sogar einige Schreie. Es war furchtbar.
Und ich stand da und hasste mich selber am meisten.

Auf einmal spürte ich wie mir jemand auf die Schulter tippte. Als ich mich umdrehte, erkannte ich einen Jungen in meinem Alter, der Alora sehr ähnelte.
Pechschwarze Haare und blaue Augen.
"Du Katsuki?", fragte er auf einem gebrochenen Englisch und ich nickte.

Der Typ zeigte mit einem Finger auf sich selber, als er sagte: "Ivan. Bruder von Alora." Ich bemerkte, wie sich seine Schultern anspannten, bevor er etwas in seiner Jackentasche krempelte und einen Briefumschlag rauszog.
"Für dich. Abschiedsbrief von Alora."

Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken und ich starrte den Briefumschlag mit weit aufgerissenen Augen an. Meine Finger zitterten, als ich ihn langsam annahm. Ein Abschiedsbrief. Sie hat mir wirklich einen Abschiedsbrief geschrieben.

Und dann prasselte die Realität auf mich ein. Mir wurde abrupt Übel und die Tabletten fingen erst jetzt an so richtig zu wirken. Aus Alora's Bruder wurde auf einmal Alora, die mich auslachte und beleidigte und obwohl mir bewusst war, dass ich auf einen Horrortrip war, musste ich mich mitten auf der Beerdigung übergeben.

Im Hintergrund hörte ich nur noch, wie Kiri nach mir rief und mich festhielt, aber ich nahm gar nichts mehr war.
Ein Abschiedsbrief.

"Sie hat mir einen Abschiedsbrief hinterlassen, den ich bis heute nicht geöffnet habe.", gab ich nach einigen Minuten zu, wo Y/n mich eng an sich gedrückt hatte.

Ihre Augen waren glasig und sie traute sich kaum weitere Fragen zu stellen.
Musste sie aber auch nicht, denn ich konnte sie in ihren Augen ablesen.
"Ich muss nicht lesen, weil ich bereits weiß, was sie mir sagen wird. Er ist sicherlich mit Hass gefüllt und ich habe keine Ahnung, wie ich darauf reagieren werde."

"Aber was, wenn nicht? Was, wenn sie nicht mehr wütend auf dich ist und eingesehen hat, dass du nur das beste für sie wolltest?", fragte sie vorsichtig und ich lachte ironisch auf.

"Das hat sie nicht. Alora vergibt nicht, sie rechnet einfach ab. Sie wollte mir es mit dem Abschiedsbrief schwer machen und ich weiß, dass ich es verdient hätte, aber ich wäre daran komplett zerbrochen." Mein Körper spannte sich an und ich atmete tief ein und aus.
Beruhig dich. Alles wird gut. Y/n ist für dich da. Es war ein seltsames Gefühl jemandem alles zu erzählen.

"Wie ging es dir danach? Was hast du gemacht, damit es dir besser ging?"

"Mir ging es nie besser. Die ganzen Monate habe ich angefangen Rauschmittel zu nehmen und mich zu betrinken, obwohl ich Alora deswegen angezeigt habe. Was eine Ironie, oder? Ich habe Tabletten geschluckt wie ein Irrer und war sogar im Unterricht abwesend. Keine Ahnung, wie meine Zensuren nicht komplett den Bach runtergegangen sind. Aber ich habe auch Leute schlecht behandelt, besonders meine Freunde. Ich war kurz davor auch auf H zu kommen und habe mich mit schlimmen Typen abgegeben, bis Kiri mich zum Glück rausgeholt hat.
Er hat mir wenigstens etwas Lebensmotivation zurückgegeben und ich bin von den Drogen abgekommen, doch ich war ein Wrack. Ich war nicht mehr fähig zu lieben, nicht einmal meine Freunde und Eltern.", erzähle ich langsam und Blicke Y/n dann in die Augen. "Bis ich auf dich traf."

Ihr Mund öffnete sich, doch es kamen erst später Worte raus. "Was meinst du damit?"

Mein Herz klopfte schwer gegen meine Brust. "Ich sah dir an, dass du am Arsch warst, genauso wütend und traurig wie ich, aber du hattest diesen Funken in dir.
Du hattest die Stärke immer noch freundlich und liebevoll zu Menschen zu sein, die deine Liebe verdienten. Du hast Gut und Böse unterschieden und hattest Werte, die ich schon seit langem hinter mir gelassen habe. Du warst so traurig und ich war mir sicher, dass du jedes Recht dazu hattest genauso wie ich zu werden und trotzdem warst du es nicht. Du warst stark. Und das liebte ich schon seit Anfang an an dir."

Y/n blinzelte und starrte mich traurig an. "Katsuki, ich war nicht stark. Ich habe auch an vielen Menschen meine Wut ausgelassen, besonders an meinem Vater. Er hatte mich mal bei Kyoka's Geburtstagsfeier angerufen, obwohl das im Gefängnis für ihn nicht erlaubt war und ich habe ihn einfach angeschnauzt und aufgelegt. Er hatte nur einen Anruf. Nur einen und ich habe ihn wie Dreck behandelt. Und dann noch das mit dem selbst verletzen. Ich kann nicht davon wegkommen. Ich denke immer wieder daran und jetzt.. ich habe es nach all den Monaten wieder getan, weil ich mich so sehr hasse. Und ich will es immer noch tun. Katsuki, ich schäme mich so sehr und ich bin alles andere als.."

Ich ließ sie nicht ausreden, sondern legte meine Hände auf ihre Wangen und drückte sie zu mir. "Y/n, egal, was passiert ist, du hast es nicht verdient.
Du hast dafür gesorgt, dass ich wieder lieben kann. Mein ganzer Hass ist verschwunden, als ich dich kennengelernt habe, als ich dich geküsst habe. Ich liebe dich und nur wegen dir, kann ich mir selber irgendwie vergeben. Du hast mir so verdammt viel geholfen, dass ich es nicht in Worte beschreiben kann. Und nein, du bist nicht schwach, nur weil du dich wieder selbst verletzt hast. Nach alledem stehst du noch hier und lebst. Y/n, du lebst. Nach dem ganzen Horror stehst du hier, du hast überlebt und in diesen Monaten gelacht und gelebt. Und du wirst noch leben.
Ich werde immer für dich da sein. Immer, weil ich dich liebe."

Meine Brust spannte sich an, als sie mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Die Atmosphäre verdünnte sich und ich konnte kaum atmen.
Diese Liebe zu ihr konnte ich kaum in Worte beschreiben.

"Katsuki..", fing sie an und legte eine Hand auf meine. Ihre Pupillen vergrößerten sich und ich konnte ihren abgehackten Atem hören. "Ich liebe dich auch."

Und dann küssten wir uns. Küssten uns, als hätten wir uns noch nie berührt, so leidenschaftlich, dass ich nur noch sie wahrnahm. Jede Berührung verursachte Gänsehaut auf meiner Haut. Es machte mich verrückt wie sie mit ihren Fingern über meine Haare strich, wie sie mich mit ihren weiten Augen so liebevoll anstarrte wie es noch nie jemand zuvor getan hat, wie ich ihre Liebe spüren konnte. Sie liebte mich.

Und zum ersten mal hatte ich das Gefühl, dass ich sie verdiente.
Dass alles passte.

Y/n und ich waren zwar beide gebrochen und am Arsch, aber zusammen waren wir eins.
Vollkommen, unschlagbar, frei.

Ich beugte mich über Y/n, die auf der Liege lag und küsste sie auf der Stirn, an den Lippen, dann am Hals. "Ich liebe dich.", keuchte ich und schaute ihr tief in die Augen. "Du weißt nicht wie lange ich dir diese Worte sagen wollte."

"Wie lange?", wollte sie wissen und küsste mich.

"Als ich gesehen habe wie du Shoto auf Kyoka's Party geküsst hast, wollte ich ihn umbringen. Da wusste ich es.
Es hat mich krank gemacht, dass dieser Bastard dich berühren durfte und ich nicht.", antwortete ich kühn und sie grinste leicht.

"Ich kann nicht glauben, dass du mich schon so lange liebst."

Ich erwiderte ihr Grinsen. "Und seit wann liebst du mich?"

Sie starrte mich kurz nachdenklich an.
"Ich habe auf irgendeine Weise immer etwas für dich empfunden. Oft dachte ich, dass es Wut war, aber das war es nicht. Es war immer Liebe, bis ich es verstanden habe. Das war bei Denki's Geburtstagsfeier, als wir zusammen am Strand spazieren waren und hier geredet haben."

"Kommst du also deswegen so oft hierher? Um an mich zu denken?", wollte ich wissen und schmunzelte.

Y/n lachte auf und rollte ihre Augen, bevor sie erwiderte: "Sei ja nicht zu voreingenommen. Ich steh nicht auf Typen, die zu viel von sich selbst halten."

"Dafür stehst du aber schon sehr lange auf mich.", entgegnete ich und küsste sie kurz darauf.

Y/n streifte mit ihren Händen über meinen Nacken und brach kurz ab, als sie sagte: "Okay, du bist eine Ausnahme."

Ich streifte mit meinen Lippen über ihren Hals, bis ich an ihrem Schlüselbein angekommen bin. Unser flacher Atem passte sich den Geräuschen der Meereswellen an und ich starrte ihr tief in die Augen, bevor ich sagte: "Y/n, du bist die stärkste Person, die ich kenne. Jeder hat Schwächen oder "Macken" und du musst wissen, dass ich deine mindestens genauso sehr liebe wie alles andere von dir. Deswegen zeig mir deine Narben damit ich weiß, wo ich dich am meisten lieben muss."

Y/n:

"Zeig mir deine Narben, damit ich weiß, wo ich dich am meisten lieben muss."

Meine Lungen schnürrten sich zu, als ich ihn atemlos anstarrte.
Meine Narben. Ich hasse sie mehr als alles andere auf dieser Welt.
Und Katsuki liebte sie wie alles andere an mir. "Okay."

Ich krempelte langsam meine Ärmel hoch, während mir immer wärmer wurde. Die Welt blieb für uns stehen und jede Sekunde verstrich so langsam wie noch nie. Narben. Fehler. Hass.
Katsuki sorgte dafür, sie lieben zu lernen.

Als er meinen Arm für mehrere Sekunden nur anstarrte, zog sich mein Magen zusammen. Wie könnte er sie jemals lieben?

Sie waren in der Dunkelheit kaum zu sehen, aber er konnte die leichten Anhebungen unter seinen Fingerkuppen deutlich spüren. Und dann beugte er sich runter und drückte seine Lippen gegen sie. Ich zog scharf die Luft ein, als er jede einzelne Narbe küsste, sie liebte und den ganzen Schmerz und Hass aus ihnen raushollte.

Auf einmal hasste ich meine Narben nicht mehr. Sie waren ab jetzt ein Teil von mir, den ich akzeptierte. Sie beschrieben meine Geschichte und dass ich es überlebt habe. "Du hast überlebt."
"Du bist stark." "Ich liebe dich."

Katsuki sorgte dafür, dass ich mich liebte und ich habe für das gleiche gesorgt. Wir haben uns kaputt gefunden und jetzt heilen wir zusammen.
Ja, ich liebte ihn.

Und mit ihm hatte ich das Gefühl, dass meine Geschichte nach all dem Scheiß doch ein Happy End haben könnte.
Es würde schwierig werden und mein Leben war immer noch im totalen Chaos, aber ich würde alles sortieren.

Aber das frühestens morgen.
Denn dieser Abend gehörte uns.
Jetzt gab es keine Probleme, sondern nur uns und dieses Gefühl der Vollkommenheit.

("Zeig mir deine Narben, damit ich weiß, wo ich dich am meisten lieben muss."
Leute ich war kurz davor zu heulen, als ich diesen Satz aufgeschrieben habe :,) Ich kenne mich zwar nicht viel mit Liebe aus, weil ich nie eine richtige Beziehung gehabt habe, aber eins weiß ich. Wenn ihr eine Person liebt und diese euch, dann muss diese Person auch alles an euch lieben, auch eure Macken. Also denkt an meine Worte, ja? Auf jeden Fall viel Spaß noch beim Lesen, es wird noch etwas weitergehen!! <3)

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top